Streit um Alt-Uran Atomentsorger weichen von Sibirien nach Westfalen aus

Frankreich entsorgt Uran in Sibirien - diese Nachricht schreckt Atomgegner auf. Jetzt stellt sich heraus: Auch Deutschland exportierte strahlende Fracht nach Russland. Inzwischen wurden die Transporte eingestellt, das Altmaterial wird nun im westfälischen Gronau gelagert.

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Atommaterial-Behälter: Auch aus Deutschland wurde Atommaterial nach Russland geliefert
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Atommaterial-Behälter: Auch aus Deutschland wurde Atommaterial nach Russland geliefert


Berlin - Die Nachricht aus den Tiefen Sibiriens löste international Aufsehen aus: Knapp 13 Prozent der französischen Atomabfälle wurden in den vergangenen Jahren in die russische Anlage Tomsk 7 geschafft - das berichteten in dieser Woche der Fernsehsender Arte und die Zeitung "Libération". In dem Sperrgebiet lagerten sie in Containern unter freiem Himmel. Die französische Regierung reagierte prompt auf die Enthüllung, Umweltstaatssekretärin Chantal Jouanno befürwortete eine interne Untersuchung beim staatlichen Atomkraftbetreiber EDF.

Jetzt stellt sich heraus: Auch aus Deutschland gelangten Tausende Tonnen radioaktiven Materials nach Sibirien. Und damit nicht genug, inzwischen wird Alt-Atommaterial auf gleiche Weise in Gronau in Westfalen gelagert.

Die Anti-Atom-Organisation "ausgestrahlt" teilte an diesem Mittwoch in Berlin mit, seit 1996 seien rund 22.000 Tonnen abgereichertes Uranhexafluorid (UF6) aus der deutschen Uran-Anreicherungsanlage in Gronau nach Russland transportiert worden. Die Anlage in Westfalen wird von der Atomfirma Urenco betrieben, die je zu einem Drittel der niederländischen und der britischen Regierung gehört; das übrige Drittel teilen sich die deutschen Energiekonzerne RWE und E.on.

Der Vorwurf der Umweltschützer im Klartext: "Die deutschen Stromkonzerne entsorgen ihren Atommüll seit Jahren illegal in Sibirien", sagte "ausgestrahlt"-Sprecher Jochen Stay. "Einmal mehr ist bewiesen, dass die Atomindustrie ihren Müll genauso entsorgt wie die Mafia in Italien: Sie kippt ihn einfach irgendwo hin."

Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums verwahrte sich umgehend dagegen. Bei dem Altmaterial handele es sich keineswegs um Atommüll - sondern im Gegenteil um eine Vorstufe von neuem, wiederaufbereitetem Brennstoff. "Das Thema ist der Im- und Export von an- und abgereichertem Uran", sagte der Sprecher zu den Berichten und dementierte, dass es sich um eine Enthüllung handelt: "Das ist auch gar nicht neu."

Atomgegner haben Uranmenge unterschätzt

Dass es bei dem Material nicht um Atommüll geht, sondern um ein wieder nutzbares Altprodukt, ist auch die Position der Atomindustrie. Urenco-Deutschland-Sprecherin Antje Evers sieht deshalb kein Problem und korrigiert auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE sogar die Zahlen der Atomkraftgegner nach oben. In Wahrheit habe Urenco nicht 22.000, sondern insgesamt 27.300 Tonnen Uranhexafluorid an die russische Staatsfirma Tenex geliefert, die in Tomsk-7 aktiv ist. Allein 2009 seien es 1570 Tonnen gewesen.

10 bis 15 Prozent der Gesamtmenge seien wieder angereichert und nach Deutschland zurückgeliefert worden. Der Rest sei in Russland verblieben - "wie bei Anreicherungsverträgen üblich", sagt Evers. Sie bestätigt, dass das Material unter freiem Himmel gelagert wird: allerdings nicht "in rostenden Behältern", wie von "ausgestrahlt" behauptet, sondern in Stahlfässern mit einer Wandstärke von 16 Millimetern.

Eine derartige Lagerung sei nichts Ungewöhnliches, sagt Evers SPIEGEL ONLINE: Auch in Deutschland lagere man Uranhexafluorid unter freiem Himmel, und zwar "in vergleichbaren Behältern". Inzwischen nämlich habe Urenco die Uranhexafluorid-Transporte nach Russland eingestellt. Der Vertrag zwischen den beiden Firmen laufe in diesem Jahr aus, der letzte Transport nach Russland habe am 26. August stattgefunden.

Seitdem liefert Urenco laut Evers sein abgereichertes Uranhexafluorid nach Frankreich, wo es in einer sogenannten Dekonversionsanlage in chemisch stabileres Uranoxid umgewandelt wird - und anschließend nach Gronau zurückkommt. Die quaderförmigen Behälter lagern dann auf dem westfälischen Firmengelände.

Die Zwischenlagerung nuklearen Altmaterials ist kein Einzelfall. Während in sogenannten Nasslagern die strahlende Altlast in Wasserbecken gelagert wird, die für Kühlung sorgen und die Radioaktivität abschirmen, steigt weltweit vor allem die Zahl der Trockenlager. Hier wird das Atommaterial, eingeschlossen in dichten Behältern, in Hallen oder - beispielsweise in den USA - auch unter freiem Himmel gelagert.

Was in Gronau langfristig mit dem schwach radioaktiven, hochgiftigen Material geschehen soll, ist nach Angaben von Urenco offen. Die Kapazität des Lagers reiche allerdings "für lange Zeit", sagt Evers. "Wenn es irgendwann ausgeschöpft sein sollte, bauen wir ein neues. Freiflächen haben wir genug."

Eine lange Zeit ist durchaus notwendig. Die Halbwertszeit, in der die radioaktive Strahlung eines Materials um die Hälfte sinkt, beträgt bei Uranoxid knapp 4,5 Milliarden Jahre.

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Forum - Hat Atomkraft Zukunft?
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Seite 1
walhalla33 06.07.2009
1. Ein entschiedenes "Nein"
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Hallo, die Atomkraft ist nicht zukunftsfähig. Zwei Punkte: Es gibt keine Endlager für den Atomschrott Uns kann jeder Zeit eines davon um die Ohren fliegen. Dann ist das Geschrei groß. Ob das allerdings als Wahlkampfthema der SPD dient? Nein, das war ein Thema der Grünen. Und so wird das auch wahrgenommen. Es grüßt alle Foristen Antje
Iggy Rock, 06.07.2009
2.
Wenn man sich die Horrorgeschichte der vergangenen Jahre bezüglich Krümmel anschaut, könnte man meinen, aufgrund der geplanten Abschaltung würde Vattenfall wie auch Mitbesitzer Eon keinen Cent mehr in die Anlage stecken, die ohnehin schon immer Probleme machte. Zukunft? Nur wenn es übermäßig strenge Kontrollen, genauste Studien über den Gesundheitszustand der Anwohner, und echte Konzepte für die Endlagerung gibt, aber anscheinend ist das Utopie. Gammelreaktoren gehören vom Netz, in Krümmel reicht es schon lange.
eeg-gegner 06.07.2009
3.
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Da das bekanntlich mit den sog. "Erneuerbaren Energien" nie klappen wird, den Energiehunger der wachsenden Menschheit auch nur zu Bruchteilen zu befriedigen - welches Land im Wüstengürtel der Erde kann schon 300 Mill. € pro 50 MW Nennleistung für maximal 14 Stunden Strom ausgeben? -, wird der Menschhhjeit nix anderes übrig bleiben, als Kernreaktoren zu bauen und mit den möglichen "Brennstoffen" Uran, Plutonium und Thorium Energie zu erzeugen. Die Einzigen, die das nicht kapieren können, sind eine lautstarke und gewaltbereite Minderheit von technisch-physikalisch schlecht gebildeten Deutschen.
LumpY 06.07.2009
4.
bevor keiner eine lösung für den atommüll hat braucht man gar nicht diskutieren. desweitern sollten mir die befürworter erklären, warum wir andere menschen für unser uran überall auf der welt verrecken lassen, statt es selbst zu fördern.. die nachteile werden global verteilt und die vermeintlichen vorteile (die es nicht gibt) behalten wir. p.s. nein deutschland hat ohne atomkraft keinen energieengpass, wir exportieren strom. und nein atomstrom ist nicht billig, nur weil die betreiber die zusätzlichen kosten auf den steuerzahler abladen
Rainer Girbig 06.07.2009
5. Was für eine
schwierige Frage. Die Diskussion gehört wohl eher in den Politikbereich, denn es ist sicher keine Frage der Wissenschaft. Ob Kernkraft Zukunft hat, ist eine politische Entscheidung. Die derzeitigen Ausstiegsfristen und Restlaufzeiten erscheinen mir wie eine Aktion von Börsenspekulanten. Man schließt eine Wette ab, dass in dreissig Jahren dieses und jenes passiert bzw. technisch möglich sein wird, obwohl man keine Ahnung hat wie man dahin kommen wird. Eine typische Schwachsinnsleistung der ehemaligen rot-grünen Regierung. Ist Atomkraft sicher? Das hängt wohl vom jeweiligen Betreiber ab. Bei Vattenfall ganz "sicher" nicht. Die Energieversorgung ist (neben anderen Dingen) zu wichtig, als dass man sie verantwortungslosen (weil nur gewinnorientierten) Privatunternehmen überlassen sollte
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