Treibstoffschnellablass Das passiert, wenn Kerosin in die Luft gesprüht wird

In Notsituationen müssen Piloten Treibstoff ablassen, wie gerade erst in der Nähe von Frankfurt. Was genau passiert dabei - und wie gefährlich ist es?

Boeing 747 der Lufthansa (Archiv)
DPA

Boeing 747 der Lufthansa (Archiv)


Am Freitag musste eine Boeing 747, die auf dem Weg von Frankfurt nach Orlando in Florida war, wegen Fahrwerksproblemen kurz nach dem Start umkehren. Um die vollgetankte Maschine sicher landen zu können, war es nötig, Kerosin abzulassen, berichtet "Die Rheinpfalz" . Dabei seien insgesamt 75 Tonnen des Flugbenzins aus den Tanks in die Luft gepumpt worden.

Ähnliche Vorfälle gibt es immer wieder. Betroffen sind vor allem Gebiete um die großen deutschen Flughäfen Frankfurt und München, von denen viele Langstreckenflüge starten. Aber dürfen die Piloten das überhaupt, und gibt es Risiken für Umwelt und Gesundheit?

Wann kommt es zum Treibstoffschnellablass?

Wenn Piloten während des Flugs feststellen, dass ein Problem vorliegt, und sie sich für eine außerplanmäßige Sicherheitslandung entscheiden, müssen sie die Flugsicherung informieren. Gründe können ein technischer Defekt oder ein medizinischer Notfall an Bord sein.

Ist so viel Treibstoff an Bord, dass das erlaubte Landegewicht überschritten wird, kann es erforderlich sein, Kerosin abzulassen. Entsprechende Vorrichtungen haben aber nur große Maschinen. Es sind meist Langstreckenflugzeuge, die nicht mit dem Höchststartgewicht sicher landen können.

Der Treibstoffschnellablass ist nur in einer Notfallsituation erlaubt, wie sie etwa bei dem Lufthansa-Flug nach Orlando vorlag. Laut dem Bericht der "Rheinpfalz" gab es Fahrwerksprobleme bei der B747.

Die Entscheidung über das Kerosinablassen trifft der Pilot. Von der Flugsicherung bekommt er dann ein Gebiet und eine Flughöhe zugewiesen, wo das Kerosin abgelassen werden kann. Dafür gibt es bestimmte Vorgaben der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO. Beispielsweise muss die Mindesthöhe 1830 Meter betragen. Außerdem achtet die Flugsicherung auf die Verkehrsdichte und weist einen Luftraum abseits von großen Städten zu, sagte ein Sprecher. Im aktuellen Fall habe die Flughöhe etwa 5500 Meter betragen.

Wie oft kommt das vor?

Zwischen 2010 und 2016 wurden über Deutschland insgesamt rund 3590 Tonnen Kerosin abgelassen. Dokumentiert wurden in dem Zeitraum 121 Fälle. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung aus dem Jahr 2016 auf eine entsprechende Anfrage der Grünen hervor. Hauptsächlich betroffen waren demnach Bayern, Baden-Württemberg sowie Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

Was passiert mit dem Kerosin?

Im Planfeststellungsbeschluss für den Ausbau des Flughafens Schönefeld wurde aufgeführt, was mit dem abgelassenen Kerosin passiert. Darin heißt es: "Beim Treibstoffschnellablass wird das Kerosin mit Hochleistungspumpen in kleinste Tröpfchen verwirbelt und von den Turbulenzen hinter dem Flugzeug zu einem feinen Nebel verteilt." Daraus errechne sich bei einer angenommenen Fluggeschwindigkeit von 450 km/h und einer Gesamtablassrate mittels Schnellablassventilen von 1600 Kilogramm pro Minute sowie einer unterstellten Verteilungsbreite von einem Kilometer eine Verdünnung des abgelassenen Treibstoffs auf 0,21 Gramm je Quadratmeter.

Der größte Teil des Nebels sinke jedoch nicht zu Boden, sondern verdunste in den höheren Luftschichten, heißt es weiter. Er verbleibe in der Atmosphäre, bis er durch die Strahlungsenergie der Sonne in Wasser und Kohlendioxid umgewandelt werde. Rechnerisch erreichten etwa acht Prozent der abgelassenen Treibstoffmenge den Boden. Daraus ergebe sich eine theoretische Bodenbelastung von 0,02 Gramm Kerosin pro Quadratmeter.

Der TÜV Rheinland komme zu dem Ergebnis dass eine Summenkonzentration von maximal 0,2 Milligramm pro Kubikmeter in der Luft entstehe. Dies führe zu einer vernachlässigbaren Kontamination des Bodens, heißt es in der Antwort der Bundesregierung weiter. Diese grundsätzlichen Annahmen würden durch eine Studie des National Research Council, Kanada bestätigt.

Wie schädlich ist der Treibstoffschnellablass für Umwelt und Gesundheit?

Derzeit gibt es keine Erkenntnisse über mögliche Schäden durch diese Notfallmaßnahme. Grundsätzlich, heißt es in der Antwort der Bundesregierung weiter, könnten Verunreinigungen von Grund- und Oberflächenwasser durch Flugturbinenkraftstoff erhebliche Auswirkungen auf die Trinkwassergewinnung, den chemischen Zustand dieser Gewässer oder den ökologischen Zustand der Oberflächengewässer haben. Dies gelte, sofern relevante Mengen in das Grundwasser gelangten. Zudem gilt das im Kerosin enthaltene Benzol als krebserregend. Allerdings würden die erforderlichen Konzentrationen durch das Ablassen von Flugbenzin bei Weitem nicht erreicht, heißt es.

brt



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.