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22. April 2015, 16:30 Uhr

Katastrophen-Reaktor von Tschernobyl

"Die Ruine ist nicht sicher"

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Radioaktives Material ist noch nicht gesichert, eine Schutzhülle wird nicht fertig, und die Kosten explodieren: Aktuelle Einschätzungen der Bundesregierung nähren die Zweifel an der Sicherheit der AKW-Ruine in Tschernobyl.

Vor 29 Jahren explodierte das Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine, radioaktive Wolken trieben über Europa. Mit Beton und Stahl wurde die Ruine zugedeckt, um die weitere Verbreitung der Radioaktivität zu verhindern. 2005 sollte eine stabilere Schutzhülle die Anlage verschließen - sie ist noch immer nicht fertig.

Die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, nährt nun Zweifel an der Sicherheit in Tschernobyl. Entgegen ursprünglichen Plänen sei erst ein geringer Teil des Kernbrennstoff aus jenen drei Reaktorblöcken geborgen worden, die 1986 nicht explodiert sind. Die Kühlung des Brennstoffs in den Blöcken 1 bis 3, der sogenannte Nachbetrieb, dauere an, schreibt die Bundesregierung. Eigentlich hätte der Nachbetrieb vor vier Jahren abgeschlossen werden sollen.

"Der Standort als Ganzes mitsamt seiner 30 Kilometer großen Sperrzone ist nicht sicher", sagt Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen. Das zeige die Stellungnahme der Bundesregierung - sie erklärt, dass noch immer "Arbeiten erfolgen zur Gewährleistung der Sicherheit und Sicherung".

Die Anlagen zur Analyse und Entsorgung radioaktiver Abfälle seien weiterhin im Bau, erklärt die Bundesregierung. "Die Staatengemeinschaft ist mit der Bewältigung eines atomaren GAU komplett überfordert", kommentiert Kotting-Uhl die Befunde.

Vor einem Jahr hatte die Ukraine Experten der Nato eingeladen, um Risiken für die Bevölkerung zu untersuchen, wohl insbesondere aufgrund des Bürgerkriegs. Es gebe nach Einschätzung der Ukraine zwar keine erhöhte Bedrohung in Tschernobyl, berichtete die Bundesregierung dem Umweltausschuss am Mittwoch. Das Kriegsgebiet liegt etwa 500 Kilometer entfernt. Dennoch seien an der AKW-Ruine "militärische Ergänzungen" aufgebaut worden: Stellungen mit Sandsäcken samt Schießscharten.

Preis hat sich verdreifacht

Die Entwicklung eines Systems der zivilen Notfallplanung und eine bessere Überprüfung der Radioaktivität habe die Nato empfohlen. Es sei "ein Offenbarungseid", dass es knapp drei Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe keine befriedigende Notfallpläne und Messsysteme gebe, sagt Kotting-Uhl.

2017 soll der Sarkophag die AKW-Ruine verschließen, doch weiterhin fehlt Geld: Der Preis für den Deckel hat sich mittlerweile auf 2,1 Milliarden Euro verdreifacht. 1997 hatten die sieben führenden westlichen Industriestaaten (G7) einen Fonds vereinbart, in den sie und Russland bislang 1,5 Milliarden Euro zahlen wollten.

615 Millionen Euro muss die internationale Staatengemeinschaft noch aufbringen, um ihr Gemeinschaftsprojekt fertigstellen zu können. "Die bisherigen Zusagen und Absichtserklärungen werden für den sicherheitstechnisch erforderlichen Abschluss aller Maßnahmen nicht ausreichen", heißt es allerdings in einem aktuellen Bericht des Umweltministeriums.

Eine Kontrolle der Ausgaben sei zudem schwierig, die Preissteigerungen "nur zum Teil nachvollziehbar", schreibt das Umweltministerium.

Gleichwohl will Deutschland im Rahmen seiner derzeitigen G7-Präsidentschaft Gelder eintreiben, unter seinem Vorsitz findet nächste Woche bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London eine Geberkonferenz statt. 109 Millionen Euro wird Deutschland laut Umweltministerium für den Bau der Schutzhülle letztlich insgesamt beigesteuert haben.

Allein der Bau des neuen Sarkophags löse jedoch nicht alle Probleme, betont Kotting-Uhl: "Wirkliche Sicherheit gibt es erst, wenn die hochradioaktiven Altlasten beseitigt worden sind. Doch dafür gibt es kein Konzept."

Tatsächlich räumt die Bundesregierung ein, es gebe keine genauen Zeitpläne für das Abräumen des kontaminierten Materials. Die Aufgabe liege allein in der Verantwortung der Ukraine, erklärt das Umweltministerium. "Die Ukraine damit alleinzulassen, ist verantwortungslos", meint Kotting-Uhl.

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