Galvanik extrem: Leichen in Metall

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Rostanfälliges haltbar machen, Materialien veredeln: Die Technik des Galvanisierens gehörte zu den frühesten Nutzanwendungen der Elektrizität. Forscher hatten noch gewagtere Ideen: Wenn man per Galvanik Statuen von Menschen machen konnte, warum dann nicht gleich Menschen zu Statuen?

Denkmal von Franklin Delano Roosevelt: Hätte sich eine bizarre Idee des 19. Jahrhunderts durchgesetzt, hätte man verstorbene berühmte Persönlichkeiten selbst aufstellen können Zur Großansicht
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Denkmal von Franklin Delano Roosevelt: Hätte sich eine bizarre Idee des 19. Jahrhunderts durchgesetzt, hätte man verstorbene berühmte Persönlichkeiten selbst aufstellen können

Das Bedürfnis, verfallsanfällige Stoffe durch Ummantelung mit haltbareren Materialien zu schützen oder sie mit edlen Metallen aufzuwerten, ist uralt. Seit Jahrhunderten wird verzinkt, versilbert und vergoldet, was das Zeug hält. Die um 1830 gemachte Entdeckung, dass sich das mit Hilfe galvanischen Stroms vereinfachen lässt, machte Galvanotechnik zu einer der frühesten industriellen Anwendungen der Elektrizität.

Bereits 1836 begann man also, Edelbesteck galvanisch zu vergolden. Moritz Hermann von Jacobi erfand im Folgejahr das Verfahren, nicht leitende Materialen mit Hilfe einer leitfähigen Graphitschicht galvanisch zu verkupfern. Bildhauer und Kunsthandwerker gehörten zu den Ersten, die begriffen, was sich damit alles anfangen ließ. Von dort war es nicht mehr weit bis zu einer wahrhaft bizarren Idee: Der Präservierung von Leichen per Galvanisierung.

Wahrscheinlich kamen die Franzosen Eugène Théodore Noualhier und Jean Baptiste Prevost auf diese abstruse Idee. Schon ihr am 1. Januar 1857 genehmigter Patentantrag schilderte ausführlich die beabsichtigte Nutzanwendung: Mittels metallischer Salze sollten tierische und menschliche Haut leitfähiger gemacht werden, damit sie im galvanischen Bad metallische Ionen besser aufnehmen könne. Letztere sollten sich dann als millimeterdünner Film vollständig und lückenlos um den Körper legen. So sollten aus toten Körpern regelrechte Statuen werden.

Durchgesetzt hat sich das Verfahren offensichtlich nicht, dennoch gab es immer wieder entsprechende Versuche, Patentanträge und Geschäftsgründungen:

  • Am 15. Juni 1887 berichtete der "Ann Arbor Courier" über einen namentlich nicht genannten Geschäftsmann, der metallene Toten-Statuen anfertigen wolle, deren Güte "die faltigen Antlitze der ältesten Mumien zum Erröten" bringen sollte. Seine Vorfahren würde man nicht mehr länger dem Verfall überlassen müssen, sondern wäre in der Lage, sie über Jahrhunderte zu präservieren.
  • Goldige Aussichten, die man auch in Neuseeland verlockend fand. Dort hatte ebenfalls 1887 ein Galvaniseur namens Downing eigene Versuche angestellt. Ihm gelang es, ein Ei mit Silber zu ummanteln, das ein ganzes Jahr lang frisch blieb - es soll zumindest nicht gestunken haben, als man es aufschlug. Das wiederum habe Downing dazu inspiriert, an dieser Stelle weiterzumachen - man ahnt, womit.
  • 1891 begründete in Paris ein Doktor Verlot, angeblich Arzt an einem Hospital, ein Leichen-Konservierungsgeschäft, für das er sich Kunden vor allem unter trauernden Eltern erhoffte - die Kindersterblichkeit war damals noch enorm hoch. Ein sachlich richtiger Gedanke, emotional hingegen auf makabre Weise pietätlos.

Offene Frage: Was macht man mit Millionen Statuen?

Immer wieder wurde die Galvanisierungsidee aufgewärmt. 1911 mischte sich der Schriftsteller Ambrose Bierce, ein Meister satirisch- zynischer Untertöne, in eine gerade wieder aufgeflammte Debatte über Leichen-Galvanisierungen ein. Vermeintlichen Vernunftgründen dafür hielt er entgegen, dass eine solche Art, einen Toten loszuwerden, den Schönheitsfehler habe, dass gerade das nicht passiere, wenn man die Leiche in Silber fasst - im Gegensatz zum Erdbestatteten bleibt der zur Statue geadelte Verstorbene der Nachwelt sehr lange erhalten.

Der Spötter Bierce schrieb:

Der Plan ist nicht ohne Vorteile, einige davon so offensichtlich, das man sie benennen sollte. So kann doch beispielsweise nichts befriedigender für einen gerade mit dem Sterben beschäftigten Ehemann sein, als der Gedanke, dass er als vernickelte Statue seiner Selbst weiterhin das eheliche Herdfeuer schmücken und zu einem Objekt ganz besonderer Aufmerksamkeit sowie der Sympathie seines Nachfolgers werden mag. (...)

Die geringen Kosten, die anfallen werden, wenn wir unsere öffentlichen Gebäude mit unseren herausragenden Männern schmücken werden, dürften im Vergleich zu den gegenwärtig enormen Ausgaben, die für die Besorgung von Statuen derselben anfallen, dazu führen, dass sich die Vorherrschaft des Elektro-Platierens jedem sparsamen Steuerzahler anempfiehlt und ihn dazu bringen wird, den Anbruch dieser neuen Zeit mit besonderer Freude zu bejubeln.

Schon der "Ann Arbor Courier" hatte sich 1887 Gedanken gemacht, was man mit der Statuenfülle anfangen könne. Er regte an, man könne künftig die Leichen von anonymen Ertrunkenen und Selbstmördern "von ambitionierten Studenten der Künste" in klassische Posen bringen lassen, um die Museen zu füllen - oder Schaufenster, als Kleiderpuppen von ungeahnter Perfektion. Ganz sicher würden die Bestattungsunternehmer in Zukunft fragen, wie man seinen Toten gerne haben möchte: "In Kupfer, Nickel, Silber oder Gold?"

Oder auch nicht. Levon G. Kassabian war am 2. Februar 1934 der Letzte, der ein Patent beantragte und am 10. Dezember 1935 zugesprochen bekam, das einmal mehr ein verbessertes Galvanisierungsverfahren für Leichen versprach. Im Geist neuer Zeiten begründete Kassabian sein Patent unter anderem mit hygienischen Gründen, was ein nichtrostendes, extrem lang haltbares Metall voraussetzt.

Hätte sich ihre morbide Idee durchsetzen können, wären Noualhier und Prevost, Verlot, Downing, Kassabian und Co. heute wohl die Helden der Bestatterzunft. Männern, die anregten, Leichen mit Gold zu ummanteln, statt sie in nur 5.000 Euro "billigen" Särgen verfallen zu lassen, hätte man doch mit Sicherheit Denkmäler aufgestellt.

Zumindest eines.


Der Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Der viktorianische Vibrator" von Frank Patalong.

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insgesamt 7 Beiträge
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    Seite 1    
1. Leichen in Plastik
doc.nemo 07.10.2012
Zitat von sysopRostanfälliges haltbar machen, Materialien veredeln: Die Technik des Galvanisierens gehörte zu den frühesten Nutzanwendungen der Elektrizität. Forscher hatten noch gewagtere Ideen: Wenn man per Galvanik Statuen von Menschen machen konnte, warum dann nicht gleich Menschen zu Statuen? Tüftler des 19. Jahrhunderts planten Galvanisierung von Leichen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/tueftler-des-19-jahrhunderts-planten-galvanisierung-von-leichen-a-858401.html)
Heute gibt es die Möglichkeit, "Leichen in Plastik" herzustellen: die Plastination des Herrn von Hagens. Trotzdem wird sie nicht dazu eingesetzt, Tote für die Aufbewahrung in Mausoleen zu konservieren. Warum eigentlich nicht? Das wäre doch noch eine Geschäftsidee, oder?
2. Sehr gute Idee
tomatosoup 07.10.2012
Man braucht keinen Friedwald mit Urnen mehr, sondern die galvanisierten Leichen bilden selber den Wald. Dann bekomnt der Begriff "Waldsterben" endlich einen positiven Aspekt. Die Frage ist nur, ob die galvanisierten Leichen sich nicht auch unter Eisenschicht (Hartz IV), Kupferschicht (Kommunisten) oder Goldschicht (hochkarätige Politiker) zersetzen. Dann eürde es nämlich im Leichenwald so müffeln, dass niemand dort spazieren ginge, und dann wär's wieder nix mit dem Naherholungsgebiet.
3. Genial
harald_töpfer 07.10.2012
Alles, was man braucht, ist Medusa (https://de.wikipedia.org/wiki/Medusa).
4. Der Körper bleibt ewig...
trewan 07.10.2012
Seine Leiche für die Ewigkeit haltbar zu Konservieren. Ist doch nichts anderes als der ewige traum von Menschen eine Art von Unsterblichkeit zu erlangen. Schon Ägypter und ältere Völker versuchten das mit Mumifizierungen. Ich glaube es ist einfach das die Menschen Angst vor dem Tod haben und in Vergessenheit zu geraten. Ich Persönlich bin gegen so etwas es zeugt nur vom Gröénwahn der Menschen und im Endeffekt ist Nichts auf der Welt ewig haltbar, ganz gleich was man macht irgendwann ist alles mal verschwunden.
5.
mangeder 07.10.2012
Leider ist diese schwachsinnige Idee nicht Geschichte, sondern ist mit neuer Technik bis in unsere Zeit geblieben. Heute nennt sich dieser Mist Kryonik und man lagert ganze Menschen (oder in der Sparversioni nur das Gehirn) tiefgekühlt in flüssigem Stickstoff. Die kranke Grundidee ist also nicht nur ähnlich, sondern hat sich zu einem Ego-Trip für reiche Schnösel weiterentwickelt. Diese Leute schaffen es nicht, zu akzeptieren, dass jeder seine Zeit hat und das nichts ewig währt. Wenn die Leute nur ihr Geld in etwas stecken würden, das fragwürdig ist, könnte man es noch akzeptieren. Aber mit dieser Technik leben die reichen Toten auf Kosten der Lebenden und zukünftiger Generationen, indem sie in großem Stil kostbare Resourcen verschwenden. Jeder weiß, dass in einem Haushalt der größte Stromverschwender der Kühlschrank ist. Leichen jahrhunderte bei −196 °C aufzubewahren ist also Resourcenverschwendung hoch 10, Und alles auf Kosten der Lebenden. Dass diese Frosties ernsthaft glauben, in 1000 Jahren würde die Menschheit dringend das aufgetaute Gehirn eines alten Sacks aus der Vergangenheit benötigen, zeigt eigentlich nur, wie egozentristisch diese Leute denken.
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