System "SARah": Bundeswehr plant Einsatz neuer Spionagesatelliten

Von Otfried Nassauer

"SARah" im Einsatz: Drei neue Himmelspäher für die Bundeswehr Fotos
OHB System

Die Bundeswehr will für Hunderte Millionen Euro neue Spionagesatelliten kaufen. Die Späher sollen künftig von fast jedem Punkt der Erde hochpräzise Bilder liefern - und Deutschland so unabhängiger von seinen Verbündeten machen.

Die Bundeswehr will für mehr als 800 Millionen Euro neue Spionagesatelliten kaufen. Der Haushaltsausschuss des Bundestages soll das Geld dafür noch am Mittwoch bewilligen. Ab 2019 sollen drei neuen Himmelsspäher dem Kommando Strategische Aufklärung in Gelsdorf und dem Bundesnachrichtendienst hochpräzise Radarbilder von fast jedem Punkt der Erdoberfläche liefern.

Das neue Satellitensystem heißt SARah und besteht aus drei Spähern. Sie sollen die fünf heute vorhandenen Kleinsatelliten des Systems SAR-Lupe zunächst ergänzen und später ersetzen. Die SAR-Lupe-Späher umkreisen seit Ende 2007 die Erde in 496 Kilometern Höhe und liefern schon heute bei Tag und Nacht, jedem Wetter und auch durch eine geschlossene Wolkendecke hindurch höchst präzise Radarbilder von Zielen auf der Erdoberfläche. Von jedem Ziel werden mehrere Aufnahmen aus verschiedenen Winkeln gemacht, die Bilder werden an eine Bodenstation im rheinischen Gelsdorf, dem Sitz des Kommandos Strategische Aufklärung, gesandt und verarbeitet. Sie sind präzise genug, um Gegenstände erkennen zu können, die nur einen halben bis einen Meter groß sind. Deutschland gehörte neben den USA und Russland zu den ersten Ländern, die solche Radarsatelliten zu Aufklärungszwecken nutzten. Die technische Lebensdauer der Satelliten endet nach zehn Jahren in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts. Ersatz soll geschaffen werden.

Die drei neuen Satelliten des neuen Systems SARah sollen mit "erweiterten Fähigkeiten, insbesondere hinsichtlich verbesserter Auflösung, Bildgröße und Anzahl" ausgestattet sein, so teilte die Bundesregierung den Abgeordneten des Haushaltsausschusses mit. Vor allem geht es also darum, künftig mehr und noch genauere Bilder mit einem flexibel nutzbaren System bereitstellen zu können.

Schwerer und teurer als die Vorgänger

Das sollen zwei unterschiedliche Satellitentypen ermöglichen. Zwei der Späher beruhen auch künftig auf der Reflektortechnologie, die schon bei SAR-Lupe zum Einsatz kam. Sie werden die Erde in rund 500 Kilometern Höhe umkreisen. Der dritte Satellit aber fliegt künftig höher, in rund 750 Kilometern, und nutzt ein sogenanntes Phased-Array-Radar.

Die neuen Satelliten werden zudem deutlich schwerer und teurer sein als die alten. Konnten die fünf 720 Kilogramm schweren SAR-Lupe-Späher noch für insgesamt rund 370 Millionen Euro beschafft werden, so schlagen die drei neuen rund 1800 bzw. 2200 Kilogramm schweren SARah-Satelliten mit mehr als den doppelten Kosten zu Buche. Sie sollen alle Aufgaben wahrnehmen, die bisher von SAR-Lupe erledigt wurden. Die Bundeswehr hält sich die Option offen, später zwei weitere Satelliten zu beschaffen und in das System SARah zu integrieren.

Deutlich leistungsfähiger sollen auch die Rechen- und Speicherkapazitäten an Bord der Satelliten und am Boden werden, damit mehr und genauere Bilder verfügbar werden. Deren Übertragung von den Satelliten zur Bodenstation - die derzeit oft nur um etliche Stunden zeitversetzt möglich ist, wenn der Satellit sich wieder nahe der Bodenstation befindet - soll beschleunigt und durch den Aufbau einer weiteren Bodenstation im nordschwedischen Kiruna ausgebaut werden.

US-Unternehmen soll die Satelliten ins All bringen

Hauptauftragnehmer des neuen Satellitensystems wird erneut die Bremer Firma OHB, die bereits das SAR-Lupe-System gebaut hat. Wichtigster Unterauftragnehmer ist die EADS-Tochter Astrium, die unter anderem das Phased-Array-Radar und die Bodenstation bereitstellen soll. Für den Transport der Satelliten ins All ist die private amerikanische Firma Space-X vorgesehen, ein Neuling unter den Weltraumspediteuren. Ganz sicher scheint sich die Bundeswehr allerdings nicht zu sein, dass diese den Auftrag in fünf Jahren zuverlässig abwickeln kann. Sie behält sich vor, noch einen Anbieterwechsel vorzunehmen.

Mit der Beschaffung nationaler Aufklärungssatelliten reagierte Deutschland 2002 auf die "Wut im Bauch", die der frühere Verteidigungsminister Rudolf Scharping während des Kosovo-Kriegs 1999 empfunden hatte. Damals lieferten die USA Deutschland nur wenige und noch dazu gefilterte Aufklärungsergebnisse über die Lage auf dem Balkan. Seither hält die Bundesregierung "unabhängige" Aufklärungsmittel für unverzichtbar.

Zudem will die Bundeswehr auch in die Aufklärung mit optischen Kameras investieren. 170 Millionen Euro sind für einen solchen Satelliten bereits in die Haushaltsplanung eingestellt. Hintergrund ist, dass Deutschland Fotos aus dem optischen Bereich von Frankreich bezieht. Da Paris aber mittlerweile auch auf die Radarbilder italienischer Satelliten zurückgreifen kann und dafür im Gegenzug Roms Aufklärungswünsche erfüllen muss, sieht die Bundesregierung die Gefahr, dass ihr Bedarf an optischer Aufklärung nicht mehr voll erfüllt werden könnte.

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insgesamt 79 Beiträge
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1. optional
dēmosthénēs 26.06.2013
Seufz, toller Zeitpunkt liebe BW. Und dann auch noch nen amerikanisches Unternehmen... hätte ich eher Vertrauen zu den Russen.
2.
Niehen 26.06.2013
Teuer, aber notwendig. Auf unsere "Freunde" mit Prism, Echolon, Tempora und Co. will ich mich nun wirklich nicht verlassen müssen... kann ich sogar nachvollziehen.
3. vor allem gibt es da
sangerman 26.06.2013
keine Überflugrechte und Kollisionswarnung braucht man auch nicht!
4. Funktion
schüler.aus.bremen 26.06.2013
Geht sowieso nicht. Wird nie funktionieren. Also machen sie bitte keinen künstlichen Aufstand. Oder Regen sich künstlich auf. Danke
5. Schrott
copperfish 26.06.2013
Zitat von sangermankeine Überflugrechte und Kollisionswarnung braucht man auch nicht!
Bei dem Preis, und dem ganzen Schrott der da oben rumschwirrt, wäre ein Kollisionswarngerät gar nicht so unsinnig.
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