Raketentest: Schreckschuss aus Nordkorea

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Nordkorea hat einen Satelliten ins All geschossen - und feiert den Raketenflug als Erfolg. Doch Experten bezweifeln, dass das Land damit einer nuklearen Interkontinentalwaffe näher gekommen ist. In seiner jetzigen Form ist der Flugkörper vor allem ein politisches Druckmittel.

Hamburg - Vier Mal hat Nordkorea bisher Langstreckenraketen abgefeuert. Drei Mal endete das Spektakel in peinlichen Pannen. Jetzt, beim jüngsten Versuch am Mittwoch, scheint es funktioniert zu haben: Eine Rakete des Typs Unha-3 hat "ein Objekt" in den Erdorbit gebracht, wie es das Nordamerikanische Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando (Norad) formulierte.

Ob es sich dabei tatsächlich um einen Wettersatelliten handelt, wie Pjöngjang behauptet, ist bislang unklar. Westliche Beobachter sind sich jedoch weitgehend einig, dass der Raketenstart kaum wissenschaftlichen Zwecken diente. Sein militärischer Wert dürfte ebenfalls begrenzt sein, auch wenn die Reichweite des Flugkörpers grob auf 6000 Kilometer geschätzt wird.

"Als Waffe ist diese Rakete vollkommen ungeeignet", sagt der Münchner Experte Markus Schiller. Das liege vor allem an der Konfiguration der drei Stufen. Die Oberstufe der Unha-3-Rakete könne eine Nutzlast von höchstens hundert Kilogramm transportieren - genug für einen kleinen Satelliten, aber viel zu wenig für einen nordkoreanischen Atomsprengkopf. "Wenn Nordkorea in der Lage wäre, einen nuklearen Gefechtskopf auf ein Gewicht von 600 bis 700 Kilogramm zu bringen, wäre das schon beeindruckend", sagt Schiller.

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Raketenstart: Nordkorea bringt Satelliten in den Orbit
Zwar könne die Unha-3-Rakete - die in ihrer militärischen Version als Taepodong-2-Rakete geführt wird - auch in einer zweistufigen Variante eingesetzt werden. "Damit würde die Nutzlast steigen, die Reichweite aber auf 4000 bis 5000 Kilometer sinken", so Schiller. Damit lägen die USA weiterhin außerhalb der Reichweite Nordkoreas: Bis nach Alaska sind es mehr als 5500 Kilometer, bis zu den Metropolen an der US-Westküste 8000 bis 9500 Kilometer.

Doppelte Überraschung für den Westen

Dennoch hat Nordkoreas Raketenstart den Westen doppelt überrascht. Anders als beim letzten Raketentest, zu dem sogar die internationale Presse geladen war, hat Pjöngjang diesmal auf großes Tamtam verzichtet - und sogar technische Probleme und eine Verschiebung des Starts vorgetäuscht. Zudem ist es einigermaßen verblüffend, dass es den Ingenieuren von Diktator Kim Jong Un überhaupt gelungen ist, den Start im vierten Anlauf pannenfrei hinzubekommen. 1998 gab es einen ebenfalls gescheiterten Versuch, allerdings vermutlich mit einer Taepodong-1-Rakete. "Ich hätte Nordkorea vorher eine 50:50-Chance gegeben", sagt Schiller. "Aber schon beim nächsten Test würde ich wieder einen Fehlschlag erwarten. Denn ausgereift ist die Unha-3 noch lange nicht."

Bis ein komplexes Waffensystem wie eine Interkontinentalrakete als einsatzfähig gilt, muss es nicht einen, sondern Dutzende Tests bestehen. Zuverlässigkeit und Treffgenauigkeit sind hier bei weitem wichtiger als in der Raumfahrt: Während ein Fehlschlag bei einem Satellitenstart lediglich teuer ist, kann eine Panne beim Einsatz einer Langstreckenwaffe fatale Folgen für den Angreifer haben - etwa wenn die Raketen des Gegners besser funktionieren.

Entsprechend gelassen gibt sich Ralph Cossa vom US-amerikanischen Center for Strategic and International Studies. Eine Rakete zu haben, die bis nach Hawaii reicht, sei eine Sache. "Eine ganz andere ist es, zu treffen, worauf man zielt." Mit Blick auf Pjöngjangs Raketenstart sagte Cossa, dass die Nordkoreaner jetzt "eine ziemlich gute Chance haben, den Pazifik zu treffen" - nicht aber, eine Insel zu erwischen, geschweige denn ein spezifisches Ziel.

Ähnlich äußerte sich David Wright von der Union of Concerned Scientists: "Selbst nach diesem Erfolg kann Nordkorea nicht sicher sein, dass seine Rakete zuverlässig ist", so der Rüstungsexperte. "Politisch aber wird der Start sehr wahrscheinlich ein Wirkung darauf haben, wie andere Länder Nordkorea sehen." Schiller geht noch weiter: In einer jüngst erschienenen Studie hat er angezweifelt, dass Nordkorea überhaupt ernsthaft militärische Ziele mit seinem Raketenprogramm verfolgt. Derzeit spreche mehr dafür, dass es ausschließlich politischen Zwecken diene.

"Sie werden besser"

Cossa, ein ehemaliger Oberst der US-Luftwaffe, ist in diesem Punkt vorsichtiger: "Sie werden besser, und wir müssen sie ernst nehmen." Auch andere Fachleute sehen zumindest langfristig eine potentielle Bedrohung in Nordkoreas Raketenprogramm. "Dieser Start stärkt die Glaubwürdigkeit der Nordkoreaner, wenn sie behaupten, mit ihren Raketen die USA treffen zu können", sagte James Schoff vom Carnegie Endowment for International Peace. "Das kann man jetzt nicht mehr so einfach abtun."

Die sorgenvollsten Kommentare kamen naturgemäß aus Südkorea: "Das könnte alles verändern", sagte Andrei Lankow, ein russischer Korea-Experte, der als Professor an der südkoreanischen Kookmin University arbeitet. "Die US-Regierung muss einsehen, dass ihre Politik der wohlwollenden Nichtbeachtung nicht funktioniert", sagte Lankow der "Los Angeles Times". Selbst wenn es zehn oder 20 Jahre dauere, würden die Nordkoreaner irgendwann eine verlässliche atomare Interkontinentalrakete besitzen.

Auch Ham Hyeong-Pil vom South Korea Institute for Defense Analyses meint, dass Pjöngjang die Präzision seiner Raketen und die Miniaturisierung der Sprengköpfe zügig vorantreiben werde. "Ich glaube, dass es nicht lange dauert, bis der Norden diese beiden Technologien meistert."

Mit Material von AFP

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1.
xxyxx 12.12.2012
Zitat von sysopNordkorea hat einen Satelliten ins All geschossen - und feiert den Raketenflug als Erfolg. Doch Experten bezweifeln, dass das Land damit einer nuklearen Interkontinentalwaffe näher gekommen ist. In seiner jetzigen Form ist der Flugkörper vor allem ein politisches Druckmittel. "Unha-3"-Start: Nordkoreas Rakete ist keine Bedrohung für USA - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/unha-3-start-nordkoreas-rakete-ist-keine-bedrohung-fuer-usa-a-872449.html)
Vielleicht ist der Flugkörper "in seiner jetzigen Form" auch nichts anderer als ein Satellitenträgersystem? Warum soll alles immer so kompliziert sein.
2. Kontrollraum Attrappe ?
_thilo_ 12.12.2012
Am Ende des Filmausschnitts ist ein Kontrollraum zu sehen. Sieht aus wie eine Kulisse aus einem Film der 70-er Jahre ... Evtl. könnte jemand diese Bilder kommentieren ?
3.
Cassandra105 12.12.2012
Zitat von sysopNordkorea hat einen Satelliten ins All geschossen - und feiert den Raketenflug als Erfolg. Doch Experten bezweifeln, dass das Land damit einer nuklearen Interkontinentalwaffe näher gekommen ist. In seiner jetzigen Form ist der Flugkörper vor allem ein politisches Druckmittel. "Unha-3"-Start: Nordkoreas Rakete ist keine Bedrohung für USA - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/unha-3-start-nordkoreas-rakete-ist-keine-bedrohung-fuer-usa-a-872449.html)
Langsam nervt die ganze Panikmache. Das Land ständig noch schlechter machen, als es eh schon ist, führt zu nichts. Man sollte lieber mal darauf einwirken, nicht naiv, aber dennoch positiv. Diese ständige Verteufelung über alles hinaus hilft den Menschen dort überhaupt nicht, sondern verfestigt nur die Alleinherrschaft der Ills.
4. 1
antirechthaber 12.12.2012
Zitat von sysopNordkorea hat einen Satelliten ins All geschossen - und feiert den Raketenflug als Erfolg. Doch Experten bezweifeln, dass das Land damit einer nuklearen Interkontinentalwaffe näher gekommen ist. In seiner jetzigen Form ist der Flugkörper vor allem ein politisches Druckmittel. "Unha-3"-Start: Nordkoreas Rakete ist keine Bedrohung für USA - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/unha-3-start-nordkoreas-rakete-ist-keine-bedrohung-fuer-usa-a-872449.html)
Das mit den Reichweiten und der Nutzlast mag schon stimmen. Das mit der Treffergenauigkeit sowieso. Aber ist braucht man nicht viel mehr Energie, um einen vergleichsweise schweren Körper auf eine Umlaufbahn zu schicken, als in eine ballistische Kurve? Ansonsten mache ich mir keine Sorgen über eine nukleare Interconti aus Nordkorea.
5. Das ganze Geschrei
Lemmi42 12.12.2012
ist weiter nichts als die alte Angst vor dem Kommunimus,"Ein Gespennst geht um die Welt....."dafür wurden hunderttausende Vietnamesen umgebracht.Die Ausbeuter und Unterdrücker behaupten ihre Ansprüche,alles gehört uns ! Hört doch auf uns für dumm zu verkaufen !
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Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

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