Von Frank Patalong
Das Bedürfnis, verfallsanfällige Stoffe durch Ummantelung mit haltbareren Materialien zu schützen oder sie mit edlen Metallen aufzuwerten, ist uralt. Seit Jahrhunderten wird verzinkt, versilbert und vergoldet, was das Zeug hält. Die um 1830 gemachte Entdeckung, dass sich das mit Hilfe galvanischen Stroms vereinfachen lässt, machte Galvanotechnik zu einer der frühesten industriellen Anwendungen der Elektrizität.
Bereits 1836 begann man also, Edelbesteck galvanisch zu vergolden. Moritz Hermann von Jacobi erfand im Folgejahr das Verfahren, nicht leitende Materialen mit Hilfe einer leitfähigen Graphitschicht galvanisch zu verkupfern. Bildhauer und Kunsthandwerker gehörten zu den Ersten, die begriffen, was sich damit alles anfangen ließ. Von dort war es nicht mehr weit bis zu einer wahrhaft bizarren Idee: Der Präservierung von Leichen per Galvanisierung.
Wahrscheinlich kamen die Franzosen Eugène Théodore Noualhier und Jean Baptiste Prevost auf diese abstruse Idee. Schon ihr am 1. Januar 1857 genehmigter Patentantrag schilderte ausführlich die beabsichtigte Nutzanwendung: Mittels metallischer Salze sollten tierische und menschliche Haut leitfähiger gemacht werden, damit sie im galvanischen Bad metallische Ionen besser aufnehmen könne. Letztere sollten sich dann als millimeterdünner Film vollständig und lückenlos um den Körper legen. So sollten aus toten Körpern regelrechte Statuen werden.
Durchgesetzt hat sich das Verfahren offensichtlich nicht, dennoch gab es immer wieder entsprechende Versuche, Patentanträge und Geschäftsgründungen:
Offene Frage: Was macht man mit Millionen Statuen?
Immer wieder wurde die Galvanisierungsidee aufgewärmt. 1911 mischte sich der Schriftsteller Ambrose Bierce, ein Meister satirisch- zynischer Untertöne, in eine gerade wieder aufgeflammte Debatte über Leichen-Galvanisierungen ein. Vermeintlichen Vernunftgründen dafür hielt er entgegen, dass eine solche Art, einen Toten loszuwerden, den Schönheitsfehler habe, dass gerade das nicht passiere, wenn man die Leiche in Silber fasst - im Gegensatz zum Erdbestatteten bleibt der zur Statue geadelte Verstorbene der Nachwelt sehr lange erhalten.
Der Spötter Bierce schrieb:
Der Plan ist nicht ohne Vorteile, einige davon so offensichtlich, das man sie benennen sollte. So kann doch beispielsweise nichts befriedigender für einen gerade mit dem Sterben beschäftigten Ehemann sein, als der Gedanke, dass er als vernickelte Statue seiner Selbst weiterhin das eheliche Herdfeuer schmücken und zu einem Objekt ganz besonderer Aufmerksamkeit sowie der Sympathie seines Nachfolgers werden mag. (...)
Die geringen Kosten, die anfallen werden, wenn wir unsere öffentlichen Gebäude mit unseren herausragenden Männern schmücken werden, dürften im Vergleich zu den gegenwärtig enormen Ausgaben, die für die Besorgung von Statuen derselben anfallen, dazu führen, dass sich die Vorherrschaft des Elektro-Platierens jedem sparsamen Steuerzahler anempfiehlt und ihn dazu bringen wird, den Anbruch dieser neuen Zeit mit besonderer Freude zu bejubeln.
Schon der "Ann Arbor Courier" hatte sich 1887 Gedanken gemacht, was man mit der Statuenfülle anfangen könne. Er regte an, man könne künftig die Leichen von anonymen Ertrunkenen und Selbstmördern "von ambitionierten Studenten der Künste" in klassische Posen bringen lassen, um die Museen zu füllen - oder Schaufenster, als Kleiderpuppen von ungeahnter Perfektion. Ganz sicher würden die Bestattungsunternehmer in Zukunft fragen, wie man seinen Toten gerne haben möchte: "In Kupfer, Nickel, Silber oder Gold?"
Oder auch nicht. Levon G. Kassabian war am 2. Februar 1934 der Letzte, der ein Patent beantragte und am 10. Dezember 1935 zugesprochen bekam, das einmal mehr ein verbessertes Galvanisierungsverfahren für Leichen versprach. Im Geist neuer Zeiten begründete Kassabian sein Patent unter anderem mit hygienischen Gründen, was ein nichtrostendes, extrem lang haltbares Metall voraussetzt.
Hätte sich ihre morbide Idee durchsetzen können, wären Noualhier und Prevost, Verlot, Downing, Kassabian und Co. heute wohl die Helden der Bestatterzunft. Männern, die anregten, Leichen mit Gold zu ummanteln, statt sie in nur 5.000 Euro "billigen" Särgen verfallen zu lassen, hätte man doch mit Sicherheit Denkmäler aufgestellt.
Zumindest eines.
Der Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Der viktorianische Vibrator" von Frank Patalong.
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