Gasförderung: Umweltrat warnt vor Fracking

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Frackingbohrung in Pennsylvania, USA: Ungewisses im Untergrund

Soll in Deutschland mit Hilfe von Chemikalien unerschlossenes Erdgas gefördert werden? Der Umweltrat der Bundesregierung hält die Risiken für zu groß. Er plädiert für Testprojekte.

Hamburg/Berlin - Beim umstrittenen Fracking, der Förderung von unterirdischem Schiefergas, gibt es aus Sicht von Umweltexperten der Bundesregierung noch viele offene Fragen - vor allem über die Risiken der Technik. Fracking sei "im kommerziellen Umfang derzeit wegen gravierender Wissenslücken nicht zuzulassen", heißt es in einer am Freitag in Berlin vorgestellten Stellungnahme des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU).

Das wissenschaftliche Gremium, das die Bundesregierung in Sachen Umweltschutz berät, kommt zudem zu der Einschätzung, dass Fracking energiepolitisch nicht notwendig sei und keinen maßgeblichen Beitrag zur Energiewende leisten könne. Eine Gewinnung von Schiefergas in Deutschland senke weder die Gaspreise, noch erhöhe sie die Versorgungssicherheit.

Geoforscher sind zuversichtlicher

Geoforscher hingegen halten die Technologie prinzipiell auch in Deutschland für praktikabel, sofern sie außerhalb von Trinkwasserzonen eingesetzt wird. Der Umweltrat setzt nun auf Tests: Fracking solle "zunächst nur im Rahmen von Pilotprojekten, die aussagekräftige Erkenntnisse zu den Risiken des Frackings ermöglichen" zugelassen werden, heißt es im SRU-Gutachten.

Nach Ansicht des Sachverständigenrats ist die Technologie erst dann verantwortbar, "wenn Pilotprojekte zu einem positiven Ergebnis führen". Die Kosten für die Pilotprojekte und Probebohrungen müssten "selbstverständlich" von der Industrie getragen werden, sagt der SRU-Vorsitzende Martin Faulstich.

Beim Fracking wird Wasser mit Chemikalien unter hohem Druck in das Gestein gepresst, so dass die Ausbeute deutlich höher wird. In den USA hat der flächendeckende Einsatz dieser Technik zu einer deutlich höheren Gasförderung und einem massiven Preisverfall von Erdgas geführt. Kritiker dagegen befürchten, dass der Einsatz von gefährlichen Stoffen zu unvertretbaren und nicht beherrschbaren Risiken für die Umwelt führt.

Polen setzt auf Fracking

Ungeklärt sind laut SRU die umweltverträgliche Entsorgung der anfallenden Abwässer, die Sicherheit der Bohrlöcher und Förderanlagen hinsichtlich des Grundwasserschutzes, die langfristigen Folgen des Fracking sowie die Klimabilanz von Schiefergas. Es sei noch nicht einmal erforscht, ob Erdgas aus Schiefergestein eine bessere CO2-Bilanz habe als Kohle, sagte Faulstich.

Die Koalition plant eine Neuregelung zur Gasförderung aus tiefen Gesteinsschichten. Eine Befassung des Kabinetts war aber mehrmals verschoben und der Regierungsentwurf wiederholt verschärft worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte erst am Dienstag den Schutz des Trinkwassers hervorgehoben. "Wir müssen alles tun, damit wir Umweltrisiken nicht eingehen." Bei dem geplanten Gesetz zum Fracking gehe es darum, Genehmigungen künftig zu erschweren."

Innerhalb der EU gibt es unterschiedliche Positionen zum Fracking. So setzt Polen verstärkt auf die Technologie, während andere Staaten ein Verbot oder ein Moratorium erlassen haben. In den USA wird Fracking in großem Stil betrieben.

boj/dpa/AFP

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insgesamt 62 Beiträge
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1. Polen setzt auf Fracking ?
flushbush 31.05.2013
Das mag ja so sein, aber die meisten Amerikanischen Oelmulties haben Ihre Zelte wieder abgebrochen in Polen, so auch mein Unternehmen (Oel Service Firma), weiss nicht was das problem ist, die Geologie oder die Buerokratie oder beides. Aber jedenfalls wird es mit dem Fracking in Polen nicht so grossartig werden wie vor 2 Jahren noch prognostiziert. Warum mehr gas brauchen ist mir auch unklar, gas wird immer billiger und wir bekommen doch wohl alles so wie gewollt aus Russland und/oder Norwegen. Wahrscheinlich wird P. Roesslers Truppe wieder ein neues Klientel finden und sich heftig fuers Fracking einsetzten, kein wunder das die Truppe under 5% liegt.
2.
max-mustermann 31.05.2013
Ach was testen ist doch was für Weicheier, wir ziehen das einfach durch und wenn was schief geht muss der Michel halt mit den Folgen leben und dafür zahlen, Hauptsache die Gewinne der Unternehmen sprudeln.
3. Typisch CDU-Bundesregierung, wird sie das in den Wind schlagen
ulrich_frank 31.05.2013
wie schon unter Kohl sogar selber in Auftrag gegebene Expertisen bezüglich z.B. Endlagerstätten, negativ beschieden von der Mehrzahl der Wissenschaftler. Mitterweile kann man von den "Volksvertretern" anderer Couleur leider auch nichts anderes mehr erwarten.Lobbys werden dafür sorgen.
4. optional
blub2blub 31.05.2013
Ja, lassen wir lieber polnische Chemikalien und Französische Atomkraftwerkstrahlung über die Grenze kommen und kaufen dann die Energie teuer von dort ein... viel ökologischer und -nomischer...
5. Soll in Deutschland
kdshp 31.05.2013
Zitat von sysopREUTERSSoll in Deutschland mit Hilfe von Chemikalien unerschlossenes Erdgas gefördert werden? Der Umweltrat der Bundesregierung hält die Risiken für zu groß. Er plädiert für Testprojekte. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/sru-gutachten-umweltrat-warnt-vor-fracking-in-deutschland-a-903050.html
Richtig so und wir sehen doch bei den atomkraftwerken das wenn die erstmal weg sind uns nichts mehr passieren kann. Soll doch frankreich, polen oder andere fracking bertreiben UNS wird ja nix passieren.
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Unkonventionelle Gasförderung
In Deutschland gibt es einen Run auf neue Erdgasquellen. Durch spezielle Bohrmethoden lässt sich der wertvolle Rohstoff selbst dann bergen, wenn er in kleinen, abgeschotteten Zwischenräumen verstreut ist. SPIEGEL ONLINE zeigt Chancen und Risiken des Booms im Überblick.
Weltweite Vorräte
Die Internationale Energieagentur schätzt, dass weltweit rund 921 Billionen Kubikmeter unkonventionellen Gases im Erdreich verborgen sind - fünfmal so viel wie in konventionellen Vorkommen. Andere Expertern gehen von noch größeren Mengen aus. Bislang gibt es für viele Länder aber nur Schätzungen über prinzipiell vorhandene Mengen (in-situ Mengen). Wie viel davon tatsächlich technisch (Ressourcen) und wirtschaftlich (Reserven) gefördert werden kann, ist noch nicht bekannt.
Die Reservoirs
Im Gegensatz zu konventionellen Vorkommen befindet sich unkonventionelle nicht in durchlässigen Gesteinsschichten, sondern in kleinsten Poren und Bruchzonen im Gestein. Die größten Vorkommen sind in Schiefergestein eingeschlossen. Aber auch in Tonschichten und Tundraböden finden sich Vorräte.
Die Fördermethode
Steuerbare Bohrer dringen nicht nur tief ins Erdreich vor, sondern wühlen sich auch horizontal ins Gestein. So kann die gashaltige Gesteinsschicht über eine Strecke von mehreren Kilometern durchbohrt werden. Damit das Gas entweichen kann, wird das Gestein durch eine Mischung aus Wasser, Chemikalien und Quarzkügelchen in Tausende Stückchen gesprengt. Die Sprengungen bezeichnet man als "hydraulic fracturing" oder "fracing" (sprich: "Fräcking"). Fracing wird sehr selten auch bei konventionellen Bohrungen eingesetzt - bei unkonventionellen ist es Standard.
Die Chemikalien
Der Anteil der eingesetzten Chemikalien an der Gesamtflüssigkeit beträgt nach Angaben der Industrie gut ein Prozent. Angesichts der Tatsache, dass beim Fracing einer Bohrung teils mehrere Millionen Liter Wasser eingesetzt werden, ist das allerdings immer noch eine Menge. Über die genaue Zusammensetzung der Chemikalien gibt die Industrie nur sehr zögernd Auskunft.
Folgen der Technologie
In den USA hat der Abbau von unkonventionellem Erdgas bereits in großem Stil begonnen und den Energiemarkt so umgekrempelt, dass der Rohstoffexperte und Pulitzerpreis-Gewinner Daniel Yergin von einer "American Gas Revolution" spricht.
Folgen für die Umwelt
In den USA gibt es Beschwerden von Anwohnern, die sagen, ihre Lebensbedingungen hätten sich verschlechtert - unmittelbar, nachdem in Nähe ihrer Wohnungen Fracing-Bohrungen vorgenommen wurden. US-Behörden haben zudem Luft- und Grundwasserverschmutzungen nachgewiesen. Inwieweit es sich um Einzelfälle handelt oder um ein flächendeckendes Problem - und inwieweit all die aufgetretenen Umweltschäden tatsächlich mit der unkonventionellen Gasförderung zusammenhängen, ist kaum untersucht. Die US-Regierung hat es bislang versäumt, die Umweltrisiken genau zu untersuchen.ssu