Riesiger Teilchenbeschleuniger Cern startet Suche nach LHC-Nachfolger

Der Teilchenbeschleuniger LHC am Cern in Genf hat ein Forschungsprogramm bis zum Jahr 2035 - und trotzdem beginnt schon jetzt die Arbeit an seinem Nachfolger. Es könnte ein bis zu hundert Kilometer langer Tunnel werden.

CMS-Instrument im LHC-Beschleuniger (Archivbild): Arbeit an Nachfolger gestartet
AFP

CMS-Instrument im LHC-Beschleuniger (Archivbild): Arbeit an Nachfolger gestartet


Genf - Wer Teilchenbeschleuniger bauen will, braucht nicht nur viel Zeit, er braucht auch viel Geld. Das weiß man am Europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf - und befasst sich deswegen bereits jetzt mit dem Nachfolgeprojekt des 26 Kilometer langen Large Hadron Colliders (LHC). Auch wenn der bestenfalls im übernächsten Jahrzehnt seine Arbeit aufnehmen dürfte. Mit einer Konferenz an der Universität Genf startete am Mittwoch die Arbeit an einer Machbarkeitsstudie für einen zwischen 80 und 100 Kilometer langen Beschleunigerring.

Die Zeit sei reif, die Vorbereitungen für ein Nachfolgeprojekt des LHC voranzutreiben, hieß es beim Cern. Die Studie des Programms "Future Circular Colliders" (FCC) werde in etwa fünf Jahren vorliegen, so Joachim Mnich vom Hamburger Forschungszentrum Desy. Auch Wissenschaftler des Desy werden sich wie viele Forscher weltweit an der Studie beteiligen. Sie sollen technische Fragen klären und auch eine erste Antwort zu den Kosten geben.

In dem neuen Teilchenbeschleuniger sollen Energien von 100 Tera-Elektronenvolt (TeV) erreicht werden. Das wäre sieben Mal mehr als die Energie, die der LHC ab Frühjahr 2015 erreichen soll. Die Physiker wollen dabei Bedingungen nachbilden, wie sie kurz nach dem Urknall herrschten.

Neue Magnete müssen entwickelt werden

Möglicher Verlauf eines großen Beschleunigerrings am Cern
DPA / Cern

Möglicher Verlauf eines großen Beschleunigerrings am Cern

Der LHC hat noch ein Arbeitsprogramm bis 2035. Da dieser Ring ab 2015 Protonen mit rund 14 TeV - doppelt so viel wie bisher - aufeinanderprallen lassen solle, seien auch hier noch Überraschungen und Erkenntnisse zu erwarten, sagte Mnich. Das Cern hatte 2012 mit der Entdeckung des Higgs-Teilchens weltweit Schlagzeilen gemacht. Den Nobelpreis hatten allerdings die Physiker Peter Higgs und François Englert bekommen - und nicht das Forschungsinstitut.

Ob der LHC tatsächlich von einem großen Beschleunigerring (Projektname: TLEP) abgelöst wird, oder doch von einem 11 bis 48 Kilometer langen Linearbeschleuniger (Projektname: CliC), muss sich noch zeigen. Entscheidend ist ein Treffen, bei dem 2018 oder 19 die weitere europäische Teilchenphysik-Strategie festgelegt wird. Die "Neue Zürcher Zeitung" zitiert Frank Zimmermann von der Beschleunigerphysik-Gruppe am Cern mit der Aussage, dass die neue Anlage mit heutiger Technologie nicht gebaut werden könnte: Die Ablenkmagnete im LHC hätten eine Feldstärke von acht Tesla. Für den FCC brauche man mindestens das Doppelte, besser sogar 20 Tesla.

Das 1954 gegründete Cern ist eines der renommiertesten internationalen Forschungszentren für Teilchenphysik. Der LHC ist die größte Forschungsmaschine der Welt. Insgesamt 21 Staaten sind Mitglieder des Cern, zuletzt ist Israel beigetreten. Deutschlands Steuerzahler bringen nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit 130 Millionen Euro rund 20 Prozent des Cern-Budgets auf (Stand 2007). In Deutschland sind mehr als 1000 Wissenschaftler von 21 Universitäten und Instituten an LHC-Experimenten beteiligt.

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chs/dpa



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
waldemar 12.02.2014
1. Helft mir doch mal auf die Sprünge ...
... wofür soll das denn gut sein? Wieviele Milliarden Euro wurden im "alten" Cern verbraten? Welchen Nutzen kann man aus den Ergebnissen ziehen? Ich meine damit "echten" Nutzen, der die Menschheit irgendwie weiterbringt. Gut das eine oder andere "Teilchen" wurde entdeckt. Entdecke ich ab und zu auch beim Konditor. Anders gefragt: Welches Produkt kann ich demnächst kaufen? Werden die Energieprobleme der Menschheit gelöst? Gesundheit für alle? Fragen über Fragen. Macht aber nichts, nur rausgeschmissen das Geld. Damit wir in etwa 30 Jahren noch ein zehnfach größeren, zu den hundertfachen Kosten, Teilchenbeschleuniger brauchen, damit die Wissenschaftler noch mehr "nichts wissen".
seikor 12.02.2014
2. Wo ist das Problem...
...mit den Kosten? Ich habe gerade gelesen, dass in Las Vegas ein Riesenrad für eine halbe Milliarde gebaut wird. Da sollte das Geld für die Grundlagenforschung doch einen entsprechend wichtigeren Stellenwert bekommen... Schließlich hat der TLEP den größeren Durchmesser! :o) Spass beiseite: die Forenschreiber, die nicht kapieren, dass man frühzeitig Geld in Forschung investieren muss, um später die Früchte der Entwicklungen abschöpfen zu können, weisen offenbar ein entsprechend niedriges Bildungsniveau auf. Aber Handy und PC werden fleißig genutzt, gell? Wie schon Tucholsky sagte: „Der Vorteil der Klugheit besteht darin, daß man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.“ Kann SPON nicht mal einen "Deutschland-braucht-keine-Forschung-mehr-denn-wir-haben-schon-genug-Mackies"-Filter einbauen?
1234.5 12.02.2014
3.
Ich weiß nicht wie sich manche die Wissenschaft vorstellen man hat sich nicht hingesetzt und gesagt so jetzt entwickeln wir in 30Jahren einen Kunststoff(Plastik) und dafür brauchen wir so und so viel Geld. Man muss halt forschen bis man zufällig über ein Ergebnis stößt dass man gebrauchen kann und vielleicht kann es auch erst wer anders in 10Jahren gebrauchen aber nur durch Ausprobieren können halt wirklich neue Sachen entdeckt werden, die dann uns vielleicht im Leben weiterhelfen, oder darin das Leben weiter zu verstehen.
kahabe 12.02.2014
4. rerum
Zitat von seikor...mit den Kosten? Ich habe gerade gelesen, dass in Las Vegas ein Riesenrad für eine halbe Milliarde gebaut wird. Da sollte das Geld für die Grundlagenforschung doch einen entsprechend wichtigeren Stellenwert bekommen... Schließlich hat der TLEP den größeren Durchmesser! :o) Spass beiseite: die Forenschreiber, die nicht kapieren, dass man frühzeitig Geld in Forschung investieren muss, um später die Früchte der Entwicklungen abschöpfen zu können, weisen offenbar ein entsprechend niedriges Bildungsniveau auf. Aber Handy und PC werden fleißig genutzt, gell? Wie schon Tucholsky sagte: „Der Vorteil der Klugheit besteht darin, daß man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.“ Kann SPON nicht mal einen "Deutschland-braucht-keine-Forschung-mehr-denn-wir-haben-schon-genug-Mackies"-Filter einbauen?
cognitio atque doctrina necesse est (für den Theologen: Das Wissen um die Dinge und die daraus gezogenen Kenntnisse sind nötig). Da der Teilchenbschleuniger ja wohl noch ein paar Jährchen in der Planungsphase ist, könnte er ja aus naheliegenden Gründen in der EU gebaut werden. Meinetwegen auch in Deutschland; wenn wir zu einem einst funktionierenden Bildungssystem und den daraus resultierenden durchaus brillanten Forschungsergebnissen zurückgekehrt sind. Nein, ich habe kein Abitur.
Beat Adler 12.02.2014
5. Kosten-Nutzenrechnung ist in der Grundlagenvorschung unmoeglich.
Zitat von waldemar... wofür soll das denn gut sein? Wieviele Milliarden Euro wurden im "alten" Cern verbraten? Welchen Nutzen kann man aus den Ergebnissen ziehen? Ich meine damit "echten" Nutzen, der die Menschheit irgendwie weiterbringt. Gut das eine oder andere "Teilchen" wurde entdeckt. Entdecke ich ab und zu auch beim Konditor. Anders gefragt: Welches Produkt kann ich demnächst kaufen? Werden die Energieprobleme der Menschheit gelöst? Gesundheit für alle? Fragen über Fragen. Macht aber nichts, nur rausgeschmissen das Geld. Damit wir in etwa 30 Jahren noch ein zehnfach größeren, zu den hundertfachen Kosten, Teilchenbeschleuniger brauchen, damit die Wissenschaftler noch mehr "nichts wissen".
Kosten-Nutzenrechnung der Grundlagenforschung sind schlicht nicht moeglich. Haette es aber in den 50iger und 60iger Jahren keine solche Grundlagenforschung gegeben, koennte hier im SPON Blog niemand einen Beitrag schreiben. mfG Beat
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