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Verdorbener Wein Chemische Altlasten ruinieren edle Tropfen

Korkschmecker: Was einen Wein verdirbt
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DPA

2. Teil: Viele Korkschmecker gehen auf das Konto chemischer Altlasten

Wie viele vermeintliche Korkschmecker gehen aber tatsächlich auf das Konto von Altlasten in der Kellerei?

Die Forscher lassen diese Frage unbeantwortet: "Eine statistische Erhebung haben wir nicht gemacht", sagt Kellerwirtschaftsexperte Jung. Nach Schaefers Meinung tritt das Phänomen "öfter auf, als man denkt". Chemische Altlasten, die noch aus den siebziger und achtziger Jahren stammten, seien "sehr häufig" in älteren Weinbau-Betrieben festzustellen.

Der Önologe verweist auch auf Fälle, in denen Winzer verseuchtes Holz entfernt und Wände neu verputzt haben: "Heute klagen sie nicht mehr über Mufftöne im Wein." Allerdings: Gerade in Deutschland gibt es unzählige kleine Weingüter, die nicht die finanziellen Mittel haben, um ihre Keller zu sanieren.

Beim Deutschen Kork-Verband mit Sitz in Bielefeld nimmt man die aktuellen Forschungsergebnisse mit einer gewissen Genugtuung auf. "Sie führen dazu, dass dem Naturkorken nicht mehr automatisch die Schuld zugewiesen wird", sagt Geschäftsführer Frank Müller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Vor rund zehn Jahren wurde noch massenhaft minderwertige Ware auf den Markt geworfen, um die explodierende Nachfrage unter anderem in Osteuropa zu befriedigen. Damals galt jeder zehnte Flaschenwein als dumpf-muffig, der Ruf des Naturkorkens war ruiniert. Inzwischen sind laut Müller Qualitätskontrollen in der Branche die Regel.

Wie hoch die Korkton-Quote heute ist, weiß niemand genau. Von Herstellerseite hört man oft, dass nur noch jeder hundertste Wein betroffen sei. Bei rund 500 Millionen Flaschen, die deutsche Winzerbetriebe nach Verbandsangaben nach wie vor mit Naturkorken verschließen, wären das immer noch fünf Millionen Korkschmecker pro Jahr - was eine Schadenssumme im siebenstelligen Bereich nahelegt.

Das nächste Problem droht

Die Geisenheimer Kellerexperten beunruhigt unterdessen eine neue Entwicklung. Laut Schaefer häufen sich Fälle, bei denen nicht Trichloranisol Weine verhunzt, sondern das chemisch eng verwandte Tribromanisol (TBA), ein ebenso potenter Geschmackskiller. Er stammt nicht aus chemischen Altlasten, sondern aus bromhaltigen Flammschutzmitteln, die noch heute verwendet werden.

Die hessischen Önologen haben die TBA-Vorläufer nicht nur in Holzpaletten nachgewiesen, sondern auch in den Kartonverpackungen von Flaschenkorken. Ihr Schweizer Kollege Hesford kennt Fälle, in denen sich Kunststoffverschlüsse das Tribromanisol beim Schiffstransport aus Übersee eingefangen haben: "Die Container, in denen sie untergebracht waren, hatten einen Holzboden, und der war mit einem bromhaltigen Mittel gegen Pilzbefall imprägniert." Die Plastikkorken seien zwar in Kunststoffsäcken verpackt gewesen. Das habe die Übertragung von TBA aber nicht verhindert.

Seit Beginn ihrer Studie im Sommer 2007 haben die Geisenheimer Forscher Analysen in gut drei Dutzend deutschen und auch einigen österreichischen Weingütern durchgeführt. In rund der Hälfte der Fälle konnten sie nach eigenen Angaben Tribromanisol nachweisen. Häufig treten die beiden Geschmackskiller TBA und TCA sogar parallel auf - die Weinkeller erweisen sich als doppelte Schadstoffquelle.

Schaefer glaubt zwar, "dass wir die Altlast der chlorierten Anisole irgendwann überwinden werden". Doch der Nachwuchsforscher muss feststellen, dass die Fortsetzung schon folgt. Mit den bromierten Flamm- und Pilzschutzmitteln, so der Önologe, "schaffen wir uns das nächste Problem."

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insgesamt 12 Beiträge
Michael KaiRo 21.04.2010
Mag ja alles gut sein, jedoch hatte ich noch nie einen "Korkschmecker" wenn der Wein OHNE Kork, also mit einem Kunststoff-, Glaskorken oder einem Schraubverschluss verschlossen war. Eine große Winzergenossenschaft [...]
Zitat von sysopDer Korkschmecker ist unter Winzern und Weinkennern gefürchtet: Er verdirbt teure Weine und verursacht Millionenschäden. Jetzt aber stellt sich heraus: Der Korken wird womöglich oft zu Unrecht verdächtigt, die muffige Note in den edlen Tropfen zu bringen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,687815,00.html
Mag ja alles gut sein, jedoch hatte ich noch nie einen "Korkschmecker" wenn der Wein OHNE Kork, also mit einem Kunststoff-, Glaskorken oder einem Schraubverschluss verschlossen war. Eine große Winzergenossenschaft stellt übrigens von Kunststoffkorken auf Schraubverschluss um. Mir egal, trotzdem ist das vertraute "Plopp" eines Korkens netter :-) P.S.: "Die Plastikkorken seien zwar in Kunststoffsäcken verpackt gewesen. Das habe die Übertragung von TBA aber nicht verhindert." - hmm, da müsste man in der Doktorarbeit genauer nachlesen, wie, wann, wo und was! Für Kunststofffolien gibt es klipp und klare Permeabilitätskriterien, welche die Hersteller oftmals konkret angeben.
Trichloranisol (TCA) findet sich leider nicht nur in Wein, sondern auch in Häusern. Gerade in etwas älteren Fertighäusern wurde PCP häufig als Holzschutzmittel im Ständerwerk verwendet und wird heute mikrobiell zu TCA abgebaut, [...]
Trichloranisol (TCA) findet sich leider nicht nur in Wein, sondern auch in Häusern. Gerade in etwas älteren Fertighäusern wurde PCP häufig als Holzschutzmittel im Ständerwerk verwendet und wird heute mikrobiell zu TCA abgebaut, das in die Raumluft übertritt und zu einem ganz penetranten schimmlig-muffigen Geruch führt. Diese "Stinkehäuser" müssen dann aufwendig saniert werden. Ein Schaden, der dem in der Weinbranche sicher nicht nachsteht!
Liberalitärer 21.04.2010
Sind die Wörter Renovierung oder Modernisierung politisch nicht korrekt? Oder warum wird immer kernsaniert, wo es ein auch ein Eimer Farbe täte? Und wegen dieses Zeugs. Niemand ist daran gestorben, auch nicht an einem verkorkten [...]
Sind die Wörter Renovierung oder Modernisierung politisch nicht korrekt? Oder warum wird immer kernsaniert, wo es ein auch ein Eimer Farbe täte? Und wegen dieses Zeugs. Niemand ist daran gestorben, auch nicht an einem verkorkten Wein, ab ins Klo und gut ist es.
avollmer 21.04.2010
Aus dem Artikel ---Zitat--- Gerade in Deutschland gibt es unzählige kleine Weingüter, die nicht die finanziellen Mittel haben, um ihre Keller zu sanieren. ---Zitatende--- Mit professioneller Einstellung wäre es gar nicht so [...]
Aus dem Artikel ---Zitat--- Gerade in Deutschland gibt es unzählige kleine Weingüter, die nicht die finanziellen Mittel haben, um ihre Keller zu sanieren. ---Zitatende--- Mit professioneller Einstellung wäre es gar nicht so weit gekommen. Dann wäre das Niveau höher, der Preis besser und die fachgerechte Instandhaltung der Anlage sichergestellt. Fragwürdig ist, dass dort anscheinend keine Anlagenabschreibungen und Instandhaltungsrücklagen in die Bilanz eingestellt werden. Ist das nicht Insolvenzverschleppung? Zehren von der Substanz, warum? Die müssten mal anfangen ihre tatsächlichen Gestehungskosten zu ermitteln und aufhören ihren Wein unterhalb dieses Betrag zu verkaufen. Ein Unternehmerlohn und Rücklagen muss auch noch herauskommen. Sonst sind sie wirtschaftlich schon tot, wollen es nur nicht wahrhaben. Winzerprekariat.
pulegon 21.04.2010
Naja das Zeug ist halt unpolar und flüchtig, da bietet eine unpolare Kunststofffolie kaum Schutz. Deswegen sind Kunststoffe ja allgemein auch nicht besonders geschmacksneutral / nehmen auch gerne Farbe an.. [...]
Zitat von Michael KaiRoP.S.: "Die Plastikkorken seien zwar in Kunststoffsäcken verpackt gewesen. Das habe die Übertragung von TBA aber nicht verhindert." - hmm, da müsste man in der Doktorarbeit genauer nachlesen, wie, wann, wo und was! Für Kunststofffolien gibt es klipp und klare Permeabilitätskriterien, welche die Hersteller oftmals konkret angeben.
Naja das Zeug ist halt unpolar und flüchtig, da bietet eine unpolare Kunststofffolie kaum Schutz. Deswegen sind Kunststoffe ja allgemein auch nicht besonders geschmacksneutral / nehmen auch gerne Farbe an.. ('Möhrchenplastik')
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