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18. Februar 2013, 07:53 Uhr

Rüstungsmesse in Abu Dhabi

Alles für Krieg und Tod

Aus Abu Dhabi berichtet

Hightech-Aufrüstung für die Ölpotentaten: Auf der "Idex" in Abu Dhabi zeigt die Waffenbranche, was die neueste Technologie hergibt - und hofft auf glänzende Geschäfte mit den Kunden in Nahost. Auf einer der größten Rüstungsmessen der Welt sollen kriegerische Show-Spektakel die Kauflust fördern.

Der Kronprinz der Vereinigten Arabischen Emirate, so scheint es, wacht mit Eifersucht über die Seinen. Auf der Ehrentribüne ist Scheich Mohammed Bin Zayed Al Nahyan nicht nur von Ministern, Militärs und Industriellen umgeben. In seiner Nähe sitzen auch rund zwei Dutzend Damen in Uniform. Und sie sind nicht etwa seine Leibgarde. Unter ihnen befänden sich die Frauen des Scheichs, erklärt ein Sicherheitsmann auf der Pressetribüne einige Meter unterhalb der Ehrenloge. Und der Scheich nehme Anstoß an den Blicken der Journalisten. Deshalb seien ab sofort nicht nur Fotos, sondern auch Blicke verboten.

Wenige Minuten später hat sich die Anweisung von selbst erledigt. Denn vor der Tribüne, wo bisher Paraden und Volkstänze gepflegte Langeweile verbreitet haben, bricht plötzlich die Hölle los. Auf Großleinwänden meldet der Sprecher in einer nachgestellten Nachrichtensendung einen Angriff auf eine Hafenstadt. Begleitet von infernalischem Gefechtslärm rollen Panzer über Rampen, Kampfjets donnern über das Gelände, Explosionen simulieren die Einschläge von Bomben. Zwischen den Panzern flitzen Sandbuggys hin und her, an deren Antennen schwarze Totenkopf-Flaggen flattern. Motocross-Fahrer schießen über Rampen in den Himmel und vollführen akrobatische Einlagen, während um sie herum die Schlacht tobt.

Die Deutschen zeigen ihre ganze Rüstungsmacht

Das alberne Spektakel erscheint noch bizarrer angesichts der Tatsache, dass es die Idex 2013 einläutet - eine der größten Waffenschauen der Welt, bei der es nicht zuletzt um das ganz reale Töten geht. In ihrer elften Auflage hat sie mehr als 1100 Aussteller aus knapp 60 Ländern auf das gewaltige Messegelände in Abu Dhabi gelockt. Auf 35.000 Quadratmetern Fläche wird hier seit Sonntag das Neueste gezeigt, was die Militärtechnologie zu bieten hat.

Einen der größten Bereiche auf dem Gelände belegen die Deutschen. Das kommt nicht von ungefähr, denn Rüstungstechnik "made in Germany" ist auch bei nahöstlichen Potentaten begehrt. Die VAE etwa haben in den vergangenen drei Jahren deutsche Rüstungsgüter für mehr als eine Milliarde Euro importiert. Saudi-Arabien will Patrouillenboote, bis zu 270 "Leopard 2"-Kampfpanzer und mehrere Hundert "Boxer"-Radpanzer kaufen. Letztere gelten als besonders heikel, da sie - anders als die rund 60 Tonnen schweren "Leopard"-Kolosse - bestens zur Niederschlagung von Aufständen in Städten geeignet sind.

Zudem werden bei der Idex längst nicht mehr nur Klassiker wie Kampfflugzeuge, Panzer, Lenkwaffen und Sturmgewehre angeboten. In ihrer elften Auflage bietet die Messe erstmals auch einen Bereich, der allein unbemannten Systemen wie etwa Drohnen vorbehalten ist. Ebenfalls zum ersten Mal findet parallel zur Idex eine Schau für maritime Militärtechnik statt, die Navdex.

Europäischer Konkurrenzkampf: Eurofighter contra Rafale

Firmenvertreter sind nicht die einzigen, die Werbung treiben. Ins Zeug legen sich auch europäische Minister - denn es locken glänzende Geschäfte. Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian etwa traf sich mit Scheich Mohammed Bin Zayed Al Nahyan, der nicht nur der zweithöchste Vertreter der Vereinigten Arabischen Emirate ist, sondern auch Vizechef der Streitkräfte des Landes. Das Gespräch fand ausgerechnet im Pavillon von Dassault Aviation statt, die den Kampfjet "Rafale" baut. Frankreich will 60 Maschinen an die VAE verkaufen, das Auftragsvolumen dürfte rund vier Milliarden Euro betragen.

Dabei konkurrieren die Franzosen unter anderem mit dem Eurofighter, aus dessen Entwicklung sie zuvor ausgestiegen waren. Bisher zögern die Scheichs - angeblich, weil sie für die Rafale stärkere Triebwerke und ein Radar mit schwenkbarem Strahl fordern. Beides ist in der Entwicklung, strittig sollen allerdings die Mehrkosten für den Einbau sein. Der Eurofighter Typhoon verfügt dagegen bereits über eine bessere Triebwerksleistung als die Rafale, und auch das sogenannte Aesa-Radar hat er schon.

Ende 2011 haben die Emirate bei Eurofighter ein offizielles Angebot angefordert. Ein Vertreter des Unternehmens sprach am Rande der Idex von einer 50-prozentigen Chance, mit dem Emiraten handelseinig zu werden. Sollte das klappen, könnte das einen Dammbruch bedeuten - und die "Typhoonisierung der gesamten Region" einläuten.

Hightech-Aufrüstung wird "zweischneidiges Schwert"

Allerdings: Ein Kampfjet wie der Eurofighter kann Dienstzeiten von Jahrzehnten erreichen. Und der Arabische Frühling hat gezeigt, dass die politischen Verhältnisse sich überraschend schnell ändern können - und die Waffen dann den Besitzer wechseln.

Militär-Hightech werde immer leichter verfügbar, warnte US-General Vincent Brooks bei der Gulf Defence Conference, die einen Tag vor Beginn der Idex in Abu Dhabi stattfand. Dadurch werde sie "zum zweischneidigen Schwert". Zwar habe moderne Technologie Streitkräfte effektiver und ihre Waffen präziser gemacht, sagte Brooks, der die 3. US-Armee und damit die Bodenstreitkräfte der USA im Nahen Osten kommandiert. Doch sie könne auch der Gegenseite völlig neue Möglichkeiten geben.

Sorgen dieser Art aber scheinen bei der Idex nicht besonders weit verbreitet zu sein. Philip Dunne etwa, Großbritanniens Minister für militärische Ausrüstung, trat schon einen Tag vor Beginn der Idex auf der Gulf Defence Conference in Abu Dhabi auf. Dort beschrieb er die Interessen seiner Regierung in erfrischender Offenheit: Die Sicherheit der Golfstaaten sei "von herausragender Bedeutung" - unter anderem, weil die Briten inzwischen ein Fünftel ihres Treibstoffbedarfs aus der Region deckten. "Wir alle", sagte Dunne, "hängen von sicherere Energie aus der Golfregion ab."

Anderswo sieht man die Dinge ähnlich pragmatisch. "Wir sind hier, um die stagnierenden Geschäfte auf dem nationalen Markt und in der EU zu kompensieren", sagt ein Mitarbeiter eines deutschen Rüstungsunternehmens. "Die Entscheidung, was wir exportieren dürfen, ist Sache der Politik." Man versorge nahöstliche Staaten ohnehin seit Jahrzehnten mit Geld, indem man ihnen ihr Öl abkaufe. "Warum sollte man ihnen dann nicht auch Waffentechnologie liefern?", fragt der Ingenieur. "Wenn wir es nicht tun, tut es jemand anderes."

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