Zerstörte Akten Was wurde aus... der Stasi-Schnipselmaschine?

In den letzten Tagen der DDR zerrissen Stasi-Mitarbeiter brisante Akten per Hand. Eine Software könnte die Schnipsel wieder zusammensetzen - doch das wird vorerst nicht passieren. Warum eigentlich?

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Um 17.17 Uhr geht das Tor auf - von innen. Dann strömen Zehntausende Menschen auf das Gelände. Es ist der 15. Januar 1990 und im Berliner Stadtteil Lichtenberg besetzen Berliner Bürger die Zentrale der Staatssicherheit, des lange so gefürchteten DDR-Geheimdiensts. Viel Wut hat sich aufgestaut, es wird geplündert und zerstört.

Stasi-Leute waren an diesem Nachmittag de facto keine da, sie waren rechtzeitig nach Hause gegangen. Zwei Monate hatten sie nach dem Mauerfall Zeit gehabt, ihre wichtigsten Geheimnisse zu beseitigen. Während die Bezirkszentralen in Erfurt, Rostock oder Leipzig längst von der Opposition übernommen waren, war es in der Hauptstadt zunächst ruhig geblieben.

Also haben die Offiziere viel Zeit, Akten zu vernichten. Weil die Schredder aber mit der Flut der Geheimnisse nicht schritthalten, entscheiden sich die Spitzel irgendwann, brisante Unterlagen auch einfach zu zerreißen. Insgesamt 16.000 Behältnisse mit "vorvernichteten" Akten, die meisten von ihnen Papiersäcke, kommen so zusammen. Ein Meer an Schnipseln.

Auch heute, fast auf den Tag genau 28 Jahre später, ist nur ein Bruchteil dieser Dokumente wieder zusammengesetzt - und wie es aussieht, wird das wohl auch einstweilen so bleiben. Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, hat in dieser Woche in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erklärt, die massenhafte Rekonstruktion am Computer komme nicht weiter voran. Das Projekt sei vorerst gestoppt. "Die technischen Voraussetzungen reichen nicht", so Jahn. Es fehlten die passenden Scanner.

Das klingt kurios. Die Menschheit schreibt das Jahr 2018 - Computer sind mittlerweile so leistungsfähig, dass sie komplexe Strategiespiele gegen Großmeister gewinnen. In ein paar Tagen soll - als aberwitziger PR-Stunt - ein Elektroauto an der Spitze einer kraftvollen Rakete Richtung Mars abheben. Und die Aufarbeitung des DDR-Unrechts scheitert… an einem fehlenden Scanner?

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Stasi-Akten: Zerfetzte Geheimnisse

Experten haben mehr als zehn Jahre an dem Projekt gearbeitet, die zerstörten Stasi-Akten elektronisch wieder zusammenzusetzen. (Lesen Sie dazu hier einen Text von Alexander Osang aus dem Jahr 2008.) Es ist ein Puzzle mit 600 Millionen Teilen, die irgendwas um die 40 bis 45 Millionen Seiten ergeben würden. Das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin hat mit Millionenaufwand dafür eine Software entwickelt. Sie heißt - passend - "ePuzzler" und liegt seit Jahren vor.

Schon im Jahr 2013 gab es den europäischen Innovationspreis EARTO für die Software. Behördenchef Jahn bezeichnet sie auch als leistungsfähig. Woran hängt es also? Benötigen die Scanner eine besonders hohe Auflösung? Bringen die Scan-Daten die Auswertungscomputer an ihre Grenzen?

Wohl eher nicht.

Das erfährt man, wenn man sich in der Sache etwas umhört. Das Fraunhofer-Verfahren setzt nämlich durchaus erfolgreich Akten zusammen. Aus dem Nachlass des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz zum Beispiel, auch testweise aus dem Kölner Stadtarchiv. Steuer- und Zollfahnder arbeiten ebenfalls damit, in kleinem Umfang.

Die Scanner benötigen eine Auflösung von 300 dpi, das ist im Handel locker zu haben. Aber sie müssen befüllt werden. Die Schnipsel werden beim bisherigen System geglättet und von Hand in eine Folientasche gelegt - auch damit Papierstaub den Scanner nicht binnen kürzester Zeit beschädigt.

Und dieser Schritt, das Einlegen, hat sich beim Stasi-Projekt als extrem aufwendig herausgestellt. Und teuer. So aufwendig und teuer, dass der Bundesrechnungshof bereits Anfang 2016 in einem Gutachten warnte, es bestehe "keine verlässliche Perspektive, mit der vorhandenen Technologie den Gesamtbestand der zerrissenen Unterlagen in absehbarer Zeit und zu überschaubaren Kosten wiederherzustellen". In Wahrheit war das Projekt in seiner bisherigen Form da bereits gestorben. Jahn hat das jetzt nur offen ausgesprochen.

Bisher kein neuer Vertrag

Das Ganze ist aber kein technisches Problem - sondern ein finanzielles. Ja, die Papierschnipsel lassen sich nicht einfach mit Scannern aus dem Elektromarkt einlesen - schließlich müssen beide Seiten des Papiers gleichzeitig eingelesen werden. Außerdem ist die Lagetreue der gescannten Punkte wichtig, damit die Software beim virtuellen Puzzeln keine Probleme bekommt. Aber Fraunhofer könnte solch einen Scanner wohl bauen, ist zu hören. Mit Roboterarmen und schnellen Laufbändern.

Geld dafür wäre im Grundsatz auch da. Der Bundestag hat im Jahr 2014 zwei Millionen Euro bewilligt. Doch einen neuen Vertrag zwischen Jahns Behörde und dem Fraunhofer-Institut gibt es bisher noch nicht. Und das ist offenbar die entscheidende Schwierigkeit.

Was wurde eigentlich aus...
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"Die Prüfung des Bundesrechnungshofes hat im November 2017 einen offiziellen Abschluss gefunden", sagt die Sprecherin der Stasi-Unterlagenbehörde, Dagmar Hovestädt, dem SPIEGEL. Man habe "Aspekte der Prüfung in das neue Projektdesign einfließen lassen". Die Sache soll also weitergehen, irgendwie. "Wir sind mit dem Fraunhofer IPK in guten Gesprächen zur Fortsetzung des Projektes mit neuer Scan-Technologie und hoffen, dass ein Vertrag in 2018 abgeschlossen werden kann", so Hovestädt.

Bis jetzt erschlossen sind erst magere 23 Säcke mit insgesamt 91.000 Seiten. Diese sollen ab Frühjahr komplett ins Archiv der Jahn-Behörde integriert sein. Akten aus rund 500 weiteren Säcke wurden in jahrelanger Kleinarbeit im bayerischen Zirndorf zusammengesetzt - von Hand. Rund 1,6 Millionen Blätter sind so zusammengekommen, die Opferakten des Schriftstellers Stefan Heym und des Oppositionellen Jürgen Fuchs zum Beispiel oder Material zum Staatsdoping im Sport oder die Beziehungen zu RAF-Terroristen wie Silke Meier-Witt.

Doch auch dieses Projekt endete im Jahr 2015, die Mitarbeiter haben inzwischen Wichtigeres zu tun. Sie arbeiten für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Bleiben also noch rund 15.500 Säcke übrig.

Die seien, darauf legt Behördenchef Jahn wert, sicher gelagert. Ein Zerfall des Archivs drohe nicht.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
10kwh 04.01.2018
1. Migration von Flüchtlingen
Die Mitarbeiter haben also wichtigeres zu tun, indem sie für die Migration von Flüchtlingen arbeiten. Vielleicht können die Flüchtlinge im Gegenzug die Papiere Scannen? Das wäre doch dann in Null Komma Nichts erledigt. Oder?
whitewisent 04.01.2018
2.
Vieleicht war es auch ein strukturelles Problem, genau der Behörde mit seinen Mitarbeitern diese Tätigkeit anzuvertrauen, welche damit ihre Existenzberechtigung ableitet. Schon bei den TV-Berichten war der fehlende Elan und auch die Ineffizienz des Verfahrens zu erkennen. Und auch Zweifel an der körperlichen Eignung der meist älteren Mitarbeiter hätte man hegen können, wenn man diese mit der Gesamtaufgabe in Relation gesetzt hätte. Wurde wirklich versucht, hier alles auszuschöpfen? Kam keiner auf den Gedanken, sowas händisch in einem der EU-Partnerländer in Osteuropa machen zu lassen? Es ist ja nicht wirklich ein Hexenwerk, wie die bereits derart zusammengesetzten Seiten zeigen. Denn die STASI war etwas unlogisch, und füllte meist die zerrissenen Akten in die selben Säcke ein. Sodaß die Menge doch überschaubarer ist, als 15.000 klingen. Also möge jemand mal den Willen betrachten, daß hier noch zu Lebzeiten vieler Opfer fertigzustellen. Selbst wenn man sagt, noch 20 Jahre, bedarf es Kapazitäten für 750 Säcke im Jahr. Dafür fehlt leider jegliches Konzept, und man sollte diese Aufgabe darum den Experten vom Bundesarchiv überlassen.
observerlbg 04.01.2018
3. Mangelnde Motivation?
Ist es nicht eher so, dass eigentlich kein Interesse besteht, "altes" Unrecht aufzuarbeiten? Ist es also politisch nicht gewünscht, sozialen Brennstoff freizulegen? Wahrscheinlich geschieht dies erst, wenn alle direkt Beteiligten verstorben oder wenigstens im Rentenalter sind. Kennen wir doch schon von der Aufarbeitung einer noch dunkleren Zeit unserer deutschen Geschichte.
chichawa 04.01.2018
4. Einfach weiter aufbewahren
Man kann zum Sinn und Wert der "Schnipselsäcke" unterschiedliche Haltungen einnehmen. Ich sehe die Sache nach mehr als 25 Jahren nicht als vordringlich an. Das hat für mich eher archäologische Bedeutung. Man sollte jetzt nicht weiter Geld für diesen Unsinn ausgeben. Die Säcke sollten aufbewahrt werden und wenn irgendwann in naher/ferner Zukunft eine neue Technologie (evtl. Roboter) zur Verfügung steht, dann kann man sich der Dinge wieder widmen.
x33o 04.01.2018
5. Wie kamen die US-NAchrichtendienste an die Stasi-Akten?
Heute besitzen die US-Dienste eine beträchtliche Sammlung an Stasi-Akten. Wie diese nach Übersee kamen aber vor allem wann und wo diese erworben wurden ist eine spannende Frage.
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