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Japan: Gericht verfügt Abschaltung von zwei Atommeilern

Proteste gegen Betrieb des AKW Takahama Zur Großansicht
AP/ Kyodo News

Proteste gegen Betrieb des AKW Takahama

Erst vier japanische Atomreaktoren sind seit der Katastrophe von Fukushima wieder ans Netz gegangen. Bei zwei Meilern hat ein Gericht den Weiterbetrieb nun gestoppt - wegen Sicherheitsbedenken.

Kurz nach ihrem Wiederanfahren hat ein japanisches Gericht die Abschaltung zweier Atomreaktoren im Kraftwerk Takahama angeordnet. Betroffen sind die Reaktoren drei und vier der Anlage etwa 350 Kilometer westlich der Hauptstadt Tokio, wie das Gericht am Mittwoch entschied. Beide waren kürzlich wieder hochgefahren worden, Reaktor vier wurde im Februar aber wegen technischer Probleme wieder vom Netz genommen.

Das Gericht kritisierte, dass Notfallpläne und technische Ausrüstung der Meiler nicht im nötigen Maß erweitert worden seien. Die Entscheidung geht auf eine Klage von Bürgern zurück, die die Sicherheit des Kernkraftwerks bezweifeln.

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 waren alle Atomanlagen in Japan abgeschaltet worden. Seitdem gelten schärfere Sicherheitsauflagen. Im vergangenen Jahr wurden im AKW Sendai im Südwesten Japans dann die ersten zwei Reaktoren wieder ans Netz genommen, später folgten trotz heftiger Proteste in der Bevölkerung die beiden Reaktoren in Takahama.

Der Betreiberkonzern Kansai kritisierte das Urteil am Mittwoch als "außerordentlich bedauerlich". "Die Entscheidung ist nichts, was das Unternehmen akzeptieren kann", hieß es in einer Erklärung. Vor dem Gerichtsgebäude begrüßten hingegen Atomkraftgegner die Entscheidung. "Ich bin überglücklich und freue mich über die Entscheidung", sagte einer von ihnen.

Atommeiler in Japan (für Gesamtansicht Bild anklicken) Zur Großansicht
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Atommeiler in Japan (für Gesamtansicht Bild anklicken)

Japan will bis zum Jahr 2030 bis zu 22 Prozent seiner Energie wieder aus Atomstrom beziehen. Dass die konservative Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe trotz Protesten der Bevölkerung zur Nuklearenergie zurückkehrt, hat in erster Linie wirtschaftliche Gründe: Japan kämpft vor allem wegen der hohen Kosten für fossile Brennstoffe mit Handelsdefiziten.

In Fukushima war infolge eines schweren Erdbebens und eines Tsunamis am 11. März 2011 das Kühlsystem ausgefallen, woraufhin es in mehreren Reaktoren zur Kernschmelze kam. Drei der sechs Reaktoren wurden bei der Katastrophe zerstört und das umliegende Gebiet radioaktiv verseucht. Die Aufräumarbeiten sollen noch vier Jahrzehnte dauern. Zehntausende Menschen mussten damals die verstrahlte Gegend verlassen.

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hda/AFP

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1.
soulbrother 09.03.2016
"Die Entscheidung geht auf eine Klage von Bürgern zurück, die die Sicherheit des Kernkraftwerks bezweifeln." Schön zu hören, dass hier die Bedenken der Menschen ernst genommen wurden. Und dass der geplante Wiedereinstieg in die AKW-Technik vermutlich nie richtig stattgefunden haben wird.
2. Da gäbs ein paar Details
thomasmann 09.03.2016
"Nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 waren alle Atomanlagen in Japan abgeschaltet worden. Seitdem gelten schärfere Sicherheitsauflagen." Das ist die veröffentlichte Meinung und man muss erst mal schon vor Gericht klagen. Tatsache ist, dass die meisten AKWs in Japan uralt Modelle sind, die durchgebrannte Brennkammer im Fukushima Reaktor war ein General Motors Modell aus den 60ern, das beriets damals niemand einbaute... ausser natürlich den Japanern... Japanische AKWs werden aus Sicherheitsgründen für 40 Jahre geplant, aber ausgerechnet nach Fukushima hat man diese Vorschrift dahingegen erweitert, dass die Betreiber 20 weitere Jahre verlangen können. Details gibts im Netz unter dem Stichwort "Japan, Atomdorf"
3. General Motors
Alfons Emsig 10.03.2016
Ja ne is klar. Details gibts im Netz unter dem Stichwort Fukushima Daiichi.
4. mussten damals, oder sind sie noch in Notunterkünften?
asasse 10.03.2016
Der Satz "Zehntausende Menschen mussten damals die verstrahlte Gegend verlassen" hört sich so an, als wären sie nun in die verstrahlte Gegend zurück gekehrt. Die ZEIT schrieb das etwas anders: http://www.zeit.de/wissen/2015-03/fukushima-atomunfall-tsunami Was stimmt denn nun?
5.
knuty 12.03.2016
Es waren um die 120.000, die evakuiert worden sind. 90.000 Menschen davon sollen immer noch in Notunterkünften wohnen. Die meisten der 30.000 sind allerdings in andere Gegenden Japans gezogen.
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Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

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