Sicherheitslücke US-Soldaten konnten Atomrakete bei Test nicht zurückerobern

Große Sicherheitslücken bei den US-Atomstreitkräften: Jetzt wird bekannt, dass Angreifer bei einer Übung eine Interkontinentalrakete in ihre Gewalt gebracht haben. Dem Sicherheitsteam gelang es nicht, das Silo zurückzuerobern.

"Minuteman III"-Rakete auf der Malmstrom Air Force Base: Sicherheitspannen in Serie
DPA/ USAF

"Minuteman III"-Rakete auf der Malmstrom Air Force Base: Sicherheitspannen in Serie


Washington - Sicherheitspannen, demotivierte Soldaten, Fehltritte von Kommandeuren: Eine ganze Reihe von Enthüllungen ließ in den vergangenen Monaten die Frage aufkommen, wie sicher die 450 Interkontinental-Atomraketen der USA sind. Die Waffen vom Typ "Minuteman III", die in Silos auf drei Luftwaffenbasen stehen, können innerhalb von 30 Sekunden nach dem Befehl des Präsidenten abgefeuert werden.

Jetzt ist eine weitere Panne öffentlich geworden. Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, hat im Sommer 2013 auf der Malmstrom Air Force Base im US-Bundesstaat Montana eine Übung mit beunruhigendem Ergebnis stattgefunden. Bei dem Test sei simuliert worden, wie Angreifer in ein Raketensilo einbrechen und bis zur "Minuteman"-Rakete vordringen. Laut einem internen Bericht des US-Militärs seien die Sicherheitskräfte nicht in der Lage gewesen, das Silo zügig wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Das sei ein "kritischer Mangel", heiße es in dem Dokument.

Zwar sei es in der Übung nicht darum gegangen, dass die Angreifer die Atomrakete hätten starten können - dafür müsste man verschlüsselte Befehle entziffern, die direkt vom Präsidenten kommen. Allerdings hätten sie an die nuklearen Sprengköpfe herankommen können. Die "Minuteman"-Raketen sind jeweils mit einem bis drei Atomsprengköpfen bestückt. Jeder verfügt über eine Sprengkraft von etwa 200 bis 500 Kilotonnen TNT, was grob dem 15- bis 40-Fachen der Hiroshima-Atombombe entspricht.

"Unfähigkeit zu einer effektiven Reaktion"

Laut dem internen Bericht, den AP durch eine Anfrage auf Basis des Informationsfreiheitsgesetzes erhielt, sollte das Sicherheitsteam auf ein sogenanntes "Empty Quiver" ("Leerer Köcher")-Szenario reagieren, bei dem eine Atomwaffe gestohlen wird oder anderweitig verlorengeht. Der Test habe die "Unfähigkeit zu einer effektiven Reaktion" der Sicherheitskräfte gezeigt. Sie seien nicht in der Lage gewesen, "alle gesetzlichen Maßnahmen zu ergreifen, um die Kontrolle über Atomwaffen sofort zurückzuerlangen".

Welche Maßnahmen damit genau gemeint sind, blieb laut AP unklar - der Report sei an den entsprechenden Stellen geschwärzt gewesen. Das Pentagon begründete das mit der Geheimhaltung sicherheitsrelevanter Informationen. Auch Details über den simulierten Angriff selbst und die Größe des Sicherheitsteams wurden nicht bekannt.

Das Versagen bei dem simulierten Angriff sei der Grund dafür gewesen, warum der 341st Missile Wing der US-Luftwaffe einen größeren Sicherheitstest im August 2013 nicht bestanden habe. Damals hatte die U.S. Air Force lediglich von "Fehlern auf taktischer Ebene" während einer Phase der Inspektion gesprochen. Von einem Versagen der Sicherheitskräfte war keine Rede gewesen.

Der jetzt bekannt gewordene Bericht nennt auch Gründe für die Panne. Der Kern des Problems sei unzureichendes Training: Die Sicherheitskräfte seien nicht an Übungen mit "komplexen Szenarien" gewohnt. Auch gebe es Mängel in der Führungskultur, und es fehle an standardisierten Simulationen nicht nur an der Malmstrom Air Force Base, sondern bei den Raketenstreitkräften insgesamt.

Regelverstöße und Sicherheitspannen bei den US-Atomstreitkräften wurden zuletzt in ungewöhnlicher Häufung bekannt:

  • Im März 2014 wurden neun Offiziere an der Malmstrom Air Force Base aus ihren Führungspositionen entfernt, der Kommandant des 341st Missile Wing musste seinen Hut nehmen. Der Grund: Verbreiteter Betrug bei Leistungstests von Soldaten.
  • Im Mai 2013 sorgte ein Bericht von Inspektoren der Air Force für Aufsehen: Im 91st Missile Wing auf der Minot Air Force Base in North Dakota herrsche eine "Kultur der Gleichgültigkeit", schrieben sie in einer internen E-Mail. 17 Offiziere wurden suspendiert, sie waren für die Kontrolle der Atomraketen auf der Basis zuständig. In mindestens einem Fall seien absichtlich die Sicherheitsregeln verletzt worden. Außerdem habe es einen offensichtlichen Unwillen gegeben, Regelbrecher mit ihren Handlungen zu konfrontieren und diese zu melden.
  • Am 10. Oktober 2013 wurde bekannt, dass Vizeadmiral Tim Giardina degradiert wird - ihm wurde vorgeworfen, in einem Casino im US-Bundesstaat Iowa gefälschte Spielchips eingesetzt zu haben. Als stellvertretender Chef des Strategischen Kommandos, das für die Nuklearwaffen aller US-Teilstreitkräfte zuständig ist, wurde er abberufen.

mbe

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Seite 1
eulenspiegel1979 23.05.2014
1. Ärgerlich, aber ...
... soweit ich weiß gehen ohne Abschusscodes noch nicht mal die tonnenschweren Stahldeckel des Abschussschachts auf und Abfeuern schon gar nicht. Die Terroristen können das Ding also weder abfeuern, noch vor Ort abtransportieren. Selbst eine Demontage des Sprengkopfs gestaltet sich wohl eher schwierig bis unmöglich. Selbst wenn es ginge, dauert es Stunden und in dieser Zeit wäre der Bunker aber so was von umstellt und die Insassen mit irgendeinem Nervengas ruhig gestellt.
freeride4ever 23.05.2014
2. optional
meine Sorge ist eher, wenn das bei den Amis schon so schlampig gehandhabt wird, wie handhaben das dann erst die anderen...?
regensommer 23.05.2014
3. Mich wundert die Offenheit
Wenn auch Teile der Berichte geschwärzt sind, so ist das doch eine gewisse Offenheit. Ist die auch bei der Bundeswehr zu finden? Gibt es Übungen um zum Beispiel einen Angriff auf ein AKW abzuwehren? Gibt es überhaupt Mängelberichte oder werden die einfach verschwiegen?
Peter from Germany 23.05.2014
4. Das sehe ich anders
1. Jeder Panzer und erst recht ein Atombunker ist Tage bis Wochenlang immun gegen Gasangriffe, ja sogar gegen Strahlung. 2. Wenn man direkt an der Bombe dran ist, braucht es kein Passwort mehr! Die ausführende Mechanik und Elektronik ist so simpel wie möglich gehalten, damit so wenig wie möglich Fehlerquellen auftreten. Nebenbei: Ist den Amerikanern nicht mal ein Atomsprengkopf abhanden gekommen??? In deutschen Mainstreammedien konnte man darüber nichts lesen.
747400 23.05.2014
5. Test bleibt Test
Meiner Meinung nach sind eben solche Tests dafür vorgesehenen, solche problematischen verhältnisse aufzudecken. Obwohl jetzt also eine temporäre Sicherheitslücke vorliegen würde, wird es diese hoffentlich in Zukunft nicht mehr geben. Dennoch bleibt aber auch bezüglich verschiedenster Umstände vieles im Dunkeln, was eine objektive Meinung über militärische Problematiken in den USA sehr erschwert.
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