Tarnkappenschiff "Zumwalt" US-Zerstörer verfeuert 800.000 Dollar - pro Schuss

Munition für 16 Millionen Dollar verschießen die beiden Hauptgeschütze der USS "Zumwalt" pro Minute. Nun hat das Pentagon den Geldhahn für das modernste Kriegsschiff der Welt abgedreht.


Es ist das modernste Kriegsschiff der Welt, und in jedem Fall auch das futuristischste: die USS "Zumwalt". Das Schiff gilt als größter Zerstörer der Welt, er ist 183 Meter lang und hat eine Verdrängung von über 15.000 Tonnen. Erst im Oktober wurde das Schiff in den Dienst der US Navy gestellt. Passend zum Science-Fiction-Design der "Zumwalt" heißt der kommandierende Kapitän James Kirk - so wie die berühmte Figur aus der "Star Trek"-Serie.

Doch nun hat Kapitän Kirk ein Problem: Ihm wird wohl bald die Munition gestrichen werden - noch bevor das Schiff richtig im Einsatz ist. Denn dem Pentagon sind die noch in der Entwicklung befindenden Geschosse der beiden Hauptgeschütze zu teuer, berichten US-Quellen - auch wenn Navy-Sprecher den Fall nicht kommentieren wollten.

Etwa 800.000 Dollar (rund 720.000) Euro soll ein Schuss aus dem sogenannten Advanced Gun System (AGS) der "Zumwalt" kosten - behaupten freundliche Kalkulationen. Das ist selbst den rüstungsfreundlichen Politikern in Washington zu viel. Im Vergleich dazu kosten technisch weit überlegene Marschflugkörper nur ein paar Hunderttausend Dollar mehr.

Denn die beiden Kanonen können jeweils zehn Geschosse pro Minute abfeuern. Das macht bei maximaler Feuerkraft 16 Millionen Dollar, die verschossen werden - in sechzig Sekunden. Was macht das Advanced-Gun-System so teuer?

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USS "Zumwalt": Riesen-Zerstörer auf Jungfernfahrt

Die "Zumwalt" verschießt sogenannte Long Range Land Attack Projectile (LRLAP). Diese 155mm-Geschosse könnten über eine Entfernung von bis zu 120 Kilometern abgefeuert werden, wie Tests gezeigt haben - so weit fliegt kein anderes von einem US-Kriegsschiff abgefeuertes Geschoss.

Die Projektile werden verschossen wie konventionelle Geschosse aus einer Kanone, sie fliegen dann in einer ballistischen Kurve Richtung Ziel. Hersteller Lockheed testet auch einen zusätzlichen Raketenantrieb. Dank GPS-Technik und kleiner Lenkflügel sollen die Projektile punktgenau treffen. Bei der Eingabe von entsprechenden Koordinaten sei es theoretisch möglich, in Straßenkämpfe von Küstenstädten einzugreifen, behauptet Entwickler Lockheed Martin.

LRLAP-Munition soll allerdings nur für bestimmte Ziele verwendet werden, die besonders schwer zu treffen sind. Die "Zumwalt" sollte davon rund hundert Stück an Bord haben. Die Geschosse sind etwa hundert Kilogramm schwer und rund 2,20 Meter lang. Neben dem GPS-System zur Navigation befindet sich auch eine sogenannte Inertiale Messeinheit (IMU - Inertial Measurement Unit) an Bord. Durch diese IMU-Einheit arbeitet das GPS präziser, sie werden auch in Marschflugkörpern verwendet.

Die Advanced-Gun-System-Geschütze sind mit Tarnkappentechnik ausgerüstet: Die Rohre verstecken sich in speziell geformten Türmen auf dem Vorderdeck des Schiffes, sie werden nur zum Feuer ausgefahren. Im Gegensatz zu klassischen Geschützen arbeitet AGS weitgehend ferngesteuert - das Ausrichten und Laden passiert automatisch, das spart Soldaten ein. Damit die hohe Frequenz von zehn Schüssen pro Minute eingehalten werden kann, sind die Geschützrohre wassergekühlt.

Tarnkappentechnik durch Kohlefasern

Bei der Entwicklung der Waffensysteme habe es keine Probleme gegeben, die die Kosten in die Höhe getrieben hätten, hieß es aus Militärkreisen - alle Test seien gut gelaufen.

Teuer machen die USS "Zumwalt" und ihre Geschosse wohl ein anderer Umstand: In den Neunzigerjahren plante das Pentagon, gleich eine ganze Flotte der Schiffe zu bauen. Doch schnell zeigte sich, dass die Kosten für die Technik gigantisch sind. Deshalb wurde das Projekt 2001 eingedampft, es werden insgesamt nur drei statt der ursprünglich geplanten bis zu 32 Schiffe ausgeliefert.

Dass dürfte den Preis auch noch einmal in die Höhe getrieben haben. Schließlich müssen nun sämtliche Entwicklungskosten auf die drei Zerstörer aufgeteilt werden. Es war also ausgerechnet die Reduzierung der Flotte aus Kostengründen, die den Preis hat steigen lassen.

Dabei wollte man unbedingt ein schwimmendes Pendant zu den berühmten Stealth-Jets: Dank ausgereifter Tarnkappentechnik in Form von Kohlefasermaterialien würde ein feindliches Radargerät die "Zumwalt" nur als kleines, harmlos aussehendes Boot auf dem Bildschirm anzeigen. Deshalb wird sie außerhalb des Kriegsfalls aus Sicherheitsgründen mit speziellen Radarreflektoren ausgestattet, die den Schiffen auf den Meeren das ganze Ausmaß des Zerstörers verdeutlichen.

Derzeit befindet sich das Schiff mit der Zusatzbezeichnung DDG-1000 noch in einer Werft in San Diego. Dort wird man nun wohl andere Munition laden, die deutlich günstiger sein soll - oder gleich ein neues Waffensystem einbauen. Spekuliert wird etwa über den Einsatz von Railguns, an denen die Navy schon länger forscht, dabei erreichen Stahlprojektile durch elektromagnetische Impulse sehr hohe Geschwindigkeiten. Auch der Einsatz des bereits erprobten Excalibur-Systems wird erwogen.

Allerdings würden diese Systeme das Schiff, bei dem mit Kosten bis zu 4,4 Milliarden Euro pro Stück gerechnet wird, noch einmal teurer machen. Und sie würden nicht die Reichweite der LRLAP-Geschosse erreichen. Kapitän Kirk könnte dann wohl nur 50 Kilometer weit feuern - das wäre dann etwas weniger Science-Fiction.

joe



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