Ruthenium-Wolke über Europa Die Spuren führen zur Atomfabrik Majak

Anfang Oktober war eine schwach radioaktive Wolke über Europa gezogen. Satellitenbilder scheinen nun die Theorie zu stützen, dass sie aus Russland kam. Europäische Parlamentarier fordern Aufklärung.

Veränderung am Dach der Atomfabrik Majak (links: 23. August 2017, rechts: 10. Oktober 2017)
Copernicus Sentinel Data/ Simon Proud/ University of Oxford

Veränderung am Dach der Atomfabrik Majak (links: 23. August 2017, rechts: 10. Oktober 2017)

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In seinem Job hat Simon Proud viel mit Satellitenbildern zu tun. Der Postdoc am Department of Physics der University of Oxford nutzt Aufnahmen aus dem All unter anderem für seine Forschungen zu den Eigenschaften von Wolken. Doch kürzlich hat er sich auf der Erde umgesehen. Und zwar an folgenden Koordinaten: 55° 42' 43.66" nördlicher Breite, 60° 50' 51.07" östlicher Länge.

Dort liegt die Atomanlage im russischen Majak. Der Komplex unweit der Stadt Osjorsk im Ural ist weltbekannt. Dort hat sich im September 1957 ein schwerer Nuklearunfall ereignet, der aber erst Jahre später bekannt wurde. Und als Strahlenschützer Anfang Oktober eine Wolke von schwach radioaktivem Ruthenium über Europa maßen, galt Majak als ein Kandidat für die Herkunft der Isotope.

Deswegen hat Proud die Bilder von dort analysiert. Und auf den Aufnahmen des europäischen Satelliten "Sentinel 2" konnte der Physiker eine bemerkenswerte Veränderung feststellen: Wo auf den Fotos vom August noch ein helles Dach einen Teil der Anlage überspannte, war Ende September ein großer schwarzer Bereich zu sehen.

"Interessante Übereinstimmung"

Dass es ein Schatten sein könnte, glaubt Proud nach eigenem Bekunden nicht. Die Fläche auf der westlichen Dachseite erscheine auf allen Bildern seit Ende September dunkel, unter verschiedenen Bedingungen und bei unterschiedlichen Sonnenständen. Am selben Tag des Vorjahres gebe es den beobachteten Effekt dagegen nicht.

"Dafür kann es eine einfache Erklärung geben, Bauarbeiten oder Renovierungsmaßnahmen", schränkt Proud ein. Er spricht aber von einer "interessanten Übereinstimmung", dass seine Beobachtungen zeitlich sehr gut zu den Messungen der leicht radioaktiven Wolke in Europa passen. "Es ist unmöglich, mithilfe der Satellitenbilder sicher zu sagen, dass beide Ereignisse zusammenhängen", sagt er. "Aber es ist ein guter Startpunkt für weitere Untersuchungen."

Eine undatierte Google-Earth-Aufnahme der Anlage von Majak zeigt das Dach, das bis Ende September noch teils sehr hell auf den "Sentinel"-Fotos erscheint, in hellem Grau - siehe Mitte des Bildes unten. Auf "Sentinel"-Bildern aus dem Oktober ist das Dach dann auf der ganzen Länge nahezu schwarz.

Undatierte Aufnahme der Atomanlage Majak
Google Earth

Undatierte Aufnahme der Atomanlage Majak

Neben den Satellitenbildern gibt es weitere Indizien, die für Majak sprechen. Da sind die Messungen des russischen Wetterdienstes, der im Dorf Argajash im Ural eine um das 986-Fache erhöhte Strahlung gemessen hat - wenige Kilometer von der Atomanlage entfernt.

Lokalisierung mit Wetterdaten

Und da ist der erste Verdacht: Anfang Oktober hatten Wetterdienste in Europa von ungewöhnlichen Messergebnissen berichtet. Sie hatten leicht erhöhte Werte von radioaktivem Ruthenium nachgewiesen. Das Bundesamt für Strahlenschutz verortete die mutmaßliche Quelle dafür im südlichen Ural. Die Wissenschaftler hatten den Ursprung aus den Luftbewegungen errechnet und aus den Zeitpunkten, zu denen das Isotop an den verschiedenen Messstationen in Deutschland, Österreich und Italien registriert worden war.

Doku: Metamorphosen - Der vergessene Atomunfall in Majak

Das französische Institut für nukleare Sicherheit IRSN erklärte, die Substanz stamme womöglich aus einem medizinischen Labor oder einer Produktionsstätte für nuklearen Treibstoff, die im Süden Russlands oder in Kasachstan liegen könnten. Der Zeitpunkt der Freisetzung sei Ende September gewesen. Grundlage dieser Aussagen waren Simulationen mit realen Wetterdaten.

Mutmaßliche Ruthenium-Quelle
IRSN

Mutmaßliche Ruthenium-Quelle

Die für Majak zuständige Firma Rosatom erklärt jedoch: Einen Zwischenfall habe es nicht gegeben. Die Emissionen in die Atmosphäre hätten sich im üblichen, erlaubten Rahmen bewegt. Rebecca Harms, Europaparlamentarierin der Grünen, will das nicht glauben: "Offensichtlich handelt es sich um einen relevanten atomaren Störfall. Wie gefährlich die Situation für die Menschen vor Ort tatsächlich ist und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, muss dringend geklärt werden." EU-Kommission und Internationale Atomenergiebehörde müssten der Sache dringend auf den Grund gehen.

Untersuchungskommission angekündigt

Für Westeuropa bestand offensichtlich kein Grund zur Sorge: Eine Gesundheitsgefährdung habe es laut IRSN zu keinem Zeitpunkt gegeben. Die in Europa gemessene Konzentration des Ruthenium-106 war extrem gering. In Deutschland habe die höchste gemessene Konzentration etwa fünf Millibecquerel pro Kubikmeter Luft betragen, hatte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) mitgeteilt. Eingeatmet über eine Woche ergebe das eine Dosis, die niedriger sei als die über die natürliche Umgebungsstrahlung in einer Stunde aufgenommene, so das BfS.

Einen Unfall in einem Atomkraftwerk hatten die Experten als Ursache ausgeschlossen, da man dann neben Ruthenium auch andere typische Kernspaltungsprodukte wie Rhodium und Palladium hätte finden müssen. Ruthenium-106 wird unter anderem in der Medizin zur Krebstherapie eingesetzt. Selten kommt es auch in Radionuklidbatterien zum Einsatz, die Satelliten und Raumsonden mit Strom versorgen. Auch bei der Wiederaufarbeitung von Brennelementen aus Kernkraftwerken könne Ruthenium auftreten.

Eine Wiederaufarbeitungsanlage, jedenfalls, gibt es auch in Majak. Genutzt werde sie auch von europäischen Atomunternehmen, sagt Grünen-Politikerin Harms. "Wir können nicht einfach wegschauen." Russland hat inzwischen angekündigt, dass eine Untersuchungskommission die Vorgänge unter die Lupe nehmen soll.



insgesamt 41 Beiträge
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Nonvaio01 28.11.2017
1. achgott
nicht aufregen, die EU hate gerade beschlossen weiter Gift unter die Buerger zu bringen, von daher sollte man lieber ruhig sein.
mapcollect 28.11.2017
2. Sentinel 2 Daten sind zu ungenau
Die räumliche Auflösung beträgt von Sentinel 2 Daten gerade mal 10m/Pixel. Das ist viel zu ungenau um da ein Gebäude zu beurteilen. Warum keine kommerziellen, hochauflösenden Satellitenbilder mit 50-60cm /Pixel kaufen und vergleichen ? Sollte für den Spiegl doch kein Problem sein. Alles andere ist Glasguckerei
irukandji 28.11.2017
3. immer und immer wieder, Das kann so nicht sein
wenn dort ein Behälter mit radioaktivem Abfall hochgeht gibts Hunderte Nuklide und nicht genau eines. Das kann nicht aus einem Abfallbehälter sein. Ruthenium wird, und ihr selbst berichtet das, wird nur in der High Tech Medizin verwendet. Haben das die Russen ?
rabkauhala 28.11.2017
4. Eine Untersuchungskommisson
ist eine tolle Sache, weil sie der Aufklärung dient. Aber ach, hier handelt es sich um Russland in dem, zumindest in der Kremlebene eine ganz besondere Auffassuung zu Untersuchungskommissionen herrscht. Das Ergebnis steht vorher fest und die Untersuchung hat zu dem gewünschten Ergebnis zu führen, sei es durchj gefälschte Satellitenaufnahmen oder anderes Bildmaterial, gekaufte Zeugen und die berühmten "verschwundenen" Zeugen. Alles schon vielfach gehabt - bitte googeln! Und wenn fast alle Staaten dem Ergebnis einer unabhängigen Untersuchung , wie im Fall des Giftgases in Syrien oder MH17 , zustimmen, ist es nur die russische Administration und z.B. der Bomber von Damaskus die "Lüge, Lüge" rufen und eine eigene Untersuchung ankündigen... ... nach russischer Art! Es wäre auch sehr unschön für den Zaren, jetzt seinem Volk gestehen zu müssen, das eine großer Teil von Neo-Russland mal wieder unter einer atomaren Wolke lag. dann lieber dem Volk alternative Wahrheiten verkaufen als eine eventuelle Gefährdung zuzugeben. Was nicht sein darf das nicht sein kann.
knuty 28.11.2017
5.
Zitat von irukandjiwenn dort ein Behälter mit radioaktivem Abfall hochgeht gibts Hunderte Nuklide und nicht genau eines. Das kann nicht aus einem Abfallbehälter sein. Ruthenium wird, und ihr selbst berichtet das, wird nur in der High Tech Medizin verwendet. Haben das die Russen ?
Um Ruthenium in der Medizin verwenden zu können, muss es zuerst mal aus dem Atommüll partitioniert werden. Warum sollten "die Russen" keine High-Tech-Medizin haben?
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