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Umstrittenes Atommüll-Lager: Forscher warnt vor explosivem Erdgas in Gorleben

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Ein neuer Dokumenten-Fund wirft eine brisante Frage auf: Sickert entzündliches Erdgas ins geplante Atommüll-Lager Gorleben? Ein Experte warnt vor Gefahren für den Standort. Die zuständige Behörde räumt dem Thema "höchste Priorität" ein.

Erkundungsbergwerk in Gorleben: Strömen Gase aus dem Salz? Zur Großansicht
DPA

Erkundungsbergwerk in Gorleben: Strömen Gase aus dem Salz?

Hamburg - Das Szenario klingt düster: Unter dem geplanten Atommüll-Endlager im Salzstock Gorleben lagert explosives Erdgas. Durch Spalten im Salzgestein strömt es nach oben. Im Endlager entzündet ein Funken das Gas. Eine Explosion erschüttert die Lagerstätte, der Salzstock bricht zusammen, Radioaktivität gelangt an die Erdoberfläche, verstrahlt Menschen.

Tatsächlich beschäftigt ein solches Katastrophenszenario die Wissenschaftler. Der Geologe und Endlager-Experte Klaus Duphorn etwa zeigt sich besorgt; er hat die Endlagersuche seit Jahrzehnten kritisch begleitet. Die "Gasgefahr" in Gorleben sei mittlerweile "vorrangig geworden", sagte Duphorn bereits bei einer Anhörung im Bundestag im Juli. Bei Bohrungen sei explosives Erdgas gefunden worden. Gasausbrüche "könnten passieren", sie seien gar "ein ganz großes Gefahrenmoment", so Duphorn.

Auch Dorothée Menzner, Abgeordnete der Linken im Bundestag, ist alarmiert. Ein neuer Dokumenten-Fund aus den Archiven der DDR zeige, dass ein solches Unglück möglich sei, sagt Menzner. Ihre Mitarbeiter haben eine Akte des VEB Erdöl und Erdgas aus dem Ort Grimmen aufgespürt, die daraufhin deutet.

Das Dokument zeige, dass im Bereich Gorleben vermutlich erhebliche Mengen Erdgas im Salz lagerten, erklärt Menzner. Das Papier - es liegt SPIEGEL ONLINE vor - berichtet von einer fatalen Erdgasbohrung ins Salzgestein nahe dem geplanten Endlager. Andere Berichte aus den Archiven der Bundesrepublik dokumentieren das Unglück im Salzbergwerk Lenzen in der DDR, nur wenige Kilometer von Gorleben entfernt. Eine Gasexplosion riss im Juli 1969 demnach einen Arbeiter in den Tod. Der Unfall bei der Bohrung wurde von den DDR-Verantwortlichen verheimlicht.

"Geheimnisse von Energieunternehmen"

Die Nähe des geplanten Endlagers zu Lenzen sei eine Warnung, meint Menzner. Denn: Der Salzstock Gorleben geht in das Salzgestein von Lenzen über, die geologischen Verhältnisse sind ähnlich. Sind Gasausbrüche also auch in Gorleben zu erwarten?

Diese Frage ist jetzt wieder aktuell, dabei beschäftigt sie Fachleute seit langem: "Naturgemäß erhebt sich die Frage, ob sich das von dem ostzonalen Bohrbetrieb angeritzte Gasvorkommen in das Gebiet der Bundesrepublik hinein fortsetzt", schrieb der Erdölinformationsdienst Hamburg schon am 1. August 1969, kurz nach der Explosion in Lenzen.

Seither hat sich bei der Erforschung allerdings wenig getan; die Erkundung des Endlagers kam nur schleppend voran. Im Oktober soll sie wieder aufgenommen werden.

Die Erkundung müsse gestoppt werden, fordert Linken-Politikerin Menzner nun mit Blick auf den Fall Lenzen. Die DDR-Dokumente bewiesen ein nicht hinnehmbares Risiko für Gorleben. Der Salzstock komme als Atommüll-Endlager nicht mehr in Frage. Menzner kritisiert, dass die Dokumente als "Geheimnisse von Energieunternehmen unter Verschluss gehalten worden sind".

Hunderte Gasvorkommen bekannt

Andere Wissenschaftler geben sich gelassen angesichts der scheinbar explosiven Neuigkeiten. Die Dokumente seien keineswegs geheim, sondern auf Anfrage einsehbar, sagt Endlager-Experte Gerhard Enste von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Seiner Behörde seien die Daten aus DDR-Archiven längst bekannt.

Auch das Erdgas-Problem sei nicht neu: Es gebe Hunderte Gasvorkommen in den Salzschichten um Gorleben; in der Nähe sei immerhin Erdgas gefördert worden. Es bestehe jedoch wahrscheinlich keine Gefahr, weil zwischen den Gasschichten in mehr als drei Kilometern Tiefe, die die Explosion in Lenzen ausgelöst haben, und dem geplanten Endlager kilometerdick Salz liege.

Allerdings stießen Bohrungen am Salzstock Gorleben auch in geringerer Höhe auf Gasreservoire. Es handele sich aber um kleine Vorkommen mit geringen Gasgehalten, die "an das Salz gebunden" seien, sagt Enste. Unstrittig ist, dass mancherorts Gas in Spalten und Rissen im Salz aufgestiegen ist; das zeigen Expertenberichte. Das Endlager soll deshalb in einem unzerklüfteten Bereich des Salzstocks gebaut werden, der für Gase undurchdringlich wäre.

Stark strahlender Müll aufgetaucht

Die zentrale Frage lautet: Liegt das geplante Endlager in einer solchen Zone? Eine genauere Inspektion sei notwendig, räumt Enste ein. Die Frage, ob Erdgas ins Endlager eindringen könne, sei offen. Das Bundesamt für Strahlenschutz wolle das Thema "Erdgas im Salzstock" für die im Oktober neu beginnenden Erkundungen des geplanten Endlagers mit "höchster Priorität" behandeln.

Geologe Duphorn warnt seit Jahren davor, dass nahe dem geplanten Endlager Risse das Salz durchziehen und Wege für das Erdgas eröffnen könnten. "Wir haben im Endlager-Gestein keine solche Störungen festgestellt", sagt hingegen BGR-Forscher Enste. Dennoch müsse das Salz noch genauer erkundet werden - doch das wollen die Endlager-Gegner verhindern.

Unterdessen wächst die Menge stark strahlenden deutschen Atommülls offenbar schneller als gedacht. Wie "Die Zeit" berichtet, ist das Bundesamt für Strahlenschutz erst jetzt auf eine große Menge Atommüll aufmerksam geworden, für dessen Endlagerung es bislang kein Konzept gibt. Die rund tausend Kubikmeter Abfälle stammten vor allem aus Forschungseinrichtungen.

Der Müll strahle zu stark, um in dem für schwach- und mittelaktiven Abfall vorgesehenen niedersächsischen Endlager Schacht Konrad untergebracht zu werden. Hochradioaktiv sei er aber auch nicht. Deshalb sei der Müll bislang nicht für Gorleben oder ein anderes noch zu findendes Endlager eingeplant worden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 100 Beiträge
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1. Titelfreies SPON: Danke
Osis, 15.09.2010
Soviel zu Märchen eines "sicheren" Endlagers. Der letzte lässt dann wohl das Licht besser aus... Soviel zu der atomaren Krückentechnologie...
2. Was könnte noch alles passieren?
gunman, 15.09.2010
Zitat von sysopEin neuer Dokumenten-Fund wirft eine brisante Frage auf: Sickert entzündliches Erdgas ins geplante Atommüll-Lager Gorleben? Ein Experte warnt vor Gefahren für den Standort. Die zuständige Behörde räumt dem Thema "höchste Priorität" ein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,717368,00.html
Was könnte wohl noch alles passieren? Ein Meteorit trifft den Salzstock, penetriert ihn 1.000 m tief und verteilt den ganzen Mist über Deutschland?! Das mit dem Erdgas ist jedenfalls eine nette Idee, um weitere Angst zu schüren nachdem die Nummer mit dem eindringenden Wasser ger,ade in Vergessenheit gerät bzw. wohl erst in 1.000 Jahren relevant wird. Erdgas hat demgegenüber eine wesentlich schnellere Reaktionszeit, so viel ist mal klar.
3. Gefundenen Atommüll bitte beim Atomfundamt abgeben
teopred2 15.09.2010
Zitat von sysopEin neuer Dokumenten-Fund wirft eine brisante Frage auf: Sickert entzündliches Erdgas ins geplante Atommüll-Lager Gorleben? Ein Experte warnt vor Gefahren für den Standort. Die zuständige Behörde räumt dem Thema "höchste Priorität" ein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,717368,00.html
Langsam kann man nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Auch "findet" man noch 1000m³ stark strahlenden Atommüll. Was wird noch so gefunden?
4. Weiter erkunden
mehrlicht 15.09.2010
Weiter erkunden, vielleicht finden sie noch Gold!
5. Thema Endlager
Panasonic, 15.09.2010
Ich möchte mal darauf hinweisen, dass wir ein Endlager finden müssen, welches länger intakt bleiben muss, als der Mensch bisher auf der Erde existiert. Ich finde es relativ größenwahnsinnig anzunehmen, wir könnten beurteilen, welcher Ort dafür geeignet ist. Außerdem möchte ich noch anmerken, dass jeder Schrottplatzbetreiber eine löckenlose Entsorgungskette für Betriebsstoffe nachweisen muss, um überhaupt eine Betriebsgenehmigung zu bekommen. Die Kernindustrie darf aber tausende Tonnen hochradioaktiver Abfälle verursachen, für die es überhaupt kein Entsorgungskonzept geben kann. Billige Kernkraft? Die Rechnung würde ich gerne an dem Tag kontrollieren, an dem das letzte Endlager nicht mehr gefährlich strahlt. Ich bin kein Öko, kein Müslifresser und auch kein Bedenkenträger. Dieses Thema muss man nur realistisch und neutral betrachten, um die völlige Verrücktheit zu erkennen.
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