Von Axel Bojanowski
Hamburg - "Roke" ist der 15. Taifun der Saison, und die Behörden stufen ihn als "äußerst heftig" ein. Mehrere Menschen sind bereits gestorben, der Sturm zieht weiter die Küste entlang nach Norden. Sturmböen von mehr als 200 Kilometern pro Stunde peitschen Bäume um und wirbeln Trümmer umher. Die riesige Meeresbrandung setzt Küstenregionen unter Wasser. Der Fernsehsender NHK berichtete, im ganzen Land seien 520.000 Haushalte ohne Strom. Hinzu kommt ein Sturzregen, der ganze Stadtteile unter Wasser setzt. In Hamamatsu fielen innerhalb einer Stunde 54 Liter Regen pro Quadratmeter. Fernsehbilder zeigten, wie die Menschen in Nagoya, rund 270 Kilometer westlich von Tokio, durch knietiefes Wasser wateten. Einige Bewohner mussten mit Schlauchbooten aus ihren Häusern geholt werden.
Tokio hat sich auf die Wassermassen vorbereitet: Kniehohe Betondämme blockieren die Eingänge zu U-Bahnen und Parkhäusern. Doch der wahre Trumpf gegen die Fluten verbirgt sich 50 Meter tief unter der Großstadt: Riesige Kathedralen, getragen von insgesamt 59 mächtigen Säulen, sollen die Fluten auffangen. Während der Trockenzeit locken die beeindruckenden Betonhallen Touristen an. Jetzt, in der Taifunsaison, sollen sie Tokio vor Schlimmerem bewahren: Zehn Meter dicke Rohre leiten die Regenmassen in fünf riesige Betonkübel unter der Erde mit 65 Metern Höhe und 32 Meter Breite.
Es ist das größte Drainagesystem der Welt. 60 Kilometer Tunnel verbinden die unterirdischen Hallen, in denen sich das Wasser aus Straßen und Flüssen in diesen Stunden nun zu sammeln beginnt. Der Taifunregen kann aber selbst diese gewaltigen Räume schnell füllen. Pumpen mit einer Gesamtleistung von mehr als 13.500 PS schwemmen die Fluten deshalb aus den Betonhallen in den Fluss Edogawa, der in den Pazifik mündet. 200 Tonnen Wasser pro Sekunde können auf diese Weise aus der Stadt geschafft werden, erklären die japanischen Behörden.
Sturzbäche rauschen Treppen hinunter
Mehr als zwei Milliarden Euro hat die Anlage namens "G-Cans" gekostet. 1992 haben die Bauarbeiten begonnen und 15 Jahre gedauert. Die Investition schien notwendig, schließlich erlebte Tokio in manchen Jahren mehr als zehn Überschwemmungen bei Taifunen. Wie Sturzbäche rauschten dann Wassermassen die Treppen von U-Bahn-Schächten, Kaufhäusern und Parkhäusern hinunter; häufig kamen Menschen zu Tode.
Längst dehnt sich unter Tokio ein größeres Verkehrsnetz als oberhalb der Stadt: Tausende Kilometer Rohre, Schächte und Tunnel schlängeln sich durch den Untergrund. Mehrstöckige Straßentunnel unterqueren Wolkenkratzer in 40 Metern Tiefe. Seit langem warnen Forscher wie Janos Bogardi von der Universität der Vereinten Nationen (Unu) davor, dass Starkregenfluten die unterirdische Infrastruktur der Großstädte gefährden. Wasser könne im Untergrund große Strecken zurücklegen, sein Druck darüber stehende Gebäude einstürzen lassen. Die Hallen unter Tokio sollen solch ein Desaster verhindern.
Im AKW würden "alle erdenklichen Vorbereitungen getroffen", sagte ein Sprecher der Betreibergesellschaft Tepco. Lose Kabel und Schläuche seien befestigt und Planen über die beschädigten Gebäude gezogen worden. Die Bemühungen sollen verhindern, dass radioaktive Strahlung durch den Sturm aufgewirbelt werde oder Regenwasser in die zerstörten Reaktoren eindringe. Am Mittag war die Anlage bereits von ersten starken Regenfällen getroffen worden.
Der Autobauer Toyota musste wegen "Roke" am Mittwoch elf von 15 Werken vorübergehend schließen, die Mitsubishi-Schwerindustrie schloss fünf ihrer Anlagen. Wegen des Taifuns wurden 450 Flüge gestrichen, betroffen waren laut der Nachrichtenagentur Jiji Press 45.000 Passagiere. Der Zugverkehr kam teilweise zum Erliegen, Autobahnen mussten gesperrt werden.
Anfang September war bereits der Taifun "Talas"über Japan hinweggezogen, dabei kamen im Westen des Landes fast hundert Menschen ums Leben. Nun haben mehrere Präfekturen im Osten Japans vor Erdrutschen gewarnt und die Menschen aufgefordert, Gefahrenzonen fernzubleiben. Nachdem zunächst 1,14 Millionen Menschen empfohlen worden war, sich in Sicherheit zu bringen, lag die Zahl der Betroffenen am Mittag landesweit noch bei 330.000.
Mit Material vom AFP
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