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Strahlenschutz in Fukushima: AKW-Betreiber zieht Kunststoffplane über Reaktor

Mit Polyester gegen Strahlung: Der japanische Energiekonzern Tepco hat über eines der demolierten Reaktorgebäude auf dem AKW-Komplex Fukushima eine Plane montiert. Sie soll das Austreten weiterer Radioaktivität verhindern. Doch selbst ein Erfolg der Maßnahme löst nicht das größte Problem.

AKW-Ruine Fukushima: Plane für Reaktor 1 Fotos
DPA/ TEPCO

Tokio - Die Arbeiten auf der AKW-Ruine Fukushima gehen langsam voran: Nachdem es dem Reaktorbetreiber Tepco im September erstmals gelungen war, die Temperaturen in den drei beschädigten Reaktoren unter 100 Grad Celsius zu kühlen, wurde das Reaktorgebäude 1 jetzt mit einer Plane abgedeckt.

Die Plane aus Polyester soll das weitere Austreten von Radioaktivität verhindern, meldete Tepco am Montag. Und das ist auch wichtig, denn nach Angaben Tepcos sowie der japanischen Agentur für Nuklearsicherheit (Nisa) tritt weiterhin Radioaktivität aus. Mit Hilfe eines Stahlgerüsts montierten die Arbeiter über dem Reaktorgebäude die riesigen Planen. Nach Angaben eines Tepco-Sprechers soll die neue Hülle, zusammen mit einem Belüftungssystem, etwa 90 Prozent der Radioaktivität abfangen.

Bis Ende Oktober soll das System fertig sein. Bei einem Erfolg sollen auch die beschädigten Reaktorgebäude drei und vier Polyesterhüllen erhalten, hieß es. Die Plane kann erst jetzt angebracht werden, da zunächst eine Kühlung der Reaktoren unter 100 Grad Celsius erreicht werden musste. Nur so kann Tepco eine sogenannte Kaltabschaltung der Reaktoren erreichen. Und diese ist Voraussetzung dafür, dass keine spontane Kernspaltung mehr stattfinden kann. Denn in einem kalt abgeschalteten Reaktor kocht das Kühlwasser unter normalem Druck nicht mehr.

Erfolge werden noch nicht gefeiert

Die Kühlung unter 100 Grad war mit Hilfe eines neuen Systems möglich, das Tepco vor wenigen Monaten installiert hatte. Als Erfolg wollen die Experten die Kühlung aber noch nicht feiern. "Wir müssen die Temperaturen weiterhin im Auge behalten", sagte der Nisa-Sprecher Yoshinori Moriyama. Erst wenn die Temperaturen sich dauerhaft nicht verändern, werde man die Kaltabschaltung offiziell verkünden.

Die Ankündigung der Kaltabschaltung wird auch Folgen haben: Denn sie wäre eine der Voraussetzungen für die Regierung, den etwa 80.000 Einwohnern der Sperrzone wieder zu erlauben, in ihre Häuser zurückzukehren. Laut Tepco könnte die Kaltabschaltung noch Ende des Jahres erzielt werden. Doch selbst dann hat Japan noch eine Mammutaufgabe vor sich - die Entseuchung der kontaminierten Gebiete. Und diese dürfte sich angesichts der schieren Mengen an verseuchtem Boden noch eine lange Zeit hinziehen, wie Experten erst vor Kurzem berechnet hatten.Ob die Plane über dem Reaktor 1 tatsächlich den Austritt von Radioaktivität stoppen kann, gilt es derweil noch zu zeigen. Nach Angaben der Nisa lässt sich nicht ohne weiteres sagen, wo sich der Kernbrennstoff befindet. Die Wahrscheinlichkeit bestünde, dass er sich bereits durch die Reaktordruckkammer durchgeschmolzen hat.

Die Messungen Tepcos zeigen immerhin, dass der Gesamtaustritt von Radioaktivität aus dem Gelände im vergangenen Monat gesunken ist - nach Angaben des Betreibers um die Hälfte. Wie der Vizepräsident Tepcos, Zengo Aizawa, in einer Pressekonferenz mitteilte, betrage die austretende Menge aus den Reaktoren insgesamt 100 Millionen Becquerel pro Stunde. Das entspreche einem Achtmillionstel der Menge an Radioaktivität, die zu Beginn der Katastrophe aus den Reaktoren ausgetreten war. Umgerechnet bedeute das eine Strahlenbelastung von 0,2 Millisievert pro Jahr. Zum Vergleich: Die Belastung durch die natürliche Hintergrundstrahlung beträgt in Japan 2,4 Millisievert pro Jahr.

Vergangene Woche hatte die Internationale Atomenergiebehörde einen Zwischenbericht (IAEA) vorgelegt, in dem sie die Bemühungen Japans zur Atomkatastrophe bewertet. Das Ergebnis: Vor allem bei der Entseuchung der kontaminierten Gebiete müsse die Regierung effizienter vorgehen, so die IAEA. Bis Mitte November wollen die IAEA-Experten der Regierung den Abschlussbericht vorlegen.

cib/dpa/Reuters

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 314 Beiträge
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1. Ja wo ist er denn?
ddeseo 17.10.2011
"Nach Angaben der Nisa lässt sich nicht ohne weiteres sagen, wo sich der Kernbrennstoff befindet. Die Wahrscheinlichkeit bestünde, dass er sich bereits durch die Reaktordruckkammer durchgeschmolzen hat." Na prima! Alles unter Kontrolle.
2. Hat er
vostei 17.10.2011
Zitat von ddeseo"Nach Angaben der Nisa lässt sich nicht ohne weiteres sagen, wo sich der Kernbrennstoff befindet. Die Wahrscheinlichkeit bestünde, dass er sich bereits durch die Reaktordruckkammer durchgeschmolzen hat." Na prima! Alles unter Kontrolle.
Er ist schon länger durch - vor vier Wochen hatte man bereits mit frischen Wasserstoffansammlungen in Leitungen zu tun. Derzeitiger Status: Radioaktiver Dampf aus dem Untergrund UNTER Block 1 http://www.tepco.co.jp/en/nu/fukushima-np/images/handouts_111014_03-e.pdf Der Messpunkt der Angaben - gemessen von zwei Robotern ganz unten im Reaktor. http://enenews.com/nhk-tepco-finally-confirm-steam-came-underground-reactor-1-47-sieverts-hour-almost-20-june Die News dazu. Der Dampfaustritt war schon im Sommer gemessen worden - jetzt wieder und stärker. Und zu Anfang, also in den ersten 100 Tagen des Fuk-Desasters wurden 1,2 Trillionen Bq freigesetzt - Pu. http://fukushima-diary.com/2011/10/news-media-knew-1-2%C3%971012-bq-of-plutonium-was-released-to-the-air-in-the-first-100-hours/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+FukushimaDiary+%28Fukushima+Diary%29
3. Toller Aktionismus
carranza 17.10.2011
Zitat von sysopMit Polyester gegen Strahlung: Der japanische Energiekonzern Tepco hat über eines der demolierten Reaktorgebäude auf dem AKW-Komplex Fukushima eine Plane montiert. Sie soll das Austreten weiterer Radioaktivität verhindern. Doch selbst ein Erfolg der Maßnahme löst nicht das größte Problem. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,792316,00.html
Die Leute können nun besser sehen, dass etwas getan wird!
4. schon schlimm genug.
Chris110 17.10.2011
Es ist doch inzwischen soviel radioaktives Material in die Umwelt gelangt, dass es in Japan mit Sicherheit Gesundheitsschäden, Langzeitfolgen und Krebstote geben wird. Ist das nicht schlimm genug? Ich bin gespannt, ob der zu erwartende, sprunghafte Anstieg von Krebsfällen vertuscht werden wird. Das ganze ist ein absolutes Desaster.
5. Die Hysterie war unbegründet
Walther Kempinski, 17.10.2011
Ich glaube man kann inzwischen sagen, dass der Reaktorunfall von Fukushima klar gezeigt hat, dass selbst veraltete "westliche" Reaktoren bei einem Super-Gau nur einen Bruchteil von Radioaktivität freisetzt wie Tschernobyl es einst getan hat. Pi mal Daumen kann man sagen, dass es 10% sind, was 1986 ausgetreten ist. Hätte man die japanischen Reaktorgebäude mit Belüftungsschlitzen versehen und somit die Wasserstoffexplosionen verhindert, wäre diese Menge wahrscheinlich auf 1% abgesunken. Inzwischen gibt es sogar neue Druckwasserreaktoren (Europäischer Druckwasserreaktor - EPR), die durch eine keramische Kegelkonstruktion unterhalb des Containments dafür sorgt, dass selbst bei einem Supergau mit Durchbruch aus dem Containment bei einem Totalausfall des gesamten Kühlkreislaufs, sich das radioaktive Uran/Plutonium gleichmäßig am Kegel entlang verteilt und somit das verflüssigte Brennmaterial von selbst abkühlt und zum Stillstand kommt. Ein möglicher Super-Gau in einem EPR wäre somit von den Folgen für das Umland gering. Wahrscheinlich sogar außerhalb des Reaktorgebäudes nicht messbar. Ich glaube die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, Atomwaffentests und die historischen Aufnahmen von Hiroshima und Nagasaki haben die Menschen zu einem emotionalen Meinungsbild gegenüber AKWs getrieben, der diese Technologie gleichsetzt mit den Machenschaften des Teufels oder anderer Dämonen. Rein rational betrachtet, stellt die Kernenergie jedoch keine nennenswerte Gefahr dar, sofern man die waghalsigen Reaktoren russischer Bauart abschaltet und nach und nach durch EPRs ersetzt. Der Vorteil läge klar auf der Hand. Deswegen ist selbst der Mitbegründer von Greenpeace ist inzwischen zu einem Fürsprecher der Kernenergie geworden. Denn die weltweiten Folgen der Klimaerwärmung durch co2 und andere Treibhausgase schätzen solche bedachten Menschen weitaus höher ein. Zum Thema Endlagerung, welches auch als großer negativer Faktor bei der Kernenergie gesehen wird, kann man eigentlich nur sagen, dass ein zentrales Endlager ohnehin gebaut werden muß. Die abgebrannten Brennstäbe sind bereits in der Welt und können auch durch noch so bissige Diskussionen nicht weggequatscht werden. Ob man nach dem Bau des Endlagers noch einen weiteren Stollen für die künftigen Brenntstäbe anlegen muß oder nicht, stellt für die Frage der Sicherheit keine relevante Größe dar. Würde man die Wiederaufbereitung wieder freigeben, könnte man aus den stark radioaktiven Brennelement sogar schwach und mittelstark radioaktive Brennelemente wandeln und dabei die Halbwertzeit der Brenntstäbe auf überschaubare 500 Jahre reduzieren. Leider wurde auch das durch die Grünen in Deutschland aus ideologischen Gründen verboten. Die Folge ist, dass wir nun mehr und stärker strahlendes Material endlagern müssen. Versteh das einer wer will...
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Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

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Das Leben nach Fukushima: Entseuchung der Heimat

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