Sicheres Reisen Gibt es den perfekten Platz im Flugzeug?

Vorn oder hinten, Fenster oder Gang? Wer besonders sicher im Flugzeug sitzen möchte, kann sich viele Fragen stellen. Diese Tipps geben Experten.

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Es mag sich nicht immer und für jeden so anfühlen - aber das Flugzeug zu nehmen ist sehr, sehr sicher. Die Datenbank Planecrashinfo.com beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Mensch bei einem bestimmten Flug ums Leben kommt mit 1 zu 4,7 Millionen. Selbst die Chance, auch nur an Bord zu sein, wenn es zu einem tödlichen Unfall kommt, der jemand anderen in der Maschine betrifft, liegt demnach bei 1 zu 3,4 Millionen.

Ausgewertet wurden dabei Unglücke aus den Jahren zwischen 1993 und 2002. Je nach verwendeten Daten und Analysemethode können sich auch minimal andere Ergebnisse ergeben. Doch die Größenordnung stimmt: Fliegen, zumal in einem normalen Linien- oder Charterflugzeug, ist sicherer als alle anderen Arten der Fortbewegung. Oder platt ausgedrückt: Wenn Sie sich schon Sorgen machen, dann sorgen Sie sich besser um die Fahrt zum Flughafen - nicht um den anschließenden Flug.

Dessen ungeachtet gibt es auch in der Luftfahrt Unglücke, gibt es Tage wie den Dienstag dieser Woche, als der Flug Southwest Airlines 1380 von New Yorks LaGuardia Airport nach Dallas unterwegs war.

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Flug Southwest 1380: Gefährlicher Zwischenfall

Dabei war es auf knapp 10.000 Metern Höhe im linken Triebwerk der Boeing 737-700 zu einem schweren Problem gekommen, womöglich verursacht durch Materialermüdung: Trümmerteile aus dem Triebwerk hatten einen Flügel und ein Fenster des Jets durchschlagen. Eine Passagierin, die 43-jährige Bankmitarbeiterin Jennifer Riordan aus Albuquerque (Bundesstaat New Mexico), wurde durch den Unterdruck teilweise aus der Kabine nach draußen gesogen und starb.

Riordan saß auf Platz 14A der Maschine - und sicherheitsbewusste Menschen könnten sich nun die Frage stellen: Gibt es bestimmte Sitzplätze im Flugzeug, die empfehlenswerter sind als andere? Denn wie klein auch immer die Wahrscheinlichkeit für ein Problem ist, wenn sie sich weiter drücken ließe, könnte das ja durchaus wissenswert sein.

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Nun, natürlich gibt es nicht den perfekten Platz in der Maschine. Denn neben möglichen Sicherheitserwägungen gibt es auch andere Kriterien: Wer etwa seine Ruhe haben will, hat ziemlich genau die entgegengesetzten Anforderungen von jemandem, der mit einem Kleinkind reist. Wer glaubt, oft auf Toilette zu müssen, wird einen anderen Sitz bevorzugen als ein Fluggast, dem es vor allem um die perfekte Aussicht geht. Und wer gleich nach der Landung zu einem Termin hetzen muss, sitzt eh möglichst weit vorn.

Was die reine Frage nach der Sicherheit angeht, ist die Informationslage zunächst überraschend dünn. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung sieht keine Möglichkeit, sich zu äußern. Die Unfallforschung der Versicherer befasst sich nur mit dem Straßenverkehr. Und die Flugzeugbauer Airbus und Boeing geben zu Protokoll, dass für sie aus Sicherheitsaspekten ein Sitz in ihren Flugzeugen wie der andere sei - und damit eben alle gleichgut. Vor allem, wenn man sich anschnallt.

Hinten ist besser als vorn

Zwei Medien, immerhin, haben sich in den vergangenen Jahren mit der Suche nach dem sichersten Sitzplatz befasst. Die Wissenschaftszeitschrift "Popular Mechanics" im Jahr 2007 und das Magazin "Time" acht Jahre später haben jeweils Daten von Flugunfällen ausgewertet.

Bei "Popular Mechanics" hatte man sich Statistiken von Flugzeugunglücken in den USA seit 1971 angesehen und war zu dem Schluss gekommen, dass die Überlebensraten im hinteren Teil des Jets (69 Prozent) deutlich über denen in der Mitte (56 Prozent) und im vorderen Bereich (49 Prozent) lagen. Die Schlussfolgerung laut "Popular Mechanics" also: hinten ist besser als vorn.

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Flugsicherheit: Suche nach dem sichersten Platz

Bei "Time" konnte man die Empfehlung nach Auswertung von US-Daten seit 1985 sogar noch präzisieren: Dort sah man sich Todesraten bei Unfällen an. Und die waren vorn (38 Prozent) sowie in der Mitte (39 Prozent) sehr ähnlich. Hinten schnitt mit 32 Prozent auch wieder besser ab - und vor allem die Untergruppe der Mittelsitze hinten, interessant gerade bei Flugzeugen mit zwei Gängen, kam mit einer Todesrate von nur 28 Prozent auf den besten Wert.

Zusammengefasst: Hinten ist besser als vorn, weiter weg vom Fenster ist besser als nah dran. So belegen es jedenfalls die Auswertungen der beiden Zeitschriften. Aber, und das ist wichtig: Die Überlebenschancen auf einem bestimmten Platz hängen eben jedes Mal vom konkreten Einzelfall ab. Denn die berechneten Wahrscheinlichkeiten sind Mittelwerte über alle untersuchten Unfälle.

Raus, raus, raus - binnen 90 Sekunden

Wenn ein Flugzeug durch eine Bombe in der Luft explodiert, wie höchstwahrscheinlich ein russischer Airbus 321 über dem Sinai im Herbst 2015, wenn es gezielt in einen Berg gelenkt wird, wie der Airbus 320 von Germanwings im Frühjahr desselben Jahres, dann ist es vollkommen egal, wo man sitzt. Leider.

Forscher der Universität im britischen Greenwich haben sich vor einigen Jahren all die Flugzeugunglücke angesehen, die von mindestens einem Menschen überlebt wurden. Und das sei "die weit überwiegende Zahl der Unglücke", sagt Ed Galea. Der Mathematiker war damals Leiter der Studie, in der es vor allem um eine Frage ging: Wenn das Flugzeug evakuiert werden kann, gibt es dann einen Platz, auf dem man bessere Chancen hat?

Und hier hat Galea durchaus Ergebnisse vorzuweisen. Auch wenn die einer entscheidenden Einschränkung unterliegen. Bessere Chancen gibt es nämlich tatsächlich - wenn man als Passagier im Höchstabstand von sieben Reihen zu einem funktionierenden Notausgang sitzt. "Das heißt nicht, dass man woanders keine Chance hat, aber die Wahrscheinlichkeit zu überleben ist geringer", sagt Galea. Im Fall eines Crashs sollten alle Passagiere das Flugzeug binnen 90 Sekunden über einen Notausgang verlassen haben - weil sich sonst zum Beispiel ein Feuer im Innenraum zu stark ausgebreitet hätte.

Welchen Platz wählt der Unfallforscher?

Einen Unterschied zwischen einem Platz unmittelbar in der Notausgangsreihe - dort dürfen übrigens nur bestimmte Passagiere sitzen, sogenannte Able Bodied Passengers, die im Notfall bei der Evakuierung mithelfen - und Plätzen in den Reihen in unmittelbarer Nähe gebe es aber nicht, beschreibt Galea.

Das Problem bei seiner Untersuchung: "Unglücklicherweise weiß man nicht, welche Notausgänge nach einem Crash noch funktionieren", so der Forscher. Was man aber noch sagen könne: Auf einem Gangplatz seien die Überlebenschancen "marginal höher" als am Fenster - weil sich ein Notausgang im Zweifel direkter erreichen lasse.

Und noch eine Information gibt es: Durch Notausgänge an den Flügeln passen pro Minute nur rund halb so viele Menschen wie durch die normalen Flugzeugtüren. Deswegen gibt es, je nach Flugzeugtyp, oft zwei solcher Over Wing Exits nebeneinander.

Welchen Sitz wählt der Unfallforscher nun selbst, wenn er fliegt? Einen Stammplatz habe er nicht, sagt Galea. Wenn er es sich aussuchen könne, versuche er in der Nähe eines Notausgangs zu sitzen. "Wenn das nicht klappt, hält mich das aber auch nicht vom Fliegen ab", sagt der Wissenschaftler.

Zuhören und nachlesen

Wo die Notausgänge eines Flugzeugs liegen, das verraten vor jedem Start die Flugbegleiter. Ihnen zuzuhören ist also auch für Vielflieger eine gute, womöglich lebensrettende Idee. Auch die Sicherheitskarte am Platz sollte man sich immer wieder ansehen. Darauf ist auch die sogenannte Brace-Position beschrieben, die Verletzungen bei einem Aufschlag des Flugzeugs mindern soll.

Und bei den Sicherheitshinweisen gibt es auch den Ratschlag, sich möglichst während des gesamten Flugs anzuschnallen. Das macht Sinn - auch wenn Jennifer Riordan, das Opfer auf dem Southwest-Airlines-Flug, trotz angelegtem Sitzgurt aus der Kabine gerissen wurde.

Und noch etwas steht in der Sicherheitskarte, was die Flugbegleiter zudem vor jedem Start wiederholen - nämlich wie eigentlich die Sauerstoffmasken aufgesetzt werden. Die fallen bei einem Druckverlust, zum Beispiel wegen eines Lochs in der Flugzeughülle, von der Decke. Und nur wer sie über Mund und Nase zieht, bekommt die angemessene Menge an dringend benötigtem Sauerstoff.

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Viele Bilder aus der Southwest-Unglücksmaschine zeigen allerdings, dass Passagiere die Masken aus Unkenntnis nur über dem Mund tragen. Wer sich Sorgen um seine Sicherheit beim Fliegen macht, sollte das nicht tun. Egal, wo er im Flugzeug sitzt.

insgesamt 55 Beiträge
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Edgard 20.04.2018
1. Wenn ich fliege...
... dann an einem guten Fensterplatz das Panorama und das Gefühl des Fliegens zu genießen und die Natur aus über 10km Höhe - und nicht um irgendwelche "German Ängste" zu hätscheln und zu "kultivieren". Auch das ein Grund warum in Deutschland kaum etwas vorwärts geht - die Oberbedenkenträger haben längst das Ruder übernommen und steuern uns im Kreis.
Raget 20.04.2018
2. @Edgard
Deswegen war es auch eine britische Studie...
zylmann 20.04.2018
3. Habe mal gelesen
bis 5.Reihe vor oder hinter dem Notausgang. Gebucht Platz eingenommen und Notausgang ins Visier genommen. Dann kam die Ernüchterung! Genau neben dem Notausgang saß ein unglaublich voluminöser Passagier. Im Notfall hätte er wie ein Korken gewirkt. Und überhaupt , was wenn nun die Mehrheit diese Plätze haben wollen.
j.e.r. 20.04.2018
4. Statistisch gesehen unter dem Strich kaum relevant
aber trotzdem - vor langer Zeit war ein Arbeitskollege eigentlich auf einem Flug in die USA, kam ungeplant zurück ins Büro weil kurz vor dem Start ein Triebwerk ausgefallen sei. Den Koffer bekam er zurück mit einem Loch, verursacht durch eine Triebwerkschaufel die in den Gepäckteil des Flugzeugs eingeschlagen hat. Seither bevorzuge ich Sitze vor oder hinter den Triebwerken, der Sicht wegen ......
MannAusmNorden 20.04.2018
5. Soll man was sagen?
Ja, mache ich: Fliegen ist sicher. Man sieht nur eben immer wieder diese Nachrichten über Unfälle, und die sind auch schlimm. Aber wie viele tausend Flüge fliegen jeden Tag ohne Probleme. Selbe Sache bei Zugfahrten. Da stirbt man auch eher an Herzinfarkt wegen Stress weil der Zug zu spät ist als durch einen Unfall :-D
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