Hamburg - Es ist still geworden im piratengeplagten Seegebiet am Horn von Afrika. Nachdem monatelang fast täglich Meldungen über das entführte deutsche Containerschiff "Hansa Stavanger" durch die Medien gingen, blieb es zuletzt vergleichweise ruhig. Grund zur Entwarnung aber sehen Experten nicht - im Gegenteil: Nachdem in der Monsunsaison schlechtes Wetter und hoher Wellengang das Auslaufen kleiner Piratenboote zeitweilig behindert haben, erwarten Fachleute nun wieder einen neuen Anstieg der Überfallzahlen.
Und die Angriffe beschränkten sich längst nicht mehr nur auf das Seegebiet vor Somalia. Piratenüberfälle gebe es mittlerweile auch in indonesischen Gewässern, vor Nigeria und anderen Staaten Westafrikas, sagte Heinrich Lange, der stellvertretende Inspekteur der deutschen Marine auf einer internationalen Messe für maritime Sicherheit in Hamburg. "Das Phänomen der Piraterie ist zurückgekommen", so der Konteradmiral.
Seeräuber werden eingeseift
Einige Reeder setzen auf Selbsthilfe und bringen technisches Gerät in Stellung. Mit sogenannten nichttödlichen Waffen wollen sie ihre Schiffe sicherer machen. Da ist zum Beispiel die Flüssigseife in grellem Pink, die enorm rutschig sein soll. "Wenn die Jungs mit ihren Sandalen und Flip Flops versuchen an Bord zu kommen, dann kommt das Rutschgel zum Einsatz", sagt André Brandt von der Firma VFR Marine Service.
Das Unternehmen ist einer der 60 Aussteller auf der Hamburger Messe, auf der neben Rüstungssystemen für die Marine auch Abwehrtechnik für die zivile Schifffahrt zu sehen ist. Mit ihr sollen die Piraten, bewaffnet mit Enterhaken und Kalaschnikows, auf Distanz gehalten werden.
Rund 30 zivile Schiffte hat VFR Marine Service nach eigenen Angaben bisher mit Düsenschläuchen rund um die Bordwand ausgerüstet. Sie versprühen bei einem Enterversuch zunächst eine Farbflüssigkeit, welche die Piraten abschrecken und für eine spätere Festnahme markieren soll. Bleiben die Angreifer hartnäckig, wird das pinke Rutschgel an die Bordwand gespritzt. "Es ist unmöglich, sich mit diesem Gel noch auf den Füßen zu halten", sagt Brandt. Daneben empfiehlt der Experte das Schiff noch mit Stacheldraht zu umspannen.
Mit 140 Dezibel gegen Piraten
Doch bevor ein Pirat eingeseift werden kann, muss ihn die Crew erst einmal erkennen. Viele traditionelle Radarsysteme schaffen das bisher nicht ausreichend gut. Das Infrarotsystem "Simone" des Herstellers Diehl BGT Defence soll hingegen auch kleinste Objekte wie motorbetriebene Gummiboote auf weite Entfernung erkennen.
Eine bereits bewährte Technik in der Schifffahrt sind akustische Abwehrgeräte, auch als Schallkanonen bekannt. "Wenn sie mit 140 Dezibel auf ein kleines Schnellboot zielen, tut der Schall irgendwann weh im Kopf", sagt Klaus Brockenhaus von der Firma ITT aus Norderstedt. Der Langstrecken-Schall-Strahler stößt extrem schrille Töne aus, die Schmerzen, Übelkeit und sogar Bewusstlosigkeit verursachen können. Der unerträgliche Lärmradius kann dabei bis zu zwei Kilometer betragen.
Ein bekanntes Mittel gegen das Entern von Schiffen sind auch Feuerwehrschläuche. Der harte Wasserstrahl fegt auf kurze Distanz jeden Angreifer um und kann das Entern tatsächlich verhindern. Bei großen Entfernungen hat der Wasserstrahl aber keine Wirkung. Besser geeignet sind deswegen Löschkanonen, die über das gesamte Schiff verteilt sind und von der Kommandobrücke aus ferngesteuert werden.
240 Überfälle seit Anfang des Jahres
Nach Angaben des "International Maritime Bureau" hat sich die Anzahl der Piratenangriffen im ersten Halbjahr 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit 240 Überfällen mehr als verdoppelt. Die Lage sei dramatisch, sagte Piraterieexperte Dieter Berg vom Rückversicherer Munich Re. Die Piraten würden immer skrupellosers, griffen immer größere Schiffe an und gingen immer gewaltsamer gegen Besatzungen vor.
Ein Trend, den auch Dagmar Wöhrl beobachtet hat. Die Koordinatorin der Bundesregierung für maritime Sicherheit sagte auf der Hamburger Fachmesse, dass sich 2008 die Schäden durch steigende Versicherungsprämien, Gewinnausfälle durch längere Ausweichrouten und die intensiven Schutzmaßnahmen auf geschätzte 16 Milliarden US Dollar für die Weltwirtschaft beliefen. Da die Piraten immer besser ausgerüstet seien, müssten darauf auch endlich die Reeder mit entsprechenden Schutzvorkehrungen reagieren, so Wöhrl.
org/dpa/AP
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