Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sicherheitstechnik: Forscher warnen vor Hautkrebs-Risiko bei Körperscannern

Von

Körperscanner im Einsatz: Diskussion um Strahlenbelastung Zur Großansicht
AP

Körperscanner im Einsatz: Diskussion um Strahlenbelastung

Gesundheitsrisiko durch Sicherheitstechnik? US-Wissenschaftler warnen davor, dass ein bestimmter Typ von Körperscannern das Auftreten einer Hautkrebsart begünstigen könnte. Die Geräte dürften in Deutschland aber wohl ohnehin nicht zum Einsatz kommen.

Berlin - Erinnern Sie sich noch an die Körperscanner? Nach dem Anschlagsversuch auf einen US-Passagierjet beim Anflug auf Detroit Ende Dezember 2009 waren die Geräte zum Durchleuchten von Flugpassagieren tagelang weltweites Nachrichtenthema Nummer eins. Drängende Fragen wurden erörtert: Können die High-Tech-Maschinen tatsächlich gefährliche Schmuggelware, Sprengstoffe zum Beispiel, erkennen? Werden die Persönlichkeitsrechte der durchleuchteten Reisenden unzulässig beschnitten? Und welche Gesundheitsrisiken birgt die Untersuchung möglicherweise?

Nach einigen Tagen der Aufregung schwächte sich die öffentliche Debatte um die Allesblicker freilich wieder ab. Doch in Fachkreisen wird weiter über die Geräte diskutiert. Nun warnen einige Forscher in den USA vor einem bestimmten Scannertyp, bei dem Röntgenstrahlung zum Durchleuchten der Flugpassagiere eingesetzt wird. Allen voran beklagt David Brenner, der britische Chefradiologe der Columbia University in New York, mögliche Gesundheitsrisiken durch Röntgenstrahlung. Auch der Biochemiker David Agard von der University of California äußert sich ähnlich.

Für einen einzelnen Flugpassagier sei die Gefährdung sehr niedrig, erklärte Brenner. Weil aber mehrere hundert Millionen Menschen pro Jahr durch Sicherheitskontrollen von Flughäfen gingen, könne das in der Gesamtbevölkerung trotzdem zu signifikant höheren Hautkrebs-Fallzahlen führen. Wie hoch der Anstieg, kann Brenner nicht beziffern.

Betroffen von der Warnung sind nur Röntgenscanner ("X-Ray Backscatter Scanner"). Solche Geräte sind in Deutschland nicht im Einsatz, sehr wohl aber in den USA. Nach Herstellerangaben soll die Strahlungsintensität mit 0,1 bis 0,2 Mikrosievert sehr niedrig sein - und derjenigen entsprechen, die allein während einiger Minuten eines Interkontinentalflugs zusammenkommt. Doch der Radiologe erklärte, dass eine bestimmte Bevölkerungsgruppe durch die Scanner dennoch gefährdet sein könnte. Es handele sich um Menschen, bei denen der Körper wegen eines Gendefekts Erbgutschäden an der Haut nur schlecht beheben kann. Brenner bezifferte den Anteil dieser Gruppe auf fünf Prozent der Bevölkerung.

Forscherkollege Agard erklärte, dass die Strahlendosis sich eben nicht auf den gesamten Körper verteile, sondern nur die Haut betroffen sei. Dadurch fielen die Belastungen dort vergleichsweise hoch aus. Eine bestimmte Form von Hauttumoren an Hals und Gesicht, sogenannte Basaliome, könnten nach Ansicht von Brenner und Agard durch die Strahlung verstärkt auftreten. Selbst wenn sie wenig energiereich ist, kann Röntgenstrahlung Erbgutschäden verursachen, die eine gesunde Zelle normalerweise repariert. Da der Reparaturmechanismus bei Menschen mit dem Gendefekt jedoch gestört ist, können nicht behobene Erbgutschäden auch zur Entstehung von Krebszellen führen.

Genau aus diesem Grund lehnt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) den Einsatz von Röntgenscannern in Deutschland ab: "Es gibt keine sichere Schwelle, unterhalb derer kein gesundheitliches Risiko mehr bestehen würde", heißt es bei der Behörde.

Wer sich nicht scannen lässt, riskiert zu Hause zu bleiben

Betroffen von Basaliomen sind normalerweise Patienten zwischen 50 und 70 Jahren. Für viele jüngere Passagiere wird darum auch erst in einigen Jahrzehnten klar sein, ob die Warnung tatsächlich berechtigt war. Um auf Nummer sicher zu gehen, schlägt Brenner vor, Gesicht und Hals von Reisenden nicht mit Röntgenscannern zu untersuchen.

Im Februar hatte bereits das Inter-Agency Committee on Radiation Safety - eine Gruppe an der unter anderem die Internationale Atomenergiebehörde, die Europäische Kommission und die Weltgesundheitsorganisation beteiligt sind - vorgeschlagen, Kinder und Schwangere von der Prozedur auszunehmen. In den USA können Fluggäste sich weigern, die Röntgenscanner zu benutzen, wenn sie einer intensiven Durchsuchung per Hand zustimmen. Reisende in Großbritannien, wo die Geräte an den Flughäfen Manchester, London-Heathrow und London-Gatwick stehen, haben die Wahl im Zweifelsfall aber nicht. Wer sich nicht unter die Kleider blicken lässt, riskiert zu Hause zu bleiben.

Eine einheitliche rechtliche Grundlage zum Einsatz von Körperscannern in Europa existiert bisher nicht. Mitte Juni hat die Europäische Kommission einige Ideen dazu in einem 20-seitigen Bericht an das Europäische Parlament und den Europäischen Rat zusammengefasst. Darin heißt es, dass bei der Benutzung eines Röntgenscanners nur eine Belastung von einem Vierzigstel der nach EU-Recht vorgeschlagenen Tageshöchstdosis anfalle. Trotzdem sollten Schwangere, Säuglinge, Kinder und Behinderte alternative Untersuchungsmöglichkeiten angeboten bekommen.

"Es gibt mit den Terahertz-Scannern technische Alternativen, die keine mit Röntgenstrahlen vergleichbare Risiken aufweisen", stellt das BfS fest. Deswegen werden hierzulande derzeit solche Scanner getestet. Bei diesem Verfahren kommt keine Röntgenstrahlung zum Einsatz. Schäden an Hautzellen sollten deswegen nicht auftreten. Bestenfalls sollten sich, je nach verwendeter Strahlungsart, die obersten Millimeter der Haut leicht erwärmen. Ob auch das gesundheitliche Risiken birgt, wird derzeit untersucht. Zumindest aus Strahlungserwägungen sind freilich sogenannte passive Terahertzsysteme am besten: Bei ihnen wird nur die Wärmestrahlung gemessen, die vom Körper selbst ausgeht. Zusätzliche Belastungen für die Gesundheit gibt es dabei nicht. Ob die Geräte im Praxiseinsatz freilich auch sensibel genug sind, um mögliches Gefahrgut zu finden, muss sich noch zeigen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Strahlung überall!
BiffBoffo 02.07.2010
W-Lan, Dect, Energiesparlampen, Handy und Handymasten, beim Arzt Röntgen und dann am Flughafen der Körperscaner überall Strahlt es. Ganz schlimm ist es in Ballungszentren wo jeder ein W-Lan hat. Ein Freund von mir litt jahre lang unter schweren Kopfschmerzen bis er rausbekommen hat das der Router vom Nachbarn genau an der Wand von seinem Kopf ist wo er schläft. Das kann alles nicht gesund sein. Ich werde demnächst eine Initative starten wo ich die Nachbarn bitte alle W-Lans nachts auszustellen am besten noch das Handy ausmachen. Ich glaube da sehr drann das dies uns unterbewusst beinflusst. Auch wenn wir es erstmal nicht merken oder wie mein Freund erst nach Jahren! Sicherheit geht vor gesundheit ? Kann nicht sein!
2. Titel für den Beitrag
Alzheimer, 02.07.2010
Wenn mit Röntgenstrahlung zur Passagierkontrolle gearbeitet wird, so ist dies auch für mich ein Grund, mich nicht mehr freiwillig in ein Flugzeug zu setzen. Passive Verfahren, die nur die vom Körper ausgesendete Strahlung detektieren sind unbedenklich.
3. 0,1 bis 0,2 Mikrosievert
yrickoff 02.07.2010
Das ist, wie im Text schon steht, etwa soviel wie 15 Minuten im Flugzeug auf 10.000 Fuß Höhe. Reine Panik mache; die berühmte Sau die durchs Dorf getrieben wird.
4. .
frubi 02.07.2010
Zitat von sysopGesundheitsrisiko durch Sicherheitstechnik? US-Wissenschaftler warnen davor, dass ein bestimmter Typ von Körperscannern das Auftreten einer Hautkrebsart begünstigen könnte. Die Geräte dürften in Deutschland aber wohl ohnehin nicht zum Einsatz kommen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,703861,00.html
Mir ist jede Studie recht, die die Einführung solcher Scanner verhindert.
5. Strahlen
Loosa 02.07.2010
Schön, dass diese Technik in Deutschland wohl nicht kommen wird. Leider hilft das nur innerdeutsch. Bei meinem letzten Trip nach England wurde ich, bei einer Zwischenlandung in Amsterdam, von einem Körperscanner überrascht. Soll man ihn verweigern um dann auf halbem Weg zu stranden? Sowas sollte auf dem Ticket vermerkt sein! Bei mir zeigte er prompt zwei Alarmregionen; die darauf folgende Reaktion und Kontrolle war dann sehr "intensiv" *brrrr*. Die eine Meldung wurde wohl von einem Piercing ausgelöst, die andere war eine komplette Fehldiagnose. Zum Thema Elektrosmog stimme ich zu, den gibt es wirklich. Jedenfalls stellten sich bei mir schnell Kopfschmerzen ein, wenn ich auf engstem Raum drei Computer, Stereoanlage, Fernseher, ... einschaltete. Aber die Angst davor sollte man auch nicht übertreiben. Auch ganz ohne Technik saust alles mögliche an Strahlung durch unseren Körper. Und die Mehrbelastung in den Bergen hat auch noch keinen vom Skifahren abgehalten. ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Umstrittener Check am Flughafen: Scannen bis auf die Haut

Nacktscanner
Was ist der Vorteil eines Nacktscanners?
Körperscanner sind Geräte, mit denen die Oberfläche des menschlichen Körpers unter der Kleidung abgebildet werden kann. So sollen versteckte Gegenstände sichtbar gemacht werden - etwa Sprengstoff oder sogenannte Nichtmetallwaffen wie Keramikmesser, die bei herkömmlichen Scannern unerkannt bleiben.
Wie funktioniert das Gerät?
REUTERS/ TSA
Für die Nacktscanner gibt es zwei technische Methoden: Röntgenstrahlen und die Terahertzstrahlen. Bei der Röntgenmethode ist die mittlere Gesamtstrahlenbelastung geringer als beim konventionellen Röntgen. Die dabei anfallende Strahlung entspricht nach Angaben der US-Flugsicherheitsbehörde TSA in etwa der Dosis, der ein Passagier innerhalb von zwei Minuten in einem Flugzeug auf Reiseflughöhe ausgesetzt ist.

Die Terahertzmethode setzt elektromagnetische Strahlung im Grenzbereich zwischen Infrarotlicht und Mikrowellenstrahlung ein. Die sogenannten T-Wellen sind Teil der natürlichen Wärmestrahlung. Bis vor wenigen Jahren waren diese technisch noch gar nicht zugänglich. Die Terahertzmethode wird untergliedert in eine aktive und eine passive Form. Bei der aktiven Methode scannt ein fokussierter Strahl den Körper ab und konstruiert aus der Rückstreuung ein Bild. Bei der passiven Methode wird nur die natürliche Wärmestrahlung des menschlichen Körpers erfasst, wodurch ein Bild ohne anatomische Details erzeugt wird. Im Vergleich zur Röntgenmethode ist die auf den menschlichen Körper wirkende Energie bei der aktiven Terahertzmethode wesentlich geringer, im Passivmodus wirkt sogar überhaupt keine Strahlenquelle auf den Körper.
Warum ist der Scanner umstritten?
Datenschützer halten den flächendeckenden Einsatz von Scannern für unverhältnismäßig. Besonders kritisiert wird an den Geräten, dass die erzeugten Nacktbilder die Privatsphäre oder sogar die Menschenwürde verletzen. Außerdem können die Scanner keine Substanzen oder Gegenstände erkennen, die in Körperöffnungen wie Mundhöhle, Gehörgang oder Rektum eingeführt wurden.
Wird der Körperscanner in Europa eingesetzt?
Sogenannte Nacktscanner werden in der EU bislang nur zu Testzwecken eingesetzt. Die EU-Kommission erklärte zwar im Herbst 2008, den Einsatz dieser Geräte an Flughäfen zulassen zu wollen, doch das Europaparlament stoppte das Vorhaben. In Deutschland begannen im Dezember 2008 Laborversuche bei der Bundespolizei, ab September 2010 sollen erste freiwillige Tests am Hamburger Flughafen stattfinden.

DPA
Eine neue Generation von Scannern wird derzeit in Amsterdam, London und Zürich getestet - ebenso wie in Moskau und US-amerikanischen Städten. Laut Experten sind diese Geräte vollkommen automatisiert. Die Scanbilder von unbekleideten Körpern bekommt - angeblich zumindest - kein anderer Mensch mehr zu sehen, sondern nur noch der Computer. Sobald dem Rechner an einem Körper etwas gefährlich erscheint, sendet er eine Warnmeldung.

Fotostrecke
Körperscanner: Smarter Spanner

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: