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22. Dezember 2014, 11:44 Uhr

Deutsches Alarmsystem für Indonesien

Die Lücken der Tsunamiwarnung

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Zehn Jahre nach der Tsunamikatastrophe verfügt Indonesien über ein Warnsystem für Riesenwellen, deutsche Ingenieure haben es gebaut. Doch der Alarm erreicht nicht alle Küsten - aus teils kuriosen Gründen.

Die Flut kam ohne Vorwarnung. Abermilliarden Liter Wasser schwemmten am 26. Dezember 2004 mit der Wucht eines Schnellzugs kilometerweit landeinwärts.

230.000 Menschen in Südasien starben in Tsunamis, die von einem Beben des Meeresbodens vor Indonesien losgetreten worden waren. "Mit der richtigen Technologie hätte Alarm geschlagen werden können", erkannte sofort Jörn Lauterjung vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung GFZ. Ende Dezember 2004 bat er um dringende Audienz im Kanzleramt.

Am 13. Januar 2005 hielt der Geoforscher mit Kollegen anderer Institute einen Vortrag vor Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nach nicht mal einer Stunde wandte sich der Kanzler an Forschungsministerin Edelgard Bulmahn: "Edelgard, du machst das". Bulmahn kündigte an, Deutschland würde das beste Tsunami-Warnsystem der Welt bauen.

60 Millionen Euro hat Deutschland nach Angaben des GFZ für den Aufbau des Systems in Indonesien ausgegeben, das Geld stammte großteils aus dem Topf für die Hilfe der Tsunami-Opfer. Hinzu kamen Forschungsmittel. Zehn Jahre nach der Katastrophe ist die Anlage installiert. Neben Indonesien verfügen auch Indien und Australien über ein Tsunami-Warnsystem.

Wird jetzt überhaupt gewarnt?

Können die Anrainer des Indischen Ozeans nun rechtzeitig gewarnt werden?

Die wichtigste Antwort lautet: Ja, es wird gewarnt.

Die zweite Antwort aber lautet: Ob alle die Warnung rechtzeitig hören würden, bleibt zweifelhaft.

Im März 2014 hat Deutschland sein Warnsystem an Indonesien übergeben. Allerdings sind der Anlage die 16 gelben Warnbojen abhanden gekommen. Sie sollten Tsunamis bereits auf hoher See erkennen und kontinuierlich Daten ins Warnzentrum nach Jakarta funken. Doch das hat nicht geklappt.

Piraten klauten Bojen, zerlegten die teure Technik und verschacherten Einzelteile auf den Märkten Südasiens. Ankerleinen von Fischern rissen Bojen aus ihrer Verankerung; manche lösten sich von selbst. Zudem gab es Probleme mit der Datenübertragung. Schließlich verzichteten die Forscher auf Bojen, deren Wartung mehrere Millionen Euro im Jahr verschlungen hätte.

Warum starben 2010 Hunderte Menschen?

Die Meldung der Bojen wäre ohnehin nicht immer rechtzeitig gekommen, allzu dicht liegen die Erdbebenzonen vor der Küste Indonesiens. Nun vertrauen die Indonesier vor allem auf die schnelle Messung der Beben: Bei starken Seebeben wird sofort Alarm geschlagen. GPS-Sender und Küstenpegel geben zudem Hinweise über Veränderungen der Meeresoberfläche - und darüber, ob sich der Boden gefährlich verschoben hat. Computersimulationen sollen die Ausbreitung der Wellen vorhersagen.

"Das System läuft wie gewünscht", sagt der Chef der Warnzentrale in Jakarta, Mohammad Riyadi. "Wir können eine Frühwarnung in weniger als fünf Minuten nach einem Erdbeben aussenden." Tsunamis würden nun deutlich glimpflicher verlaufen, meint Riyadi.

Tatsächlich bewiesen knapp zwei Dutzend Ernstfälle der letzten Jahre, dass das System funktioniert: Binnen fünf Minuten gab das Warnzentrum Tsunamiwarnungen heraus. Neunmal erreichten tatsächlich Tsunamis die Küsten Indonesiens.

Und doch gab es immer wieder erhebliche Probleme. Ein Tsunami tötete vor vier Jahren Hunderte auf den Mentawei-Inseln vor Sumatra. Das Seebeben hatte sich unmittelbar vor der Küste ereignet, die Vorwarnzeit betrug nur wenige Minuten - sie war zu kurz.

Schläge auf den Baumstamm

Auch andere Probleme können nicht ohne Weiteres dem Warnsystem angelastet werden - das Übermitteln des Alarms fällt nicht in den Bereich der Ingenieure. Es ist eine hoheitliche Aufgabe der Behörden jedes Landes. Sie werden automatisch von der Alarmzentrale in Jakarta informiert.

Deutsche Entwicklungshelfer haben hohen Aufwand betrieben, um Voraussetzungen für die Weiterleitung eines Tsunami-Alarms zu schaffen. Je nach Region müssen unterschiedliche Kommunikationsmittel eingesetzt werden: Anwohner werden über Internet, SMS, Radio und Fernsehen gewarnt; mancherorts fahren Lautsprecherwagen durch die Straßen.

In entlegeneren Regionen tönt der Alarm mittels rhythmischer Schläge auf ausgehöhlte Baumstämme. Andernorts sollen Moscheen Warnrufe verbreiten. Vielerorts folgen Bewohner eher dem Imam als der Regierung. Doch selbst wen der Alarm erreicht, ist nicht unbedingt gerettet: Nach einer Tsunamiwarnung im April 2012 in Sumatra blieben Tausende Flüchtende in Staus auf den verstopften Straßen stecken.

Lautsprecher geklaut

Oftmals fehlt das Verständnis für deutsche Standards. Kabel wurden nicht entsprechend der Anleitung im Boden vergraben, sondern über Palmen gehängt, Lautsprecher geklaut. Hubschrauber erreichen nicht in allen Regionen schnell genug abgelegene Strände, und zu viele SMS-Nachrichten überfordern die Satelliten. Ob die Alarmübermittlung irgendwann überall funktionieren wird, muss also bezweifelt werden.

Mit dem Abschluss ihres Ausbildungsprogramms für die Mitarbeiter der Frühwarnzentrale haben die Deutschen ihr Projekt nun beendet, von dem auch die Nachbarländer profitieren. "Unser Warnsystem ist viel weiter entwickelt als zuvor", freut sich der Sprecher der Warnzentrale in Thailand.

"Wenn das Sumatra-Beben heute geschehen würde, hätten wir Zeit zu warnen - und wir wüssten, wie wir die Menschen alarmieren können." Allerdings wohl längst nicht alle.

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Mit Material von dpa

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