Streit über Atommüll-Endlager Gorleben? Unterirdisch!

Viele Menschen im Wendland befürchten, die Entscheidung für ein Endlager Gorleben längst gefallen ist. Doch Atommüll wird in dem Salzstock in den kommenden 20 Jahren wohl nicht eingelagert. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Christoph Seidler hat das Bergwerk besucht.

DDP

Das Bergwerk ist ein beliebtes Ausflugsziel. Das beweist ein schneller Blick in die Besucherliste. Der Lionsclub Lüneburg war letztens da, die Polizei Hamburg und der Motorsportclub Wittenberge. Nun also wir. Im Förderkorb geht es zusammen mit zwei anderen SPIEGEL-ONLINE-Kollegen in 840 Meter Tiefe, an einen der umstrittensten Plätze des Landes: Eingekleidet mit rotem Overall, weißem Helm und Atemschutzgerät sausen wir in den Salzstock von Gorleben hinab. Bevor die Erkundungsarbeiten hier nach zehn Jahren wieder starten, wollen wir uns in dem unterirdischen Areal umschauen, das eines Tages den deutschen Atommüll beherbergen könnte.

Unten angekommen spürt man als erstes die Wärme. Im offenen gelben Jeep geht es durch die Gänge des Bergwerks. Die Luft ist trocken, vom Boden stiebt feines Salz. Zugegeben: Hier unten sieht es einigermaßen aufgeräumt aus, kein Vergleich mit den desaströsen Zuständen im Atomlager Asse. In Gorleben liegt allerdings auch noch kein Atommüll. In einem kurzen, hell erleuchteten Stollen lassen wir uns zeigen, wie die Kammern in den Fels gesprengt werden würden - vorausgesetzt der Salzstock ist dafür überhaupt geeignet.

Doch das ist alles andere als klar. Genau genommen scheint vieles eher gegen Gorleben zu sprechen. Die jahrzehntealten politischen Prozesse bei der Standortsuche erscheinen mehr als zweifelhaft. Darum kümmert sich in Berlin gerade ein Untersuchungsausschuss. Aber auch die Liste möglicher geologischer Probleme ist lang: Was ist mit dem demolierten Deckgebirge über dem Bergwerk? Und was mit unterirdischen Laugenreservoirs, die das Salz auflösen könnten? Wie verhält es sich mit der möglichen Gefahr durch Erdgas? Und gibt es nicht doch Anhydrid-Gesteinsschichten, die Wasser von oben hier hinunterleiten könnten?

Ein Tunnelbereich ist wegen des Anhydrits mit Stahl und Beton gesichert. Kein Problem, beteuern unsere Gastgeber vom Bundesamt für Strahlenschutz. Ebenso wenig wie das Bohrloch "RB012", vor dem wir später stehen - obwohl dort einst kubikmeterweise Flüssigkeit aus dem Salz gepumpt wurde.

Viele Menschen in der Region befürchten, die Entscheidung für Gorleben sei in Wahrheit schon längst gefallen. Doch egal wie, hier unten wird in den kommenden 20 Jahren wohl kein Atommüll eingelagert werden. Erkundung und Gerichtsprozesse werden viel Zeit in Anspruch nehmen und Milliardenkosten mit sich bringen. Dass die Frage der Entsorgung längst nicht geklärt ist, hat die schwarz-gelbe Regierung freilich nicht daran gehindert, die Atomlaufzeiten zu verlängern. Wie irrsinnig das ist, wird einem hier unten besonders klar. Und wie dumm es ist, nicht auch an anderer Stelle die geologischen Voraussetzungen für ein Atomlager zu testen.

Kurz vor der Rückfahrt ans Tageslicht begegnen wir einer weiteren Besuchergruppe. Sie kommt vom Atomkraftwerksbetreiber Vattenfall.



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insgesamt 5 Beiträge
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Klo, 24.12.2010
1. Gorleben? Nie im Leben!
Zitat von sysopViele Menschen im Wendland befürchten, die Entscheidung für ein Endlager Gorleben längst gefallen ist. Doch Atommüll wird in dem Salzstock in den kommenden 20 Jahren wohl nicht eingelagert. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Christoph Seidler hat das Bergwerk besucht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,735718,00.html
Ich prognostiziere heute schon: In Gorleben wird niemals Atommüll eingelagert, denn geowissenschaftlich ist das kompletter Unsinn. Ein Endlager Gorleben wäre auf gar keinen Fall für 1 Million Jahre sicher. Wer heute etwas anderes prognostiziert, ist entweder kein Geowissenschaftler, oder ein dreister Lügner. Wer dort Atommüll einlagert, der sollte auch mit seinem privaten Vermögen für die Folgen dieser Fehleinschätzung voll haften. Und seine Erben natürlich ebenfalls.
prof65 25.12.2010
2. Endlager???
Zitat von sysopViele Menschen im Wendland befürchten, die Entscheidung für ein Endlager Gorleben längst gefallen ist. Doch Atommüll wird in dem Salzstock in den kommenden 20 Jahren wohl nicht eingelagert. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Christoph Seidler hat das Bergwerk besucht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,735718,00.html
Die Frage die sich immer wieder stellt ist, wenn es kein Endlager gibt und auch keins gefunden wird, brauchen wir eins? Ich meine der "Müll" ist eigentlich Rohstoff voller , CO2 freier Energie. Sollten wir nicht lieber daran denken ihn sinnvoll zu nutzen wenn wir eh keine andere Lösung haben?
matthiaswietzki 19.07.2015
3.
Ist es besser,wenn 110 Castoren über Tage stehen? Ich lebe in Gorleben.Ich bin kein Berliner oder Hamburger, die für wenig Geld Häuser kaufen und ihren Ruhestand verleben wollen.Sie sind aber gegen Atomkraft!Wie paradox!!Viele Leute haben bald keine Arbeit mehr! Danke an die Politik!Warum wurde Gorleben nicht bis zum Ende erkundet?Aber die "Grünen" wissen ja alles wieder besser!!!!!!!!!!Und was ist mit der Endlagerkommission? Ein guter Witz!Money for nothing!Ich habe die Schn..... voll.Danke!!
tempus fugit 19.07.2015
4. Jo, toll...
Zitat von prof65Die Frage die sich immer wieder stellt ist, wenn es kein Endlager gibt und auch keins gefunden wird, brauchen wir eins? Ich meine der "Müll" ist eigentlich Rohstoff voller , CO2 freier Energie. Sollten wir nicht lieber daran denken ihn sinnvoll zu nutzen wenn wir eh keine andere Lösung haben?
...CO2-frei... Und SONST-NOCH-WAS-frei? Warum wird seit Jahrzehnten über Atom/AKW/Atommüll diskutiert? Über das ganze so energievolle Nuklearzeugs diskutiert, gestritten? Gäbe es eine sinnvolle - marktorientiert eine gewinnbringende 'Nutzung' - wäre das schon längst gelaufen. Momentan und seit Anbeginn des angeblich so sicheren, sauberen, harmlosen billigen Atomstroms geht es darum, wer wem die100Mia-teure Entsorgung/Lagerung mit 36 Mrd. Rückstellungen (keine Rücklagen!!!) ans Bein binden kann. BAD-ATOM-Stiftung! Sprich: EON-Aufteilung oder RWE-Pleite oder oder...
tatsache2011 20.07.2015
5. Schwarzbauten
Zitat von matthiaswietzkiIst es besser,wenn 110 Castoren über Tage stehen? Ich lebe in Gorleben.Ich bin kein Berliner oder Hamburger, die für wenig Geld Häuser kaufen und ihren Ruhestand verleben wollen.Sie sind aber gegen Atomkraft!Wie paradox!!Viele Leute haben bald keine Arbeit mehr! Danke an die Politik!Warum wurde Gorleben nicht bis zum Ende erkundet?Aber die "Grünen" wissen ja alles wieder besser!!!!!!!!!!Und was ist mit der Endlagerkommission? Ein guter Witz!Money for nothing!Ich habe die Schn..... voll.Danke!!
Was will man denn in Gorleben noch erkunden? In der Asse wurde auch erkundet mit 126.000 Fässern. Ergebnis: Fässer durchgerostet im Salz. Der Versuch ist im Versuchsbergwerk beendet und nun wird erkundet, wie man den radioaktiven Müll wieder heraus holen kann. Das Versuchsbergwerk Asse sollte offensichtlich klammheimlich ein Atommülllager werden. Diesen Weg möchte man auch in Gorleben gehen und einen Schwarzbau errichten.
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