Uran-Exporte Prüfer werfen US-Atombehörden Schlamperei vor

Die USA haben tonnenweise waffenfähiges Nuklearmaterial exportiert - und dann zum Teil aus den Augen verloren. Ein Prüfbericht wirft den Atomaufsichtsbehörden nun haarsträubende Schludrigkeit vor: Womöglich sind große Mengen hochangereicherten Urans einfach verschwunden.

B-61-Atombomben: US-Behörden haben waffenfähiges Material aus den Augen verloren
USAF

B-61-Atombomben: US-Behörden haben waffenfähiges Material aus den Augen verloren


Hamburg - Eine Atombombe in den Händen von Terroristen ist der ultimative Alptraum von Sicherheitsexperten. Berichte über Kernmaterial, das aus schlecht gesicherten Beständen verschwunden ist oder noch verschwinden könnte, kamen allerdings bisher meist aus Staaten wie Pakistan oder einigen ehemaligen Sowjetrepubliken. Jetzt aber hat eine amerikanische Behörde einen Bericht veröffentlicht, der für die US-Regierung peinlich werden könnte.

Das Government Accountability Office (GOA) - in etwa vergleichbar mit dem deutschen Bundesrechnungshof - listet darin penibel auf, welche Mengen an hochangereichertem Uran die USA bisher exportiert haben, und vor allem: wie viel davon die Amerikaner vermissen.

Und das ist nicht wenig, wie dem Bericht zu entnehmen ist:

  • Seit den fünfziger Jahren haben die USA demnach 17,5 Tonnen hochangereichertes - also waffenfähiges - Uran exportiert. Schon das sei keine genaue Zahl, sondern lediglich eine Schätzung.
  • 12,4 Tonnen davon befänden sich in deutschen, französischen und japanischen Atomreaktoren sowie in Ländern der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) und seien dort "angemessen gesichert".
  • Der Verbleib von 1160 Kilogramm sei 1993 bei Nachforschungen von US-Behörden geortet worden - nachdem das Energieministerium und die Atomsicherheitskommission (NRC) schon 1992 dem US-Kongress nicht lückenlos berichten konnten, wo ihr exportiertes Uran geblieben war.
  • Weitere 1240 Kilogramm wurden im Rahmen der "Global Threat Reduction Initiative" des Energieministeriums aus einer Reihe von Staaten in die USA zurückgeholt.

Damit bleiben unter dem Strich 2700 Kilogramm hochangereichertes Uran, deren Verbleib offenbar bestenfalls lückenhaft bekannt ist. Wo genau man sie vermutet, wird in dem GAO-Bericht nicht erwähnt. Wie das US-Magazin "Wired" auf seiner Website berichtet, wurden diese Informationen als zu brisant eingestuft und dem Kongress in einem vertraulicher Bericht gemeldet.

Scharfe Kritik an Schludrigkeiten

Der GAO-Bericht enthält teils haarsträubende Details über die Organisation des Energieministeriums und des NRC, die für die Sicherheit des Atommaterials verantwortlich sind. So seien die Käufer des Urans zwar vertraglich verpflichtet, den USA auf Anfrage Informationen über die Lagerung des Urans zukommen zu lassen. "Aber das Energieministerium und die NRC haben solche Daten nicht systematisch angefordert", heißt es in dem Bericht. Die Behörden "haben keine umfassende, detaillierte und aktuelle Bestandsliste des amerikanischen Nuklearmaterials". Das gelte auch für waffenfähige Stoffe wie hochangereichertes Uran und Plutonium.

Auch die Bemühungen des Energieministeriums und der NRC, die Sicherheit des Materials im Ausland zu überprüfen, verliefen laut GAO-Bericht ziemlich lax. Zum einen gäben die Vereinbarungen mit den Käuferstaaten den USA nicht das Recht, die Sicherheit des Nuklearmaterials vor Ort zu überwachen und zu bewerten. Die Teams der beiden US-Behörden könnten ausländische Anlagen deshalb nur prüfen, wenn sie die Erlaubnis dazu bekämen.

Doch selbst das geschah offenbar nur lückenhaft. Die Länder, die laut GAO die mit dem größten Verbreitungsrisiko behafteten Mengen an US-Nuklearmaterial besitzen, wurden vom Energieministerium und der NRC "nicht systematisch besucht". Auch die Lagerstätten, von denen bekannt war, dass sie die internationalen Sicherheitsbestimmungen unterlaufen, seien nicht systematisch geprüft worden. Dabei wäre das dem Bericht zufolge dringend nötig gewesen: Bei den 55 Besuchen im Ausland, die zwischen 1994 und 2010 stattgefunden haben, seien die Sicherheitsrichtlinien der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in mehr als jedem dritten Fall missachtet worden.

Unabhängige Experten äußerten sich erstaunt über den GAO-Bericht. "Es ist erstaunlich, wie völlig ungezwungen das Energieministerium bei der Verfolgung des Materials ist", sagte Atomwaffenexperte Jeffrey Lewis vom Monterey Institute of International Studies zu "Wired". "Es gibt dort niemanden, der sich darum kümmert."

Das Energieministerium sieht das freilich anders. Schließlich gebe es internationale Verpflichtungen und IAEA-Inspektoren. Außerdem stehe im GAO-Bericht nicht, dass Uran oder Plutonium verloren gegangen seien - sondern nur, dass gewisse Richtlinien nicht eingehalten wurden. "Wir glauben", sagte ein Sprecher des Energieministeriums, "dass die Sicherheitsmaßnahmen effektiv sind und durch die IAEA-Inspektionen und die Meldepflichten durchgesetzt werden."

mbe

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Kaygeebee 16.09.2011
1.
Wenn es "nur" Atomwaffenfähiges Uran/Plutonium wäre... die USA haben schon ganze Atomwaffen (Atom- sowie Wasserstoffbomben) verloren. Einige hat man bis heute nicht gefunden und sind gigantische Sicherheitsrisiken. Und dann wettern alle gegen den Iran und sein Atomprogramm.
derknecht 16.09.2011
2. Man sollte...
diese Terroristen sollte man vorsorglich bombadieren. Das wäre die erste Forderung wenn es sich um ein anderes Land handeln würde. Aber was solls, wenn es die USA ist dann wird das schon in Ordnung gehen.
shatreng 16.09.2011
3.
Irgendwann fliegt uns der ganze Landen einfach um die Ohren.
Zyklotron, 16.09.2011
4. Uranium
Sicher ist das Zeug im iranischen oder nordkoreanischen Atommeiler gelandet. Jetzt haben die USA endlich einen Grund anzugreifen. Der nächste Krieg zur Wirtschaftsrettung ist in Planung.
Neurovore 16.09.2011
5.
Zitat von sysopDie USA haben jahrzehntelang waffenfähiges Nuklearmaterial exportiert - und dann zum*Teil aus den Augen verloren. Ein*Prüfbericht wirft den Atomaufsichtsbehörden nun haarsträubende Schludrigkeit vor: Offenbar sind*große Mengen*hochangereicherten Urans einfach verschwunden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,786737,00.html
Ja haben die denn keine Freiwillige Selbstverpflichtung unterschrieben? Da ist es doch kein Wunder, daß sowas passiert....
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