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Schmutzige Bomben: Alptraum aller Abrüster

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Experten warnen vor Anschlägen mit der schmutzigen Bombe: Ein konventioneller Sprengsatz, bei dessen Explosion nukleares Material verbreitet wird, hätte verheerende Folgen. Wirksame Gegenmaßnahmen gibt es kaum - auch weil viele Regierungen die Gefahr unterschätzen.

Testexplosion einer schmutzigen Bombe: Der ultimative Alptraum Zur Großansicht
REUTERS

Testexplosion einer schmutzigen Bombe: Der ultimative Alptraum

Als die beiden Diebe in die verlassene Klinik im brasilianischen Goiânia einbrachen, wollten sie nur alte Geräte oder Metalle mitgehen lassen. Doch was sie per Schubkarre aus dem Gebäude bugsierten, war ein Gerät zur medizinischen Strahlentherapie. In seinem Inneren befand sich ein Behälter mit radioaktivem Cäsium-137.

Die Langfinger nahmen das Gerät auseinander und verkauften Teile davon an einen Schrotthändler. Der war von dem Cäsium-Pulver, das im Dunkeln blau leuchtete, fasziniert - und führte es Familienmitgliedern und Bekannten vor. Im Verlauf mehrerer Tage kamen so zahlreiche Personen mit dem strahlenden Material in Kontakt.

Die Bilanz des Goiânia-Unfalls vom September 1987: Vier Menschen starben, 249 wurden verstrahlt, rund 112.000 medizinisch untersucht. Zudem wurden Dutzende Häuser kontaminiert, sieben mussten abgerissen und mehrere tausend Kubikmeter Erdreich abgetragen werden. Noch heute - rund 23 Jahre später - sind die Strahlungswerte in der betroffenen Gegend erhöht.

Die Gefahr wird unterschätzt

Die Goiânia-Episode hat auf erschreckende Weise gezeigt, welchen Schaden schon die Strahlungsquelle eines einzelnen medizinischen Geräts verursachen kann. In diesem Fall wurde das Cäsium-137 nicht einmal absichtlich verbreitet, so wie es Terroristen versuchen würden.

Genau davor warnen Experten: Der Einsatz einer sogenannten schmutzigen Bombe - eines konventionellen Sprengsatzes, der bei der Detonation radioaktives Material verteilt - hätte verheerende Folgen. Und dennoch wird die Gefahr unterschätzt.

Nicht umsonst hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Atomgipfel in Washington am Montagabend eindringlich vor der schmutzigen Bombe gewarnt. Durchgedrungen ist die Kanzlerin mit ihrer Warnung allerdings kaum - denn die US-Regierung will sich vor allem auf die drohende Verbreitung von waffenfähigem Nuklearmaterial konzentrieren. "Der Fokus dieses Gipfels liegt auf Materialien, die man für Atomwaffen benutzen kann. Das sind Plutonium und hochangereichertes Uran", betonte Gary Samore, Koordinator des Weißen Hauses für die Bekämpfung des terroristischen Einsatzes von Massenvernichtungswaffen.

Der ultimative Alptraum

Eine echte Atomwaffe in den Händen von Terroristen ist seit langem der ultimative Alptraum der US-Sicherheitsbehörden. Angesichts der Verheerungen, die eine solche Bombe in einer Großstadt anrichten könnte, räumt Washington der Kontrolle waffenfähigen Spaltmaterials höchste Priorität ein. Eine Debatte um die Gefahren von kommerziell erhältlichen Strahlungsquellen, so die Position der US-Regierung, würde die Strategie nur verwässern.

Experten kritisieren allerdings, dass diese Sicht der Dinge zu einseitig ist. Denn über eines sind sich die Fachleute einig: Ein Anschlag mit einer schmutzigen Bombe ist bei weitem wahrscheinlicher als die Detonation einer echten Atombombe.

Trotz einiger Lücken gehören Plutonium und hochangereichertes Uran zu den am besten überwachten Stoffen überhaupt. Die Datenbank der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) verzeichnet seit 1993 rund 1600 Fälle, in denen strahlendes Material verschwunden oder an der falschen Stelle aufgetaucht ist. "Aber nur in zwei bis drei Fällen pro Jahr handelt es sich dabei um Plutonium oder hochangereichertes Uran", sagt Klaus Mayer vom Karlsruher Institut für Transurane zu SPIEGEL ONLINE.

Andere weitverbreitete, teils extrem gefährliche radioaktive Substanzen werden dagegen weniger stark kontrolliert. Dazu zählt nicht nur Cäsium-137, das den Goiânia-Unfall ausgelöst hat. Kobalt-60 und Iridium-192 etwa werden vielerorts in der Materialprüfung oder in Geräten zur Füllstandsmessung von Silos eingesetzt. Auch Radionuklide wie Krypton-85, Strontium-90 und Promethium-147 werden in Unternehmen zur Dichte- und Dickemessung benutzt.

Strahlende Materialien kaum kontrollierbar

Diese Substanzen sind in Industriestaaten weit verbreitet und unterliegen oft nur schwachen Kontrollen. Hinzu kommt die Sorglosigkeit, mit der in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten radioaktives Material eingesetzt wurde. So werden beispielsweise Leuchttürme an der russischen Nordküste, in denen kein Wärter arbeitet, bis heute mit Strontium-Batterien betrieben.

Das Problem der Weiterverbreitung von Nuklearmaterial an Terroristen sei nicht etwa fiktiv, sondern durchaus real, warnte Kanzlerin Merkel in Washington. Sie verlangte mehr juristische Mittel zur Sicherung von Material, das dem Bau einer schmutzigen Bombe dienen könnte. Fachleute äußern sich ähnlich. "Ein regulatorisches System fehlt weitgehend", sagt Christoph Pistner vom Öko-Institut in Freiburg. "Das ist international ein großes Problem."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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1. Alpbtraum aller Abrüster
Lietus 13.04.2010
Warum sollte das ein Alptraum für Abrüster sein? Als ob Atom-Staaten auf eine schmutzige Bombe mit einer Atombombe antworten würden und dies nicht mehr ginge, wenn sie abrüsten...
2. schon merkwürdig
tomtomtomtomtom 13.04.2010
Der Anschlag 2001 war als Projekt deutlich komplizierter durchzuführen als ein simples Attentat mit einer leicht zu beschaffenden Strahlungsquelle. Offensichtlich haben also die Hintermänner von Alkaida kein Interesse daran, NY nachhaltig zu verseuchen. Mir würde ein guter Grund dafür einfallen...
3. spitze
santos_ 13.04.2010
Man findet es also in Medizinischen Geräten. Ich wette das wußten noch nicht alle potentiellen Bombenattentäter. Warum druckt ihr nicht noch direkt eine Bauanleitung mit? Es ist doch immer eine gute Idee Fanatikern ein wenig Hilfestellung zu geben. Weiter so.
4. Die beste Sicherheitsspolitik...
schattenweber 13.04.2010
...ist es, den Frieden zu wahren! Es gibt eine allgemeine Tendenz zur Scheinheiligkeit. Als ob all die Terroristen irgendwann eines schönen Morgens aufgewacht wären, und sich gedacht habe "Hey, ich bringe mal ein paar Leute um und verbreite Schrecken im Westen!". Wir haben lange vergessen, was wir diesen Ländern (Iran, Irak, fghanistan...von Afrika ganz zu schweigen) angetan haben. Während des kalten Krieges hat der Westen jeden Anflug von Demokratie (zB Iran, Chile) verhindert und faschistische Diktatoren (den Schah, Pinochet, auch Hussein und bin Laden sind ehemalige Gefolgsleute Amerikas) eingesetzt. Frei nach Volker Pispers:" Wir wundern uns, dass sie uns Bomben unter den Arsch packen? Wann wundern wir uns, dass sie uns so wenig Bomben unter den Arsch packen???"
5. Politik und Propaganda
redford-fan 13.04.2010
"... über eines sind sich die Fachleute einig: Ein Anschlag mit einer schmutzigen Bombe ist bei weitem wahrscheinlicher als die Detonation einer echten Atombombe." "Was bleibt, ist das bange Warten auf den ersten radiologischen Angriff auf eine Großstadt." Alles ganz schön und gut, aber ich habe den Eindruck, manches wird von den üblich verdächtigen Experten herbeigeredet: Wichtigtuerei, aber auch zielgerichtete Propaganda für noch mehr Überwachung und Einschränkung verfasssungsrechtlich garantierter Rechte, Machtsicherung, Legitimierung von tatsächlichen Terrormaßnahmen gegen "Schurkenstaaten" oder gegen der Öffentlichkeit suggerierte "Terror-Organisationen" wie beispielsweise dem Propagandakonstrukt "Al-Quaida".
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Globale Atomwaffen-Arsenale
Land
Bestand
Russland 11.000*
USA 8.500**
Frankreich ca. 290
China 240
Großbritannien 225
Israel 80
Pakistan 90-110
Indien 80-100
Nordkorea weniger als 10
Gesamt ca. 20.500
*davon 2430 einsatzfähig und 3000 außer Dienst
** davon 2150 einsatzfähig und 3500 außer Dienst
Quelle: FAS; Stand: 7. Juni 2011

Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.


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