Alarm-System für Indischen Ozean: Tsunami-Warnung ist Glückssache

Von Axel Bojanowski

Ein geologischer Zufall verhinderte vor zwei Tagen gigantische Tsunamis am Indischen Ozean. Doch was, wenn die Welle tatsächlich gekommen wäre? Die Behörden behaupten, Anwohner seien rechtzeitig gewarnt worden. Zeugen vor Ort berichten jedoch etwas ganz anderes.

Panik im Urlaubsparadies: Volle Strände, volle Straßen Fotos
AP

Hamburg - Es war Glück, dass es am Mittwoch an den Küsten Asiens nicht zu einer Katastrophe kam. Eines der stärksten je gemessenen Beben hatte den Meeresboden vor der indonesischen Insel Sumatra erschüttert. Nur ein geologischer Zufall sorgte dafür, dass Tsunamis ausblieben: Der Meeresboden ruckte in seitliche Richtung, so dass nur kleine Wellen losgetreten worden.

Schnell brüsteten sich Behörden und Wissenschaftler, dass die Warnsysteme zuverlässig gearbeitet hätten - die Anwohner hätten rechtzeitig von den drohenden Wellen erfahren. "Das System hat gut funktioniert", sagte etwa Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono. Weltweit verbreiteten Medien die Lobeshymnen. Dabei haben viele Betroffene nichts mitbekommen vom Alarm.

Bewohner und Touristen in Indonesien, Indien und Thailand machten ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Tsunami-Alarm: Viele flüchteten von selbst von der Küste, weil das Bodenzittern ihnen Warnung genug war. Andere erfuhren aus den Medien von drohenden Tsunamis oder erhielten SMS-Mitteilungen auf ihre Handys. Und einige erfuhren gar nichts von der Gefahr. Davon, dass die meisten Küstenbewohner über drohende Tsunamis informiert worden wären, kann keine Rede sein.

Lautsprecher wurden einfach wieder abmontiert

Nach der Katastrophe vom Dezember 2004, bei der in Südasien rund 230.000 Menschen in den Fluten umkamen, begannen Ingenieure und Wissenschaftler damit, am Indischen Ozean Warnsysteme aufzubauen. Deutsche Experten entwickelten sechs Jahre lang in Indonesien die Technologie. Und tatsächlich zeigten sich Erfolge: Nach schweren Seebeben gibt das neue Warnzentrum in der indonesischen Hauptstadt Jakarta nach wenigen Minuten Tsunami-Alarm - so auch am Mittwoch. Die deutsche Technologie war also erfolgreich. Doch kam der Alarm auch bei den Menschen an?

Für die Übermittlung der Warnung sind die lokalen Behörden zuständig. Gleichwohl haben deutsche Entwicklungshelfer in den vergangenen Jahren großen Aufwand betrieben, um wenigstens an drei Orten des Landes exemplarisch die Voraussetzungen für die Weiterleitung eines Tsunami-Alarms zu schaffen. Allerdings fehlte oftmals das Verständnis für deutsche Standards. Kabel wurden nicht entsprechend der Anleitung im Boden vergraben, sondern über Palmen gehängt. Lautsprecher wurden einfach wieder abmontiert. Bis die Alarmübermittlung in jedem Dorf funktioniere, werde es noch Jahre dauern, ahnten die Experten aus Deutschland.

Die Beinahe-Katastrophe am Mittwoch bestätigt die Vermutung: Viele Menschen in Indonesien, Indien und Thailand berichten SPIEGEL ONLINE, an ihnen sei die Tsunami-Warnung vorbeigegangen. "Hier gab es keinen Alarm", erzählt etwa Patricia O'Donnell von der Insel Palau Weh im Westen Sumatras im Telefongespräch. "Ich habe keine Warnung gehört", sagt auch Marc Spanjol aus dem Strandort Kuta auf der indonesischen Insel Bali.

"Es gab nur Gerüchte"

Ähnliches berichten Touristen aus Thailand und Südindien: "Hier in Gokarna nahe Goa in Südindien gab es keine Tsunami-Warnung", schreibt der deutsche Tourist Ingo Meyer in einem Leserbrief. " Es gab keinen Alarm, weder akustisch noch sonst wie", schreibt Michael Poh aus Kamala in Thailand. Und auf dem dortigen Flughafen im Ferienort Phuket, der aufgrund des Tsunami-Alarms evakuiert worden war, habe er keinerlei Informationen erhalten, ergänzt Jörg Obermeier aus Olching. "Es gab nur Gerüchte". Erst seine Schwester in Deutschland habe ihn aufgrund von Medienberichten über die Gefahr aufgeklärt.

"Wir merkten eigentlich erst, dass etwas nicht stimmte, als die Einheimischen sich alle vom Strand zurückzogen", erzählt Obermeier. Im Ort habe es dann zwar Durchsagen über Lautsprecher gegeben, doch die seien unverständlich gewesen. "Polizei war weit und breit nicht zu sehen."

Leute, die sich beim Tsunami-SMS-Service angemeldet hatten, erhielten die Warnung oft erst, als die Gefahr schon vorüber war. Und wer sich direkt auf den Internetseiten der Tsunami-Warnsysteme informieren wollte, kam meist nicht durch - bis auf die Seiten der Warnbehörde der USA waren sie nicht erreichbar. Obwohl die USA eigentlich gar nicht zuständig sind für den Indischen Ozean, beruhten die Informationen der Medien wesentlich auf deren Daten.

Nicht abgeholt

Gleichwohl haben zahlreiche Hotels in Thailand versucht, ihre Gäste in Sicherheit zu bringen. "Das Personal war sehr gut", berichtete ein Gast am Karon Beach in Phuket der Nachrichtenagentur Reuters. Die Leute seien in die Berge gebracht, aber nach der Entwarnung nicht mehr abgeholt worden, erzählt hingegen Obermeier: "Manche trafen erst gegen Mitternacht nach langem Fußmarsch nur mit den Badesachen bekleidet im Hotel ein."

"Die Evakuierungen in Phuket liefen nach Plan", sagte trotz allem der Direktor des Nationalen Warnzentrums in Thailand, Somsak Kaosuwan. Alle Touristen hätten die Warnung verstanden und mit den Hilfskräften kooperiert. Auf den Straßen jedoch bildeten sich lange Staus. "Bei einem Tsunami hätte es keine Chance gegeben, Rettungsfahrzeuge schnell in das Küstengebiet zu bringen", meint Obermeier.

Auch in Sri Lanka flüchteten Menschen auf Anhöhen - oft schon, bevor die Polizei eintraf, wie Einheimische berichten. Medien hätten die Tsunami-Warnung verbreitet. Ähnlich lief es offenbar in der Stadt Padang in Sumatra. Viele Leute blieben in Staus stecken. "Die einfache Botschaft ist, dass man im Ernstfall nicht alle rechtzeitig aus der Gefahrenzone bekommt", sagte Keith Loveard von einer indonesischen Sicherheitsfirma der Nachrichtenagentur Reuters. Die Tsunami-Warnung habe sich seit 2004 verbessert, doch es gebe noch immer jede Menge Mängel.

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1. Okay, kann mir irgendjemand erklären wieso „wir“ das System betreiben?
peterbruells 13.04.2012
Nein, ernsthaft. Es geht mir nicht um die paar Millionen Euro. Aber anscheinend *wollen* die Einwohner das Ding nicht und man kann ja auch nicht hinfahren und sie „erziehen“. Also, was soll der Murks? Ist doch rausgeworfenes Geld.
2. ...
seine_unermesslichkeit 13.04.2012
Zitat von peterbruellsNein, ernsthaft. Es geht mir nicht um die paar Millionen Euro. Aber anscheinend *wollen* die Einwohner das Ding nicht und man kann ja auch nicht hinfahren und sie „erziehen“. Also, was soll der Murks? Ist doch rausgeworfenes Geld.
Sehe ich auch so. Die Deutschen sollten sich, was die Tsunami-Warnung angeht, verstärkt auf die Urlauberstrände konzentrieren. Die Urlauber werden die Lautsprecher ganz bestimmt nicht abmontieren!
3. Und nun?
Flari 13.04.2012
Zitat von sysopSo zeigte eine Webcam auf Phuket *zwischen 16 bis kurz vor 17 Uhr *- also fast anderthalb Stunden nach dem Seebeben - durchgehend einen Strand voller Menschen.
*Um 16:39 Uhr Ortszeit *hatte ein erster Erdstoß der Stärke 8,6 den Meeresgrund vor Sumatra erschüttert. Es folgten einige Nachbeben. Das größte hatte eine Stärke von 8,2, wie die US-Erdbebenwarte USGS mitteilte.
4.
neumann.chris 13.04.2012
Zitat von sysopEin geologischer Zufall verhinderte vor zwei Tagen gigantische Tsunamis am Indischen Ozean. Doch was, wenn die Welle tatsächlich gekommen wäre? Die Behörden behaupten, Anwohner seien rechtzeitig gewarnt worden. Zeugen vor Ort berichten jedoch etwas ganz anderes. Alarm-System für Indischen Ozean: Tsunami-Warnung ist Glückssache - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,827213,00.html)
Ich lebe hier in Chennai und die Information hat nach meiner Meinung gut funktioniert. Einige der Bilder sind von hier. Es wurde auch schon eine Stunde vor dem erwateten Eintreffen des Tsunamis Entwarnung in den Medien gegeben. Und dass man in der Nähe von Goa an der Westküste Indiens keinen Alarm ausgelöst hat ist auch richtig, weil es dafür keinen Grund gab.
5. In Thailand
earl grey 13.04.2012
Zitat von neumann.chrisUnd dass man in der Nähe von Goa an der Westküste Indiens keinen Alarm ausgelöst hat ist auch richtig, weil es dafür keinen Grund gab.
Genauso ist es, gilt auch für Kuta auf Bali. Da, wo ein Tsunami aus Sumatra nicht hin kommt, braucht es auch keinen Alarm. In Thailand, zumindest auf Phuket, hat der Alarm gut funktioniert.
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