Assads tödliches Arsenal Inspektoren zerstören erste Chemiewaffen in Syrien

Syriens Giftgas soll im Eiltempo vernichtet werden. Die Uno-Inspektoren haben mit der Prüfung von 20 Standorten begonnen, erste Waffensysteme wurden bereits zerstört. Bis Mitte 2014 soll das tödliche Arsenal Geschichte sein.

AFP

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Den Haag - Es ist ein beispielloses Vorhaben: Nie zuvor wurde das Chemiewaffen-Arsenal eines Landes vernichtet, während dort ein Bürgerkrieg tobt. Genau das aber wollen die Vereinten Nationen versuchen, noch dazu im Eiltempo. Ein derzeit 15-köpfiges Vorausteam sei bereits in Syrien aktiv, sagte Ahmet Üzümcü, Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die mit der Zerstörung der Bestände beauftragt ist. Zwölf weitere Inspektoren würden in den nächsten Tagen nach Damaskus geschickt.

Es seien bereits erste Waffensysteme zerstört worden, erklärt Üzümcü am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Den Haag. Allerdings handele es sich dabei noch nicht um chemische Kampfstoffe, sondern um Systeme zu deren Einsatz - etwa Granaten und Raketen. Die Vernichtung des gesamten syrischen Chemiewaffenbestands sei ein "beispielloser Vorgang".

20 Orte, an denen Kampfstoffe hergestellt, gelagert und in Waffensysteme gefüllt werden, sollen in den kommenden Wochen untersucht werden. Dazu sollen laut OPCW insgesamt nur rund hundert Inspektoren eingesetzt werden, da man die Truppe so klein wie möglich halten wolle. Zwar hätten sich die Behörden von Syriens Diktator Baschar al-Assad bisher "ziemlich kooperativ" verhalten, sagte Üzümcü. Zudem sehe er seine Organisation als "gut gerüstet", den ambitionierten Plan zu erfüllen, schon bis Mitte 2014 das gesamte syrische Arsenal an Kampfstoffen zu vernichten. Doch er räumte auch ein, dass unklar sei, wie genau dieses Ziel zu erreichen ist.

Das syrische Arsenal soll rund tausend Tonnen an Kampfstoffen umfassen, größtenteils das Nervengas Sarin, das nach Erkenntnissen der Uno auch bei dem verheerenden Angriff auf einen Vorort von Damaskus im August eingesetzt wurde. Ein kürzlich öffentlich gewordenes Dokument der französischen Geheimdienste listete "mehrere hundert Tonnen Senfgas, mehrere zehn Tonnen VX und mehrere hundert Tonnen Saringas" auf.

Bei der Beseitigung von Chemiewaffen geht es allerdings nicht nur um die Kampfstoffe selbst. Zerstört werden müssen auch die Anlagen zu ihrer Herstellung und Lagerung, die zum Einsatz notwendige Munition und die Geräte zu deren Befüllung mit Giftgas. Diese Systeme gelten als relativ leicht zerstörbar - etwa indem man mit Lastwagen über leere Raketensprengköpfe fährt, Beton in Produktionsanlagen gießt oder sie durch die Beschädigung wichtiger Teile sabotiert.

Kampfstoffe werden verbrannt oder neutralisiert

Schwieriger wird es bei den Chemikalien. "Am günstigsten ist es, wenn man Tanks mit Kampfstoffen oder ihren Ausgangsstoffen vorfindet", sagt Stefan Mogl, Chemiewaffenexperte im Schweizerischen Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Problematischer sei die Zerstörung kompletter Waffensysteme, etwa einer Mörsergranate, die einen chemischen Kampfstoff und zugleich einen Sprengsatz enthält. "Dann muss die Munition zunächst punktiert und der Kampfstoff herausgesaugt werden", sagt Mogl im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Vernichtung des Kampfstoffs wiederum kann auf unterschiedliche Arten geschehen. "Dazu gibt es zwei Haupttechnologien", sagte Dominique Anelli, Chef der OPCW-Abteilung für chemische Demilitarisierung, in Den Haag: "Eine ist die Verbrennung, die andere ist die Neutralisierung." Bei ersterer Variante werden komplette Kampfstoffe bei hohen Temperaturen vernichtet, bei letzterer werden sie chemisch unschädlich gemacht.

Die US-Armee etwa hat erst vor wenigen Wochen ein mobiles System vorgestellt, das große Mengen Chemiewaffen schnell und effizient neutralisieren soll. Im sogenannten Field Deployable Hydrolysis System (FDHS) werden demnach Kampfstoffe zusammen mit Wasser erhitzt, so dass sie in ihre Bestandteile zerfallen. Natriumhydroxid, auch als Ätznatron bekannt, und Natriumhypochlorit sollen die chemischen Reaktionen fördern. Je nachdem, um welchen Kampfstoff es sich handelt, könnten so fünf bis 25 Tonnen pro Tag zu 99,9 Prozent vernichtet werden.

Wer entsorgt die hochgiftigen Chemikalien?

Unklar ist, wie realistisch dieses Versprechen ist. Mogl gibt außerdem zu bedenken, dass ein Kampfstoff durch diese Hydrolyse lediglich wieder in seine Vorläufersubstanzen aufgespaltet wird. "Die könnte man theoretisch rückgewinnen und wieder zu Chemiewaffen verarbeiten", sagt Mogl. Das sei zwar aufwendig, aber technisch möglich. Um das im Falle Syriens zu verhindern, müssten andere Staaten bereit sein, die Stoffe in Empfang zu nehmen und endgültig zu vernichten. Welche Länder dazu in Frage kommen, ist allerdings unklar. Gerüchte, Norwegen habe ein entsprechendes Angebot unterbreitet, wollte Üzümcüs politischer Berater Malik Ellahi auf der Pressekonferenz in Den Haag nicht kommentieren.

Dennoch erklärte die "New York Times" das mobile Hydrolyse-Gerät der US-Armee bereits zum "Herzstück des Abrüstungsplans". Die Zeitung zitierte einen Mitarbeiter des US-Außenministeriums, der den Einsatz des Geräts befürwortete. Ellahi gab sich dagegen zurückhaltend: Welche Technologien zur Vernichtung der Kampfstoffe benutzt werden sollen, "wird derzeit diskutiert". Einen Beschluss gebe es noch nicht. Die Anlagen, die letztlich zur Vernichtung der syrischen Chemiewaffen eingesetzt werden, könnten sowohl mobil als auch stationär sein, sagte Ellahi.

Technische Fragen sind zudem bei weitem nicht alles, was die Aufgabe der Inspektoren erschweren könnte - sondern auch die brisante Sicherheitslage in Syrien. In dem Bürgerkriegsland wird weiterhin heftig gekämpft, die Fronten verschieben sich ständig. Zwar seien ihre Inspektoren einiges gewohnt - "auch, dass sie Splitterschutzwesten und Kampfstoff-Schutzanzüge zugleich tragen", sagte ein OPCW-Mann. Ellahi warnte allerdings, dass die Sicherheitslage "dynamisch" sei und sich täglich ändere. "Ohne Freigabe der Vereinten Nationen", sagte Ellahi, "werden wir nirgendwo hingehen."

insgesamt 18 Beiträge
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grashalm 09.10.2013
1. vor Allen, westliche Länder !
Zitat von sysopUS ARMY/ ECBCSyriens Giftgas soll im Eiltempo vernichtet werden. Die Uno-Inspektoren haben mit der Prüfung von 20 Standorten begonnen, erste Waffensysteme wurden bereits zerstört. Bis Mitte 2014 soll das tödliche Arsenal Geschichte sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/syrien-inspektoren-zerstoeren-assads-chemiewaffen-a-926960.html
Wer hat denn all diese Chemiewaffen geliefert, gegen Bares und sich damit für Krieg mitverantwortlich gemacht ?
quadratkopf 09.10.2013
2. Kommentar zum Thema:
Zitat von grashalmWer hat denn all diese Chemiewaffen geliefert, gegen Bares und sich damit für Krieg mitverantwortlich gemacht ?
Eigentlich niemand. Wie im Artikel beschrieben, kann man Chemiewaffen aus Komponenten herstellen, die alleine nicht verdächtig und verbotsträchtig sind. Der Handel mit diesen einzelnen Substanzen ist erlaubt, da diese durchaus -bei entsprechender Anwendung- für alltägliche zivile Zwecke zur Anwendung kommen.
Menschliches 09.10.2013
3.
weiterhin tolerierter Massenmord, ein MG reicht für genug Lebewesen. Vor Italien krepieren dutzende von Menschen. Und wir ersticken in der Dekadenz.
fatal.justice 09.10.2013
4. Wahrlich...
... überraschend, wie rasch die Beseitigung der chemischen Waffen begonnen hat. Fein, löblich! Wurde nun eigentlich zweifelsfrei bewiesen, welche Konfliktpartei sich für den Einsatz derselben verantwortlich zeichnet? Nö? Nanu...
quakiutel 09.10.2013
5. Waffenarsenale
...alle Waffenarsenale sind tödlich ---- oder?
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