Von Markus Becker
Hamburg - Vier Mal hat Nordkorea bisher Langstreckenraketen abgefeuert. Drei Mal endete das Spektakel in peinlichen Pannen. Jetzt, beim jüngsten Versuch am Mittwoch, scheint es funktioniert zu haben: Eine Rakete des Typs Unha-3 hat "ein Objekt" in den Erdorbit gebracht, wie es das Nordamerikanische Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando (Norad) formulierte.
Ob es sich dabei tatsächlich um einen Wettersatelliten handelt, wie Pjöngjang behauptet, ist bislang unklar. Westliche Beobachter sind sich jedoch weitgehend einig, dass der Raketenstart kaum wissenschaftlichen Zwecken diente. Sein militärischer Wert dürfte ebenfalls begrenzt sein, auch wenn die Reichweite des Flugkörpers grob auf 6000 Kilometer geschätzt wird.
"Als Waffe ist diese Rakete vollkommen ungeeignet", sagt der Münchner Experte Markus Schiller. Das liege vor allem an der Konfiguration der drei Stufen. Die Oberstufe der Unha-3-Rakete könne eine Nutzlast von höchstens hundert Kilogramm transportieren - genug für einen kleinen Satelliten, aber viel zu wenig für einen nordkoreanischen Atomsprengkopf. "Wenn Nordkorea in der Lage wäre, einen nuklearen Gefechtskopf auf ein Gewicht von 600 bis 700 Kilogramm zu bringen, wäre das schon beeindruckend", sagt Schiller.
Doppelte Überraschung für den Westen
Dennoch hat Nordkoreas Raketenstart den Westen doppelt überrascht. Anders als beim letzten Raketentest, zu dem sogar die internationale Presse geladen war, hat Pjöngjang diesmal auf großes Tamtam verzichtet - und sogar technische Probleme und eine Verschiebung des Starts vorgetäuscht. Zudem ist es einigermaßen verblüffend, dass es den Ingenieuren von Diktator Kim Jong Un überhaupt gelungen ist, den Start im vierten Anlauf pannenfrei hinzubekommen. 1998 gab es einen ebenfalls gescheiterten Versuch, allerdings vermutlich mit einer Taepodong-1-Rakete. "Ich hätte Nordkorea vorher eine 50:50-Chance gegeben", sagt Schiller. "Aber schon beim nächsten Test würde ich wieder einen Fehlschlag erwarten. Denn ausgereift ist die Unha-3 noch lange nicht."
Bis ein komplexes Waffensystem wie eine Interkontinentalrakete als einsatzfähig gilt, muss es nicht einen, sondern Dutzende Tests bestehen. Zuverlässigkeit und Treffgenauigkeit sind hier bei weitem wichtiger als in der Raumfahrt: Während ein Fehlschlag bei einem Satellitenstart lediglich teuer ist, kann eine Panne beim Einsatz einer Langstreckenwaffe fatale Folgen für den Angreifer haben - etwa wenn die Raketen des Gegners besser funktionieren.
Entsprechend gelassen gibt sich Ralph Cossa vom US-amerikanischen Center for Strategic and International Studies. Eine Rakete zu haben, die bis nach Hawaii reicht, sei eine Sache. "Eine ganz andere ist es, zu treffen, worauf man zielt." Mit Blick auf Pjöngjangs Raketenstart sagte Cossa, dass die Nordkoreaner jetzt "eine ziemlich gute Chance haben, den Pazifik zu treffen" - nicht aber, eine Insel zu erwischen, geschweige denn ein spezifisches Ziel.
Ähnlich äußerte sich David Wright von der Union of Concerned Scientists: "Selbst nach diesem Erfolg kann Nordkorea nicht sicher sein, dass seine Rakete zuverlässig ist", so der Rüstungsexperte. "Politisch aber wird der Start sehr wahrscheinlich ein Wirkung darauf haben, wie andere Länder Nordkorea sehen." Schiller geht noch weiter: In einer jüngst erschienenen Studie hat er angezweifelt, dass Nordkorea überhaupt ernsthaft militärische Ziele mit seinem Raketenprogramm verfolgt. Derzeit spreche mehr dafür, dass es ausschließlich politischen Zwecken diene.
"Sie werden besser"
Cossa, ein ehemaliger Oberst der US-Luftwaffe, ist in diesem Punkt vorsichtiger: "Sie werden besser, und wir müssen sie ernst nehmen." Auch andere Fachleute sehen zumindest langfristig eine potentielle Bedrohung in Nordkoreas Raketenprogramm. "Dieser Start stärkt die Glaubwürdigkeit der Nordkoreaner, wenn sie behaupten, mit ihren Raketen die USA treffen zu können", sagte James Schoff vom Carnegie Endowment for International Peace. "Das kann man jetzt nicht mehr so einfach abtun."
Die sorgenvollsten Kommentare kamen naturgemäß aus Südkorea: "Das könnte alles verändern", sagte Andrei Lankow, ein russischer Korea-Experte, der als Professor an der südkoreanischen Kookmin University arbeitet. "Die US-Regierung muss einsehen, dass ihre Politik der wohlwollenden Nichtbeachtung nicht funktioniert", sagte Lankow der "Los Angeles Times". Selbst wenn es zehn oder 20 Jahre dauere, würden die Nordkoreaner irgendwann eine verlässliche atomare Interkontinentalrakete besitzen.
Auch Ham Hyeong-Pil vom South Korea Institute for Defense Analyses meint, dass Pjöngjang die Präzision seiner Raketen und die Miniaturisierung der Sprengköpfe zügig vorantreiben werde. "Ich glaube, dass es nicht lange dauert, bis der Norden diese beiden Technologien meistert."
Dem Autor auf Twitter folgen:
Mit Material von AFP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Technik | RSS |
| alles zum Thema Nordkorea | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH