Schriftstücke aus der Zeit des Vesuv-Ausbruchs Verkohlte Papyrusrollen entziffert

Beim Ausbruch des Vesuvs vor fast 2000 Jahren verkokelten Hunderte Papyrusrollen. Nun haben Physiker eine von ihnen dechiffriert, ohne sie zu öffnen. Die bislang unlesbaren Schriften könnten Neues über die Römerzeit verraten.

E. Brun

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Sie haben die Größe einer Banane, sind leicht verschrumpelt und ihre Farbe ist tiefschwarz. Die Papyrusrollen von Herculaneum sehen nicht gerade aus wie etwas, das historischen Wert haben könnte. Eher ähneln sie Grillwürstchen, die jemand zu lange auf dem Rost hat liegen lassen.

Tatsächlich sind die verkohlten Rollen aber für Historiker ein echter Schatz. Denn in jeder einzelnen von ihnen ist - wie in einer Zeitkapsel - ein Stück antiker Literatur konserviert. Nun ist es Forschern gelungen, die Texte zu entziffern.

Als 79 nach Christus der Vesuv ausbrach, begruben Lava und Asche nicht nur Pompeji, sondern auch die benachbarte Stadt Herculaneum unter sich. Auch die dortige antike Bibliothek "Villa dei Papiri" ging im Ascheregen unter und ist dadurch die einzige, die samt Büchern bis heute erhalten blieb.

Die Vulkanasche schützte die Papyrusrollen einst vor dem Verfall, heute ist sie jedoch ein Problem für Historiker. Denn Hunderte der antiken Zeitkapseln sind derart verkohlt, dass sie sich nicht entrollen lassen. Versucht man sie Schicht für Schicht abzulösen, um ihren Inhalt zu lesen, besteht die Gefahr, dass die Rolle in nicht mehr lesbare Ascheflocken zerfällt.

Papyrusrollen lesen, ohne sie öffnen

Ein Forscherteam um den italienischen Physiker Vito Mocella vom Consiglio Nazionale delle Ricerche ist es nun gelungen, die Schriften in einer besonders stark verkohlten Rolle lesbar zu machen, und das ganz ohne sie zu öffnen. Sie durchleuchteten die Rolle mithilfe eines speziellen Computertomografieverfahrens, wie sie im Fachblatt "Nature Communications" berichten.

Die Idee ist nicht ganz neu. Der amerikanische Informatiker Brent Seales von der University of Kentucky hatte bereits 2009 mit einem herkömmlichen Tomografieverfahren versucht, ins Innere einer solchen Papyrusrolle zu schauen und die jahrtausendealten Schriften wieder lesbar zu machen. Allerdings scheiterte Seales.

Das Problem war, dass sich der verkohlte Papyrus und die für das Schreiben verwendete Tinte physikalisch zu ähnlich waren. Bei einer normalen Tomografieaufnahme hebt sich ein Knochen vom restlichen Gewebe deutlich ab. Das liegt daran, dass der Knochen weniger durchlässig für die Röntgenstrahlung ist als das umliegende Gewebe. Bei der Aufnahme der Papyrusrollen gilt dies jedoch nicht. Die mit Kohle hergestellte Tinte und der verkohlte Papyrus schlucken die Röntgenstrahlung ähnlich stark. Die Schrift ist nicht vom Papyrus zu unterscheiden.

Mocellas Gruppe nutzte darum für ihren Versuch eine spezielle Variante der Tomografie - das sogenannte Phasenkontrastverfahren. Geht eine elektromagnetische Welle durch ein Material hindurch, gerät sie ein wenig aus dem Rhythmus. Die sogenannte Phase der Welle verändert sich dabei. Misst man nun die minimalen Unterschiede zwischen einer Welle, die durch den Papyrus ging und einer Welle, die durch den Papyrus und zusätzlich durch eine Tintenschicht musste, ergibt sich ein Muster in der durchgelassenen Röntgenstrahlung. Aus diesem Muster kann ein Computer errechnen, wo sich Tinte auf dem Papyrus befindet und so die einzelnen Buchstaben rekonstruieren.

Eine nicht invasive Archäologie?

"Wir waren ehrlich gesagt erstaunt, als wir bereits bei einer der ersten Messungen die ersten Buchstaben klar erkennen konnten", sagt Mocella. Die Forscher können aufgrund ihres Verfahrens Unterschiede von bis zu 100 Mikrometer in der Papyrusstruktur erkennen. Das entspricht etwa der Dicke eines menschlichen Haars. Die Auflösung des Bildes ist damit sogar so gut, dass die Forscher aus dem Schriftbild schlussfolgern konnten, wer wohl der Autor der Papyrusrolle ist. Man gehe davon aus, dass es sich um Philodemus handelt, der auch viele andere der Papyrusrollen beschriftete, erklären die Forscher.

Die Ergebnisse von Mocellas Gruppe findet der deutsche Papyrologe Jürgen Hammerstaedt "sensationell". Bisher hätten ihn als Forscher nur die weniger verkohlten Rollen interessiert, erklärt der Forscher der Universität Köln, der nicht zu dem Forscherteam von Mocella gehörte. "Nun bietet sich aber die Chance, selbst schwer verkohlte Rollen zu lesen, und davon gibt es immer noch einige Hundert."

Auch in anderen Bereichen der Archäologie sieht Hammerstaedt Chancen für die neue Methode. Ein Beispiel seien die Mumienmasken aus dem alten Ägypten. Diese Mumienmasken bestünden aus beschriebenem Papyrus, der quasi für das Eingipsen recycelt wurde, erklärt Hammerstaedt. Bisher konnte man den Inhalt dieser Papyri nur lesen, indem man die Maske zerstörte. "Die Röntgenmethode könnte also eine neue, nicht invasive Archäologie ermöglichen."

Vorerst wollen Mocella und seine Kollegen sich jedoch auf die Entschlüsselung der Papyrusrollen aus Herculaneum konzentrieren. Im Frühling wollen die Forscher nun beginnen, weitere Rollen auszulesen.



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
sitcomedy 21.01.2015
1. Gar nicht...
uninteressant wäre nun auch gewesen, etwas über den Inhalt der Rolle zu erfahren ;-)
pretorio 21.01.2015
2. Neues vom Vesuv
Ein interessanter Beitrag über die neuen Möglichkeiten in der Archäologie. Danke dafür. Eine kleine Korrektur: Die Katastrophe am Vesuv ereignete sich 79 n a c h Christus. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
willibaldus 21.01.2015
3. Klasse, vielleicht findet man
unter den alten Schriften lange verschollene Kunst oder wissenschaftliche Werke.
Dr.W.Drews 21.01.2015
4. Ein Argument nicht alles sofort auszugraben
Vor 30 Jahren hätte man solche wichtigen Artefakte ganz sicher zerstört. Leider denken viele Grabungsprojekte zu wenig daran das in 100 Jahren noch viel besere Verfahren zu Verfügung stehen werden um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Archäologische Stätten die komplett abgeräumt sind können jedoch nicht mehr untersucht werden.
WwdW 21.01.2015
5. Coool
So macht Archäologie auch Spass. Dinge entdecken, die die ganze Zeit schon vor einem liegen. Das ist jetzt Ernst gemeint und keine Verballhornung.
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