Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

US-Atomkraftwerk: Radioaktive Substanzen verseuchen Boden

In der Nähe eines Atomkraftwerks im US-Staat Vermont wurden große Mengen radioaktiven Cäsiums nachgewiesen. Die Erde in dem Gebiet soll nun weiträumig abgetragen werden. Wahrscheinlich muss der Altreaktor Vermont Yankee sogar bald vom Netz.

Kontrollraum des Kraftwerks Vermont Yankee (2009): Probleme mit Cäsium und Tritium Zur Großansicht
AP

Kontrollraum des Kraftwerks Vermont Yankee (2009): Probleme mit Cäsium und Tritium

Washington - Rund um ein Atomkraftwerk im US-Staat Vermont sind gefährliche Substanzen in den Boden eingedrungen. Auf dem Gelände des Kraftwerks Vermont Yankee sei radioaktives Cäsium-137 nachgewiesen worden, teilten die Gesundheitsbehörden mit. Es gebe aber keine Hinweise, dass die Substanz ins Grundwasser gelangt sei. Nur wenige Tage zuvor hatten die Behörden bereits mitgeteilt, dass aus dem Kraftwerk radioaktives Tritium ausgetreten sei. Das Problem - ein Leck in unterirdischen Leitungen - sei aber mittlerweile behoben, hieß es.

Cäsium-137 entsteht bei der Kernspaltung und kann in größeren Mengen krebserregend wirken. Erste Spuren der radioaktiven Substanz waren bereits Ende Februar im Umkreis des Atomkraftwerks entdeckt worden. Die Betreiber hatten damals aber erklärt, dies sei auf die US-Atomwaffentests in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 zurückzuführen.

Die Regierung des US-Staates Vermont erklärte nun aber, die festgestellte Cäsium-Konzentration sei drei- bis zwölfmal höher, als es aufgrund der Atomwaffentests und der Tschernobyl-Katastrophe zu erwarten wäre. Es sei "wahrscheinlich, dass das Cs-137 aus Quellen stammt, die mit dem Reaktor Vermont Yankee zusammenhängen".

Ein Regierungsexperte hatte zuvor gesagt, dass Cäsium-137 vermutlich bereits in den siebziger Jahren aus leckenden Kernbrennstäben ausgetreten sei, mit denen das Atomkraftwerk Vermont Yankee damals zu kämpfen hatte. Ein Sprecher des Kraftwerksbetreibers kündigte an, die Erde um den Reaktor solle abgetragen und als radioaktiver Abfall entsorgt werden. Nach einem Bericht der "New York Times" wollen die Aufsichtsbehörden den Betreiber sogar dazu zwingen, den Reaktor bis zum Jahr 2012 komplett vom Netz zu nehmen.

boj/apn

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Interaktive Grafik
SPIEGEL ONLINE
Atomkraftwerke in Deutschland

Fotostrecke
Alle Fakten: Atomenergie in Deutschland und weltweit
Interaktive Grafik
Atomkraft: Die Positionen der EU-Staaten und der wichtigsten Industrienationen

Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: