Schwimmende Städte Zu Hause auf dem Ozean

Der Meeresspiegel und die Grundstückspreise steigen. Warum nicht auf die Ozeane ausweichen? In schwimmenden Städten könnten Tausende Menschen leben - vielleicht sogar als eigenständige Nation.

The Seasteading Institute/ Roark 3D

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In einem mobilen Heim zu leben, gilt bislang eher als Zeichen von Armut. Doch das könnte sich ändern, wenn die Konzepte schwimmender Städte eines Tages umgesetzt werden. Die eigene Villa würde dann auf einem Ponton stehen. Und man könnte sie jederzeit an einen neuen Standort schleppen - von Manhattan nach Florida, Neuseeland oder Berlin.

Seit 2008 bereits tüfteln Architekten und Ingenieure am Seasteading Institute in Kalifornien an der Idee, dass der Mensch das Wasser besiedelt. Auf riesigen Pontons sollen mehrstöckige Gebäude stehen, in denen Hunderte Menschen leben - so die Vision.

Die Pontons lassen sich zu einer Kleinstadt zusammenkoppeln und könnten sogar Hunderte Kilometer vom Festland entfernt in internationalen Gewässern schwimmen. Mini-Atomkraftwerke versorgen die Siedlung mit Energie. Kühne Visionäre träumen gar von der Gründung neuer Nationen mit eigener Gesetzgebung.

"An unsere Träume glauben"

Erst im Januar hat das Seasteading Institute einen Vertrag mit Französisch-Polynesien abgeschlossen. Das Unternehmen soll die Machbarkeit einer schwimmenden Siedlung untersuchen. Die zu Frankreich gehörende Inselgruppe ist durch steigende Wasserpegel bedroht. Auf Tahiti etwa liegen dicht bebaute Flächen nur knapp über dem Meeresspiegel. Steigt dieser infolge des Klimawandels, stünden Städte wie die Hauptstadt Papeete teils unter Wasser.

Französisch-Polynesien sei mit seinen ruhigen, flachen Gewässern ein idealer Standort, sagte Seasteading-Direktor Randolph Hencken. Man wolle zunächst mit einer kleinen Siedlung für einige Dutzend Bewohner beginnen. Später könne man diese dann "für Hunderte oder Tausende Menschen" ausbauen.

"Wir müssen an unsere Träume glauben", erklärte Regierungssprecher Jean-Christophe Bouissou nach der Unterzeichnung des Vertrags. Sollte sich die Idee einer schwimmenden Siedlung als umsetzbar erweisen, könnte mit dem Bau im Jahr 2019 begonnen werden.

Am Seasteading Institute haben sich Architekten, Visionäre und Bauunternehmen zusammengeschlossen. Ein prominenter Investor ist PayPal-Mitgründer Peter Thiel. Bislang fungiert das Institut vor allem als Think Tank - aber das könnte sich nach dem Deal mit Französisch-Polynesien ändern.

Kleine Siedlung oder Großstadt

Grundsätzlich sind zwei Szenarien denkbar: Eine kleine schwimmende Community mit 100 bis 1000 Bewohnern, die womöglich alle für ein kleines Unternehmen arbeiten. Diese ließe sich laut Seasteading Institute am leichtesten küstennah umsetzen, etwa in den USA, im Südwesten Japans oder in der Ostsee.

Oder aber eine Stadt mit 50.000 und mehr Menschen, die Dutzende Quadratkilometer groß ist. Eine solche Stadt könnte auch weit entfernt vom Festland schwimmen, zum Beispiel 200 Kilometer von der brasilianischen Küste zwischen Rio de Janeiro und der Grenze zu Uruguay.

Eine abseits des Festlands positionierte Metropole müsste sich selbst versorgen - mit eigener Infrastruktur für Strom, Wasser, Abwasser und Müll. Die Einwohner könnten Bodenschätze vom Meeresboden fördern oder von Aquakulturen leben. Als ruhige und damit brauchbare Standorte könnten sich laut Seasteading Institute Unterwassergebirge erweisen, an denen die Wassertiefe nur 250 Meter beträgt. Das erleichtert die Verankerung der Pontons auf dem Meeresboden.

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Steigende Pegel: Häuser bauen auf dem Meer

Die Stadt wäre durch eine schwimmende Mauer vor Wellengang geschützt. Laut Berechnungen von Experten der TU Delft würden selbst vier Meter hohe Wellen und Windgeschwindigkeiten von 200 km/h kein Problem für die Pontons darstellen. Das sind Werte eines Hurrikans.

Gebaut auf Styropor

Das Konzept schwimmender Häuser ist nicht neu - in den Niederlanden ist es längst Realität. Im Stadthafen von Rotterdam schwimmt beispielsweise der Floating Pavilion, ein aus drei spektakulären Kuppeln bestehendes Veranstaltungszentrum. Es steht auf Pontons, die aus großen Styroporblöcken gefertigt und mit Beton ummantelt sind. Konzipiert wurde der Floating Pavilion von der holländischen Firma Deltasync, die auch am Seasteading Institute beteiligt ist.

Floating Pavilon in Rotterdam
SPIEGEL ONLINE

Floating Pavilon in Rotterdam

Mit einer Grundfläche von 800 Quadratmetern ist der Rotterdamer Pavillon eher klein. Für den Einsatz auf dem Meer wären deutlich größere Pontons erforderlich. Ein Konzept schlägt eine sechseckige Form mit einer Breite von 120 Metern vor. Die Pontonhöhe wäre 14 Meter, wobei 10 Meter davon unterhalb der Wasserlinie liegen würden, um für den nötigen Auftrieb zu sorgen. Die Gebäude auf diesen sechseckigen Pontons könnten 15 Stockwerke hoch sein, wie Kelvin Ko von der TU Delft berechnet hat.

"Man muss nur mehrere solcher Plattformen zusammenkoppeln", sagt er. Dann sei die schwimmende Siedlung länger und breiter als die Länge der Ozeanwellen. "Die Wellen haben dann fast keinen Effekt", sagt Ko. Bewohner würden die minimalen Pontonbewegungen kaum wahrnehmen. Nach Kos Kalkulation würden 16 Plattformen, die man zu einer 4x4 großen Fläche zusammenfügt, Platz für 4000 Menschen bieten.

Ort zum Experimentieren

Damit die Betriebskosten möglichst klein bleiben, sollten schwimmende Siedlungen idealerweise in Regionen platziert werden, wo die Wassertemperatur zwischen 24 und 27 Grad Celsius liegt. Dann, so das Kalkül der Experten, müsste man weder kühlen noch heizen. Doch auch Regionen wie die Ostsee seien interessant.

Am Seasteading Institute träumt man sogar von der Gründung neuer Nationen auf See. "Die Claims an Land sind längst abgesteckt - die Ozeane sind die neue Grenze der Menschheit", heißt es in der Selbstdarstellung. Die Welt brauche Orte, wo man experimentieren und neue Gesellschaften aufbauen könne.

Es gibt ein Vorbild für den Traum einer Staatsgründung auf hoher See. 1967 rief ein ehemaliger Offizier der Britischen Armee auf einer verlassenen Plattform vor der Küste Englands das Fürstentum Sealand aus und erklärte es zu einem eigenständigen Staat. Ursprünglich ging es darum, auf der Plattform ungestört von der britischen Justiz einen Piratensender zu betreiben. Eigene Pässe, Briefmarken und eine eigene Währung, der Sealand-Dollar, folgten einige Jahre später.

Fürstentum Sealand (Aufnahme von 1999)
AP

Fürstentum Sealand (Aufnahme von 1999)

Die sogenannte Mikronation wurde jedoch nie anerkannt, obwohl sie anfangs noch in internationalen Gewässern lag. Spätestens 1987 aber war es vorbei damit. Damals erweiterte Großbritannien seine nationalen Gewässer von drei auf zwölf Seemeilen von der Küste. Die einst militärisch genutzte Plattform ist nur 7,5 Seemeilen vom Festland entfernt und gehört damit formal zu Großbritannien.

Eine schwimmende Großstadt hingegen könnte tatsächlich in internationalen Gewässern liegen. Diese beginnen in der Regel ab einer Entfernung von 200 Seemeilen vom Festland. Aber ließe sich so tatsächlich ein Staat mit eigenen Gesetzen gründen?

Regelungslücke nicht ausgeschlossen

Andreas Müller, Völkerrechtler an der Universität Göttingen, ist skeptisch: "Der völkerrechtliche Staatsbegriff bezieht sich eindeutig auf Festland", sagt er. Er schließe alle Inseln ein, freischwimmende Konstruktionen jedoch nicht. Auf Schiffen in internationalen Gewässern gelte die Rechtsprechung des Landes, unter dessen Flagge sie unterwegs seien.

"Womöglich gibt es im Seerecht eine Regelungslücke in Bezug auf schwimmende Städte", erklärt Müller. Doch über kurz oder lang werde man Regeln dafür finden. Der Traum vom rechtsfreien Raum auf Pontons wäre schnell ausgeträumt.

Aber zumindest einen Anstieg des Meeresspiegels bräuchten die Bewohner nicht mehr fürchten - ganz anders als die Menschen auf Tahiti heute.



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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
Mario V. 16.02.2017
1. Herrje
Mini-Atomkraftwerke versorgen... Gebaut auf Styropor... Haben die auch irgendwelche innovativen Ideen, die durch Nachhaltigkeit glänzen?
UluKay 16.02.2017
2. Für wen ?
Dann haben die Reichen endlich ihre perfekten gated Communities.
l.augenstein 16.02.2017
3. In Zukunft wird aber
nicht nur der Wasserspiegel steigen, sondern auch die Hurrikans und Taifune etc. an Häufigkeit und Stärke zunehmen. Wie will man solche schwimmenden Inseln in solchen Fällen schützen?
allessuper 16.02.2017
4. Sie schaffen es
Zitat von Mario V.Mini-Atomkraftwerke versorgen... Gebaut auf Styropor... Haben die auch irgendwelche innovativen Ideen, die durch Nachhaltigkeit glänzen?
in vier Zeilen zwei Reizwörter unterzubringen. Und dennoch stimme ich Ihnen zu. Das ist aber nur ein Teil. Milliardäre haben schon längst Ausweichstädte bauen lassen, die als schwimmende Insel wenig fossile Energie verbrauchen und komplett unabhängig funktionieren. Die Prototypen waren ja die riesigen Kreuzfahrtschiffe, die heute schon auf See sind. Manche Luxus-Amerikaner haben übrigens ihr Hab und Gut verkauft und vererbt und verbringen ihre letzten Jahre auf diese Art, denn es ist alles an Bord, was man braucht. Die Kinder sieht man nicht weniger als sonst, 1-2x im Jahr, wenn die entsprechenden Häfen angesteuert werden.
tcdk 16.02.2017
5. erinnert mich...
an die freezone in der Eclipse - Trilogie
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