Verschickung von Nuklearmaterial Pariser Regierung untersucht Atom-Transporte nach Sibirien

Das Material lagert unter freiem Himmel: Jährlich schickt Frankreich mehr als hundert Tonnen abgereichertes Uran nach Sibirien. Umweltschützer vermuten die illegaler Entsorgung von Atommüll, der Energieversorger EDF dementiert. Nun hat die französische Regierung eine Untersuchung angeordnet.

AFP

Paris - Die Staatssekretärin drückte sich diplomatisch, aber klar aus. Es sei nötig, die Stromerzeugung in den französischen Atomkraftwerken aufrecht zu erhalten - schon allein um gegen die Emission zusätzlicher Treibhausgase vorzugehen. Allerdings dürfe es "nicht die kleinste Möglichkeit eines Verdachts" geben, dass ein Problem bestehe. "Wir brauchen eine Untersuchung", sagte die französische Umweltstaatssekretärin Chantal Jouanno dem Radiosender "France Info".

Gleichzeitig brachte ihr Büro eine Erklärung in Umlauf, in der sie ebenfalls fordert, Vorwürfe einer illegalen Lagerung von französischem Atommüll in Sibirien prüfen zu lassen. Es gehe um eine "interne Untersuchung" beim staatlichen Atomkraftbetreiber EDF. Gleichzeitig stelle Jouanno aber klar, dass sie "keine übereilte Entscheidung" treffen und erst alle Informationen sammeln wolle.

Worum geht es? Journalisten der Zeitung "Libération" und des Fernsehsenders "Arte" hatten EDF vorgeworfen, seit Mitte der neunziger Jahre jährlich rund 108 Tonnen nukleares Material nach Sibirien verschickt zu haben. Dort werde das abgereicherte Uran im Atomzentrum Sewersk, früher Tomsk-7, unter freiem Himmel gelagert.

Abfall oder Wertstoff?

EDF dementiert die Transporte nicht - legt aber Wert auf die Feststellung, dass es sich nicht um Atommüll handele. Es gehe vielmehr um wiederverwertbares Uran, das in Russland erneut angereichert werden soll. "Es wird kein Atommüll von EDF nach Russland transportiert", hatte eine Firmensprecherin erklärt. Im Übrigen gehöre das Material nicht mehr EDF, sondern dem russischen Unternehmen Tenex. Der Transport des kaum mehr angereicherten Urans sei internationaler Standard und werde auch von deutschen, niederländischen oder US-Unternehmen vorgenommen.

Experten und Umweltschützer bezeichnen das Material jedoch als nicht wiederverwertbar. Es sei wie eine bereits zweimal ausgepresste Orange, die kaum mehr Saft liefern könne. EDF erklärte dagegen, dass 20 Prozent der französischen Atomenergie aus wiederaufbereiteten Nuklearabfällen hergestellt werde. Welchen Anteil dabei jene Abfälle haben, die nach Sibirien verschickt und nicht von Areva in Frankreich aufbereitet werden, ist nicht klar.

In Atomkraftwerken der kommenden Generation - die französischen Behörden gehen von einem Bau um das Jahr 2040 aus - soll das abgereicherte Uran als Brennstoff eingesetzt werden. Derzeit kann es jedoch nicht verwertet werden. Die Anti-Atombewegung fordert deswegen, abgereichertes Uran nicht mehr als Wertstoff, sondern als Atommüll einzustufen. Dann dürfte es allerdings nach der Baseler Konvention über den Export gefährlicher Abfälle nicht mehr nach Russland exportiert werden.

Frankreich hat wie Deutschland bislang kein Endlager für seinen Atommüll. Von den 1.150 Tonnen gebrauchten Brennstoffes, die jährlich anfallen, werden 850 Tonnen im nordfranzösischen La Hague aufbereitet. Der Rest wird in Kühlbecken zwischengelagert.

Die Anti-Atomkraftbewegung Sortir du Nucléaire warf Staatssekretärin Jouanno vor, mit der Ankündigung einer möglichen Untersuchung nur Zeit schinden zu wollen, "bis die Affäre aus den Nachrichten verschwindet". Die Organisation forderte die Regierung auf, die von EDF in Russland zurückgelassenen radioaktiven Abfälle nach Frankreich zurückzuholen.

chs/AFP/AP



Forum - Hat Atomkraft Zukunft?
insgesamt 7151 Beiträge
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Seite 1
walhalla33 06.07.2009
1. Ein entschiedenes "Nein"
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Hallo, die Atomkraft ist nicht zukunftsfähig. Zwei Punkte: Es gibt keine Endlager für den Atomschrott Uns kann jeder Zeit eines davon um die Ohren fliegen. Dann ist das Geschrei groß. Ob das allerdings als Wahlkampfthema der SPD dient? Nein, das war ein Thema der Grünen. Und so wird das auch wahrgenommen. Es grüßt alle Foristen Antje
Iggy Rock, 06.07.2009
2.
Wenn man sich die Horrorgeschichte der vergangenen Jahre bezüglich Krümmel anschaut, könnte man meinen, aufgrund der geplanten Abschaltung würde Vattenfall wie auch Mitbesitzer Eon keinen Cent mehr in die Anlage stecken, die ohnehin schon immer Probleme machte. Zukunft? Nur wenn es übermäßig strenge Kontrollen, genauste Studien über den Gesundheitszustand der Anwohner, und echte Konzepte für die Endlagerung gibt, aber anscheinend ist das Utopie. Gammelreaktoren gehören vom Netz, in Krümmel reicht es schon lange.
eeg-gegner 06.07.2009
3.
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Da das bekanntlich mit den sog. "Erneuerbaren Energien" nie klappen wird, den Energiehunger der wachsenden Menschheit auch nur zu Bruchteilen zu befriedigen - welches Land im Wüstengürtel der Erde kann schon 300 Mill. € pro 50 MW Nennleistung für maximal 14 Stunden Strom ausgeben? -, wird der Menschhhjeit nix anderes übrig bleiben, als Kernreaktoren zu bauen und mit den möglichen "Brennstoffen" Uran, Plutonium und Thorium Energie zu erzeugen. Die Einzigen, die das nicht kapieren können, sind eine lautstarke und gewaltbereite Minderheit von technisch-physikalisch schlecht gebildeten Deutschen.
LumpY 06.07.2009
4.
bevor keiner eine lösung für den atommüll hat braucht man gar nicht diskutieren. desweitern sollten mir die befürworter erklären, warum wir andere menschen für unser uran überall auf der welt verrecken lassen, statt es selbst zu fördern.. die nachteile werden global verteilt und die vermeintlichen vorteile (die es nicht gibt) behalten wir. p.s. nein deutschland hat ohne atomkraft keinen energieengpass, wir exportieren strom. und nein atomstrom ist nicht billig, nur weil die betreiber die zusätzlichen kosten auf den steuerzahler abladen
Rainer Girbig 06.07.2009
5. Was für eine
schwierige Frage. Die Diskussion gehört wohl eher in den Politikbereich, denn es ist sicher keine Frage der Wissenschaft. Ob Kernkraft Zukunft hat, ist eine politische Entscheidung. Die derzeitigen Ausstiegsfristen und Restlaufzeiten erscheinen mir wie eine Aktion von Börsenspekulanten. Man schließt eine Wette ab, dass in dreissig Jahren dieses und jenes passiert bzw. technisch möglich sein wird, obwohl man keine Ahnung hat wie man dahin kommen wird. Eine typische Schwachsinnsleistung der ehemaligen rot-grünen Regierung. Ist Atomkraft sicher? Das hängt wohl vom jeweiligen Betreiber ab. Bei Vattenfall ganz "sicher" nicht. Die Energieversorgung ist (neben anderen Dingen) zu wichtig, als dass man sie verantwortungslosen (weil nur gewinnorientierten) Privatunternehmen überlassen sollte
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