Uran-Anreicherung Iran macht Atomprogramm bombensicher

In Teheran stirbt ein Atomforscher bei einem Anschlag, doch das Nuklearprogramm des Regimes dürfte das kaum verzögern. Iran hat begonnen, in einer unterirdischen Anlage Uran anzureichern. Selbst mit Luftangriffen wäre die Fabrik tief im Innern eines Bergs wohl nicht zu zerstören.

DPA/ DigitalGlobe

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Die iranische Regierung behauptet gern viel, wenn es um Waffensysteme oder Atomanlagen geht. Da werden Kurzstrecken- plötzlich zu Langstreckenraketen, und wie aus dem Nichts tauchen Tausende Zentrifugen zur Urananreicherung auf, von denen zuvor niemand ahnte. Diesmal aber halten auch westliche Experten für inzwischen vollzogen, was der Chef der iranischen Atombehörde Feridun Abbasi vor kurzem verkündet hat: Die Atomanlage Fordo nahe der Stadt Ghom werde schon bald mit der Urananreicherung beginnen.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien bestätigte: In Fordo seien 348 Uran-Zentrifugen bereits in Betrieb, zwei weitere Kaskaden mit je 174 Zentrifugen im Aufbau. Mit ihrer Hilfe solle das Uran in Fordo auf 20 Prozent angereichert werden - deutlich mehr, als für die Nutzung in einem Atomreaktor notwendig ist. Zudem liegt die Anlage tief in einem Berg und dürfte damit weitgehend sicher vor Luftangriffen sein.

Im Naturzustand besteht Uran nahezu vollständig aus Uran 238 und nur zu 0,7 Prozent aus Uran 235. Um für einen Reaktor tauglich zu sein, muss der Anteil an Uran 235 auf mindestens 3,5 Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist eine Anreicherung auf mindestens 85 Prozent notwendig. Iran behauptet, die Anreicherung auf 20 Prozent sei notwendig, um den Brennstoff im Teheraner Forschungsreaktor TRR einzusetzen - angeblich für die Behandlung von Krebserkrankungen.

Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (Bits) hält das für nicht ausgeschlossen. "Nuklearmedizinische Materialien selbst herzustellen, kann schon sinnvoll sein, wenn man in Zukunft mit einem sehr harten Embargo rechnet", sagte Nassauer. Andere westliche Experten glauben eher an eine Schutzbehauptung Irans. So sei die Produktionskapazität in Fordo mit 3000 Zentrifugen zu klein, um genug Brennstoff für einen Reaktor herzustellen, aber ideal für die Herstellung kleinerer Mengen hochangereicherten Urans - was typisch für ein Atomwaffen-Programm wäre.

Die USA haben das Vorgehen Irans prompt verurteilt. Außenministerin Hillary Clinton warf Teheran eine "eklantante Missachtung seiner Verantwortung" vor. Die Uran-Anreicherung auf 20 Prozent und insbesondere ihre Verlagerung in die unterirdische Anlage bei Ghom seien besorgniserregend, sagte Clinton am Dienstag in Washington. Der Schritt, für den es "keine plausible Erklärung" gebe, bringe Iran näher an die Herstellung waffentauglichen Materials.

Unterirdische Fabrik kaum noch angreifbar

Die Fabrik in Fordo befindet sich laut öffentlich zugänglichen Informationen nicht nur in unübersichtlichem, bergigem Terrain, sondern verfügt auch über starke Luftverteidigungsanlagen und soll noch dazu 80 bis 90 Meter tief unter Felsgestein liegen. Damit wäre sie für Angriffe aus der Luft nahezu unerreichbar. Die stärksten bunkerbrechenden Waffen, die etwa die USA im Arsenal haben, können weniger als zehn Meter Beton durchschlagen. Selbst der "Massive Ordnance Penetrator" (MOP), eine fast 14 Tonnen schwere Bombe, soll nur maximal 60 Meter tief in die Erde eindringen können, ehe er detoniert. Ob das reichen würde, die Anlage in Fordo zu beschädigen oder gar zu zerstören, ist offen.

Die einzige andere Waffe, die der Anlage in Fordo ansonsten gefährlich werden könnte, ist die B61-11, die bunkerbrechende Variante der auch in Deutschland stationierten B61-Atombombe. Ihr Einsatz gegen iranische Anlagen erscheint aber selbst als letztes Mittel ausgeschlossen. Und auch Sabotage - seien es Mordanschläge auf iranische Wissenschaftler oder Computerviren wie Stuxnet - konnten die iranischen Bestrebungen bisher nur verzögern, nicht aber stoppen.

Erst am Mittwoch starb ein Forscher in Teheran bei einem Attentat mit einer Autobombe. Der 32-jährige Mostafa Ahmadi Roschan war offenbar Chemieexperte und ein Direktor der Urananreicherungsanlage Natans. Die Nachrichtenagentur Fars sprach von einem Terroranschlag und zitierte den ranghohen Sicherheitsbeamten Safar Ali Baratlu mit den Worten, es handele sich um eine Tat von Israelis. "Die magnetische Bombe ist vom selben Typ, der bereits früher eingesetzt wurde, um unsere Wissenschaftler zu töten."

Was will Teheran?

Doch vor allem die Verlagerung der Anreicherung in unterirdische Fabriken beunruhigt Beobachter. Mark Fitzpatrick vom International Institute for Strategic Studies (IISS) spricht von einer Verschärfung der Lage. "Iran wird jetzt fast waffenfähiges Spaltmaterial in Zentrifugen herstellen, die unerreichbar in einem Berg untergebracht sind." Nach Informationen des Institute for Science and International Security (ISIS) in Washington sollen in Fordo Zentrifugen des Typs IR-1 zum Einsatz kommen. Dieses Modell ist nicht das modernste Irans, aber bereits effizienter als die Zentrifugen des Typs P-1, die Iran noch von Abdul Qadir Khan, dem Vater der pakistanischen Atombombe erworben hatte.

Die wichtigste Frage lautet derzeit: Wie weit ist das iranische Atomprogramm fortgeschritten, und was ist sein Ziel? Im November 2011 warf die IAEA dem Regime in Teheran erstmals vor, an Atomwaffen gearbeitet zu haben. In dem Bericht hieß es auch, dass Iran seit Beginn der Anreicherung im Februar 2007 mehr als 4,9 Tonnen niedrig angereichertes Uran-Hexafluorid produziert habe. Sollte dieses Material in hochangereichertes Uran verwandelt werden, würde es nach Einschätzung von Experten für etwa vier Atombomben reichen.

Eine Anreicherung auf 20 Prozent würde Iran dem Ziel, waffenfähiges Uran zu besitzen, ein großes Stück näher bringen - vorausgesetzt, dieses Ziel existiert. Ob dem so ist, wird in Fachkreisen heiß debattiert. Iran selbst versucht alles, um von einem solchen Verdacht abzulenken. So steht das gesamte nukleare Material in Fordo nach wie vor unter der Kontrolle der IAEA, wie Sprecherin Gill Tudor betonte. "Das ist die alte Strategie der Iraner", sagte Bits-Experte Nassauer. "Sie lassen den Westen zuschauen und argumentieren, das tue man nur bei einem zivilen, überprüfbaren Programm."

Die Ängste vor der iranischen Bombe mindert das allerdings kaum - denn sollte in Teheran die politische Entscheidung zum Bau der Bombe fallen, wären wohl auch die Tage der IAEA-Kontrollen in Iran gezählt.

Noch ist diese politische Entscheidung nicht gefallen - davon zeigte sich zuletzt auch US-Verteidigungsminister Leon Panetta überzeugt, kurz bevor die Eröffnung der Anlage in Fordo bekannt wurde. Die Iraner versuchten derzeit nicht, die Bombe zu bauen. "Aber sie versuchen, nukleare Fähigkeiten zu entwickeln", sagte Panetta dem US-Fernsehsender CBS am Wochenende. "Und das macht uns Sorgen."

Bereit für die politische Entscheidung für die Bombe

Damit fasste der Minister das zusammen, was seit Jahren der Konsens in der Geheimdienstgemeinde zu sein scheint: Iran versucht, technologisch bis kurz vor die Schwelle zur Atombombe zu gelangen - um sie dann zügig überschreiten zu können, sollte die entsprechende politische Entscheidung fallen.

Zwar wäre die Herstellung einer ausreichenden Menge an hochangereichertem Uran nur der erste Schritt zur Herstellung einer Bombe. Der zweite Schritt wäre die Entwicklung eines Gefechtskopfs, der dann noch so weit miniaturisiert werden müsste, um auf eine Rakete zu passen. Davon, darin sind sich alle Fachleute einig, ist Iran noch Jahre entfernt.

Dennoch könnte ein iranischer "Breakout" - der Ausstieg aus der Atomkontrolle und die offene Entwicklung von Nuklearwaffen - ein politisches Erdbeben im Nahen Osten auslösen. Die israelische Regierung etwa betont immer wieder, dass sie einen nuklear bewaffneten Iran unter keinen Umständen akzeptieren würde. Notfalls würde man auch militärisch gegen die iranischen Atomanlagen vorgehen, droht Jerusalem.

Am Dienstag berichtete die Londoner "Times", dass das Institute for National Security Studies (INSS) - ein Think-Tank mit besten Verbindungen in höchste israelische Geheimdienst- und Militärkreise - die Auswirkungen eines iranischen Atombombentests durchgespielt habe. Mehrere ehemalige Botschafter, ranghohe Ex-Geheimdienstler und Offiziere hätten an der Simulation mitgewirkt.

"Weltuntergangsuhr" steht wieder auf fünf vor zwölf

Die Ergebnisse: Israel würde nur militärisch drohen, aber nicht zuschlagen - schon allein deshalb, weil die USA die dafür notwendige Unterstützung verweigern würden. Saudi-Arabien würde sich vermutlich ein eigenes Nuklearwaffenprogramm zulegen, um sich vor Iran zu schützen - und die Mullahs hätten am Ende weiterhin ihre Atomwaffen.

Dass Jerusalem eventuell lernen müsse, mit einer iranischen Bombe zu leben, betonte zuletzt auch Meir Dagan. Eine Nuklearwaffe in den Händen der Mullahs müsse nicht unbedingt eine existentielle Bedrohung Israels darstellen, sagte der ehemalige Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad - sehr zum Ärger der israelischen Regierung. Gar nichts hält er von Luftangriffen auf iranische Atomanlagen. Wer glaube, Teheran auf diese Weise stoppen zu können, begehe eine "Dummheit".

Das Bulletin of the Atomic Scientists bewies unterdessen ein untrügliches Gespür für das passende Timing. Am Dienstag stellte der Forscherverband seine "Weltuntergangsuhr" eine Minute vor, auf nunmehr fünf vor zwölf. Dort stand der Zeiger zuletzt vor zwei Jahren. Dass er nun wieder näher in Richtung Endzeit rückt, begründen die Wissenschaftler mit der Untätigkeit der Politik im Kampf gegen den Klimawandel - und mit der Verbreitung von Atomwaffen.

Mit Material von AFP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
bmwfahrer 11.01.2012
1. Urananreicherung in den USA
Zitat von sysopIn Teheran stirbt ein Atomforscher bei einem Anschlag, doch das Nuklearprogramm*des Regimes dürfte das kaum verzögern. Iran hat begonnen, in einer unterirdischen Anlage Uran anzureichern. Selbst mit Luftangriffen wäre die Fabrik tief im Innern eines Bergs wohl nicht zu zerstören. Uran-Anreicherung: Iran macht Atomprogramm bombensicher - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,808337,00.html)
Hört sich so an, als hätte jemand das Recht auf Zerstörung. Darf der Iran dann auch "bei uns"/bei den Amis die Urananreicherung kaputtbomben?
drouhy 11.01.2012
2. Es
Zitat von sysopIn Teheran stirbt ein Atomforscher bei einem Anschlag, doch das Nuklearprogramm*des Regimes dürfte das kaum verzögern. Iran hat begonnen, in einer unterirdischen Anlage Uran anzureichern. Selbst mit Luftangriffen wäre die Fabrik tief im Innern eines Bergs wohl nicht zu zerstören. Uran-Anreicherung: Iran macht Atomprogramm bombensicher - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,808337,00.html)
mag zynsich klingen - nur die Bombe ist die wahre Versicherung, um nicht von schwertschwingenden Menschrechtlern und ihren Verbündeten verbefreit zu werden. Es ist ein Zeichen der Hoffnung, wenn selbst israelische Kenner der Szene etwas Realismus einziehen lassen. Die Verbunkerung solcher Anlagen nun dürfte keinen überraschen, der das Schicksal der irakischen und syrischen Atomforschung kennt, und sich zudem die massiven Kriegsdrohungen gegen diese Land anschaut. Statt unentwegt ein missliebiges Regime zu sanktionieren, sollte man schlicht dasselbe tun, wie mit anderen Vorzeigedemokratien in Nahost tun, seien es die Saudis, Bahrein oder Katar - einfach normale Handelsbeziehungen knüpfen, die auf Augenhöhe laufen. Damit wäre dem Wandel durch Handel nichts mehr in den Weg gestellt - und die Demokratie im Iran hätte jede Chance.
Schleswig 11.01.2012
3. xxx
Zitat von sysopIn Teheran stirbt ein Atomforscher bei einem Anschlag, doch das Nuklearprogramm*des Regimes dürfte das kaum verzögern. Iran hat begonnen, in einer unterirdischen Anlage Uran anzureichern. Selbst mit Luftangriffen wäre die Fabrik tief im Innern eines Bergs wohl nicht zu zerstören. Uran-Anreicherung: Iran macht Atomprogramm bombensicher - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,808337,00.html)
Ein paar Versuche wäre es alle mal wert.
heinerz 11.01.2012
4. seltam...
Zitat von sysopIn Teheran stirbt ein Atomforscher bei einem Anschlag, doch das Nuklearprogramm*des Regimes dürfte das kaum verzögern. Iran hat begonnen, in einer unterirdischen Anlage Uran anzureichern. Selbst mit Luftangriffen wäre die Fabrik tief im Innern eines Bergs wohl nicht zu zerstören. Uran-Anreicherung: Iran macht Atomprogramm bombensicher - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,808337,00.html)
...ist nur, dass der amerikanische Verteidigungsminister Panetta sagt: "Versucht Iran, eine Atomwaffe zu entwickeln? Nein." Und wer's nicht glaubt kanns bei der New York Times nachlesen http://www.nytimes.com/2012/01/09/world/middleeast/iran-will-soon-move-uranium-work-underground-official-says.html?_r=1&nl=todaysheadlines&emc=tha2&pagewanted=all
super_nanny 11.01.2012
5.
Möglicherweise *stabilisieren* Atomwaffen in den Händen der Iraner die Region sogar eher, als dass sie sie destabilisieren. Zwischen Indien und Paktistan ist es ja auch noch nicht zu einem Atomkrieg gekommen, und das wird auch zwischen Israel und Iran nicht passieren. Man könnte also sagen: wozu die Aufregung? Aber Indien und Pakistan haben kein Öl, und dass die Iraner die Meerenge von Hormus blockieren können ist den Amerikanern auch ein Dorn im Auge.
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