Bauboom, Sparzwang und die Umwelt Hauptsache billig

Gut 2000 Jahre steht so manches Bauwerk aus römischem Beton schon. Moderne Gebäude halten da nicht mit. Gerade im Zuge des Baubooms drohen rasche Sanierungsfälle - mit Folgen auch für Umwelt und Klima.

Baukräne in Berlin (im August 2017)
DPA

Baukräne in Berlin (im August 2017)


Egal ob Brücke oder Schwimmbad, öffentliche Infrastruktur bröckelt oft schon wenige Jahre nach dem Bau. "Eine Brücke sollte 80 bis 100 Jahre instandsetzungsfrei sein", sagt Andreas Gerdes vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). "Tatsächlich aber ist bei Brücken in Deutschland inzwischen im Mittel alle 30 bis 35 Jahre eine Sanierung notwendig." Die Kosten einer Instandsetzung könnten das zwei- bis dreifache der ursprünglichen Bausumme betragen. Und auch die Umwelt leidet darunter.

Eine zentrale Ursache für die rasante Alterung öffentlicher Bauwerke seien die derzeitigen Vergabeverfahren. "Die Kommunen sind rechtlich vielfach dazu gezwungen, das günstigste Angebot zu nehmen", erklärt Gerdes, wissenschaftlicher Leiter des "KIT Innovation Hub Prävention im Bauwesen". "Dann wird für ein Schwimmbad Fliesenkleber ähnlich dem fürs Badezimmer verwendet. Die Beanspruchung ist aber gar nicht vergleichbar."

Auf den Millionenkosten für die Instandsetzung blieben meist die Kommunen sitzen, weil die Gewährleistung vielfach nur fünf Jahre umfasse. "Das ist so, als hätte man für eine Uhr eine Gewährleistung von sechs Wochen."

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In den vergangenen Jahrzehnten entstand ein Teufelskreis: "Den Gemeinden fehlt das Geld dafür, mehr auf Qualität zu setzen, weil schon so viel Sanierungsbedarf aus vorhergehenden Billigbauprojekten besteht", sagt Dietmar Stephan vom Institut für Bauingenieurwesen der Technischen Universität Berlin. "Es müsste einmal ein Schnitt gemacht werden, sonst trägt man die Probleme immer weiter in die nächsten Jahrzehnte." Neben der Verwendung geeigneter Materialien sei eine strenge Qualitätskontrolle wichtig, an der bisher oft gespart werde.

Zweifel an Ausführungsqualität

Die Spirale aus Baumängeln und Sanierungsbedarf dürfte sich in letzter Zeit noch einmal beschleunigt haben: Die Erfahrung lehre, dass ein Bauboom wie der seit 2008 anhaltende es schwieriger mache, die Bauqualität hochzuhalten, erklärt Gerdes. So mangele es in der gesamten Bauwirtschaft auch an gut ausgebildeten Fachleuten. "Es sind durchaus Zweifel angebracht, was die Ausführungsqualität der derzeit hochgezogenen Büro- und Wohngebäude angeht."

Gewaltig sind die Folgen von Billigbau und Baupfusch aber nicht nur für öffentliche und private Kassen, sondern auch für Umwelt und Klima. Weltweit gesehen ist die Zementproduktion eine der größten Quellen für das Treibhausgas Kohlendioxid überhaupt. Schätzungen zufolge entsprach der Ausstoß in den vergangenen Jahren etwa fünf Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen durch Industrie und Verbrennung fossiler Brennstoffe.

Wichtig fürs Klima

Vorrangiges Ziel muss nach Ansicht der Experten die Langlebigkeit von Gebäuden sein. Welche Zeitspannen möglich sind, haben die Fachleute eines längst vergangenen Reiches eindrucksvoll belegt: des Imperium Romanum. Viele Betonbauten der alten Römer trotzen seit gut 2000 Jahren Wind und Wetter: Die Zisternen auf der Insel Pantelleria halten immer noch dicht und werden genutzt, das Pantheon und das Kolosseum in Rom stehen wie für die Ewigkeit gemacht, römische Wellenbrecher und Piere halten bis heute den Wassergewalten stand.

Pantheon in Rom (Archivbild)
AFP

Pantheon in Rom (Archivbild)

Neben besserer Haltbarkeit sei auch die Wiederverwertung von Baustoffen ein wichtiger Faktor für die Bauten der Gegenwart und Zukunft. Schon jetzt werden Beton und Mauerwerk wiederverwendet, allerdings überwiegend für einfache Dinge wie Wege und den Straßenunterbau, wie Stephan erklärt.

Ein Großteil werde nur als minderwertiges Verfüllmaterial genutzt. "Die Wiederverwendung als Standard-Beton wäre durchaus möglich, die Haltbarkeit ist nicht schlechter, aber von Wirtschaftlichkeit sind die Verfahren hierzulande noch weit entfernt."

Abriss eines Gebäudes in Berlin (Archivbild)
Getty Images

Abriss eines Gebäudes in Berlin (Archivbild)

In anderen Ländern wie den Niederlanden und der Schweiz ist der politische Druck höher - und Recycling im Bauwesen deshalb schon stärker verbreitet. "In den Niederlanden ist das Entsorgen von Betonschutt auf Deponien nicht erlaubt", erklärt Stephan. "Da finden sich dann Wege, die Wiederverwendung wirtschaftlich hinzubekommen."

In Schweizer Städten wie Zürich sei die Verwendung von Recycling-Beton von vornherein in den Ausschreibungen von Bauprojekten festgelegt. In der Folge werde die gesamte Wiederverwertungskette engmaschiger und effizienter.

Annett Stein, dpa/chs



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funny-smartie 30.05.2018
1. Einheitliche "Trickserei"
wenn alle innerhalb der Baubranche die selben Tricks zur Berechnung der benötigten Wärmemenge anwenden, dann werden auch bei Neubauten die ausgewiesenen Energieangaben wieder vergleichbar. Siehe hier die Automobilbranche, die über mehr als 20 Jahre hinweg bei den Verbrauchsfahrten auf dem Rollprüfstand jegliche Tricks angewendet haben. Problem bei allem ist doch einfach, dass wir alle als Verbraucher nur Laie sind. Uns wird was mit Zahlen an den Kopf geknallt und jeder denkt "ist doch toll". Dass allerdings viele umwelttechnische Einflüsse eine Rolle spielen, interessiert keinen bzw. ist keinem bewusst. Beispiel: Eigentumswohnung im MFH auf der Südseite mit viel Fensterflächen südlicher Ausrichtung und nur 2 Außenwände. Was passiert? Es wird ein gesamter Energiewert für das MFH angegeben. Dass die parallel liegende Wohnung mit Nordausrichtung andere Umwelteinflüsse hat, wird dem Verbraucher nicht klar/bewusst da ihm nur der Gesamtverbrauch vorgelegt wird. Ist dann mal die ersten Jahre der Abrechnungen um, werden die Unterschiede schon deutlich aber dann kommt der Faktor "Mensch" dazu. Dem einem langen 22°C Temperatur im Wohnzimmer, ein anderer genügen 21°C und weil Kleinkinder im Haushalt sind, besteht die Frau auf 23°C Raumtemperatur im Wohnzimmer. Schon ist das "verzerrte" Bild da, und wenn mal ein Mieter-/Eigentümerwechsel bevorsteht, ist genau auch wieder das jeweilige Wohlempfinden der Bewohner ausschlaggebend für die Energiebilanz im Haus.
nachfrager2015 30.05.2018
2. solange keiner ernsthaft haftbar gemacht wird...
wird auch weiter dieser Schrott gebaut bzw. gute Bausubstanz mit billigen Styropur kaputt gemacht. Ich habe es selber erlebt, wie ca. 50 cm dicke Aussenwände mit 16 cm Styropur "wärmegedämmt" wurden. Baupolizeiliche Maßnahmen brachten auch keinen Erfolg, da keinerlei Wissen und Interesse. Dem Eigentümer ist das auch egal, da es der Mieter vollumfänglich plus Gewinn für Ihn und die ausführenden bezahlt und er die Imobilie kurz vor dem "Verfall" weiter veräussert. Zweites Beispiel; es wurden frei tragende Balkone geplant und genehmigt. Bei Bau stellte sich heraus, das die Wände diese nur mit hohem zusätzlichen Aufwand halten könnte (schon die leeren Balkone waren zu schwer) und man setzte eine zusätzliche Streben von unten nach oben um zu stützen. Warum fällt soetwas nicht schon vorher auf? Warum glaubt man mit dieser Stütze die Belastung der Wände (Zug - und Druckkräfte) einfach wegzudenken? Die Stütze half doch nur das "abknicken" der der Balkonböden auf absehbare Zeit zu verzögern. Aber sowas passiert, wenn auf Masse, statt Klasse gebaut wird ohne jegliche langfristige Verantwortung bei Architeckten und Bauträgern.
interessierter Laie 30.05.2018
3. @nachfrager2015
die Antwort steht im Artikel. Es muss vor allem billig sein - egal ob privat oder öffentlich. Da wird dann natürlich dort gespart, wo man es nicht gleich sieht: Unterm Putz! Geschickter wäre es, entweder eine vernünftige Garantiefrist zu vereinbaren oder das Gebäude nicht zu kaufen, sondern vom Ersteller zu mieten. Dann trägt er das Risiko für Schäden...
buchnerg 30.05.2018
4. Planungsfehler
Um hier mal etwas klar zu stelle, nicht das Unternehmen, welches auf eine Ausschreibung bietet, gibt die Qualität vor, sondern der der Ausschreibt. Dies ist meist ein Ingenieur-/ Architekturbüro welches die Kosten gleich mit ermittelt. Dann sind die Kosten zu hoch und schon wird gespart und zwar am Material. Oder es werden so lange Kosten "optimiert" bis das Budget passt und schon haben wir BER. QUALITÄT KOSTET GELD !!!
misterknowitall2 30.05.2018
5. @funny-smartie
Legt man ihnen einen verbrauchsausweis vor haben sie vollkommen recht. Das Dingen ist nichts wert. Handelt es sich um einen bedarfsausweis werden sowohl Ausrichtung, Baustoff und schlichtdicke berücksichtigt. Zusätzlich basieren die Ergebnisse ausschließlich auf der Bausubstanz. Der Nutzer wurde bewusst nicht berücksichtigt, um genau die Fehler zu vermeiden, die sie erwähnt haben. Bei Verkauf sind verbrauchsabhängige Ausweise schon nicht mehr zulässig.
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