Umstrittenes Bauwerk: Riesenmauer rettete japanisches Dorf vor Tsunami

Der japanische Küstenort Fudai überstand die Tsunami-Katastrophe fast ohne Schäden - weil ein früherer Bürgermeister vor Jahren eine gigantische Schutzmauer bauen ließ. Damals wurde er geschmäht, heute feiern die Einwohner den mittlerweile verstorbenen Politiker als Helden.

Rettender Wall: Abprallende Tsunamis Fotos
AP

Fudai - Was hatte sich der Bürgermeister des kleinen Ortes Fudai an der Nordostküste Japans, Kotaku Wamura, in den siebziger Jahren alles anhören müssen: Geldverschwendung sei es, die hässliche knapp 16 Meter hohe Mauer am Ortsrand als Tsunamiabwehr aufzustellen. Die Kritiker verwiesen auf die Nachbarn: Andere Kommunen in der Nähe vertrauten auf deutlich kleinere Schutzwerke gegen Flutwellen. Musste es in Fudai also wirklich dieser 25-Millionen-Euro-Bau sein?

Heute ist die Antwort eindeutig: Die Mauer hat den 3000 Bewohnern von Fudai das Leben gerettet. Während die Dörfer und Städte in der Nachbarschaft von den Tsunamis am 11. März verwüstet wurden, kamen die Menschen in Fudai mit dem Schrecken davon. Die riesigen Flutwellen prallten an der hohen Mauer ab. "Sie war teuer", sagt der Fischer Satoshi Kaneko aus Fudai, "aber ohne die Mauer wären wir alle verschwunden".

Auch der heutige Bürgermeister von Fudai ist froh über die Arbeit seines Vorgängers: "Die Effektivität der Flutmauer ist beeindruckend", staunt Hiroshi Fukawatari noch immer. Auch er hatte bezweifelt, dass das gigantische Bauwerk nötig gewesen war. Der Blick in die Nachbarschaft aber zeigt, was mit einer kleineren Konstruktionen passiert wäre: Die Schutzmauern in Nachbarorten wurden einfach überspült. Die Stadt Taro beispielsweise vertraute auf einen zehn Meter hohen Wall von zweieinhalb Kilometern Ausdehnung - die Tsunamis schossen drüber hinweg.

Auch die Mauer von Fudai wurde von den 20-Meter-Wellen teilweise überspült. Doch der hohe Wall raubte dem Wasser seine Kraft, gerade mal ein paar Pfützen entstanden in Fudai, es gab kaum Schäden. Beidseits der Mauer blockierten Berge den Zugang des Wassers.

Ignorierte Mahnungen

Gefeierter Mann in Fudai ist nun der verstorbene Bürgermeister Kotaku Wamura. Er regierte das Dorf zehn Legislaturperioden: Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er gewählt, er blieb bis 1987 im Amt. Der kleine Ort erlebte eine Blütezeit: Er zog Fischer an, Touristen genossen die weißen Strände.

Doch Wamura traute dem Frieden nicht, er kannte die negative Seite der Küstenlage: 1896 und 1933 hatten Tsunamis Hunderte Menschen in der Region getötet. Die Wellen waren allerdings deutlich kleiner als jene vom 11. März 2011. Doch die Katastrophen der Vergangenheit gerieten bei den meisten Japanern in Vergessenheit. Selbst Wegsteine, die an verheerende Tsunamis im Mittelalter erinnerten, wurden ignoriert: Gravuren auf den Denkmälern mahnten, nicht zu nahe an der Küste und auf Anhöhen zu siedeln.

In einem Buch über seinen Heimatort Fudai bekundete Bürgermeister Wamura sein Erschrecken über die Katastrophe von 1933: "Als ich die Toten sah, begraben unter Erdhaufen, wusste ich nicht, was ich sagen sollte". Er schwor sich, dass eine solche Katastrophe nicht wieder passieren sollte.

Sein Lebenswerk

1967 ließ er den Bau der Tsunami-Mauer beginnen. Ergänzt wurde sie von einem Fluttor, durch das der Fluss fließen konnte. Insbesondere die hohen Kosten des Tores waren umstritten. Landbesitzer mussten Teile ihres Besitzes an den Staat verkaufen, damit der Schutzwall entstehen konnte.

Nach dem Seebeben vom 11. März wurde das Fluttor umgehend geschlossen. Ein Feuerwehrmann eilte noch herbei, um mit den Händen nachzuhelfen, als das Tor klemmte. Kurz darauf kamen die Tsunamis. Sie zerstörten die Boote im Hafen von Fudai - dann knallten die Wellen gegen die Mauer. Eine Grundschule direkt hinter dem Schutzwall sieht heute genauso aus wie vor den Tsunamis.

Bürgermeister Wamura hat den Tag nicht mehr erlebt, als sich sein Bauwerk bewährt hat. Er starb 1997 mit 88 Jahren. Die Bewohner von Fundai zeigen sich bewegt, seit den Tsunamis haben viele von ihnen Gaben an das Grab von Bürgermeister Wamura gebracht. Die Mauer war sein Lebenswerk, drei Jahre nachdem sie vollendet worden war, gab Wamura sein Amt auf. "Auch wenn es Widerstand gibt, habt Vertrauen und beendet, was Ihr begonnen habt", sagte er bei seiner Verabschiedung zu den Angestellten. "Am Ende werden die Leute verstehen."

boj/AP

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insgesamt 154 Beiträge
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1. In Deutschland wäre so ein Bauwerk nicht möglich
mundi 13.05.2011
Zitat von sysopDie Tsunami-Katastrophe in Japan hat einen stillen Helden: Gegen starken Widerstand ließ der Bürgermeister eines Küstenortes eine riesige Mauer errichten - an ihr prallten die Wellen ab. Ein Schwur bewog den verstorbenen Politiker zu dem rettenden Bauwerk -*die Bürger sind bewegt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,762341,00.html
In Deutschland wäre so ein Bauwerk nicht möglich. Es gäbe eine Bürgerinitiative, die Landschaftsschützer und natürlich die Grünen. Alle wäre gegen diese Mauer. Die Konstruktion müsste europaweit ausgeschrieben werden. Eine Volksabstimmung wäre auch nötig.
2. Vorbild
Diana Simon 13.05.2011
Wenn der Mann noch leben würde, müßte man ihn klonen.
3. überflüssig
Talan068 13.05.2011
In Deutschland wäre ein solches Bauwerk auch völlig überflüssig, zum Glück würden wenigstens die Grünen, daß bemerken.
4. Sie wären der erste der dagegen wäre, oder?
saddamatus 13.05.2011
Zitat von mundiIn Deutschland wäre so ein Bauwerk nicht möglich. Es gäbe eine Bürgerinitiative, die Landschaftsschützer und natürlich die Grünen. Alle wäre gegen diese Mauer. Die Konstruktion müsste europaweit ausgeschrieben werden. Eine Volksabstimmung wäre auch nötig.
Hauptsache Feindbild gepflegt und dröhnend anderen aufgedrängt. Die Gegner dieses Bauwerkes werden wohl kaum Grüne gewesen sein. Man kann das vergleichen mit den Diskussionen um Polderbau gegen Hochwasse am Rhein: Die dümmlichen Ablehner kommen aus der rückständigen Spiesserschicht die sonst FDP/CDU/FWG wählen. Man verliert prospektive Gewerbeflächen, Siedlungserweiterungszonen und Ackerland. Ähnliches Klientel wie die grundsätzlichen Stromtrassengegner. Die von ihnen verleumdeten Ökos sind FÜR solche vorausschauenden, naturnahen Überschwemmungsflächen. Der gesunde Menschenverstand weiß dagegen immer absolut, dass so was nur Panikmache und überflüssig ist. Dem lapanischen Bürgermeister gebührt ein Denkmal dafür, sich gegen die kleingeistigen Nörgelomanen durchgesetzt zu haben. Das schaffen nur wenige. "Die anderen brauchen solche Mauern nicht, wozu dann wir?" "Die anderen steigen nicht aus der Atomkraft aus, wozu dann wir?"
5. Genau so sieht es aus...
mokk 13.05.2011
Zitat von mundiIn Deutschland wäre so ein Bauwerk nicht möglich. Es gäbe eine Bürgerinitiative, die Landschaftsschützer und natürlich die Grünen. Alle wäre gegen diese Mauer. Die Konstruktion müsste europaweit ausgeschrieben werden. Eine Volksabstimmung wäre auch nötig.
Und letztlich würde der Bau unterbunden werden, weil dort ein Bäumchen stehen würde, in der sich eine einzelne Fledermaus einer geschützten Art befände.....
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