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Tschernobyl-GAU vor 25 Jahren: Kernschmelze des Vertrauens

Von , Moskau

Bis heute misstrauen die Menschen in Russland ihrer Führung, wenn es um die Bewältigung von Krisensituationen geht. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist unvergessen - und die Lügen, die das Volk damals zu hören bekam.

Reaktorblock IV in Tschernobyl (Archivbild vom Oktober 1986): Öffentlichkeit beruhigen Zur Großansicht
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Reaktorblock IV in Tschernobyl (Archivbild vom Oktober 1986): Öffentlichkeit beruhigen

Am 27. April 1986 flackern im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark plötzlich die Warmlampen auf, ein automatischer Alarm bei zu hohen Strahlungswerten. Messtrupps kontrollieren die Strahlenbelastung von Arbeitern und Werksanlagen. Das Ergebnis macht sie perplex: Nicht in den Gebäuden des Meilers schlagen die Geigerzähler besonders heftig aus, sondern unter freiem Himmel. Auch aus Finnland berichten Messstationen plötzlich erhöhte Strahlungswerte, mancherorts sind sie zehnmal höher als die natürliche Umweltradioaktivität.

Tatsächlich liegt die Ursache des Übels nicht in Forsmark oder Skandinavien: Ostwind treibt eine radioaktive Wolke aus dem Osten nach Westeuropa und Skandinavien. Ihr Ursprung liegt hinter dem Eisernen Vorhang. Die Quelle ist die bislang größte technologische Katastrophe in der Geschichte der Menschheit: Die Kernschmelze im Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl.

Der 26. April 1986 ist ein sonniger Tag in der Nordukraine. In Pripjat, der nur drei Kilometer vom Reaktor entfernten Werkssiedlung mit rund 50.000 Einwohnern, genießen die Sowjetbürger den anbrechenden Frühling. Der Betriebsleiter des Kraftwerks in Tschernobyl feiert die Hochzeit seiner Tochter. Keiner seiner Kollegen warnt ihn, dass die Strahlung bereits dramatisch über den Grenzwerten liegt. Mittags lässt man die Straßen mit Seifenlauge abwaschen. Kaum jemand weiß warum.

Tschernobyl ist die Mutter aller vom Menschen gemachten Katastrophen. Danach ist nichts mehr, wie es war: Nicht im Westen, wo die Anti-Atomkraft-Bewegung immer mehr Rückhalt bekommt. Nicht in Ostblock, wo die Menschen endgültig den Glauben in die Überlegenheit des Kommunismus verlieren, und das Vertrauen in die verlogene Sowjetführung.

Noch kurz vor der Katastrophe sagt der Kraftwerksminister der Ukraine in einem Interview, es könne nur einmal in 10.000 Jahren vorkommen, dass ein Reaktor schmilzt. Und im Januar 1986 versichert das Parteiblatt "Prawda", in Tschernobyl "arbeiten erfahrene Spezialisten, die ihre Sache gut kennen".

In Wahrheit ist es ein fatales Experiment, dass drei Monate später zu dem GAU führt.

Sandladungen für den glühenden Reaktorkern

Die Reaktormannschaft beginnt am 25. April mit der Simulation eines Totalausfalls der externen Stromversorgung. So will man nachweisen, dass das Kraftwerk selbst genügend Strom produzieren kann, um die Notkühlung des Reaktors sicherzustellen. Als es zu Komplikationen kam, unterblieb die notwendige Notabschaltung.

In den Morgenstunden des 26. April kommt es zur Kernschmelze und zu Explosionen. Große Mengen Radioaktivität werden freigesetzt, eine radioaktive Wolke steigt in die Atmosphäre auf. Trotzdem heißt es zunächst, der Reaktor sei intakt geblieben.

Binnen weniger Stunden wird der sowjetische Regierungschef Nikolai Ryschkow per Telefon unterrichtet. Der aber scheint das Ausmaß des Unglücks nicht zu erfassen - und setzt zunächst eine Untersuchungskommission ein. Die Bürger des roten Riesenreichs informiert er nicht.

Moskau schickt noch am selben Tag Rettungstrupps nach Tschernobyl, 6000 Soldaten und 40.000 Angehörige der chemischen Spezialtruppen. Hubschrauberpiloten mit Kampferfahrung aus dem Afghanistan-Krieg werfen Sandladungen über dem glühenden Reaktorkern ab. Insgesamt 600.000 sogenannte Liquidatoren und eine Million weitere Helfer schickt die Sowjetführung zur Bekämpfung der Katastrophe und zur Beseitigung der Folgen. Doch die Katastrophenhelfer werden selbst zu Opfern: Kaum einer verfügt über ausreichende Schutzkleidung.

Heute, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, leben die Liquidatoren verstreut über die Ukraine, Weißrussland und Russland. Wie viele von ihnen insgesamt bereits an den Folgen der Strahlung gestorben sind, darüber existieren keine genauen Zahlen. Schätzungen zufolge aber sind allein in Russland bereits 25.000 Liquidatoren gestorben, 70.000 gelten als Invaliden.

Die Zahl der Todesopfer von Tschernobyl ist noch immer unbekannt. Laut der Internationalen Atomenergiebehörde starben 56 Menschen sofort, und nach Schätzungen der Russischen Akademie der Wissenschaften 200.000 an den Folgen. Viele Aufnahmen, die der Werksfotograf Anatoli Raskasow aus einem Helikopter von dem havarierten Reaktor macht, sind geschwärzt: nicht von der sowjetischen Zensur, sondern durch die hohe Radioaktivität.

Flugpassagiere beobachten Wolkenkegel über Tschernobyl

Heute verfolgt die Welt die Katastrophe in Japan gebannt und fast in Echtzeit, damals suchen die roten Herrscher im Kreml lange, den Unfall zu vertuschen. Mit fatalen Folgen.

Erst am 28. April meldet die Nachrichtenagentur Tass zum ersten Mal einen "Unfall" in dem Reaktor. Russische Journalisten der staatlichen Agentur APN erfahren unterdessen bereits von freigesetzter Strahlung - weil sie von Korrespondenten aus Schweden, den USA und Deutschland informiert werden.

Deutsche Touristen beobachten aus einem "Aeroflot"-Flieger im Landeanflug auf Kiew einen kilometerhohen, bedrohlich-schwarzen Wolkenkegel über Tschernobyl.

In der Ukraine aber unterbleibt jede Warnung. Erst nach 37 Stunden wird die Siedlung Pripjat evakuiert, bis heute eine verlassene Geisterstadt. Während in Westeuropa aus Furcht vor der radioaktiven Wolke aus dem Osten Fenster, Türen und Kindergärten geschlossen bleiben, lässt der Kreml in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zu Maibeginn noch Jubelmärsche veranstalten, und eine "Friedensfahrt" sozialistischer Rennfahrer, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Die "Prawda" wettert unterdessen gegen "Panikmacher" im Ausland, Parteibonzen schimpfen über "Arbeiter, die nicht die notwendige Standfestigkeit besaßen, an der Front zu stehen". Ausgerechnet der als Reformer angetretene Generalsekretär der Kommunistischen Partei Michail Gorbatschow erweist sich als Zauderer.

"Glasnost" hat er gefordert, Offenheit und Transparenz. Wie weit diese jedoch gehen soll, darüber ist er im Angesicht der Katastrophe unsicher. "Wenn wir die Öffentlichkeit informieren, sollten wir sagen, dass das Kernkraftwerk gerade renoviert wurde, damit kein schlechtes Licht auf unsere Infrastruktur fällt", schlägt Gorbatschow auf der Sitzung des Zentralkomitees am 29. April vor, drei Tage nach der Havarie. In den sowjetischen Medien ist da noch nur von zwei Todesopfern bei dem Unfall die Rede.

Kein Wort von dem bereits vor einigen Jahren erstellten Geheimbericht, in dem von "Mängeln beim Bau des AKW Tschernobyl" die Rede ist, von Verstößen gegen die Bauauflagen, die zu "technischen Pannen und Unglücksfällen führen könnten".

Es ist eine monströse Wahrheit, die die sowjetische Führung dem eigenen Volk vorenthält, und das Schweigen über die Katastrophe hat Folgen bis heute. So misstraut die Mehrheit der Bevölkerung in Russland, Weißrussland und der Ukraine bis heute den Verlautbarungen ihrer Regierungen im Katastrophenfall. So war es im vergangenen Sommer, als Waldbrände die russische Hauptstadt in beißenden Smog hüllten und die Zahl der Todesfälle in Moskau drastisch in die Höhe schnellten. So war es auch im Winter zuvor, als in der Wolgastadt Saratow eine Grippewelle wütete, viele Bürger aber trotz gegenteiliger Beteuerungen des Gouverneurs fest überzeugt waren, in Wahrheit sei die Lungenpest ausgebrochen.

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1. Tschernobyl in Russland?
Moto25 12.03.2011
Zitat von sysopBis heute misstrauen die Menschen in Russland ihrer Führung, wenn es um die Bewältigung von Krisensituationen geht. Die Reaktorkatastrophe von*Tschernobyl ist unvergessen - und die Lügen, die das Volk damals zu hören bekam. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750534,00.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Tschornobyl SU ist nicht RF
2. Panik durch Medienlüge?
bienenstecher 12.03.2011
Und es ist auch die Panik, die in den deutschen Medien von einem bereits bestehenden Super-Gau sprechen! Selbst in den britischen Medien, die ich für viel glaubhafter halte, wird schon lange berichtet, dass die Aussenhülle beschädigt, aber der Reaktor selber noch völlig intakt ist! Also: abwarten und Tee trinken ist angesagt. Und um ehrlich zu sein, sollte man sich genauso Sorgen um Libyen machen, wenn nämlich der Gaddafi den Krieg gewinnen sollte und eventuell dann einen Massenmord veranstaltet!
3. Vertrauen in Politiker wie Merkel? Ein Scherz!
elbröwer 12.03.2011
Ein immer gleiches Szenario. Ob die Lügner und Vertuscher der Politbüro Mitglieder oder die gekauften Kreaturen der BRD Atomlobby. Wenn ein Röttgen, der bei dem Atomdeal nicht mal dabei war, da selbst bei der Atomindustrie als nicht ernst zu nehmend betrachtet, sagt es wird alles gut sollten die Bürger gewarnt sein.
4. Typisch Politiker
myoto 12.03.2011
Zitat von elbröwerEin immer gleiches Szenario. Ob die Lügner und Vertuscher der Politbüro Mitglieder oder die gekauften Kreaturen der BRD Atomlobby. Wenn ein Röttgen, der bei dem Atomdeal nicht mal dabei war, da selbst bei der Atomindustrie als nicht ernst zu nehmend betrachtet, sagt es wird alles gut sollten die Bürger gewarnt sein.
Die haben doch eh immer gut reden. Immerhin hocken die im Fall der Fälle doch in ihren sch*** Bunkern. Der Regierung glaub ich eh nix mehr. Vattenfall schert sich nicht um Sicherheit, wenn hier mal was hoch geht kann man eh einpacken.
5. @Moto25
fritzehü 12.03.2011
Zitat von Moto25http://de.wikipedia.org/wiki/Tschornobyl SU ist nicht RF
Erst sich richtig informieren und dann schreiben.
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