Streit über Endlager: Abschied vom Millionen-Jahre-Konzept

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Strahlender Atommüll stapelt sich in Deutschland in kaum gesicherten Hallen. Die Suche nach einem Endlager, das Schutz für Millionen Jahre garantieren soll, bleibt seit Jahrzehnten ohne Ergebnis. Jetzt fordert ein Geo-Forscher ein Paradox: Endlager auf Zeit. Die zuständige Regierungsbehörde reagiert überrascht.

Gorleben: Stockende Erkundungen im Salzbergwerk Zur Großansicht
DPA

Gorleben: Stockende Erkundungen im Salzbergwerk

In unscheinbaren Hallen in Deutschland stapelt sich hochgefährlicher radioaktiver Abfall. In den sogenannten Zwischenlagern werden jedes Jahr Hunderte Tonnen Atommüll aus Kernkraftwerken aufgeschichtet. Das Problem: Die Substanzen strahlen mit tödlicher Stärke - und das noch Millionen Jahre. Zwar blockieren Castorbehälter aus Stahl und Glas die Radioaktivität. Doch um den Atommüll für alle Zeit sicher zu entsorgen, fahnden Politiker und Wissenschaftler nach einem Endlager. Die jahrzehntelange Suche blieb allerdings bislang vergeblich - und so steht der Müll bis auf weiteres in den unsicheren Hallen.

Jetzt fordert ein Experte auf SPIEGEL ONLINE eine Wende bei der Suche nach einer Atommüll-Deponie: "Wir brauchen ein Kurzzeit-Endlager, und zwar schnell", sagt der Geoforscher Frank Schilling vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), ein Fachmann für Umweltrisiken. Bislang gilt die Vorgabe der Bundesregierung, eine Deponie für die Ewigkeit zu finden, so dass die hochradioaktiven Substanzen auch künftigen Generationen nicht gefährlich werden. In 30 bis 50 Jahren soll das unterirdische Endlager nach bisheriger Planung fertig sein.

Kein gutes Vorhaben, meint Schilling: "Lieber rasch ein sicheres Endlager auf Zeit - etwa für 500 Jahre - als bis auf Weiteres eine unsichere überirdische Zwischenlagerung." Für die Endlager-Wende seien allerdings politische Veränderungen nötig, betont der Forscher. Längst hegen auch andere Experten Bedenken an der bisherigen Endlagerpolitik, auf Tagungen wird das Thema mittlerweile intensiv diskutiert. Kritiker beklagen, dass es keine öffentliche Diskussion gebe. Und sie verweisen etwa darauf, dass die Planung für Millionen Jahre im Voraus unrealistisch sei. Politiker bringen inzwischen neue Endlager-Standorte ins Gespräch.

Umweltforscher Schilling nennt drei Gründe für seine Forderung nach einem Kurzzeit-Endlager für hochradioaktiven Müll:

  • Sicherheit: "Was passiert, wenn ein oder zwei vollbetankte Jumbojets auf ein Zwischenlager stürzen?", fragt Schilling. Jeder Tag, den der hochradioaktive Abfall über der Erde liege, sei zu viel: Das Risiko eines Unfalls sei zu groß. "Es wäre viel sicherer, den Müll unterirdisch und somit bombensicher zu lagern, als oberirdisch und relativ schutzlos", sagt der Geoforscher.
  • Dauer der Endlagersuche: Ein Ergebnis der Endlagersuche sei nicht absehbar: "Wir haben kein Konzept, wie sich hochradioaktives Material für mehr als 10.000 Jahre sicher lagern ließe", sagt Schilling. Mindestens 40 bis 50 Jahre werde es nach derzeitigem Stand noch dauern, ein Endlager fertigzustellen. "Die ungesicherten Zwischenlager werden folglich für Generationen eine Hypothek bleiben." Ein Kurzzeit-Endlager für 500 Jahre hingegen "ließe sich rasch realisieren".
  • Technologischer Fortschritt: Ein Endlager auf Zeit sei auch deshalb sinnvoll, weil man nicht wissen könne, welche Möglichkeiten sich in Zukunft böten. "Wir können nicht wissen, wie man Atommüll in Zukunft behandeln kann", gibt Schilling zu bedenken. Vielleicht lasse er sich unschädlich machen, vielleicht sogar in Wertstoffe wandeln. Technologien wie die sogenannte Transmutation, die sich noch im Forschungsstadium befänden, böten neue Perspektiven.

Die für die Einrichtung eines Endlagers zuständige Bundesbehörde, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), jedoch steht der Forderung nach einem Kurzzeit-Endlager kritisch gegenüber: "Ein nur für kurze Zeiträume ausgelegtes Endlager wäre nicht zielführend, da das Problem nur auf spätere Generationen verschoben würde", erklärte das BfS auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Ein Kurzzeit-Endlager berge "erhebliche Risiken für Mensch und Umwelt".

Streit über die Rückholbarkeit

Schilling widerspricht: "Die Stabilität der Castorbehälter, die den Atommüll bewahren, ist für 500 Jahre berechenbar, ebenso die Stabilität von Untertagebauwerken, die als Kurzzeit-Endlager in Frage kommen." Ein geeignetes Kurzzeit-Endlager könnte "in weniger als zehn bis 15 Jahren fertiggestellt sein".

Das BfS hingegen verweist auf die geltenden Anforderungen für Endlager, die am 30. September 2010 von der Bundesregierung in neuer Fassung veröffentlicht wurden. Demnach sollen hochradioaktive Abfälle zwar für 1000 Jahre "bergbar gelagert" werden. Doch diese Art der Lagerung ist nicht gleichzusetzen mit Rückholbarkeit, wie sie Schilling fordert: Den Vorschriften des Bundes zufolge soll der Atommüll nur im Notfall geborgen werden können. Der entscheidende Unterschied: Das Lager soll nach den geltenden Vorschriften des Bundes nicht offen gehalten werden. Vielmehr soll es den Strahlenmüll umschließen - für zehn Millionen Jahre.

Auch die lange Endlager-Zeitspanne von vielen Millionen Jahren steht mittlerweile in der Kritik: Sie liege "im Grenzbereich des menschlichen Erkenntnisvermögens", räumte der Geschäftsführer der Kerntechnikfirma Nuklear-Services GMS, Holger Bröskamp, unlängst in der "Internationalen Zeitschrift für Kernenergie" ein. Die Annahmen bezüglich der Lagersicherheit für Jahrmillionen "entziehen sich im komplexen Gesamtsystem einer messbaren Bewertung", schrieb Bröskamp.

Die Anforderungen an ein Endlager seien zu hoch, meint auch Schilling. Er fordert eine "Abkehr vom Dogma der Nicht-Rückholbarkeit". Deutschland stünde mit seiner Endlagerpolitik ziemlich allein: "Anders als in den meisten Ländern wird in Deutschland nicht auf Rückholbarkeit gesetzt."

Politische Veränderungen gefordert

Das BfS jedoch verweist auf die Risiken rückholbaren Atommülls: "Über nichtverschlossene Schächte könnte Radioaktivität nach außen dringen oder Grundwasser ins Endlager gelangen." Zudem erfordere eine rückholbare Lagerung, dass das Endlager regelmäßig gewartet werde. "Es kann aber nicht sichergestellt werden, dass künftige Generationen dazu in der Lage sein werden", betont das BfS.

Der Chef des Bundesamts für Strahlenschutz, Wolfram König, erinnert an das Desaster mit dem Endlager Asse, wo die Lagerung von mittelradioaktivem Müll in chaotischem Zustand ist: "Bei der Asse war es nicht möglich, über einen längeren Zeitraum die dafür notwendige Aufmerksamkeit zu schaffen", sagt König. Das Chaos-Endlager zeige, dass "wir uns und folgende Generationen mit der Erwartung, sie würden die Probleme schon lösen können, überfordern."

Die Zukunft sei zu unsicher, um Atommüll offen zu lagern: "Es gibt zudem keine Garantie, dass unser politisches System stabil bleibt", sagt König. Der radioaktive Stoff drohe in die falschen Hände zu gelangen. Schilling aber will trotz seiner Fürsprache für Kurzzeit-Endlager weiter nach einer Langzeitlösung suchen: "Das Kurzzeit-Konzept darf nicht als Ausrede genommen werden, die Suche nach einer Langzeit-Lagerung einzustellen." Aus dem Lager könne der Atommüll später gegebenenfalls in ein Langzeit-Endlager gebracht werden.

Für die Suche nach einem Endlager bedürfte es politischer Veränderungen, sagt Schilling: Die zuständigen Stellen müssten "deutlicher voneinander getrennt sein". Manche Behörden sind für beide Aufgaben zuständig. "Betreiber und Aufsicht eines Endlagers sollten aber getrennt sein." Als Vorbild für eine unabhängige Organisation nennt Schilling die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle in der Schweiz (Nagra).

Zudem sollte "die Offenlegung aller Daten zur Endlagersuche zwingend vorgeschrieben werden", fordert Schilling. In der Expertenszene rumort es bei der Endlagerfrage seit Jahren, weil eine offene Diskussion erstickt zu sein scheint. Es habe sich "eine Wagenburgmentalität" entwickelt, monierte bereits vor zwei Jahren auf der Jahrestagung Kerntechnik der Präsident des Deutschen Atomforums, Walter Hohlefelder.

Endlager in Süddeutschland?

Seit vor elf Jahren die damalige rot-grüne Bundesregierung die Erkundung des Salzstocks in Gorleben ausgesetzt hatte, gab es praktisch keinen Fortschritt bei der Suche nach einem Endlager. Die Erkundung von Gorleben wurde erst vor einem halben Jahr wieder zugelassen. Immer mehr Forscher forderten, die Endlagerdebatte neu zu beginnen. Gorleben sei aufgrund unlauterer Methoden zum Favoriten geworden. Die Entscheidung für ein Endlager erscheint ferner denn je.

Zwar wollen manche Forscher - wie etwa Konrad Kleinknecht von der Universität Mainz - an Gorleben als Endlager festhalten. Der Salzstock habe sich bei Bohrungen als "extrem stabil" erwiesen. Doch andere Experten hegen Bedenken. Zuletzt warnten Geologen vor explosivem Erdgas im Salzstock. Auch für Schilling ist Gorleben zwar ein "potentieller Ort, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der beste". Beispielsweise kämen Tonschichten in Süddeutschland für ein Endlager in Frage.

Die bundesweite Suche nach einem Endlager, die seit langem auch vom BfS empfohlen wird, bekam im April überraschenden Zuspruch aus Süddeutschland: Der designierte baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte erstmals die Suche nach einem Endlager auch in seinem Bundesland ins Gespräch gebracht. Das Bayerische Landesamt für Umwelt hingegen erklärte umgehend, dass in Bayern die geologischen Mindestanforderungen an ein Endlager für radioaktive Abfälle nicht erfüllt seien.

Erfüllt sich nun doch noch die Forderung des ehemaligen Vorsitzenden der Kerntechnischen Gesellschaft, Hans Wolfgang Levi, nach Gesprächsbereitschaft? "Wir müssen lernen, Fragen besser zu verstehen und sie besser zu beantworten", hatte Levi gemahnt - auf der "Reaktortagung 1977". Das Motto damals: "Energievernunft und Dialogbereitschaft".

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insgesamt 526 Beiträge
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1. ...plus dezentral
eikfier 10.05.2011
Zitat von sysopStrahlender Atommüll*stapelt sich in Deutschland in kaum gesicherten Hallen. Die Suche nach einem Endlager, das Schutz für Millionen Jahre garantieren soll,*bleibt*seit Jahrzehnten ohne Ergebnis. Jetzt fordert ein Geo-Forscher ein Paradox: Endlager auf Zeit. Die zuständige Regierungsbehörde reagiert überrascht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,760101,00.html
...allmahlich scheint sich ja doch der gesunde Menschenverstand durchzusetzen und nun noch vielleicht einen Schritt weiter: dezentrale Endlager beim AKW mit ganz kurzen Transportwegen, quantitativer Gefahrverkleinerung, problemloserer Überwachung und Rückholung und die Sache kommt endlich wieder in positive Bewegung, hoffe ich....
2. ....
Klaus Helfrich 10.05.2011
... und damit die nachfolgenden Generationen richtig was davon haben, sollte man man das Ganze möglichst langfristig finanzieren und stillgelegte Atomkraftwerke ja nicht zurückbauen sondern einfach abschließen und den Schlüssel im "Kurzzeitendlager" deponieren. Der Herr Schilling scheint ja ein ganz herausragender "Experte" zu sein...
3. **************
Cassandra105 10.05.2011
Millionen Jahre ist eh absurd. Transmutation oder ähnliche Techniken/Methoden oder auch gänzlich andere Entdeckungen werden das strahlende Material entweder umwandeln oder man gewinnt daraus weitere Energie. http://de.wikipedia.org/wiki/Transmutation#Beseitigung_nuklearen_Abfalls (nur als Denkanreiz, nicht als wissenschaftliche Quelle)
4. Lese ich schon wieder BILD?
Sebamo 10.05.2011
Zitat von sysopStrahlender Atommüll*stapelt sich in Deutschland in kaum gesicherten Hallen. Die Suche nach einem Endlager, das Schutz für Millionen Jahre garantieren soll,*bleibt*seit Jahrzehnten ohne Ergebnis. Jetzt fordert ein Geo-Forscher ein Paradox: Endlager auf Zeit. Die zuständige Regierungsbehörde reagiert überrascht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,760101,00.html
Das ist schlicht falsch. Hierbei werden die Castor-Behälter vergessen, die mehrfach gegen verschiedene Beanspruchungen erfolgreich getestet wurden. Aber auch hier waren wilde Behauptungen von Presse und Gegnern immer gewichtiger als seriöse Wissenschaft. Es wurden in Zwischenlagern und bei Transporten nie Strahlungsaustritte gemessen - alle alarmierenden Messungen der Gegner haben sich im Nachhinein als falsch herausgestellt, was natürlich wieder niemanden interessiert hat. Und der Castor ist gegen Flugzeugabstürze ausgelegt, die Halle aber nicht immer - so wäre es korrekt. Ein Forscher, der mal was anderes behauptet als die Mehrheit seiner Berufskollegen! Und schon reicht es für den obersten Artikel auf SPON. Bravo! Das ist echter Qualitätjournalismus.
5. Stein alte Idee
yrickoff 10.05.2011
Zitat von sysopStrahlender Atommüll*stapelt sich in Deutschland in kaum gesicherten Hallen. Die Suche nach einem Endlager, das Schutz für Millionen Jahre garantieren soll,*bleibt*seit Jahrzehnten ohne Ergebnis. Jetzt fordert ein Geo-Forscher ein Paradox: Endlager auf Zeit. Die zuständige Regierungsbehörde reagiert überrascht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,760101,00.html
Die Idee stammt vom Kugelhaufenreaktor der in den 60gern in Jülich entwickelt wurde. Dabei wird das Brennmaterial einfach unter dem Reaktor gelagert. Das einfachste wäre ohnehin das Zeug wieder zu Pulver zu mahlen und da zu vergraben wo man es ausgegraben hat. Es gibt aber viel spannendere Möglichkeiten. z.B. ein geschlossener Wiederaufbereitungskreislauf; oder die verbrauchten Stäbe in Schichtreaktoren sehr langsam zu Ende zu verwerten. Ohnehin ist die Idee des Endlager dumm hoch 3. Es handelt sich um einen sehr wertvollen, weil seltenen, Rohstoff. Wir haben vor 60 Jahren angefangen Uran zur Energieherstellung zu nutzen. So schnell wie die Menschen sich vorwärts entwickeln kann man 100% sicher sein das unseren Enkeln noch etwas einfällt was man damit anstellen kann. Also etwas produktives mit Wachstum (davor haben die Grünen wirklich Angst. Wachstum statt Angst!)
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