Strahlenschützer im Interview: "Am gefährlichsten ist kontaminierte Nahrung"

Welche radioaktiven Stoffe kann die Havarie-Atomanlage Fukushima freisetzen? Wie können sich die Menschen in Japan davor schützen? Der Münchner Strahlenschützer Paretzke empfiehlt im Interview, die Nahrung permanent zu überwachen. Risiken für Deutschland sieht er nicht.

Strahlenmessung nahe Fukushima: "Langfristig ist vor allem Cäsium-137 ein Problem" Zur Großansicht
AP/Yomiuri Shimbun

Strahlenmessung nahe Fukushima: "Langfristig ist vor allem Cäsium-137 ein Problem"

SPIEGEL ONLINE: In Japan geht die Angst um einer radioaktiv verseuchten Wolke. Wie schätzen Sie die Gefahr für die Menschen ein?

Paretzke: Die größte Gefahr geht nicht von einer Wolke aus, sondern von der von ihr kontaminierten Nahrung. Das liegt an der unterschiedlichen Konzentration der radioaktiven Teilchen. In einer Stunde atmet ein Mensch nur etwa einen halben Kubikmeter Luft ein und aus. Ein Liter kontaminierter Milch enthält hingegen so viel Jod wie 600 Kubikmeter Luft. Insofern sind Atemschutzmasken nicht unbedingt notwendig, sofern die Betroffenen sich nicht in unmittelbarer Nähe zum Havariemeiler aufhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Atemschutzmasken kaum helfen, wie können sich die Menschen dann schützen?

Paretzke: Man muss die Nahrungsmittel permanent überwachen, unter anderem Gemüse und frische Milch. Wenn Grenzwerte überschritten sind, dürfen diese nicht verzehrt werden. Es ist übrigens auch ein Irrglaube, dass Gewächshäuser das angebaute Obst und Gemüse vor Kontaminierung schützen, sie halbieren nach unseren Erfahrungen etwa die Radioaktivität. In Japan können auch Jodtabletten helfen, hier in Deutschland ist das aber auf keinen Fall nötig.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Paretzke: Wir werden sicher bald auch hier messbare Mengen der Spaltprodukte aus Japan nachweisen. So wie wir hierzulande auch überirdische Atomtests nachweisen können. Wegen des großen Abstandes zu Japan sind die erhöhten Messwerte aber nur akademisch interessant, eine Gesundheitsgefährdung besteht mit Sicherheit nicht. Zudem kann die Einnahme von größeren Mengen Jod der Gesundheit schaden.

SPIEGEL ONLINE: Welche radioaktiven Stoffe können in Fukushima überhaupt freigesetzt werden?

Paretzke: Es gibt ein ganzes Spektrum an Radionukliden, wie Cäsium, Jod und Lanthan. Freigesetzt wurden auch Edelgase, sie waren wahrscheinlich für die hohe Strahlendosis unmittelbar am Kraftwerk verantwortlich. Diese Gase dürften inzwischen aber längst weggeweht worden sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Isotope sind am gefährlichsten für den Menschen?

Paretzke: Kurzfristig sicher Jod-131. Das Isotop verschwindet jedoch relativ schnell, denn es hat eine Halbwertzeit von acht Tagen. Gegen Jod-131 kann man sich gut schützen, indem man für ein paar Wochen kein frisches Gemüse und keine frische Milch zu sich nimmt. So lässt sich eine Kontamination verhindern. Langfristig ist vor allem Cäsium-137 ein Problem. Es bleibt deutlich länger in der Umwelt erhalten, die Halbwertzeit liegt bei 30 Jahren. Cäsium-137 gelangt in alle Nahrungsmittel, die auf kontaminiertem Boden angebaut wurden. Hier ist also eine Überwachung der Lebensmittel wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflusst das Wetter die Kontamination?

Paretzke: Die Windrichtung - aber auch Regen und Schneefall haben einen großen Einfluss. Wenn es regnet oder schneit, gelangen etwa zehnmal mehr radioaktive Partikel in den Boden.

Das Interview führte Holger Dambeck

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Die größte Gefahr geht vom Menschen aus
Trollpatsch 15.03.2011
"Die größte Gefahr geht nicht von einer Wolke aus, sondern von der von ihr kontaminierten Nahrung." Und diese wird GANZ SICHER wieder von irgendwelchen zynischen Profitgeiern erst separiert und anschließend gezielt untergemischt oder sonstwie in Verkehr gebracht. Wetten?
2. Meine Meinung
meinmein 15.03.2011
Zitat von Trollpatsch"Die größte Gefahr geht nicht von einer Wolke aus, sondern von der von ihr kontaminierten Nahrung." Und diese wird GANZ SICHER wieder von irgendwelchen zynischen Profitgeiern erst separiert und anschließend gezielt untergemischt oder sonstwie in Verkehr gebracht. Wetten?
Selbstverständlich. Fertignahrung scheidet demnächst für eine Weile aus. Man muss sich schon mit Grundnahrungsmitteln begnügen und deren Herkunft überprüfen. Es wird sich in den nächsten Monaten bis Jahren nicht vermeiden lassen, sich mit dem Thema zu befassen. Aber es ist machbar. Das war es 1986 auch.
3. ...
taggert 15.03.2011
Zitat von Trollpatsch"Die größte Gefahr geht nicht von einer Wolke aus, sondern von der von ihr kontaminierten Nahrung." Und diese wird GANZ SICHER wieder von irgendwelchen zynischen Profitgeiern erst separiert und anschließend gezielt untergemischt oder sonstwie in Verkehr gebracht. Wetten?
Selbstverständlich! Wer anderes erwartet ist Naiv! In einer Globalisieren Welt ohne Gewissen wird sich schon ein dankender Abnehmer finden, der es seinem Volk unter-jubelt. Ist ja auch kein Geheimnis das es nach einer gewissen Atomkatastrophe im Ostblock wesentlich mehr Gemüse zu kaufen gab, das der Westen nicht mehr wollte... Eigentlich hielt ich die Leute ja für Spinner, aber in unsere Korrupten Welt ohne Moral, sollte man eventuell Investitionen in einen eigenen Geigerzähler nicht so ohne weiteres für Spinnerei halten.
4. Endlich
LOWES 15.03.2011
Zitat von sysopWelche radioaktiven Stoffe kann die Havarie-Atomanlage Fukushima freisetzen? Wie können sich die Menschen in Japan davor schützen? Der Münchner Strahlenschützer Paretzke empfiehlt im Interview, die Nahrung permanent zu überwachen. Risiken für Deutschland sieht er nicht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751087,00.html
Endlich auch mal eine differenzierte Betracht5ung der Strahlengefahren
5. Wieso denn das?
cairne 15.03.2011
Zitat von meinmeinSelbstverständlich. Fertignahrung scheidet demnächst für eine Weile aus. Man muss sich schon mit Grundnahrungsmitteln begnügen und deren Herkunft überprüfen. Es wird sich in den nächsten Monaten bis Jahren nicht vermeiden lassen, sich mit dem Thema zu befassen. Aber es ist machbar. Das war es 1986 auch.
!986 haben wir fast nur von Fertignahrung gelebt, die vor Tschernobyl erzeugt wurde. Z.B. haben wir eine Menge Milchpulver für unser Baby gekauft, weil wir der Frischmilch nicht getraut haben und nicht wussten, wie es weitergehen wird.
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Zur Person
Der Strahlenphysiker Herwig Paretzke arbeitet am Helmholtz-Zentrum München. Er ist Professor an der TU München und an der Universität Innsbruck. Seit 1999 leitet er den Fachverband Strahlen- und Medizinphysik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG).

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