Rätselhafte Angriffe auf Kuba Wie Schallwaffen funktionieren

US-Diplomaten sollen auf Kuba Opfer von akustischen Angriffen geworden sein. Ist so eine Attacke überhaupt möglich? Was über Schallwaffen bekannt ist.

Long Range Acoustic Device (LRAD) auf einem Schiff
U.S. Navy

Long Range Acoustic Device (LRAD) auf einem Schiff

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Der Vorwurf klingt wie der Stoff für einen Science-Fiction-Film: In Havanna auf Kuba werden angeblich mehr als 20 US-Diplomaten über Monate gezielt angegriffen - und das auf offenbar ausgesprochen hinterlistige Weise.

Die Betroffenen klagen alle unterschiedlich stark über verschiedene Symptome: Von Kopf- und Ohrenschmerzen über Schwindel bis hin zu Gehörverlust sowie Seh- und Schlafstörungen. Einige hätten sogar Gehirnerschütterungen erlitten und dauerhaft ihr Gehör verloren, hieß es von US-Seite.

Die Ursache für die Beschwerden sind noch nicht gefunden. Doch die Behauptung der Amerikaner wirkt wie aus einem James-Bond-Film der Zukunft. Ihre Diplomaten, die noch während der Amtszeit von Barack Obama wieder Beziehungen mit dem kommunistischen Inselstaat vereinbarten, könnten mit Schallwaffen angegriffen worden sein, glaubt man. Nun wurden mehr als die Hälfte des Botschaftspersonals von der Insel abgezogen.

Der Schallwaffen-These scheinen die Ermittler schon seit Ende 2016 nachzugehen. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass die Leiden der US-Diplomaten tatsächlich von Schallwaffen verursacht werden - was ist über die Technik bekannt?

Schmerz durch Schall

Physikalisch gesehen ist Schall eine sich ausbreitende, wellenförmige Schwingung. Bei einem Geräusch, wie es etwa entsteht, wenn man ein Buch zuschlägt, werden Luftmoleküle verdrängt und in Bewegung gebracht - Schallwellen entstehen. Werden mehr Luftmoleküle in Bewegung gebracht, weil das Buch sehr stark zusammengeschlagen wird, entsteht ein lauter Ton. Geschieht das eher sachte, werden weniger Moleküle verdrängt - der Ton ist leiser. Schall unterteilt sich in verschiedene Frequenzbereiche: Der für den Menschen hörbare liegt zwischen 16 Hertz und 20 Kilohertz - je nach Alter. Der Bereich drunter wird Infraschall genannt, der über 20 Kilohertz Ultraschall.

Dass Schall Schmerzen auslösen kann, weiß jeder. Bei sehr lauten Geräuschen schützt man seine Ohren reflexartig. Ab wann ein Geräusch als unangenehm und schmerzhaft empfunden wird, ist aber individuell unterschiedlich und hängt auch von der Frequenz ab. Messungen ergeben eine Unbehaglichkeitsschwelle bei Normalhörern zwischen 90 und 110 Dezibel, die Schmerzgrenze liegt etwa 20 Dezibel darüber.

Doch auch unabhängig von den Ohren hat Schall einen Einfluss auf den Körper. Gehörlose etwa spüren Bässe, obwohl sie die Musik selbst nicht hören können. Deshalb besuchen einige gerne laute Technoclubs. Ein sehr hoher Schalldruckpegel kann sogar Organe schädigen. So sterben bei nicht weit entfernten Explosionen manchmal Menschen durch einen Lungenriss.

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Mit hörbarem Schall arbeiten Waffenentwickler schon länger: Im Einsatz bei US-Streitkräften und der Polizei ist die Long Range Acoustic Device (LRAD), eine Art Schallkanone. Bei dem Gerät handelt es sich um einen großen Lautsprecher, der sehr gezielt und über weite Strecken eingesetzt werden kann. So übermittelt die US-Polizei etwa Lautsprecherdurchsagen, die bis zu 500 Metern verständlich sein sollen. Das System, an das ein einfacher Mp3-Player angeschlossen werden kann, wurde 2009 bei nicht genehmigten Demonstrationen am Rande des G20-Gipfels in Pittsburgh eingesetzt.

Das LRAD erzeugt einen maximalen Schalldruckpegel von etwa 150 Dezibel. Zudem kann es einen schrillen Piepton abgeben, der bei kürzeren Abständen sehr schmerzhaft ist. So können Angreifer außer Gefecht gesetzt oder Demonstranten auseinandergetrieben werden. Werden Personen mit dieser Schallkanone beschossen, versuchen sie reflexartig ihre Ohren zu schützen. Ist man dem Geräusch länger ausgesetzt, drohen Hörschäden.

Das Gerät, das zunächst beschönigend als Kommunikationsmittel beworben wurde, wurde deshalb kürzlich von einem amerikanischen Richter als Waffe eingestuft. LRAD-Systeme haben zahlreiche Anwendungsbereiche: Derzeit werden sie auch auf Schiffen zur Abwehr von somalischen Piraten eingesetzt.

Wegen der entstehenden Lautstärke gilt es aber als sehr unwahrscheinlich, dass solche Systeme auf Kuba zum Einsatz kamen und für die Beschwerden verantwortlich sind.

Ultraschall gegen Infraschall

Interessanter für die These vom akustischen Angriff ist dagegen der nicht hörbare Bereich. Doch hier ist die Faktenlage bisher äußerst dünn. Bekannt ist zwar, dass in Militärlaboren an solchen Ideen geforscht wurde. Doch eine lautlose Schallkanone bezeichnen Fachleute wie etwa der Experimentalphysiker Jürgen Altmann von der Universität Dortmund als sehr unwahrscheinlich.

Im Ultraschallbereich sei es sehr schwer, Schallwellen mit hoher Frequenz über ein gewisse Entfernung durch ein Medium wie Luft zu transportieren. Denn diese Wellen werden von Luft wesentlich stärker aufgenommen, als solche mit niedrigeren Frequenzen. Zudem passen die zahlreichen beschriebenen Beschwerden bei den Diplomaten nicht zur Wirkung von Ultraschallwellen auf den Körper. Immerhin ist Ultraschall in der Medizin als relativ sanfte Diagnostik bekannt.

Doch Ultraschall kann durchaus auch unangenehme Folgen haben. Bekannt ist etwa das "Mosquito"-System: Hier sendet ein kleiner Kasten einen Piepton aus, der verhindern soll, dass sich Jugendliche an öffentlichen Plätzen treffen und es dort zu Lärmbelästigungen oder Vandalismus kommt. Das System nutzt den Effekt, dass mit dem Alter bestimmte Frequenzbereiche nicht mehr wahrgenommen werden - Menschen ab etwa 25 Jahren fühlen sich also nicht mehr belästigt. Doch für Jüngere wirkt der Ton äußerst nervig. Allerdings verwies der Akustikexperte Holger Schulze gegenüber der ARD darauf, dass bei Tests auch Ältere Beschwerden bekamen, die die Frequenzen eigentlich nicht mehr wahrnehmen.

Auch der ehemalige MIT-Experte Joseph Pompei äußerte sich skeptisch zum Ultraschall-Einsatz auf Kuba: "Damit es etwa zu einer Gehirnerschütterung kommt, hätte jemand den Kopf der Betroffenen in einen Pool tauchen müssen, der mit sehr leistungsfähigen Ultraschallwandlern ausgekleidet ist."

Schmerzen im Ohr

Eine Waffe, die im Infraschallbereich arbeitet, ist zwar wahrscheinlicher, allerdings scheinen auch hier die beschriebenen Symptome nicht zu passen. Tieffrequenter Infraschall wird in unserer Umwelt von zahlreichen Quellen abgegeben. Dazu gehören Autos, Lkws und Industriebetriebe. Zwar kann Infraschall bei einem hohen Schalldruckpegel zu Schmerzen im Ohr führen sowie systemische Folgen wie Kopfschmerzen oder erhöhten Blutdruck hervorrufen. Aber die Symptome verschwinden, wenn der Infraschall verschwindet.

Solche Schallquellen sind technisch zudem nahezu nur unter Laborbedingungen zu erzeugen, bei denen der Effekt in einem luftdicht abgeschlossenen Raum auftritt. Dass die Angreifer solche Bedingungen in einem Hotel in Havanna schaffen können, ist sehr unwahrscheinlich. Zudem bräuchte es riesige Gerätschaften, die wohl nur schwer zu verbergen wären.

Zwar ist nicht auszuschließen, dass Waffen, die die beschriebenen Schäden verursachen könnten, existieren. Wahrscheinlicher ist aber, dass Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Sogenannte ototoxische Stoffe etwa haben einen giftigen Effekt auf das Innenohr. Sie wirken auf die Sinneszellen des Hör- und Gleichgewichtsorgans. Zu solchen ohrgiftigen Mitteln gehören einige Antibiotika aber auch Lösungsmittel und Schwermetalle.



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