F-35-Kampfflugzeug: Pentagon empört über Tarnkappen-Jet

Von Markus Becker

Technische Pannen, explodierende Kosten - und jetzt noch massive Kritik von Piloten: Der neue US-Tarnkappen-Kampfjet F-35 soll im Luftkampf selbst älteren Flugzeugen unterlegen sein, die Sicht aus dem Cockpit sei miserabel. Das Pentagon stellt der Maschine ein verheerendes Zeugnis aus.

REUTERS/ Lockheed Martin

Hamburg - Ärger ist so ziemlich das einzige, was die F-35 dem US-Militär bisher eingebracht hat. Der "Joint Strike Fighter" soll das künftige Rückgrat der amerikanischen Luftstreitkräfte sein. Doch das Programm liegt um Jahre hinter dem Zeitplan zurück, wird viel mehr kosten als geplant - und es steht keinesfalls fest, ob die US-Regierung und ihre internationalen Partner für das viele Geld ein Top-Flugzeug bekommen.

Die F-35 soll in Zukunft sowohl den Jagdflugzeugen als auch den Jagdbombern potentieller Gegner überlegen sein - und sie soll die Anforderungen von Luftwaffe, Marine und Marinekorps zugleich erfüllen. Doch Kritiker fürchten: Das Flugzeug könnte anderen Modellen, die auf ihre jeweilige Aufgabe spezialisiert sind, unterlegen sein. Jetzt ist ein Dokument aufgetaucht, das die Zweifel bestärken dürfte: Die Prüfer des Pentagon stellen der F-35 ein mieses Zeugnis aus.

Michael Gilmore, der die Pentagon-Abteilung für die Erprobung neuen Materials leitet, hat am 15. Februar seinen Bericht an den damaligen Verteidigungsminister Leon Panetta geschickt. Das Ziel war, die Einsatzbereitschaft der F-35A für die Pilotenausbildung zu prüfen - und Gilmore zieht eine verheerende Bilanz: Der Jet sei selbst älteren Modellen im Luftkampf konstruktionsbedingt unterlegen und derzeit selbst für die Ausbildung nur eingeschränkt geeignet.

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US-Kampfjet: Immer Ärger mit der F-35

Die bisherige Kritik an der F-35 bezog sich vor allem auf die Senkrechtstarter-Variante für das Marinekorps und die Flugzeugträger-Version der Navy, da sie noch teurer und in mancher Hinsicht problematischer sein sollen als die Luftwaffen-Variante. Doch auch die hat offenbar ernste Probleme, wie die Auswertung zur Brauchbarkeit für die Ausbildung ("Operational Utility Evaluation") nahelegt.

Das nicht geheime Schreiben, das vom Project on Government Oversight ins Netz gestellt wurde, listet gleich eine ganze Reihe von Kritikpunkten auf. Der vielleicht wichtigste: Die F-35 ist so gebaut, dass die Sicht aus dem Cockpit schlechter ist als bei älteren Kampfflugzeugen wie der F-16 oder F-18 - und zwar ausgerechnet nach hinten. Bei Luftkampfmanövern sei es "nahezu unmöglich" zu sehen, was hinter einem passiere, beschwert sich ein Pilot in dem Bericht. "Die Kopfstütze ist zu groß und wird die Überlebensfähigkeit bei der Bekämpfung von Boden- und Luftzielen herabsetzen", sagt ein anderer. Ein dritter Flieger drückt es direkter aus: "Die Sicht nach hinten wird dazu führen, dass der Pilot ständig abgeschossen wird."

Das Problem ist besonders ernst - weil es sich kaum beheben lässt. "Eine verbesserte Sicht aus dem Cockpit ist nicht in das Design der F-35 eingeflossen", schreibt Gilmore. Der Grund sei vermutlich, dass alle drei F-35-Varianten das gleiche Schleudersitz-System besitzen. "Die Sicht nach hinten könnte in Zukunft ein bedeutendes Problem für alle F-35-Piloten werden", heißt es in dem Bericht.

Und es war bei weitem nicht das einzige Problem, das während der Tests auftauchte. Gilmore bemängelt unter anderem folgende Punkte:

  • Das komplizierte Helmdisplay, das wichtige Informationen direkt auf das Visier des Piloten projizieren soll, machte ständig Ärger. Der künstliche Horizont stimmte oft nicht mit dem echten überein, das Display flackerte oder fiel gleich ganz aus. Das Bild war verschwommen, zu hell, zu dunkel oder verzögert.
  • Das Radar zeigte bei manchen Flügen keine Ziele an, verlor sie aus rätselhaften Gründen - oder fiel komplett aus.
  • Die Zuverlässigkeit der F-35 konnte selbst für Trainingsflüge nur sichergestellt werden, weil man ständig auf Übergangslösungen und spezielle Ausrüstung zurückgegriffen habe. Und trotzdem habe die F-35 die Vorgaben in Sachen Zuverlässigkeit verfehlt - und das, obwohl viele Systeme noch gar nicht an Bord waren.
  • Die Wartung dauerte teils extrem lang. Der Austausch eines Triebwerks etwa nahm bei den Tests im Schnitt 52 Stunden in Anspruch - statt der geforderten 120 Minuten.
  • Das Batterieladegerät an Bord der F-35 streikte schon bei Außentemperaturen von 15 Grad, so dass die Techniker den Allwetter-Kampfjet über Nacht im Hangar wärmen mussten.
  • Der Jet verfügt über keinen ausreichenden Blitzschutz. "Ein Blitzschlag könnte zum Verlust des Flugzeugs und der Besatzung führen", heißt es in dem Bericht.

Eine schnelle Lösung der Probleme erscheint fraglich. Denn der Bericht besagt, dass die F-35 derzeit nicht in vollem Umfang getestet werden kann. "Von der Auswertung eines Systems, das so unreif ist, kann man wenig lernen", schreibt Gilmores Abteilung. Aus Sicherheitsgründen sind der F-35 derzeit unter anderem verboten:

  • Geschwindigkeiten von mehr als Mach 0,9 statt des Spitzentempos von Mach 1,6
  • größere Anstellwinkel: die Nase des Flugzeugs darf maximal fünf Grad nach unten oder 18 Grad nach oben zeigen
  • Flugmanöver, bei denen Beschleunigungen von mehr als fünf g auftreten
  • ruckartige Bewegungen des Steuerknüppels
  • Flüge bei Nacht oder Instrumentenflüge bei schlechtem Wetter
  • der echte oder simulierte Einsatz von Waffen
  • das Auftanken in der Luft
  • die Benutzung von Täuschkörpern gegen feindlichen Beschuss.

Solche Einschränkungen sind laut Gilmore "sehr atypisch" für einen Kampfjet, der bereits in der Pilotenausbildung eingesetzt werde. "Es funktioniert nur ein äußerst beschränkter Teil der vollen Missionssysteme." Insbesondere die Einschränkung des Anstellwinkels und der Beschleunigungskräfte machten es kaum möglich, fortgeschrittene Flugmanöver zu üben.

Hitzeschäden, Risse in Flügeln

Die Beschwerden passen durchaus ins Bild. Erst Ende Februar wurde bekannt, dass sich bei Testflügen Risse in der Turbine einer F-35 gebildet hatten. Schon im Anfang Januar veröffentlichten Jahresbericht 2012 hatte Gilmore Kritik an der F-35 geübt. Bei Hochgeschwindigkeitsflügen in großer Höhe etwa hätten manche Bauteile Hitzeschäden erlitten, die Anti-Radar-Beschichtung sei abgeblättert, an Rumpf und Flügeln seien Risse entstanden. Hinzu kommen Zweifel, ob die F-35 die versprochenen Leistungswerte erreichen würde. Das Fachblatt "Flight Global" etwa zitierte Piloten mit der Aussage, dass die Leistungen der F-35 bei weitem nicht an die von anderen modernen Kampfjets heranreichten.

Das US-Militär könnte vor enormen Schwierigkeiten stehen, denn die F-35 ist nicht irgendein Flugzeug - sondern der künftige Standard-Kampfjet für Luftwaffe, Marine, Marinekorps und Armee. Die USA planen die Anschaffung von mehr als 2400 Maschinen. Kauf und Wartung sollten nach der ursprünglichen Planung rund eine Billion Dollar (770 Milliarden Euro) kosten. Inzwischen aber gilt als sicher, dass es wohl mindestens 1,5 Billionen Dollar sein werden. Damit ist das F-35-Programm das teuerste Rüstungsprojekt der Geschichte.

Hersteller Lockheed Martin sieht sich trotz allem auf dem richtigen Weg. Anfang 2013 verkündete die Firma die Produktion der hundertsten F-35. Der Jet biete "nie dagewesene Fähigkeiten" und eine einzigartige Flexibilität, heißt es auf der Website zur F-35. Er sei "der Gipfel von 50 Jahren Kampfflugzeug-Entwicklung".

Das aber sieht man offenbar auch außerhalb der USA anders. Im Januar wurde etwa bekannt, dass die Türkei den Kauf der ersten zwei von insgesamt 100 F-35 um ein Jahr verschiebt. Die Kosten seien zu hoch, erklärte ein türkischer Regierungsvertreter. Und die technischen Fähigkeiten des Jets seien "noch nicht auf dem gewünschten Niveau".

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insgesamt 256 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Deutschland, die Schweiz und andere
bold_ 08.03.2013
"Follower" werden auch diesen Schrott gern kaufen. Alter Witz aus der Strauß-Zeit: "Wie komme ich an einen Starfighter? Grundstück kaufen und abwarten, bis einer darauf abstürzt."
2. Mal den Iran Fragen
Andreas-Schindler 08.03.2013
Mal den Iran Fragen Zwegs deren Kopie des F-35. Die Übersicht dürfte da besser sein, eventuell auch die Flugeigenschaften.
3.
mitchomitch 08.03.2013
Zitat von sysopTechnische Pannen, explodierende Kosten - und jetzt noch massive Kritik von Piloten: Der neue US-Tarnkappen-Kampfjet F-35 soll im Luftkampf selbst älteren Flugzeugen unterlegen sein, die Sicht aus dem Cockpit sei miserabel. Das Pentagon stellt der Maschine ein verheerendes Zeugnis aus. Stealth-Flugzeug: Pentagon kritisiert F-35-Kampfjet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/stealth-flugzeug-pentagon-kritisiert-f-35-kampfjet-a-887552.html)
Mit Verlaub, aber hätte man einen Großteil dieser Probleme nicht schon bereits auf dem Reißbrett erkennen können? Hier ging's doch wiedermal nur darum, Milliardenspenden an die Rüstungsindustrie zu verteilen.
4. Sicht
Last Ninja 08.03.2013
Naja, die F-16 wurde ja extra so gebaut, dass sie einen perfekten Rundumblick im Cockpit liefert, im Gegensatz zu anderen Maschinen. Da kann die F-35 ja nur schlechter sein, wenn man da was ändert. Dafür wird sie ne bessere Aerodynamik haben, weil das Cockpit eben nicht so stark hervorragt.
5. optional
steelseries 08.03.2013
Die Amis können doch den "Eroberer" aus dem Iran kaufen. Mit dessen Glaskuppel sollte der perfekte Rundumblick garantiert sein. :)
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