Erstmals ohne Seile Deutsche Ingenieure erfinden den Aufzug neu

In der schwäbischen Provinz arbeitet ThyssenKrupp an der Neuerfindung des Personenaufzugs. Kabinen sollen ganz ohne Seil durch Gebäude sausen - nicht nur vertikal, sondern auch horizontal.

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Aus Rottweil berichtet


So kann man sich täuschen. Weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick macht Markus Jetter den Eindruck, führender Kopf einer Weltrevolution zu sein. Eher wie ein Versicherungsmensch kommt der Mann daher oder wie ein Buchhalter, mit seiner beinahe leisen Stimme, seinem in die Jeans gesteckten weißen Kurzarmhemd. Und auch die Szenerie, auf die er an diesem Tag schaut, ist ausgesprochen friedlich. Man möchte beinahe sagen: verschnarcht. Auf jeden Fall aber ganz und gar nicht revolutionär.

So kann man sich täuschen, wie gesagt.

In Wahrheit wird hier, mitten in der schwäbischen Provinz, gerade ein neues Kapitel Technikgeschichte aufgeschlagen. Darauf deuten bei genauer Betrachtung schon ein paar Dinge hin. Da ist zum Beispiel der Umstand, dass Jetter seine Besucher mal eben in 220 Meter Höhe empfängt. Oder dass es in dem folgenden Gespräch um die Megacities der Erde geht, um Hochhäuser, die einen Kilometer weit in den Himmel reichen - und um den Versuch, eine mehr als 160 Jahre alte Milliardenindustrie mal so richtig durcheinanderzuwirbeln.

Ausblick von der Aussichtsplattform
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Ausblick von der Aussichtsplattform

Jeden Tag befördern Aufzüge Menschen - insgesamt über eine Milliarde Mal, so heißt es. Und das läuft, seit sich Elisha Graves Otis Mitte des 19. Jahrhunderts den absturzsicheren Dampfaufzug patentieren ließ, ungefähr so: Knopf drücken, warten, in eine Metallkiste einsteigen, die an einem metallenen Seil hängt, noch einen Knopf drücken, fahren - und schließlich irgendwo aussteigen.

An zweien der Punkte wollen Jetter und seine Leute nun aber ansetzen: dem Warten und dem Seil. Damit das klappt, müssen sie auch noch an die Kiste ran. Und womöglich sind auch keine Knöpfe mehr zu drücken.

Aber eins nach dem anderen: An diesem Freitag stellt Jetters Arbeitgeber ThyssenKrupp offiziell etwas vor, an dem das Unternehmen in den vergangenen Jahren mit Hochdruck gearbeitet hat: Es ist ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt. In einigen Jahren soll er in einigen der höchsten Gebäude der Welt unterwegs sein. Der "Multi", wie das Vorzeigeprojekt heißt, basiert auf der Technologie der glücklosen Magnetschwebebahn Transrapid - und bisher fährt er erst mal nur in einem 40 Millionen Euro teuren Stahlbetonturm am Rande des schwäbischen Städtchens Rottweil.

Zwölf Testschächte

Eine 246 Meter hohe Versuchsanlage hat die Firma hier, rund 90 Kilometer südlich von Stuttgart, in den vergangenen Jahren gebaut. 30 Meter tief im Muschelkalk zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald ist der Gigant aus 40.000 Tonnen Beton verankert. Ganz oben liegt übrigens ein 240-Tonnen-Betongewicht, mit dem die Ingenieure den Turm für ihre Versuche absichtlich zum Schwingen bringen können.

Der "Multi" soll in dem Gebäude ebenso fahren wie andere Aufzugssysteme des Unternehmens, eines davon mit beeindruckenden 18 Meter pro Sekunde. Irgendwann soll der Testturm von Rottweil auch noch eine fesche Hülle aus beschichtetem Glasfasergewebe bekommen, insgesamt 17.000 Quadratmeter groß. Die Arbeiten dafür laufen, hängen aber massiv hinter dem Zeitplan.

Geplante Hülle des Testturms (grafische Darstellung)
obs/ThyssenKrupp Elevator AG/Philipp Brem

Geplante Hülle des Testturms (grafische Darstellung)

Für die Technik im Inneren ist das freilich egal: Insgesamt zwölf Testschächte hat man eingebaut. Ganz oben verfügt der Bau über Deutschlands höchstgelegene Aussichtsplattform, 30 Meter höher noch gelegen als die des Berliner Fernsehturms. Von dort aus kann Ingenieur Jetter die Gegend am Plettenberg sehen, wo sein Elternhaus steht.

Das Revolutionäre am "Multi" erschließt sich im Erdgeschoss des Turms. Man kann in den Schacht blicken, 30 Meter nach unten und 80 Meter nach oben. Und da ist - wenn man es das erste Mal sieht, ist es eben doch ziemlich verblüffend - einfach kein Seil. Stattdessen treiben wandernde Magnetfelder die Kabine an, mit bis zu fünf Meter pro Sekunde.

Gleich mehrere der Kabinen können auf einer Strecke unterwegs sein, wie Bahnzüge auf einem Gleissystem. Gebaut sind die Kabinen aus Kohlefaser-Verbundmaterial. Das soll Gewicht einsparen, damit die Motoren nicht zu schwer und teuer werden.

"Wie eine Metro für Gebäude"

Mit dem "Multi" können Fahrgäste nicht nur vertikal unterwegs sein, sondern auch horizontal. Im Testschacht sind insgesamt vier sogenannte Exchanger verbaut, die sich um die Änderung der Bewegungsrichtung kümmern. "Das ist wie eine Metro für Gebäude", sagt Jetter.

Man könnte auch sagen, dass das, was sie hier ausprobieren, ein Paternoster auf Steroiden ist.

Blick in den Testschacht des seillosen Aufzugs
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Blick in den Testschacht des seillosen Aufzugs

Acht Leute passen in eine Kabine. Nur acht, muss man wohl sagen - auch damit die Wartezeiten beim Ein- und Aussteigen nicht zu lang werden. Der neue Aufzug soll allerdings nicht zwangsläufig auf jedem Stockwerk eines Hauses halten. Das würde den Antrieb ineffizient machen. Nur alle 50 bis 100 Meter seien Stopps sinnvoll, sagt Jetter. Von dort aus könnten sich dann konventionelle Lifte um die Weiterverteilung der Fahrgäste kümmern.

Umsteigen muss man in extrem hohen Häusern also wohl auch weiter. Und doch: Der "Multi" soll 50 Prozent mehr Transportkapazität haben als normale Aufzüge, versprechen seine Macher. Nach allerhöchstens einer halbe Minute soll er jeweils bereitstehen. "Wir wollen Leute transportieren, nicht warten lassen", verspricht Jetter.

Womöglich weiß der Aufzug dabei sogar, wo er gebraucht wird und wo die Fahrt vermutlich hingehen soll. Das würde das Knöpfedrücken überflüssig machen.

Pläne für Berliner Büroturm

Nur fährt der "Multi" vorerst noch ganz ohne Fahrgäste - denn er hat bisher noch keine Zertifizierung. Darum will man sich nach der offiziellen Vorstellung der Technik nun kümmern. "Wir wollen das System bis zum Ende des Jahrzehnts zugelassen haben", sagt Jetter. Die Bauherren eines 140 Meter hohen Büroturms im Berliner Stadtteil Friedrichshain sollen bereits jetzt darüber nachdenken, das System zu verwenden. Doch bisher gibt es erst mal nur eine Absichtserklärung, dass der neue Aufzug einmal im "East Side Tower" fahren soll.

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Höchste Gebäude der Welt: Mehr als Wolkenkratzer

Für Bauherren bringt die Technik einerseits höhere Kosten, andererseits können sie auf Einsparungen bei der Geschossfläche hoffen - weil insgesamt weniger Platz für Aufzüge nötig ist. Stattdessen kann man mehr Geld mit der Vermietung von Büros verdienen.

Allerdings ist da noch die Frage, ob die Technik tatsächlich vom Markt angenommen wird. Dass der "Multi" auf dem Transrapid beruht, könnte Fluch und Segen zugleich sein. Segen, weil der Antrieb über Jahrzehnte entwickelt und perfektioniert wurde. Fluch, weil der Magnetschwebebahn spätestens seit einem tödlichen Unfall auf der Teststrecke im Emsland im Jahr 2006 ein katastrophales Image anhaftet.

Was wäre, wenn es auch beim seillosen Aufzug im Probebetrieb zu Problemen käme? "Wir machen keine Crashtests", gibt sich Jetter optimistisch. "Wir müssen so zuverlässig sein, dass es keinen Crash gibt." Im Fall eines Stromausfalls soll ein vierstufiges Bremssystem die mit Batterien ausgestatteten Kabinen vor einem Absturz sichern. Außerdem sind, wenn alles schiefgeht, mechanische Fangarme wie in jedem normalen Aufzug verbaut.

Gebäude, für die "Wolkenkratzer" eine Beleidigung wäre

"Supertalls" heißen die Hochhäuser, in denen der "Multi" einst fahren soll. Das sind Gebäude, für die das Wort "Wolkenkratzer" eine Beleidigung wäre. Sie kratzen schließlich nicht an den Wolken, sie sind längst darüber hinausgewachsen. Rund 145 Bauten jenseits der 300 Meter gibt es derzeit, weitere 180 sollen weltweit im Bau sein. Auch wenn Architekten den Größenwahn für ökonomisch und ökologisch problematisch halten: Es gibt genug Bauherren, die protzen wollen.

Ein besonders beeindruckendes Exemplar dabei ist der Jiddah Tower in Saudi-Arabien. Er soll 2020 eröffnet werden. Doch keiner seiner Fahrstühle kann die mehr als 200 Stockwerke am Stück zurücklegen. Die Tragseile wären zu schwer, würden unter ihrer eigenen Last reißen. Außerdem würden sie womöglich so stark schwingen, dass sie am Rand des Schachts anschlagen.

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Neuer Aufzug: Seillos für die "Supertalls"

Die Unternehmen Otis, Schindler und Kone sind die wichtigsten Konkurrenten von ThyssenKrupp - und auch sie grübeln natürlich, wie sie ihre Aufzüge attraktiv für die Riesenhochhäuser machen. Der finnische Kone-Konzern hat zum Beispiel ein Seil aus Kohlefasern entwickelt, das "Ultrarope". Das ist leichter und reißfester und soll ebenfalls bisher ungekannte Aufzughöhen ermöglichen.

Eingesetzt wird das Superseil derzeit zum Beispiel in den modernisierten Aufzügen von Neuseelands höchstem Gebäude, dem 328 Meter hohen Sky Tower in Auckland. Auch der Jiddah Tower wird von Kone mit "Ultrarope"-Technologie ausgestattet.

Über die Wolken hinauszuragen, das gelingt manchmal übrigens sogar dem deutlich niedrigeren Testturm von Rottweil. Grinsend berichtet Ingenieur Jetter von einem kürzlichen Ferienflug nach Spanien. Nicht lange nach dem Abheben in Stuttgart habe er nach rechts aus dem Fenster seines Jets geschaut - und die Spitze des Bauwerks aus dem Nebelmeer schauen sehen. In Rottweil wollen sie einfach hoch hinaus.

insgesamt 116 Beiträge
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zeichenkette 22.06.2017
1. Eins ist schon faszinierend:
Der Lift hat es erst möglich gemacht, in Gebäuden sehr weit in die Höhe zu gehen, denn spätestens ab 10 Stockwerken ist das zu Fuss einfach nicht mehr praktikabel, zumal ältere oder nicht mehr ganz gesunde Menschen schon bei viel weniger Treppenstufen nicht mehr können. Ohne Aufzüge wären Städte noch enger und noch größer als sie es ohnehin schon sind. Das war schon eine ganz entscheidende Erfindung, umso interessanter, dass es da bisher eigentlich nur sehr wenig Fortschritt gegeben hat.
Beorn 22.06.2017
2. Und wie schaut's mit dem Energieverbrauch aus?
Oder habe ich die Antwort auf diese Frage überlesen?
sametime 22.06.2017
3. Aufzug ohne Seile ist keine Neuheit
Aufzüge ohne Seile gibt es schon länger, sie werden mittels Hydraulikstempel angetrieben.
hein.ch 22.06.2017
4. Tolle Idee
Aber warum hat der Transrapid ein "katastrophales Image "? Der Unfall hatte ja nichts der technik an sich zu tun, sondern menschlichen Versagen. Kann man solchen Katastrphenjournalismus nicht mal weglassen?
Teile1977 22.06.2017
5. S21
Ach, und ich dachte das Ding ist der Südausgang zum S21 Tunnel!
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