Flug Southwest 1380 Ein Opfer, eine Heldin - und drängende Fragen

Flugzeugdrama in 9700 Meter Höhe: In einer Southwest-Maschine geht das Triebwerk kaputt, Trümmer zerstören die Hülle, eine Frau wird teils nach draußen gesogen und stirbt. Nun gibt es erste Hinweise zur Ursache.

NTSB / REUTERS

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Wenn Sie das nächste Mal in ein Flugzeug steigen, nehmen Sie sich doch eine Sekunde Zeit. Direkt an der Tür. Dann können Sie mit eigenen Augen sehen, wie verblüffend dünn die Außenwand eines Jets eigentlich ist. Während des Fluges schützt nur diese Hülle die Passagiere vor dem Unterdruck draußen.

Normalerweise ist das auch kein Problem.

Doch sehr, sehr selten gibt es Fälle, in denen diese Hülle ihre lebenswichtige Aufgabe nicht mehr erfüllen kann. Der Flug Southwest Airlines 1380 vom Dienstagvormittag US-Ostküstenzeit ist solch ein Fall.

Am linken Triebwerk der Boeing 737-700 auf dem Weg von New Yorks LaGuardia Airport nach Dallas war es etwa 20 Minuten nach dem Start zu einem schweren Schaden gekommen: Trümmerteile aus dem Antrieb durchschlugen Flügel und Außenwand des Jets, ein Teil der Triebwerksabdeckung fiel ab. Eine Passagierin an Bord wurde teilweise durch ein beschädigtes Fenster nach draußen gerissen. Später verstarb sie an ihren Verletzungen.

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Flug Southwest 1380: Gefährlicher Zwischenfall

Es gibt mehrere Arten, diese Geschichte zu erzählen.

Da ist als erstes das Opfer. Nach US-Medienberichten handelt es sich um Jennifer Riordan, Mutter einer zwölfjährigen Tochter und eines zehnjährigen Sohnes. Die 43-Jährige arbeitete als Vizepräsidentin für Öffentlichkeitsarbeit für die Bank Wells Fargo in deren Niederlassung in Albuquerque (Bundesstaat New Mexico). Dort war sie unter anderem für das Spendenprogramm verantwortlich, mit dem lokale Vereine und Initiativen in ihrer Arbeit unterstützt werden.

Was ihr am Dienstag zugestoßen ist, könnte einem Hollywood-Katastrophenfilm entstammen: Riordan saß links am Fenster auf ihrem Sitz, etwa in der Mitte der Flugzeugs, als ein Trümmerteil aus dem Triebwerk das neben ihr liegende Fenster durchschlug. Durch das Loch wurde Riordans Körper teilweise nach draußen gesogen, inklusive Kopf und beiden Armen.

Mehr als zehn Minuten lang mühten sich andere Fluggäste vergeblich, die blutende Frau ins Innere der Maschine zurückzuziehen. Als dies irgendwann doch gelang, versuchten eine Krankenschwester und ein anderer Fluggast, noch an Bord eine Wiederbelebung durchzuführen. Ohne Erfolg.

Storyful

Man kann die Geschichte von Flug 1380 aber auch über seine Heldin erzählen. Denn nicht zuletzt Pilotin Tammie Jo Shults ist es zu verdanken, dass Riordan das einzige Opfer unter den 144 Fluggästen und fünf Besatzungsmitgliedern an Bord bleib. Lediglich sieben leicht Verletzte musste die Feuerwehr in Philadelphia nach der Landung versorgen.

Weil Pilotin Shults cool blieb, die Maschine stabilisierte, innerhalb von fünf Minuten von 9700 auf 3000 Meter herunterbrachte und schließlich in Philadelphia notlandete, wird sie nun - zu Recht - gefeiert. Nach der Landung soll sie mit jedem einzelnen Passagier gesprochen haben.

Die 56-Jährige hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Nach einem Studium der Biologie und Agrarwissenschaften bewarb sie sich bei der Air Force. Doch dort lehnte man sie als Pilotin ab - weil sie eine Frau war. Also heuerte sie bei der Navy an und wurde dort eine der ersten F18-Pilotinnen. Kampfeinsätze flog Shults zwar nicht, wurde aber Ausbilderin, bis sie 1993 zu Southwest in den Liniendienst wechselte.

Zusammen mit ihrem Mann Dean, ebenfalls ein Pilot, lebt sie in Fair Oaks Ranch, Texas. Nun gelang es ihr, 148 Leben zu retten, inklusive ihres eigenen. Auch eine Geschichte für Hollywood.

Eine dritte, die möglicherweise wichtigste Art, über Southwest Airlines 1380 zu berichten, hat mit einer drängenden Frage zu tun: Hätte sich das Unglück womöglich vermeiden lassen? Unmittelbar nach dem Aufsetzen des Flugzeugs in Philadelphia begann die zuständige US-Behörde, das National Transportation Safety Board, ihre Untersuchungen. Sie werden wohl 12 bis 15 Monate dauern.

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Flug Southwest 1380: Gefährlicher Zwischenfall

Doch ein paar Dinge konnte Behördenchef Robert Sumwalt der Öffentlichkeit bereits nach kurzer Zeit mitteilen: Bei Bernville in Pennsylvania habe man Teile der Triebwerksabdeckung gefunden. Eine der 24 Turbinenschaufeln des beschädigten Triebwerks fehle jedoch - und es gebe Hinweise, dass Materialermüdung dafür verantwortlich sein könnte.

Der Jet war mit einem Triebwerk des Typs CFM56 ausgerüstet. Das Aggregat ist eine amerikanisch-französische Co-Produktion der Unternehmen GE und Safran Aircraft Engines. Es gilt als Arbeitstier der Luftfahrt. Nach Herstellerangaben fliegen weltweit mehr als 6700 Flugzeuge mit dem Antrieb. Zusammen kämen sie auf mehr als 350 Millionen Flugstunden.

CFM erklärte nach dem Unglück vom Dienstag, man arbeite mit den NTSB-Ermittlern zusammen. Öffentlich könne man den Vorfall nicht kommentieren. Der Motor der betroffenen Boeing 737-700 habe zum Zeitpunkt des Unglücks 40.000 Starts und Landungen absolviert gehabt, ein Viertel davon seit der letzten großen Überholung, so Southwest-Airlines-Chef Gary Kelly. Bei dieser Art von Überprüfung werden die Triebwerke komplett in ihre Einzelteile zerlegt und Stück für Stück überprüft.

Ähnlicher Zwischenfall schon 2016

Das Problem: Hinweise auf mögliche Materialermüdung sind bei diesem Triebwerkstyp nicht neu. Bereits im Jahr 2016 hatte es einen ähnlichen Zwischenfall bei Southwest Airlines gegeben - ebenfalls bei einer 737, ebenfalls verursacht durch ein zerstörtes CFM56-Triebwerk. Damals, auf einem Flug von New Orleans nach Orlando, hatte ein Trümmerteil aus dem Antrieb den Flügel durchschlagen.

Es handelte sich um eine Turbinenschaufel. Als Grund wurde Materialermüdung vermutet. Das klingt unangenehm vertraut.

Die US-Aufsichtsbehörde FAA hatte nach dem Vorfall von 2016 geraten, bestimmte CFM56-Triebwerke einmalig per Ultraschall zu untersuchen. Ob das am Dienstag betroffene Aggregat unter diese Regelung fiel, ist bisher aber noch nicht klar. Auch die Europäische Flugsicherheitsbehörde EASA hatte entsprechende Prüfungen angeordnet. Auf SPIEGEL-Nachfrage heißt es von dort, man könne derzeit noch nicht sagen, ob es einen Zusammenhang mit dem aktuellen Unglück gebe.

Southwest kündigte an, man werde innerhalb von 30 Tagen die CFM56-Triebwerke der eigenen Boeings noch einmal gesondert prüfen. Auch andere Fluggesellschaften, zum Beispiel Korean und Japan Airlines, planen in den kommenden Monaten zusätzliche Tests der Antriebe.



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Seite 1
Sibylle1969 18.04.2018
1. Für alle mit Flugangst
Auch wenn die Geschehnisse schlimm sind, ändert das nichts an der Tatsache, dass Fliegen statistisch äußerst sicher ist. Der Straßenverkehr ist ca. um den Faktor 1000 gefährlicher.
ffmfrankfurt 18.04.2018
2. Heldin?
Wieso wird die Pilotin als Heldin gefeiert? Sie hat ihren Job gemacht. Eine Situation die sie oft genug im Simulator trainiert hat. Genau dafür ist sie auf dem Flieger. Wenn ich als Notarzt zu einem Notfall gerufen werde und Leben rette, dann feiert mich auch niemand sondern erwartet das-völligst zu recht-ganz einfach von mir. Oder soll ich mir das nächste Mal selber Lorbeeren umhängen?
Max Super-Powers 18.04.2018
3.
So schrecklich das Ereignis auch ist (und mich als Flugangst-Geschädigten mit noch mehr Paranoia an den nächsten Flug denken lässt), eins muss mal gesagt sein: Höchster Respekt für die Pilotin - die lehrstückartig zeigt, dass man kein Mann sein muss, um Cojones zu haben. Absolutes Bravo!
M. Michaelis 18.04.2018
4.
Die Pilotin ist keine Heldin sondern hat ihren Job gut gemacht indem sie das für solche Notfälle vorgesehen Standardverfahren erfolgreich durchgeführt hat. Genau dafür sind Piloten an Bord denn sonst könne man auf sie bereits heute verzichten.
Max Super-Powers 18.04.2018
5.
Zitat von M. MichaelisDie Pilotin ist keine Heldin sondern hat ihren Job gut gemacht indem sie das für solche Notfälle vorgesehen Standardverfahren erfolgreich durchgeführt hat. Genau dafür sind Piloten an Bord denn sonst könne man auf sie bereits heute verzichten.
War ja klar, dass es zumindest einen Oberlehrer geben musste, der die Sache kleinredet. Standardverfahren blabla, oder glauben Sie etwa, dass einem Piloten in einer solchen Situation nicht auch ganz gewaltig die Klammer geht? Die Frau hat in einer lebensgefährlichen Situation die Nerven vorbildlich behalten. Egal wie gut das vorher trainiert wurde (oder auch nicht) dazu gehört eine gewaltige Portion Kaltblütigkeit. Die hat sie bewiesen, dafür bekommt sie Lob. Und sie können ja weiterhin herumstänkern.
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