Wettrüsten bei unbemannten Flugobjekten: USA verlieren Kampfdrohnen-Monopol

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Kampfdrohnen: Wettrennen um die fliegenden Killer Fotos
AFP

Bewaffnete Drohnen waren bisher eine Spezialität der USA - doch das Quasi-Monopol der Amerikaner fällt. Zahlreiche Staaten entwickeln fliegende Killer, allen voran China. Experten befürchten eine rasante Verbreitung von Billigdrohnen, die zudem zum Ziel für Hacker werden könnten.

Kim Jong Un sparte wie immer nicht mit großen Worten. "Superpräzise Angriffe" hätten die Drohnen geflogen, die vergangene Woche bei einer Militärübung zum Einsatz gekommen seien. Nordkoreas staatliche Nachrichtenagentur KCNA meldete, der Staatschef habe die Übungsangriffe der unbemannten Kampfflugzeuge höchstselbst befehligt. Bei den Flugrouten habe man "an Ziele in Südkorea gedacht", sagte der Diktator.

Zwar blieb - wie bei den meisten von Pjöngjangs Rüstungstechnik-Prahlereien - offen, was Wahrheit und was Phantasie war. Doch die Episode zeigt: Drohnen sind en vogue. Kein Staat, der militärisch etwas auf sich hält, mag auf lange Sicht auf die fliegenden Killer verzichten. Die Folge: Insbesondere Schwellenländer liefern sich inzwischen einen veritablen Wettlauf bei der Entwicklung von Kampfdrohnen.

Während eine ganze Reihe von Staaten bereits unbewaffnete UAS (Unmanned Aerial Systems) besitzen, haben die USA bisher praktisch das Monopol auf bewaffnete Drohnen. Die "Predator" und die größere "Reaper" gelten derzeit als die einzigen einsatzfähigen Modelle - abgesehen von der israelischen "Heron", die inoffiziellen Berichten zufolge auch schon bewaffnet geflogen sein soll.

Das Monopol der USA fällt

Wer nicht der Nato angehört, hatte bisher kaum eine Chance, Mitglied im Kampfdrohnen-Club zu werden. Allerdings gilt es als sicher, dass die unbemannten Waffenplattformen künftig eine militärische Schlüsselrolle spielen werden. Die Folge: Gleich eine ganze Reihe Länder arbeiten an eigenen Systemen.

  • China stellte schon 2012 die "Wing Loong" vor, die wie eine geschrumpfte Kopie der amerikanischen "Reaper" aussieht, mit einem Stückpreis von einer Million Dollar (rund 770.000 Euro) aber viel billiger sein soll. Inzwischen soll sie flugerprobt sein und Waffen tragen können. Hersteller Avic deutete kürzlich sogar an, einen ersten internationalen Käufer gefunden zu haben. Die Konkurrenzfirma Alit baut die Kampfdrohnen CH-3 und CH-4, und auch Chinas größter Drohnenhersteller ASN Technologies hat mit der ASN-229A ein bewaffnetes Modell im Programm.
  • Die "United 40" der Firma Adcom mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Mitte Februar Aufsehen erregt. Die Drohne soll in der Lage sein, sowohl Adcoms "Namrood"-Rakete als auch amerikanische Geschosse der Typen "Hellfire" und "Sidewinder" abzufeuern. Laut Firmenchef Ali Al Dhaheri plant Adcom, künftig auch in den USA und Russland zu produzieren.
  • Die Türkei hat bisher erfolglos versucht, in den USA bewaffnete "Predator"-Drohnen zu kaufen. Inzwischen ist das Land mit der Entwicklung der "Anka" weit fortgeschritten. Ihre Größe und mögliche Waffenlast von rund 200 Kilogramm sind mit den Daten der "Predator" vergleichbar.
  • Nordkorea soll US-Drohnen des Typs "Streaker", die normalerweise als Übungsziele eingesetzt werden, aus Syrien importiert haben. Bei einer Militärparade im April 2012 war in Pjöngjang ein Fluggerät zu sehen, das dem US-Modell verblüffend ähnelte.
  • Indien verfügt mit der "Rustom" über eine Drohne, die in künftigen Versionen bewaffnet werden soll. Die Herstellerfirma DRDO entwickelt sogar eine Tarnkappen-Kampfdrohne namens "Aura", die auf bisher veröffentlichten Bildern stark der amerikanischen X-47B ähnelt.
  • Indiens Erzrivale Pakistan bastelt ebenfalls an einer eigenen Kampfdrohne: Das Unternehmen Nescom entwickelt die "Burraq".
  • Das südafrikanische Unternehmen Denel Dynamics präsentierte in Abu Dhabi bewaffnete Modelle der "Seeker 400". Das war zwar nicht mehr als ein Marketing-Gag, wie ein Firmensprecher freimütig einräumte. Die "Mokopa"-Rakete, die unter den Tragflächen hing, sei "viel zu groß und zu schwer". Aber man arbeite bereits an kleineren Geschossen.

Westliche Experten befürchten, dass die Billig-Kampfdrohnen aus Schwellenländern in Zukunft die Märkte fluten und dabei auch in die falschen Hände gelangen könnten. Ein Vertreter der chinesischen Firma Alit etwa gab im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE freimütig zu, dass man Kampfdrohnen auch in Asien und Afrika vermarkten werde.

Sogar kriminelle Organisationen könnten sich für die unbemannten Killer interessieren. Besonders verlockend für Ganoven: Bei einem Angriff mit einer Drohne, die aus weit verbreiteten Bauteilen besteht, wäre der Urheber kaum noch auszumachen. Ein solches Szenario hat der US-Autor Daniel Suarez jüngst in seinem Thriller "Kill Decision" beschrieben - der Terror, unberechenbar und anonym, werde den Himmel erreichen.

Angst vor gekaperten Billig-Kampfdrohnen

Experten wittern noch eine weitere Bedrohung: Die Verbreitung von Billigdrohnen dürfte die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass unbemannte Fluggeräte elektronisch gekapert werden. "Je billiger sie produziert werden, desto größer ist die Gefahr, dass unzertifizierte, vergleichsweise leicht zu knackende Standardsoftware eingesetzt wird", warnte ein Fachmann auf der Idex.

Andy Müller-Maguhn, langjähriges Vorstandsmitglied des Chaos Computer Clubs, sieht das ähnlich: "Die elektronische Kriegsführung, auch die gegen Flugzeuge, ist ein seit Jahrzehnten entwickeltes Verfahren", sagt der IT-Sicherheitsberater. Moderne Drohnen seien verwundbar. "Ihre Systeme enthalten zahlreiche elektronische Komponenten und Millionen Zeilen Programmcode unterschiedlicher Anbieter", sagt Müller-Maguhn. "Es ist deshalb schwierig bis unmöglich, die Integrität eines solchen Systems zu garantieren."

Ein denkbares Einfallstor zum Beispiel seien die Energiesparfunktionen auf Computerchips, die Teile der Prozessoren abschalten können, um Stromverbrauch und Hitzeentwicklung zu senken. Müller-Maguhn hält es für möglich, diese Schalter von außen zu manipulieren. Noch größere Sicherheitslücken lauerten in der Bodenstation: Wiederholt wurden der Befall durch Viren und Trojaner sowie Systemausfälle bekannt. "Von sauberen IT-Systemen", meint Müller-Maguhn, "kann man da kaum sprechen."

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Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS