Umstrittener Atommülltransport: Strahlender West-Schrott reist in den Osten

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Großdemo und Sitzblockaden: In Lubmin an der Ostsee bereiten sich Atomkraftgegner auf die neuen Castor-Transporte vor. Eigentlich sollte im Zwischenlager nur strahlender Müll aus den Atomkraftwerken der früheren DDR liegen - doch das ändert sich jetzt. Ein Besuch der Anlage. 

dapd

Es ist beinahe paradox. Nicht die mögliche Strahlengefahr macht einem am meisten Sorgen, wenn man an diesem Dezembertag auf die riesigen blauen Stahlbehälter zuläuft, sondern der rutschige Fußboden. Wer das Atommüll-Zwischenlager Nord bei Lubmin besuchen will, der muss neben Overall und Käppi auch gummibesohlte Überschuhe tragen. Die sollen vor radioaktivem Staub in den Bereichen des Lagers schützen, in denen Teile ausgedienter Kernreaktoren auseinander genommen werden. Auf dem an diesem Tag ziemlich rutschigen Untergrund bieten die Dinger aber so gut wie keinen Halt.

Pfützen aus Schneematsch und Wasser überziehen den Boden der riesigen Betonhalle, in der massige Castor-Behälter mit Atommüll in Reihen stehen. "Wenn es schneit und stürmt, kommen Schnee und Regen hier herein", erklärt Marlies Philipp, Pressesprecherin der Energiewerke Nord (EWN). Ihr Unternehmen betreibt das Zwischenlager, in dem die strahlenden Müllgefäße bewusst einigen Witterungseinflüssen ausgesetzt werden. Denn die kalte Luft, die durch Löcher in der Hallendecke strömt, ist extrem wichtig. Sie hilft, die Castoren natürlich zu kühlen, in deren Innerem noch immer Kernreaktionen ablaufen.

Radioaktiver Staub ist hier nicht zu erwarten, die Behälter sind doppelt versiegelt und sollten absolut dicht sein. Dennoch saugen zwei Männer den schlammigen Boden auf und füllen ihn in strahlend gelbe Fässer. Dort wird er gereinigt - sicherheitshalber. Die Strahlung im Außenbereich der Behälter sei extrem gering, beteuern die Betreiber des Lagers. Die Dosimeter, die jeder in der linken Brusttasche trägt, auf Höhe des Herzens, sollen das versichern. Und wer möchte, kann die leicht angestaubten Kühlrippen der Castoren sogar anfassen.

Ein beklemmendes Gefühl.

Am Ende des Besuchs, wenn man durch einen sogenannten Körperkontrollschrank gegangen ist, der aussieht wie ein Nacktscanner und Radioaktivität misst, wird das Dosimeter eine Belastung von wenigen Mikrosievert anzeigen. "Man muss Respekt davor haben - aber keine Angst", sagt EWN-Mitarbeiterin Philipp. Die resolute Frau arbeitet seit 1979 auf dem Gelände des einstigen Atomkraftwerks an der Küste, auf dem nun auch das Zwischenlager untergebracht ist.

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Zwischenlager Nord: Auf Tuchfühlung mit dem Castor
Bisher stehen nur Behälter mit Abfall aus den früheren DDR-Reaktoren in Rheinsberg und Lubmin in der knapp 200 Meter langen Halle. Genau für sie war das Zwischenlager mit seiner 50 Zentimeter dicken Betondecke ursprünglich auch eingerichtet worden. Insgesamt 65 Behälter sind es, mit genau 5048 alten Brennelementen darin.

In den kommenden Tagen sollen allerdings vier weitere Castoren dazu kommen, genau dahin wo jetzt die Schneematsch-Pfützen stehen.

Es sind Behälter mit einer besonderen Geschichte: Denn erstmals soll auch hochradioaktiver Atommüll aus dem Westen in Lubmin zwischengelagert werden. Konkret geht es um Reste des sogenannten Schnellen Brüters im Forschungszentrum Karlsruhe und um die Brennstäbe des atomgetriebenen Frachters "Otto Hahn" aus dem Forschungszentrum Geesthacht. Die strahlende Fracht - insgesamt 52 Brennstäbe - wird aus dem südfranzösischen Atomzentrum Cadarache angeliefert. Dort waren die hochgefährlichen Reste in Behälter des Typs Castor KNK verpackt worden, weil das in Deutschland nicht ohne weiteres möglich gewesen wäre.

"Das Lager wurde mit Bundesmitteln gebaut und wird mit Bundesmitteln betrieben", sagt Marlies Philipp. "Insofern ist es logisch, dass die Abfälle des Bundes hier gelagert werden."

Nicht alle sehen das so. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) hat sich zum Beispiel gegen den geplanten Castor-Transport ausgesprochen - und "erst recht gegen die schleichende Umwandlung Lubmins in ein atomares Endlager." Alle Fraktionen im Landtag von Schwerin stimmten gegen den Transport der Behälter an die Küste. Stadt- und Kreisparlamente haben sich dagegen ausgesprochen.

Transporttermin noch unbekannt

Nützen wird es nichts. Schuld daran ist ein Beschluss aus 2004 der damaligen rot-grünen Bundesregierung. Danach dürfen Abfälle aus Forschungseinrichtungen des Bundes in Lubmin eingelagert werden. So steht im NRW-Zwischenlager Ahaus einstweilen auch Strahlenmüll aus dem Osten, aus dem früheren Forschungsreaktor in Rossendorf bei Dresden.

Und so werden die vier Castor-Behälter in den kommenden Tagen per Bahn durch Ostdeutschland rollen, direkt ins Zwischenlager bei Lubmin. Ein Umladen auf Lastwagen wie in Gorleben ist nicht nötig. Offizielle Informationen zum Transporttermin gibt es zwar nicht, doch immer wieder ist vom 15. und 16. Dezember zu hören. Die Bundespolizei zeigt schon jetzt in den Kiefernwäldern um das Lager Präsenz und lässt abends die gottverlassene Gegend in einer Art bizarrer Lichtinstallation hell erstrahlen.

Castorgegner haben sich unter anderem in der Gruppe "Lubmin nix da" zusammengefunden. Für Samstag ist eine Demonstration in Greifswald geplant. Einige tausend Atomkraftgegner werden im Nordosten erwartet. Auf den Bahngleisen kurz vor Lubmin soll es außerdem eine Sitzblockade geben. Aufhalten wird sie den Castor nicht, wohl aber die Öffentlichkeit für den Atomtransport in den Norden sensibilisieren.

Es wird freilich nicht der letzte sein. Im Frühjahr kommen dann noch einmal fünf Behälter mit hochradioaktivem Strahlenmüll aus der Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe an die Küste. Das dürfte es dann freilich gewesen sein, das Lager ist dann so gut wie voll. In Lubmin wird der Abfall indes nicht ewig bleiben können, auch wenn das Provisorium wohl noch eine Weile bestehen bleiben wird. "Wir warten auf das Endlager, damit wir das alles wieder loswerden können", sagt Marlies Philipp.

Das kann allerdings dauern.

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1. ..
schwarzer Schmetterling 11.12.2010
Zitat von sysopGroßdemo und Sitzblockaden: In Lubmin an der Ostsee bereiten sich Atomkraftgegner auf die neuen Castor-Transporte vor. Eigentlich sollte im Zwischenlager nur strahlender Müll aus den Atomkraftwerken der früheren DDR liegen - doch das ändert sich jetzt. Ein Besuch der Anlage.* http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,732795,00.html
Irgend einen Sinn muss ja der demografische GAU im Osten gehabt haben - menschenleere Landstriche laden ja ein. Ansonsten sollte man den sich dumm tuenden Geberländern wie BW eine Lagersteuer für ihren Atomdreck auferlegen, die eine Höhe hat, die wirklich weh tut und diese nach alternativen Standorten bei sich selbst zu suchen. Atomkolonialismus pur. Strahlsund grüßt!
2. Wir sind das Volk !!!
Rübezahl 11.12.2010
Zitat von sysopGroßdemo und Sitzblockaden: In Lubmin an der Ostsee bereiten sich Atomkraftgegner auf die neuen Castor-Transporte vor. Eigentlich sollte im Zwischenlager nur strahlender Müll aus den Atomkraftwerken der früheren DDR liegen - doch das ändert sich jetzt. Ein Besuch der Anlage.* http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,732795,00.html
Wiedereinmal werden die Mitteldeutschen (Ostdeutschland gab es mal ),über den Tisch gezogen. Aber vielleicht wird durch den Castortransport der Regierung noch mal in Erinnerung gerufen, wer hier eigentlich das Sagen hat, nähmlich wir das Volk !
3. Ja ja ...
rochush 11.12.2010
Zitat von RübezahlWiedereinmal werden die Mitteldeutschen (Ostdeutschland gab es mal ),über den Tisch gezogen. Aber vielleicht wird durch den Castortransport der Regierung noch mal in Erinnerung gerufen, wer hier eigentlich das Sagen hat, nähmlich wir das Volk !
Das Volk, das Volk, den wer nämlich mit h schreibt ...
4. Die denken
Berta 11.12.2010
Zitat von sysopGroßdemo und Sitzblockaden: In Lubmin an der Ostsee bereiten sich Atomkraftgegner auf die neuen Castor-Transporte vor. Eigentlich sollte im Zwischenlager nur strahlender Müll aus den Atomkraftwerken der früheren DDR liegen - doch das ändert sich jetzt. Ein Besuch der Anlage.* http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,732795,00.html
im Osten gibts weniger Wiederstand. In Bayern wär das nicht passiert. Einfach nur noch frech die Politik.
5. Er strahlt doch für den Frieden!
Pandora0611 11.12.2010
Zitat von sysopGroßdemo und Sitzblockaden: In Lubmin an der Ostsee bereiten sich Atomkraftgegner auf die neuen Castor-Transporte vor. Eigentlich sollte im Zwischenlager nur strahlender Müll aus den Atomkraftwerken der früheren DDR liegen - doch das ändert sich jetzt. Ein Besuch der Anlage.* http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,732795,00.html
Unseren Soli und den LFA nehmen sie gerne, ja sie kämpfen sogar dafür. Aber ihren Atommüll wollen se nicht zurück haben. Wie hieß es noc damals in der DDR und SU? Der Müll strahlt für den Frieden, Genossen!
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