Sicherheit von Siedewasserreaktoren Neue Angst vor alten Meilern

Welche Bedeutung hat der Atomunfall von Fukushima für Deutschland? Kraftwerke wie Brunsbüttel und Isar verwenden ähnliche Siedewasserreaktoren, die hiesigen Modelle sind vergleichbar antiquiert - in einem wichtigen Punkt sind sie den japanischen Modellen wohl sogar unterlegen.

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REUTERS/ NTV

Für das Deutsche Atomforum sind die Dinge klar: Einen Unfall wie im japanischen Reaktor Fukushima Daiichi werde es in Deutschland niemals geben. Das jedenfalls erklärte der Lobbyverband am Samstagnachmittag selbstsicher. "Eine Verkettung eines derart schweren Erdbebens und eines schweren Tsunamis ist in Deutschland nicht vorstellbar".

Atomkraftgegner bewerten das Risiko schwerwiegender Atomunfälle in Deutschland ganz anders. Sie kritisieren, dass ähnlich wie vom Uralt-Meiler in Japan - er sollte offenbar in diesem Herbst vom Netz gehen - auch von deutschen Reaktoren unvertretbare Gefahren ausgehen könnten.

Tatsache ist: Deutsche Siedewasserreaktoren sind denen in Japan im Grundsatz sehr ähnlich. Sicherheitsexperten kritisieren vor allem die Alt-Meiler - allen voran die der sogenannten Baulinie 69. Sie sind nur wenig jünger als die japanischen Havariereaktoren. Zu dieser Gruppe gehören Brunsbüttel, Isar 1 und Philippsburg 1.

Im Detail geht es bei der Sicherheitsdiskussion um drei Hauptpunkte:

Sicherheitsbehälter: Zumindest für längere Zeit scheint der Sicherheitsbehälter des Havarie-AKW Fukushima Daiichi, auch Containment genannt, das Austreten von radioaktiven Stoffen verhindert zu haben. Er ist nach der verschweißten Brennstabhülle und dem Reaktordruckbehälter die dritte Barriere, die das Entweichen von gefährlichem Nuklearmaterial nach außen verhindern soll. Das Containment wiederum ist von der äußeren Gebäudehülle umgeben. Diese war bei der Wasserstoffexplosion am Reaktor 1 beschädigt worden. Das Containment blieb nach bisherigen Angaben aber intakt.

Ob der Druck- und Sicherheitsbehälter dauerhaft halten, muss sich noch zeigen. Doch allein dass das Containment bisher durchgehalten hat, ist von großem Vorteil - nicht zuletzt für die Evakuierungen in der Nähe des Reaktors.

"Wir sehen, wie wichtig der Sicherheitsbehälter ist", bestätigt Heinz Smital von Greenpeace im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das Problem: Bei den deutschen Siedewasserreaktoren der Baureihe 69 ist ausgerechnet diese äußerste Schutzbarriere immer wieder kritisiert worden. Denn sie ist im Gegensatz zu dem japanischen AKW und den meisten anderen Atommeilern nicht aus Beton, sondern aus leicht schmelzendem Stahl. Hier stünden die Alt-Meiler in Deutschland nach einem Unfall vermutlich schlechter da. Beton wird bei großer Hitze aus einem geschmolzenen Reaktorkern langsam mürbe. Stahl dagegen schmilzt bei zu großer Hitzeentwicklung einfach weg.

Notstromversorgung: Die Notstromversorgung der Kühlpumpen in Fukushima Daiichi ist nach Erdbeben und Tsunami ausgefallen. Die eigentlich für diesen Fall vorgesehenen Dieselgeneratoren versagten nach kurzer Zeit den Dienst. Batterien wurden als letzte Lösung eingesetzt. Das Atomforum argumentiert, in deutschen Reaktoren stünden mehr Dieselgeneratoren für die Stromversorgung zur Verfügung als in Japan. Es gebe auch Anschlussstellen für externe Generatoren. Die japanischen Anlagen verfügten über zwei Stränge von Sicherheitssystemen, die deutschen dagegen über vier. "Diese sorgen im Notfall dafür, dass alle notwendigen Aggregate für die Nachwärmeabfuhr zur Verfügung stehen", so der Lobbyverband.

Greenpeace-Experte Smital hält dagegen: "Externe Ereignisse können auch vermeintlich redundante Systeme zerstören." Es ergebe sich in der Praxis schlicht nicht die Sicherheit, die rechnerisch zu erwarten wäre. Joachim Knebel vom Karlsruher Institut für Technologie glaubt dagegen nach eigenem Bekunden an die Sicherheit der deutschen Atomanlagen: "Selbst wenn die Dieselgeneratoren versagen, geht man davon aus, dass man innerhalb von 24 Stunden Strom an die Anlage bekommt", sagt der Sicherheitsforscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Anlagen seien "nach bestem Wissen und Gewissen" genehmigt worden. Zuletzt gab es in Deutschland aber etwa um die Notstromversorgung des Reaktors Neckarwestheim Diskussionen. Dabei handelt es sich allerdings um einen Druckwasserreaktor, bei dem das Kühlmittel Wasser im Unterschied zum Siedewasserreaktor unter so hohem Druck steht, das es flüssig bleibt.

Erdbebensicherheit: In Japan hat ein besonders schweres Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami zu den aktuellen Problemen der Atomkraftwerke geführt. Ein Tsunami ist hierzulande wohl ausgeschlossen, und auch ein Erdstoß dieser Stärke ist extrem unwahrscheinlich. Am Rheingraben, einer geologischen Bruchzone, kann es allerdings durchaus zu kleineren Beben kommen. Genau wegen dieser Gefahr ging etwa der Reaktor Mülheim-Kärlich nie ans Netz. In der Region des Rheingrabens stehen auch die Meiler in Neckarwestheim, Philippsburg und Biblis sowie der französische Reaktor Fessenheim.

"Deutsche Kernkraftwerke sind gegen die bei uns zu erwartenden Erdbeben ausgelegt", sagt Jürgen Maaß vom Bundesumweltministerium. Ein Atomkraftwerk müsse das im Umkreis von 200 Kilometern größte je gemessene Erdbeben aushalten, erklärt der ehemalige Chef der Atomaufsicht in Deutschland, Wolfgang Renneberg. Verschiedene Kraftwerke müssten jedoch nachgerüstet werden. "Über diese Fragen gibt es seit langem Streit unter Experten." Klar sei aber, dass besonders der französische Altmeiler in Fessenheim die Anforderungen nicht erfülle. Das Verwaltungsgericht in Straßburg hat erst in dieser Woche einen Antrag von Atomkraftgegnern aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz dazu abgewiesen.

Die Ereignisse in Japan werden die Debatte um die Nutzung der Kernenergie auch in Deutschland wieder anfachen, so viel ist bereits klar. "Die Risiken der Atomenergie sind völlig unvertretbar, und wir müssen so schnell wie möglich dort aussteigen", warnt etwa SPD-Chef Sigmar Gabriel im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Kanzlerin Angela Merkel kündigte an, dass sie die deutschen Kernkraftwerke überprüfen lassen wolle. Für Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) steht zumindest folgendes fest: "Die Grundfrage der Beherrschbarkeit von Gefahren ist mit dem heutigen Tag neu gestellt, und der werden wir uns auch zuwenden."

Das wird auch das Deutsche Atomforum interessieren.

Sicherheitsrelevante Defekte (1993-2008)

Kraftwerk Defekte Betriebsstart Typ
Krümmel 82 1984 Siedewasserreaktor
Brunsbüttel 80 1977 Siedewasserreaktor
Biblis B 78 1976 Druckwasserreaktor
Biblis A 66 1974 Druckwasserreaktor
Unterweser 49 1978 Druckwasserreaktor
Brokdorf 48 1986 Druckwasserreaktor
Grohnde 47 1985 Druckwasserreaktor
Neckarwestheim I 47 1976 Druckwasserreaktor
Isar I 44 1979 Siedewasserreaktor
Grafenrheinfeld 41 1981 Druckwasserreaktor
Philippsburg I 39 1980 Siedewasserreaktor
Gundremmingen B 32 1984 Siedewasserreaktor
Philippsburg II 31 1984 Druckwasserreaktor
Gundremmingen C 26 1984 Siedewasserreaktor
Emsland 25 1988 Druckwasserreaktor
Neckarwestheim II 19 1988 Druckwasserreaktor
Isar II 20 1988 Druckwasserreaktor

Quelle: Bundesumweltministerium

Die Stufen der INES-Skala

Stufe Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
7: Katastro- phaler Unfall Schwerste Freisetzung von Radioaktivität, Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld Katastrophe von Tschernobyl 1986 (UdSSR, heute Ukraine)
6: Schwerer Unfall Erhebliche Freisetzung von Radioaktivität, voller Einsatz der Katastrophen- schutz- Maßnahmen Katastrophe von Kyschtym 1957 (UdSSR, heute Russland)
5: Ernster Unfall Begrenzte Freisetzung von Radioaktivität, teilweiser Einsatz der Katastrophenschutz- Maßnahmen Reaktorkern / radiologische Barrieren schwer beschädigt Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1957 (Großbritannien), Three Mile Island 1979 (USA) und Tokaimura 1999 (Japan)
4: Unfall Geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung etwa in Höhe natürlicher Quellen Reaktorkern / radiologische Barrieren erheblich beschädigt, Strahlen- belastung von Mitarbeitern mit Todesfolge Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1973 (Großbritannien), Saint-Laurent 1980 (Frankreich)
3: Ernster Störfall Sehr geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung in Höhe eines Bruchteils natürlicher Quellen Schwere radioaktive Kontaminierung, Mitarbeiter erleiden akute Gesundheits- schäden Beinahe-Unfall: keine weiteren Sicherheits- vorkehrungen, die einen Unfall verhindert hätten Störfall von Vandellòs 1989 (Spanien)
2: Störfall Erhebliche radioaktive Kontaminierung, unzulässige Strahlen- belastung von Mitarbeitern Störfall mit erheblichen Ausfällen von Sicherheits- vorkehrungen Störfälle von Philippsburg 2001 (Deutschland) und Forsmark 2006 (Schweden)
1: Störung Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Anlagenbetrieb Störung durch Ventilschaden im südhessischen Atomkraftwerk Biblis, Block A im Dezember 1987
0 Keine oder sehr geringe sicherheits- technische Bedeutung

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

Mit Material von dpa

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insgesamt 166 Beiträge
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Seite 1
Hilfskraft 13.03.2011
1. Sicherheit
Sicherheit ist bei allen AKWs nur Theorie. Müßig, Modelle und Standorte mit einander zu vergleichen. Die Mengen, die in Japan zur Zeit freigesetzt werden, werden im Laufe der nächsten Generationen um den Globus wandern und die "natürliche" Radioaktivität bis ins Unendliche erhöhen und für uns alle die Erde unbewohnbar machen. Danke Japan! Dank an die verbohrte A. Merkel und ihrer AKW-Lobby. H.
malanda 13.03.2011
2. Wir sollten in Deutschland vorher handeln, nicht, wenn es zu spät ist
... sicher - ein Erdbeben war die auslösende Ursache. Und wie üblich kommen auch bald wieder die Versicherungen der Atomlobby, bei uns könne das nicht passieren. Schon, weil es bei uns keine Erdbeben in dieser Größenordnung geben. Und so mancher Politiker - Röttgen fällt mir hier unangenehm auf - meint, wir Bürger sollten uns ja nicht erdreisten, hier in Deutschland wieder eine Diskussion um die Atomkraft anzustoßen. Herrgott nochmal, für wie blöd wird die Bevölkerung denn gehalten? Jeder vernünftig denkende Mensch weiß, dass auch mehrfach redundante Systeme irgendwann eine Fehlfunktion haben werden - es ist nicht die Frage, ob das geschieht, sondern nur, wann es geschieht. Es kann doch nicht sein, dass nur wegen des Geldhungers der Energiekonzerne in Deutschland eine Technologie betrieben werden darf, die eine potentielle Gefährdung der Bevölkerung darstellt. Wenn hier in Grafenrheinfeld der Reaktor durchgehen sollte, kann man München und Frankfurt auch gleich noch mit räumen. Viel Vergnügen - wo soll man in unserem kleinen Land dann noch hin? Aprospos Grafenrheinfeld: Erinnere ich mich richtig? Man vermutet in Grafenrheinfeld einen Riß in der Kühlleitung? Und man hat es nicht nötig, den Reaktor runterzufahren, sondern man wolle das während der normalen Turnus-Wartungsarbeiten im März klären? Geht's noch? Das ist in höchstem Maß verantwortungslos. Wo wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen, wird mir niemand erzählen können, dass immer sofort im Interesse der Sicherheit gehandelt wird - Beispiele dafür gibt es ja. Der Mensch hat seit grade mal seit 5000 Jahren eine nennenswerte Kulturgeschichte, seit gerade mal 200 Jahren einen wirklich erstaunlichen Entwicklungsschhub - aber wir (nicht wir, sondern die Herren aus den Energiekonzernen und die lobby-hörigen Politiker) nehmen uns die Freiheit, das Leben unserer Nachfahren für 1 Million zu gefährden. Solange strahlt der Dreck tödlich und wir haben noch immer keine Vorstellung, wie das Zeug s i c h e r gelagert werden kann. Alles, was wir bisher wissen, ist, dass wir nichts haben, wo es gut untergebracht ist. Mann, Merkel, Politiker, --- W Ä H L E R --- lasst uns mit diesem Scheiß aufhören! Lasst uns das Gehirnschmalz in alternative Energien stecken. Selbst um den Preis, dass wir uns vielleicht ein paar Jahre einschränken müssen. Aber es kann nicht sein, dass wir hier Reaktoren laufen lassen, die, wenn sie durchgehen, unser Land unbewohnbar machen und über die Jahre viele Todesopfer verursachen können. Wir sitzen auf einem Pulverfass - bilden wir uns nicht ein, dass wir unsere Atomkraftwerke zu jedem Zeitpunkt im Griff behalten können. Es wird Zeit, dass die Bürger der Politik bescheidstoßen. Ihr vertretet uns - nicht die Interessen der Wirtschaft. ... und es geht nicht darum, ein ideologisches Süppchen zu kochen, es geht um Menschen. Erzählen Sie jetzt mal den Menschen um Fukushima, dass Atomkraft unverzichtbar ist. Rettungskräfte sind wegen der unsicheren Lage in Fukushima wieder nach Hause geflogen - ich habe Verständnis dafür. Ich geb' zu, ich würd's auch nicht machen wollen. Wir haben aber genug Leute, die Atomkraft verteidigen und unbedingt wollen. Wie wär's - Sie können in Fukushima helfen
Silberstern, 13.03.2011
3.
Ich hoffe nur, dass sich die Leute bei den nächsten Wahlen überlegen, wo sie ihre bis zu zwanzig Kreuze setzen. Solange das richtungslose Stimmvieh unseren "Volksparteien" einen Midnestwert von 30%+ bietet, nehmen die keine Rücksicht auf das Vernünftige, sondern setzen das Billigste um was ihnen von Lobbyorganisationen untergeschoben wurde. In diesem Fall wird wieder Focus möglichst eng gehalten, dass ja niemand auf die Idee kommt, es gäbe noch andere Unfälle/Katastrophen außer Erdbeben, die unsere Meiler bedrohen könnten... Aber es macht eben schon einen Unterschied, ob eine 747 in ein Atomkraftwerk stürzt oder in ein Kohlekraftwerk. Unrealistisch? Ich denke nein. Noch vor ein paar Jahren haben wir aus Angst davor zwei Kriege gestartet. Aber unsere Meiler sind nun sicher. Wer's glaubt.
seppiverseckelt 13.03.2011
4. Danke !
...Für diesen äusserst wichtigen Artikel ! Seit Jahren bemühen wir in Südbaden uns zusammen mit Schweizerischen und Elsässischen Umweltaktivisten darum dass endlich der Schrottraktor in Fessenheim Stillgelegt wird- eswäre höchste Zeit dass unsere deutsche Regierung kenntnis davon nimmt und DRUCK auf die französische regierung ausübt dass mindestens d e r endlich von Netz geht ! Was erdbeben bei uns am Oberrheingraben angeht- das grosse Beben von Basel anno 1356 hatte geschätzt eine stärke zwischen 6,5 und 7 -sicherlich nicht vegleichbar mit Japan jetzt- aber allemal genug um einen Schrottreaktor wie Fessenheim in die Katastrophe zu treiben-und so ein Beben kann hier prinzipiell auch für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden! WAS muss eigntlich noch geschehen bis HIER endlich REAGIERT WIRD ???
soisses, 13.03.2011
5. Siedewasserreaktoren abschalten - sofort!
Worauf warten die Entscheider in Politik und Betreiber? Muss erst die alte Technik versagen? AKW's mit alter Technik und unzureichender Sicherheitseinrichtungen stellen eine akute Gefahr dar. Die Qualität der deutschen Kontrollorgane (UM, TÜV) sollte überprüft werden.
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