Deutsches Alarmsystem für Indonesien Die Lücken der Tsunamiwarnung

Zehn Jahre nach der Tsunamikatastrophe verfügt Indonesien über ein Warnsystem für Riesenwellen, deutsche Ingenieure haben es gebaut. Doch der Alarm erreicht nicht alle Küsten - aus teils kuriosen Gründen.

Strand von Lumpuuk nahe Banda Aceh in Indonesien: Die Region wurde am schwersten getroffen vom Tsunami
AP/dpa

Strand von Lumpuuk nahe Banda Aceh in Indonesien: Die Region wurde am schwersten getroffen vom Tsunami

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Die Flut kam ohne Vorwarnung. Abermilliarden Liter Wasser schwemmten am 26. Dezember 2004 mit der Wucht eines Schnellzugs kilometerweit landeinwärts.

230.000 Menschen in Südasien starben in Tsunamis, die von einem Beben des Meeresbodens vor Indonesien losgetreten worden waren. "Mit der richtigen Technologie hätte Alarm geschlagen werden können", erkannte sofort Jörn Lauterjung vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung GFZ. Ende Dezember 2004 bat er um dringende Audienz im Kanzleramt.

Am 13. Januar 2005 hielt der Geoforscher mit Kollegen anderer Institute einen Vortrag vor Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nach nicht mal einer Stunde wandte sich der Kanzler an Forschungsministerin Edelgard Bulmahn: "Edelgard, du machst das". Bulmahn kündigte an, Deutschland würde das beste Tsunami-Warnsystem der Welt bauen.

60 Millionen Euro hat Deutschland nach Angaben des GFZ für den Aufbau des Systems in Indonesien ausgegeben, das Geld stammte großteils aus dem Topf für die Hilfe der Tsunami-Opfer. Hinzu kamen Forschungsmittel. Zehn Jahre nach der Katastrophe ist die Anlage installiert. Neben Indonesien verfügen auch Indien und Australien über ein Tsunami-Warnsystem.

Wird jetzt überhaupt gewarnt?

Können die Anrainer des Indischen Ozeans nun rechtzeitig gewarnt werden?

Die wichtigste Antwort lautet: Ja, es wird gewarnt.

Die zweite Antwort aber lautet: Ob alle die Warnung rechtzeitig hören würden, bleibt zweifelhaft.

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Banda Aceh in Sumatra (Indonesien): Die Tsunamis fluteten die Landschaft mit Schlamm - heute wächst Gras drauf, Dörfer wurden wiederaufgebaut.

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Banda Aceh: Von der Trümmer- zur Parklandschaft.

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Phi Phi Island in Thailand: Die Katastrophenregion wandelte sich wieder zum Fischerort.

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Strand von Khao Lak in Thailand: Der Tsunami mähte sogar Bäume um, heute ist der Strand wieder bewachsen.

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Banda Aceh in Sumatra nach dem Tsunami - und heute: Das Meer flutete das Land kilometerweit.

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Banda Aceh: Die Küstenregion von Sumatra war am schlimmsten von der Tsunami-Katastrophe betroffen - allein dort sollen 150.000 Menschen in den Wellen gestorben sein. Heute sieht man nichts mehr von dem Grauen.

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Schiff vor der Tür: Vom Tsunami verfrachtete Gegenstände wie dieses Boot in Banda Aceh wurden als Denkmäler in Siedlungen integriert.

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Wiederaufbau: Auch auf Phi Phi Island erwuchsen aus Trümmern wieder Ortschaften.

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Patong, Thailand: Verzweiflung 2004 über das zerstörte Hotel - heute ist es wieder in Betrieb.

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Banda Aceh: Die robustestes Bauten widerstanden den Wellen - heute sind alle Trümmer der Umgebung weggeräumt.

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Khao Lak, Thailand: Vom Paradies in die Hölle - und zurück.

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Banda Aceh: 2004 lagen Zigtausende Tote auf der Straße.

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Phi Phi Island, Thailand: Am Strand werden wieder Hotels gebaut. Mancherorts in Thailand klagen Einheimische, die gemütliche Atmosphäre von vor der Katastrophe sei dahin: Hotelklötze hätten kleine Bungalows ersetzt.

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Hotel in Patong, Thailand nach dem Tsunami und heute: Es herrscht wieder normaler Betrieb.

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Ton Sai Bay, Thailand: In der Urlaubsregion ist der Wiederaufbau noch in Gange.

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Phi Phi Island: Auf dem Strand stehen wieder Hotels und Bungalows.

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Patong, Thailand: Sorglose Entspannung in der einstigen Katastrophenregion.

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Phi Phi Island: Die Urlauber sind zurück.

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Freude statt Schrecken: Wo 2004 die Opfer fortgetragen worden, amüsieren sich wieder Touristen.

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Strand in Banda Aceh: Die Vegetation dringt wieder vor in die Katastrophenregion.

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Banda Aceh: Der Verkehr rollt wieder.

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Unvergessliches Grauen: 2004 lagen Tausende Tote in den Straßen von Banda Aceh.

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Patong, Thailand: 2004 flüchteten die Menschen aus den Trümmern.

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Tote und Trümmer in Banda Aceh: Die äußeren Merkmale der unfassbaren Katastrophe sind gewichen - die Erinnerung bleibt. Die Straße vom Flughafen in die Stadt Banda Aceh etwa führt an gepflegten Rasenflächen vorbei. Darunter liegen die Massengräber.

Im März 2014 hat Deutschland sein Warnsystem an Indonesien übergeben. Allerdings sind der Anlage die 16 gelben Warnbojen abhanden gekommen. Sie sollten Tsunamis bereits auf hoher See erkennen und kontinuierlich Daten ins Warnzentrum nach Jakarta funken. Doch das hat nicht geklappt.

Piraten klauten Bojen, zerlegten die teure Technik und verschacherten Einzelteile auf den Märkten Südasiens. Ankerleinen von Fischern rissen Bojen aus ihrer Verankerung; manche lösten sich von selbst. Zudem gab es Probleme mit der Datenübertragung. Schließlich verzichteten die Forscher auf Bojen, deren Wartung mehrere Millionen Euro im Jahr verschlungen hätte.

Warum starben 2010 Hunderte Menschen?

Die Meldung der Bojen wäre ohnehin nicht immer rechtzeitig gekommen, allzu dicht liegen die Erdbebenzonen vor der Küste Indonesiens. Nun vertrauen die Indonesier vor allem auf die schnelle Messung der Beben: Bei starken Seebeben wird sofort Alarm geschlagen. GPS-Sender und Küstenpegel geben zudem Hinweise über Veränderungen der Meeresoberfläche - und darüber, ob sich der Boden gefährlich verschoben hat. Computersimulationen sollen die Ausbreitung der Wellen vorhersagen.

"Das System läuft wie gewünscht", sagt der Chef der Warnzentrale in Jakarta, Mohammad Riyadi. "Wir können eine Frühwarnung in weniger als fünf Minuten nach einem Erdbeben aussenden." Tsunamis würden nun deutlich glimpflicher verlaufen, meint Riyadi.

Tatsächlich bewiesen knapp zwei Dutzend Ernstfälle der letzten Jahre, dass das System funktioniert: Binnen fünf Minuten gab das Warnzentrum Tsunamiwarnungen heraus. Neunmal erreichten tatsächlich Tsunamis die Küsten Indonesiens.

Und doch gab es immer wieder erhebliche Probleme. Ein Tsunami tötete vor vier Jahren Hunderte auf den Mentawei-Inseln vor Sumatra. Das Seebeben hatte sich unmittelbar vor der Küste ereignet, die Vorwarnzeit betrug nur wenige Minuten - sie war zu kurz.

Schläge auf den Baumstamm

Auch andere Probleme können nicht ohne Weiteres dem Warnsystem angelastet werden - das Übermitteln des Alarms fällt nicht in den Bereich der Ingenieure. Es ist eine hoheitliche Aufgabe der Behörden jedes Landes. Sie werden automatisch von der Alarmzentrale in Jakarta informiert.

Deutsche Entwicklungshelfer haben hohen Aufwand betrieben, um Voraussetzungen für die Weiterleitung eines Tsunami-Alarms zu schaffen. Je nach Region müssen unterschiedliche Kommunikationsmittel eingesetzt werden: Anwohner werden über Internet, SMS, Radio und Fernsehen gewarnt; mancherorts fahren Lautsprecherwagen durch die Straßen.

In entlegeneren Regionen tönt der Alarm mittels rhythmischer Schläge auf ausgehöhlte Baumstämme. Andernorts sollen Moscheen Warnrufe verbreiten. Vielerorts folgen Bewohner eher dem Imam als der Regierung. Doch selbst wen der Alarm erreicht, ist nicht unbedingt gerettet: Nach einer Tsunamiwarnung im April 2012 in Sumatra blieben Tausende Flüchtende in Staus auf den verstopften Straßen stecken.

Lautsprecher geklaut

Oftmals fehlt das Verständnis für deutsche Standards. Kabel wurden nicht entsprechend der Anleitung im Boden vergraben, sondern über Palmen gehängt, Lautsprecher geklaut. Hubschrauber erreichen nicht in allen Regionen schnell genug abgelegene Strände, und zu viele SMS-Nachrichten überfordern die Satelliten. Ob die Alarmübermittlung irgendwann überall funktionieren wird, muss also bezweifelt werden.

Mit dem Abschluss ihres Ausbildungsprogramms für die Mitarbeiter der Frühwarnzentrale haben die Deutschen ihr Projekt nun beendet, von dem auch die Nachbarländer profitieren. "Unser Warnsystem ist viel weiter entwickelt als zuvor", freut sich der Sprecher der Warnzentrale in Thailand.

"Wenn das Sumatra-Beben heute geschehen würde, hätten wir Zeit zu warnen - und wir wüssten, wie wir die Menschen alarmieren können." Allerdings wohl längst nicht alle.

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Kartengrundlage: DER SPIEGEL


Mit Material von dpa



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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Lankoron 22.12.2014
1. Wenn der Autor
eine Möglichkeit sieht, ALLE zu warnen, Leute vom Diebstahl der Bojen, Lautsprecher etc abzuhalten, bessere Evakuierungsstrassen zu bauen und so weiter, dann hat er diese Vorschläge in seinem Artikel vergessen. Kritisieren ist immer einfach, besser machen allerdings nicht. Wenn auch nur 1 Leben durch die Verbesserung der Warnungen gerettet werden kann, ist es dann nicht das System wert?
achimedes 22.12.2014
2.
Die Überschrift hört sich an wie "Richtig so !" keiner kräht hier, wenn es um die Ausnutzung der Dritte Weltländer geht ! Einen Sonnenwendlichen Gruß an die freundliche Redaktion !
fatherted98 22.12.2014
3. Käme es wieder...
...zu einem Tsunami...ich vermute das wieder so viele Menschen sterben würden wie vor 10 Jahren. Ich war vor 2 Wochen in Thailand...dort sind am Strand und er Uferpromenade kleine Schilder angebracht "Tsunami Fluchtweg 500m diese Richtung"...in DIN A 4 größe...hmmm...Spaßeshalber sind wir da mal nachgegangen...führte zur nächsten Seitenstraße bergan...nun gut...das ist sicher ein Fluchtweg...ob das was nützt wenn die Welle anrollt?
Anagramm69 22.12.2014
4. 60 Millionen Euro und zehn Jahre Entwicklungszeit
und herausgekommen ist ein System, das tatsächlich und trotz etlicher - extern verursachter Probleme - funktioniert. Was will man mehr und weshalb erachtet es der Autor als wichtiger, dem Artikel mit dem Schlusssatz "Allerdings wohl längst nicht alle" eine Klammer zu verpassen, anstatt das Ergebnis dieser Bemühungen hervorzuheben.
pirmence 22.12.2014
5.
Zitat von Lankoroneine Möglichkeit sieht, ALLE zu warnen, Leute vom Diebstahl der Bojen, Lautsprecher etc abzuhalten, bessere Evakuierungsstrassen zu bauen und so weiter, dann hat er diese Vorschläge in seinem Artikel vergessen. Kritisieren ist immer einfach, besser machen allerdings nicht. Wenn auch nur 1 Leben durch die Verbesserung der Warnungen gerettet werden kann, ist es dann nicht das System wert?
Mir kommen die Tränen vor Rührung. Hier wird wieder gegutmenschelt was die Seele hergibt. Man muss sich fragen ob die Abermillionen nicht besser in Herz-Lungenmaschinen und Impfungen gesteckt wären als die Piratenflohmärkte Asiens zu bedienen. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Schwer da was zu machen. Vom hohen Ross D aus betrachtet schmachtet sichs immer am besten.
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