Das Bergwerk ist ein beliebtes Ausflugsziel. Das beweist ein schneller Blick in die Besucherliste. Der Lionsclub Lüneburg war letztens da, die Polizei Hamburg und der Motorsportclub Wittenberge. Nun also wir. Im Förderkorb geht es zusammen mit zwei anderen SPIEGEL-ONLINE-Kollegen in 840 Meter Tiefe, an einen der umstrittensten Plätze des Landes: Eingekleidet mit rotem Overall, weißem Helm und Atemschutzgerät sausen wir in den Salzstock von Gorleben hinab. Bevor die Erkundungsarbeiten hier nach zehn Jahren wieder starten, wollen wir uns in dem unterirdischen Areal umschauen, das eines Tages den deutschen Atommüll beherbergen könnte.
Unten angekommen spürt man als erstes die Wärme. Im offenen gelben Jeep geht es durch die Gänge des Bergwerks. Die Luft ist trocken, vom Boden stiebt feines Salz. Zugegeben: Hier unten sieht es einigermaßen aufgeräumt aus, kein Vergleich mit den desaströsen Zuständen im Atomlager Asse. In Gorleben liegt allerdings auch noch kein Atommüll. In einem kurzen, hell erleuchteten Stollen lassen wir uns zeigen, wie die Kammern in den Fels gesprengt werden würden - vorausgesetzt der Salzstock ist dafür überhaupt geeignet.
Doch das ist alles andere als klar. Genau genommen scheint vieles eher gegen Gorleben zu sprechen. Die jahrzehntealten politischen Prozesse bei der Standortsuche erscheinen mehr als zweifelhaft. Darum kümmert sich in Berlin gerade ein Untersuchungsausschuss. Aber auch die Liste möglicher geologischer Probleme ist lang: Was ist mit dem demolierten Deckgebirge über dem Bergwerk? Und was mit unterirdischen Laugenreservoirs, die das Salz auflösen könnten? Wie verhält es sich mit der möglichen Gefahr durch Erdgas? Und gibt es nicht doch Anhydrid-Gesteinsschichten, die Wasser von oben hier hinunterleiten könnten?
Ein Tunnelbereich ist wegen des Anhydrits mit Stahl und Beton gesichert. Kein Problem, beteuern unsere Gastgeber vom Bundesamt für Strahlenschutz. Ebenso wenig wie das Bohrloch "RB012", vor dem wir später stehen - obwohl dort einst kubikmeterweise Flüssigkeit aus dem Salz gepumpt wurde.
Viele Menschen in der Region befürchten, die Entscheidung für Gorleben sei in Wahrheit schon längst gefallen. Doch egal wie, hier unten wird in den kommenden 20 Jahren wohl kein Atommüll eingelagert werden. Erkundung und Gerichtsprozesse werden viel Zeit in Anspruch nehmen und Milliardenkosten mit sich bringen. Dass die Frage der Entsorgung längst nicht geklärt ist, hat die schwarz-gelbe Regierung freilich nicht daran gehindert, die Atomlaufzeiten zu verlängern. Wie irrsinnig das ist, wird einem hier unten besonders klar. Und wie dumm es ist, nicht auch an anderer Stelle die geologischen Voraussetzungen für ein Atomlager zu testen.
Kurz vor der Rückfahrt ans Tageslicht begegnen wir einer weiteren Besuchergruppe. Sie kommt vom Atomkraftwerksbetreiber Vattenfall.
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