Solarflug-Pionier Piccard: "Die Menschen sollen Energiesparen sexy finden"

"Solar Impulse": Spektakulärer Sonnensegler Fotos
AFP

Mit einem riesigen Solarflugzeug will der Schweizer Bertrand Piccard die Welt umrunden. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät der Berufsabenteurer, was er mit dem Millionenprojekt beweisen will - und wie er sich für tagelange Nonstop-Einsätze im Cockpit fit hält.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben knapp zehn Jahre lang an einem Solarflugzeug gearbeitet. Doch weder Touristen noch Geschäftsreisende werden je damit fliegen können. Was soll das Ganze bringen?

Piccard: "Solar Impulse" ist mehr als ein Flugzeug. Mir geht es um eine Botschaft. Das ist es, wofür ich zehn Jahre lang gearbeitet habe. Dank des Projekts kann ich über die Dinge sprechen, die mir am Herzen liegen - und man hört mir zu. Ich will den Menschen klarmachen, dass wir bereits heute die Technologie haben, um unsere Abhängigkeit von fossilen Energien gewaltig zu reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Flieger setzt deswegen auf Solarenergie.

Piccard: Wenn ein Flugzeug Tag und Nacht ohne Treibstoff fliegen kann, angetrieben nur von der Kraft der Sonne, dann kann niemand behaupten, dass es unmöglich sei, auf die gleiche Weise Autos, Heizungen und Klimaanlagen oder Computer zu betreiben. Das Projekt ist Ausdruck unserer Überzeugung, das Pioniergeist und politischer Wille gemeinsam die Gesellschaft verändern und unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen beenden können.

SPIEGEL ONLINE: Aber technologische Abfallprodukte Ihrer Arbeit für den Hausgebrauch wird es nicht geben.

Piccard: Wir haben bestehende Technik optimiert. Mir sind Spin-Offs deshalb nicht so wichtig. Ich will, dass die Menschen da draußen unsere Abenteuer verfolgen und verstehen: Sie können auch Energie sparen und erneuerbare Energien nutzen, genau wie wir es tun. Die Menschen sollen erneuerbare Energien und Energiesparen sexy finden.

"Die Industrie findet von allein die besten Wege"

SPIEGEL ONLINE: Um diese Botschaft zu verbreiten, sind Sie zum globalen Wanderprediger geworden.

Piccard: Durch Interviews und Präsentationen erreiche ich jedes Jahr Millionen von Menschen. In diesem Sinne kann "Solar Impulse" politische Entscheidungen beeinflussen. Das ist der Grund, warum ich gerne zur Eröffnung der nächsten Uno-Klimakonferenz in Mexiko sprechen würde.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie den Klimadiplomaten bei dieser Gelegenheit sagen?

Piccard: Zum Beispiel, dass die Debatte total falsch läuft. Wir dürfen nicht immer nur über die Kosten des Klimawandels sprechen. Unser Problem ist nicht der Klimawandel, sondern die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Wenn man die Sache so sieht, dann fällt einem auf, dass es schon eine Menge Lösungen für dieses Problem gibt. Diese Lösungen sind profitabel, weil sie Jobs schaffen und neue Märkte öffnen. Es geht also nicht mehr um Kosten, sondern um Profite.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen gibt es nicht mehr viel Begeisterung für den Klimaschutz - selbst wenn man ihn als Jobwunder verkauft.

Piccard: Niemand käme auf die Idee, seinen Müll einfach in den Wald zu werfen. Aber gleichzeitig darf man so viel CO2 ausstoßen, wie man will. Halten Sie das für normal? Natürlich müssen sich die Staaten auf strenge Regeln zum Klimaschutz einigen, vor allem aber müssen sie die Verschwendung unserer natürlichen Ressourcen begrenzen. Wir brauchen strenge Grenzen für Energieverbrauch und CO2-Ausstoß. Man darf der Industrie aber nicht vorschreiben, wie sie diese Ziele erreichen soll. Die Industrie findet von allein die besten Wege.

"Vielleicht wäre es eine gute Idee, etwas langsamer zu fliegen"

SPIEGEL ONLINE: Viele Manager haben trotzdem wenig Lust auf strengere Energiespar- und Klimaschutzregeln.

Piccard: Richtig ist, dass viele Menschen nicht weit genug vorausdenken und Angst haben, notwendige Veränderungen vorzunehmen. General Motors wäre zum Beispiel nicht pleitegegangen, wenn man die Firma vor zehn Jahren gezwungen hätte, spritsparende Autos zu produzieren. Es geht nicht darum, jemanden mit neuen Regeln an die Kandare zu nehmen, sondern darum, Firmen fürs Überleben fit zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Zu den Branchen mit den größten Öko-Problemen zählt die Luftfahrtindustrie. Haben Luftfahrt-Manager verstanden, dass es um ihr wirtschaftliches Überleben geht?

Piccard: Sie haben das Problem verstanden, aber es ist schwer, alte Gewohnheiten abzulegen. Das wird dazu führen, dass die Firmen in der Krise landen, wenn der Ölpreis steigt. Sie müssen am Gewicht der Flugzeuge etwas tun, bei der Zahl der direkten Verbindungen, bei Landeanflügen mit niedrigeren Triebwerksleistungen. Jeder weiß das, seit Jahren. Und trotzdem ändert sich kaum etwas.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Flugzeug "Solar Impulse" wird mit durchschnittlich 70 Kilometern pro Stunde sehr langsam unterwegs sein. Ist langsames Fliegen auch ein Spritsparrezept für die kommerzielle Luftfahrt?

Piccard: Im Prinzip schon. Die Lage ist paradox, weil jeder schnell ankommen möchte. Aber spätestens wenn ein Barrel Öl mehr als 200 Dollar kostet, wäre es vielleicht eine gute Idee, etwas langsamer zu fliegen, damit die Tickets bezahlbar bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie an einem Brennstoffzellenflugzeug gearbeitet hätten, wäre der Luftfahrtindustrie sicher mehr gedient. Damit könnte wenigstens mal jemand fliegen - im Gegensatz zu ihrem Solarflieger.

Piccard: Ich habe am Anfang auch über Brennstoffzellen nachgedacht. Aber Solarzellen passen besser zu unserem Ziel. Uns geht es darum, das Verhalten der Menschen zu beeinflussen. Es ist nicht unser vordringlichstes Ziel, die Luftfahrtindustrie zu revolutionieren.

"Nach fünf Tagen allein im Cockpit wird's langsam gefährlich"

SPIEGEL ONLINE: Fünf Mal ist "Solar Impulse" bisher geflogen. Warum haben Sie keinen einzigen dieser Flüge selbst absolviert?

Piccard: Unser deutscher Testpilot Markus Scherdel ist dafür einfach besser ausgebildet. Er ist Ingenieur und Pilot zugleich und hilft, das Flugzeug besserzumachen. Mittlerweile ist die Maschine zum Beispiel deutlich stabiler in der Luft. Inzwischen hat mein Kollege André Borschberg seinen ersten Flug absolviert. Und in den kommenden zwei oder drei Wochen werde auch ich ins Cockpit steigen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie den ersten Nachtflug von "Solar Impulse" übernehmen, bei dem der Flieger mit der tagsüber gespeicherten Energie in der Luft bleiben muss?

Piccard: Entweder André Borschberg oder ich werden das machen. Das entscheiden wir erst in der letzten Minute. Irgendwann um den 21. Juni soll es losgehen. Und wenn es nicht beim ersten Mal klappt, müssen wir so lange arbeiten, bis es das tut. Wir können die Welt nicht umrunden, wenn der Flieger nachts nicht in der Luft bleibt. So einfach ist das.

SPIEGEL ONLINE: Wenn alles nach Plan läuft, soll die Weltumrundung im Jahr 2013 starten. Warum wollen Sie dabei eigentlich fünfmal landen?

Piccard: In unserem Flugzeug gibt es nur Platz für einen Piloten. Man ist ganz auf sich allein gestellt. Niemand kann 20 Tage lang am Stück wachbleiben. Nach fünf Tagen allein im Cockpit wird's langsam gefährlich. Dann wollen wir den Piloten wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie sich während der Zeit allein im Cockpit fit halten?

Piccard: André und ich werden Meditation und Selbsthypnose nutzen. Außerdem wird ein Autopilot zumindest für kurze Zeit das Ausruhen erlauben.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Mini-Kabine gibt es noch nicht einmal Platz für eine Toilette. Wie lösen Sie dieses Problem?

Piccard: Mit Plastiktüten.

Das Interview führte Christoph Seidler.

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1. Haha
illness 09.06.2010
Wir sollen Solarzellen also sexy finden, so wie Deos, Schokolade, Parfum und Berufslügner. Glaubt der Solarzellen werden auf die Weise biologisch produziert ? Und das Flugzeug ist bestimmt auch ganz ökologisch aus gewebten Hanffäden gebaut. Wann begreifen die Klima- und Umweltidioten, dass die ökologischste Methode, überflüssige Weltreisen, Vorträge gar nicht erst anzutreten bzw überflüssige Produkte gar nicht erst herzustellen ? Ach, dann müsste man den Menschen erst erklären, dass sie ununterbrochen an der Nase herumgeführt werden, von solchen Gutmenschen wie unserem Friedens-Al, der pro Vortrag mehr Geld einsackt als 99 % der Menschen im Jahr verdient, diesen verzicht predigt und mit seinen Flügen einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt der in etwa einem Mondkrater entspricht. Oh, und übrigens, von dem Geld kauft der sich ne Villa an der Küste, denn dank eurer Anstrengung ist die ja jetzt wieder sicher. Halleluja
2. Super
ratxi 09.06.2010
Es ist sehr schön zu sehen, dass Piccard einen weiteren Schritt geht hin zu dem Bewußtsein, dass wir einfach GEBRAUCHEN können, was da ist, statt etwas zu VERBRAUCHEN. Bislang ist es völlig normales Denken, dass wir das, was in 200 Millionen Jahren entstanden ist, in 200 Jahren verbrauchen, und das Fortschritt und Wachstum nennen. Eine schöne Perspektive für ein einsetzendes globales Umdenken...
3. ...
denkmal! 09.06.2010
Einer der wenigen öffentlich bekannten Schweizer Zeitgenossen, auf den man/frau als Schweizer STOLZ sein kann! Weiter so Bernard! Gegen in die Hose scheissen helfen Plastiktüten! Was diese Zeit braucht, sind mutige Zeitgenossen! Tüftler mit Geld! Visionäre, nicht Divisionäre! Wenn irgendwo geschrieben steht, dass Leben SICHER zu sein hat - dann sage man mir WO!
4. Energiesparen...
tetaro 09.06.2010
... ist in der Natur bei z.B. Tieren weit verbreitet. Wenn sie nicht fressen oder gerade ihre Brut pflegen, gammeln sie rum. Leider gilt Rumgammeln und Nichtstun bei Menschen nicht als sexy. Und so rennt und fährt nach wie vor jeder rum und macht Urlaub in Australien statt an der Nordsee, um seine Modernität, Weltoffenheit und Aktivität zur Schau zu stellen. Das Kuriose, dass Energiesparen als eine Leistung eingefordert wird, wo es doch gerade das Gegenteil ist. Oder Abnehmen als Anstrengung, wo jedes andere Lebewesen sich nur anstrengt, um sich vollzufressen. Menschliche Logik eben...Dekadenz
5. Steuern durch Steuern
TheBear 09.06.2010
Zitat von illnessWir sollen Solarzellen also sexy finden, so wie Deos, Schokolade, Parfum und Berufslügner. Glaubt der Solarzellen werden auf die Weise biologisch produziert ? Und das Flugzeug ist bestimmt auch ganz ökologisch aus gewebten Hanffäden gebaut. Wann begreifen die Klima- und Umweltidioten, dass die ökologischste Methode, überflüssige Weltreisen, Vorträge gar nicht erst anzutreten bzw überflüssige Produkte gar nicht erst herzustellen ? Ach, dann müsste man den Menschen erst erklären, dass sie ununterbrochen an der Nase herumgeführt werden, von solchen Gutmenschen wie unserem Friedens-Al, der pro Vortrag mehr Geld einsackt als 99 % der Menschen im Jahr verdient, diesen verzicht predigt und mit seinen Flügen einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt der in etwa einem Mondkrater entspricht. Oh, und übrigens, von dem Geld kauft der sich ne Villa an der Küste, denn dank eurer Anstrengung ist die ja jetzt wieder sicher. Halleluja
Da gibt es noch einen "Trick": Die Sachen, die man wirklich braucht wieder etwas haltbarer, reparierbar zu machen. Es spart nämlich eine Menge Energie und (er)spart Frust, wenn Sachen nicht mehr unbrauchbar werden und weggeworfen werden müssen, nur weil ein kleines Teil versagt hat. Die Rahmenbedingung, die sich ändern müsste, und das wird meines Wissens noch nicht einmal ernsthaft diskutiert, ist die Verlagerung der Hauptsteuerlast weg von den Steuern auf durch Arbeit erzieltes Einkommen hin zu Steuern auf Rohstoffe und Energie.
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Zur Person
AP
Bertrand Piccard, 52, schrieb Luftfahrtgeschichte, als er im Jahr 1999 zusammen mit dem Briten Brian Jones in einem Ballon die Erde umrundete - in 19 Tagen, 21 Stunden und 47 Minuten. Der promovierte Psychiater hat das Abenteurertum sozusagen in den Genen. Großvater Auguste stieg als erster Mensch mit einem Ballon in die Stratosphäre vor. Vater Jacques wurde als Tiefseetaucher berühmt und erreichte die tiefste Stelle der Weltmeere, den Marianengraben.

Fotostrecke
"Solar Impulse": Sonnig segeln
Das "Solar Impulse"-Projekt
Das Flugzeug
Derzeit testen Piccard und seine Kollegen eine erste, rund 1600 Kilogramm schwere Version des Sonnenfliegers. Die HB-SIA hat eine Spannweite von 63,4 Metern. Für den Flug um die Welt soll ein zweites Flugzeug, die HB-SIB, gebaut werden. Sie soll sogar 80 Meter Spannweite haben – so viel wie ein Airbus A380. Außerdem soll HB-SIB über ein größeres Cockpit mit Druckkabine verfügen. Darin sollen sich die Piloten beim Flug um die Welt zumindest kurz hinlegen können.
Die Energieversorgung
Die vier Elektromotoren des Flugzeugs haben eine Maximalleistung von rund 30 Kilowatt. Die Energie stammt von 200 Quadratmeter Solarzellen auf dem riesigen Flügel und dem Höhenleitwerk. Die Silizium-Module haben einen Wirkungsgrad von 20 Prozent. Gespeichert wird die Energie in 400 Kilogramm schweren Lithium-Polymer-Batterien - damit der Sonnenflieger nachts unterwegs sein kann.
Der Zeitplan
Am 7. April 2010 hat der Solarflieger seinen Jungfernflug absolviert. Am 7. und 8. Juli 2010 gelang der erste 24-Stunden-Flug, bei dem das Flugzeug auch während der Nacht in der Luft bleiben musste. Ursprünglich sollte der Flug um die Welt in fünf Etappen im Jahr 2012 oder 2013 starten. Piccard und seine Kollegen haben das Projekt aber auf 2015 geschoben. Bis dahin soll der Solarflieger weiterentwickelt werden.
Die Kosten
Für den Flug um die Welt sind nach Angaben von Piccard insgesamt 100 Millionen Schweizer Franken nötig. Etwa 80 Prozent davon sind bereits eingesammelt. Piccard hat sich dafür Partner wie Omega, Solvay, Bayer und die Deutsche Bank ins Boot geholt.

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