Ausgegraben

Torsionsgeschütze Römische Killermaschine im Wettertest

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Universität Trier/ Foto: Christoph Schäfer

Höhere Gewalt oder lahme Ausrede? Für ihre Niederlage gegen die Germanen in der Varusschlacht machten die Römer auch den Regen verantwortlich: Ihre empfindlichen Hightech-Waffen seien zu nass geworden. Deutsche Forscher haben das jetzt geprüft - mit nachgebauten Geschützen.

"Es begann mit den Bolzenfunden von Kalkriese", erzählt Historiker Christoph Schäfer von der Universität Trier im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das Gebiet im Osnabrücker Land gilt als möglicher Schauplatz der Varusschlacht, in der drei römische Legionen mit rund 20.000 Mann von den Germanen unter Arminius aufgerieben wurden. An den dort entdeckten Geschossen konnten die Wissenschaftler erkennen, welch schreckliche Waffen die Römer aufgefahren hatten: Torsionsgeschütze, auch "Scorpiones" genannt.

Als dann auch noch bei den Ausgrabungen am Harzhorn, einem römisch-germanischen Schlachtfeld aus dem 3. Jahrhundert nach Christus, haufenweise die typischen "Scorpio"-Eisentüllen zutage kamen, wurde den Forschern klar: "Diese Torsionsgeschütze wurden viel ausgiebiger auf dem Schlachtfeld eingesetzt als die Schriftquellen vermuten lassen."

Neben den zahlreichen Bolzenspitzen sind auch die Geschütze bekannt. Als Vorbild dienten Funde aus Spanien, Italien und Rumänien - darunter ein Katapult, das im vierten Jahrhundert nach Christus zum Einsatz gekommen war. "Das waren hochspezialisierte Waffen", erklärt Schäfer. "Also brauchten wir Profis, um sie zu rekonstruieren und ihre Leistung zu messen: Ingenieure und Militärexperten."

Die ersten Geschütze entstanden am Rechner. Mit einer CAD-Software, die normalerweise für 3-D-Animationen im Maschinenbau verwendet wird, bauten sie die ersten Modelle am Bildschirm. Dann begann die Arbeit in den Werkstätten. Zwei Geschütze entstanden an der Universität Trier, eines an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, zwei an der Universität Osnabrück, und eines wurde an einem Gymnasium am Chiemsee gebaut. "Wir wollten gerne Schüler bei dem Projekt dabei haben", sagt Schäfer. "Das ist eine einmalige Gelegenheit, in der Schule ebenso praktisch wie wissenschaftlich zu arbeiten."

Bis zu fünf Pfeile pro Minute

Was machte die Torsionsgeschütze zu so gefährlichen Waffen? Ihr Schrecken lag in der Reichweite und der Durchschlagskraft. Zwei Mann können mit einem "Scorpio" drei bis fünf Pfeile pro Minute abschießen. Herzstück der Maschine ist das Hebelwerk, das der im Spannrahmen aufgebauten Torsionskraft standhält und sie steigert.

Über einen verschließbaren Abzug ist die Bogensehne mit dem Spannseil verbunden. Ein Holzrad mit kleiner Vortriebklinke führt beim Spannen ein Zahnrad und spult das Spannseil an einer Haspelwelle auf. Sperrklinken verhindern, dass sich das Zahnrad in die andere Richtung zurückdrehen kann. Die Spannung bleibt so erhalten - bis der Abzug bedient wird und die Bogensehne freikommt.

Die Kraft, die dabei frei wird, ist gewaltig. "Wir haben auf Schweinehälften geschossen, um menschliche Körper zu simulieren", erzählt Altertumswissenschaftler Günther Moosbauer von der Universität Osnabrück. "Die Energie der Geschosse beim Eintritt war so groß, dass sie das Schweinefleisch verbrannt haben." Den Aufprall haben die Ballistiker der Bundeswehruniversität mit der Hochgeschwindigkeitskamera dokumentiert, um die Wirkung noch besser verstehen zu können.

Im Kollektiv wie ein Maschinengewehr

Wenn in einer Schlacht an die 60 Torsionsgeschütze pro Legion zugleich auf ein Zielgebiet abgefeuert wurden, wie Burkhard Meißner von der Helmut-Schmidt-Universität schätzt, dürfte die Situation für die Feinde extrem ungemütlich geworden sein. "Mit dieser Konzentration konnten die Schützen eine Kadenz von 180 bis 200 Schuss pro Minute erreichen." Zum Vergleich: Ein modernes Maschinengewehr kann etwa zwischen 600 bis 1200 Schuss pro Minute abfeuern. Die Beschossenen fanden sich plötzlich in einem Hagelsturm aus Eisenspitzen wieder - ohne sehen zu können, woher sie kamen, denn die Geschütze konnten mehrere hundert Meter entfernt stehen. "Das war Psychoterror", sagt Meißner.

Überraschend war für die Forscher außer der gewaltigen Wirkung vor allem die Entwicklung, die sie an den drei originalen Torsionsgeschützen aus drei unterschiedlichen Jahrhunderten beobachten konnten. "Die Römer haben experimentiert und die Technik kontinuierlich verbessert", sagt Schäfer. Ein eher untypischer Vorgang: "Gegen Fortschritt waren sie ja sonst eher allergisch."

Momentan werden die Geschütze im Experiment getestet - immer unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. "So wissenschaftlich wurden diese Waffen noch nie untersucht. Wir wollen vor allem auch wissen, wie sich die unterschiedlichen Typen in ihrer Wirkung unterscheiden." Eines jedenfalls haben die Forscher ziemlich schnell herausfinden können. Der Hinweis auf den Regen war ein Vorwand: "Die funktionieren auch klitschnass noch einwandfrei!"



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