Terrorabwehr Detektor scannt Menschenmassen nach Bomben

Russland und die Nato entwickeln neuartige Bombendetektoren: Ein Laserscanner soll sogar große Menschenmengen auf Sprengstoffe überprüfen - ohne bemerkt zu werden. Noch in diesem Jahr könnte die "elektronische Spürnase" in der Pariser U-Bahn erprobt werden.

Metro in Paris: Als erstes Einsatzgebiet für "elektronische Spürnase" im Gespräch
REUTERS

Metro in Paris: Als erstes Einsatzgebiet für "elektronische Spürnase" im Gespräch

Von , Moskau


Nachdem zwei Selbstmordattentäterinnen Ende März 2010 40 Menschen in der Moskauer Metro in den Tod rissen, rüstet Russlands Terrorabwehr auf: Seit Ende der vergangenen Woche ziehen russische Sicherheitskräfte an der Metro-Station Ochotnij Rjad, nur wenige hundert Meter vom Kreml entfernt, diskret verdächtige Personen zur Seite. Russland hat dort die erste Hightech-Sicherheitsschleuse in der U-Bahn der Zehn-Millionen-Metropole in Dienst gestellt, Nacktscanner inklusive. Der Hersteller preist im Internet seinen "Homo-Scan" als effektives Mittel für den "Nachweis von Sprengstoffen, Drogen und Waffen" an.

Die Sicherheit der Passagiere erhöht das nur bedingt: das 2 Meter lange und 2,6 Meter hohe Monstrum ist kaum für die Massenabfertigung der Moskauer Metro geeignet, die täglich neun Millionen Passagiere transportiert. "Wir schaffen gerade einmal ein paar Dutzend Stichproben", seufzt ein Polizist an der U-Bahn-Station. Er muss sich weiter darauf verlassen, Terrorverdächtige mit geübtem Auge zu erkennen.

In wenigen Jahren aber plant der Kreml das Problem behoben zu haben, mit Hilfe der Nato. Unter dem Projektnahmen "Standex" (Stand-off Detection of Explosives) treiben die Allianz und der ehemalige Rivale aus der Zeit des Kalten Krieges die Entwicklung einer neuartigen Detektor-Generation voran. Anders als herkömmliche Metalldetektoren soll Standex ohne auffällige Sicherheitsschleuse operieren und Menschenmengen auf Sprengstoffe scannen, ohne den Passagierfluss zu stoppen.

Kaum zu erkennen

An dem Projekt sind neben Forschern des russischen Chlopin-Instituts in Sankt Petersburg auch Wissenschaftler aus mehreren Nato-Staaten beteiligt, unter ihnen Mitarbeiter des deutschen Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie (ICT) in Pfinztal. Die Standex-Sensoren sollen auf Basis von Lasertechnik und Millimeterwellen operieren.

Anders als bisherige Sicherheitsschleusen an Flughäfen und in anderen gefährdeten Gebäuden sollen die Standex-Scanner für Außenstehende kaum zu erkennen sein. So soll vermieden werden, dass Attentäter versuchen, gut sichtbare Sicherheitskontrollen zu umgehen oder ihre Bomben vor einem Checkpoint zünden, etwa in einer wartenden Menschenmenge.

Neben Deutschland und Russland beteiligen sich auch Frankreich, die Niederlande und die Türkei an der Entwicklung der "elektronischen Spürnase". Die Projektkosten bewegen sich im einstelligen Millionenbereich. Die Nato mag die Existenz des Projektes offiziell nicht bestätigen. Russische Kreise berichten dagegen, die Standex-Sensoren sollten noch in diesem Jahr bei ersten Tests erprobt werden. Als erstes Einsatzfeld ist die U-Bahn in Paris im Gespräch.

"Das ist ein Schlüsselprojekt in der Kooperation zwischen der Nato und Russland", sagt ein mit dem Vorhaben vertrauter, hochrangiger russischer Diplomat. "Durch Standex würden wir die Bewegungsfreiheit von Terroristen deutlich einschränken."

Russland hofft, ebenso wie die Allianz, auf einen schnellen Durchbruch in der Forschung, um die gefährdete Transportinfrastruktur zu schützen. Zuletzt sprengte sich ein Selbstmordattentäter Ende Januar am Moskauer Flughafen Domodedowo in die Luft und tötete 37 Menschen, darunter auch einen Deutschen. Laut russischen Angaben soll die Entwicklung der "elektronischen Spürnase" in knapp drei Jahren abgeschlossen sein.

Standex könnte dann pünktlich zur Winterolympiade 2014 einsatzbereit sein. Die Spiele werden von Russland in der Schwarzmeerstadt Sotschi ausgerichtet - nur wenige Kilometer entfernt von Russlands Unruheregion Nordkaukasus.



insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
raly 03.04.2011
1. ...
und schleichend ersetzt der Überwachungsstaat die freiheitliche Demokratie.
Tahlos 03.04.2011
2. Bei der Gefahrenabwehr hat es dann aber Russland
deutlich einfacher. Wenn ich mal so die bekannten letzten historischen Geiselbefreiungen dort betrachte, dann werden die Bombenleger vermutlich samt der sie umgebenden Menge einfach komplett beseitigt. Wurde da nicht irgendein Gas eingesetzt? Hat dann gleich den Vorteil das die Bombe nicht mehr gezündet werden kann. Die westlichen Länder haben es da wesentlich schwerer, weil da doch der eine oder andere überleben muss, weil sonst die Wahlen verloren werden könnten.
heribertX 03.04.2011
3. Wie bitte?
Die schaffen es doch nicht einmal, funktionierende Nacktscanner am Flughafen zu bauen, bei denen jeweils nur eine Person zur Zeit durchgehen darf und nur ohne Taschen, Metallobjekte usw. Und nun wollen sie in einer Menschenmenge, wo diverse Leute dicht gedrängt mit Koffern, Taschen, ... und diversen Gegenständen darin herumlaufen, einen funktionierenden Scanner bauen? Das ist doch völlig absurd. Das kann mit der aktuellen Technologie doch niemals funktionieren. Das ganze wird nur wieder eine Menge kosten und garnichts bringen.
JDR 03.04.2011
4. ...
Zitat von sysopRussland und die Nato entwickeln neuartige Bombendetektoren: Ein Laserscanner soll sogar große Menschenmengen auf Sprengstoffe überprüfen - ohne bemerkt zu werden. Noch in diesem Jahr könnte die "elektronische Spürnase" in der Pariser U-Bahn erprobt werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,752186,00.html
Klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Aber eine solche Kooperation würde sicherlich zeigen, wie stark die Sicherheitsinteressen entwickelter Staaten sich ähneln. Es bleibt dann allerdings immer noch die Frage der Taktik, mit welcher eine erkannte - oder vermutete - Bedrohung neutralisiert werden kann.
e-ding 03.04.2011
5. ...
Zitat von ralyund schleichend ersetzt der Überwachungsstaat die freiheitliche Demokratie.
Was überwacht denn der Detektor bei Ihnen so und was hat das mit Demokratie zu tun?
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