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3-D-Kopien: Laser rettet Bauwerke in die Ewigkeit

Von "National Geographic"-Autor George Johnson

Fotostrecke: Laser-Scan konserviert Bauwerke Fotos
David Coventry

Monumentale Denkmäler, alte Festungen, geheimnisvolle Kirchen: Jedes noch so prachtvolle Gebäude verfällt irgendwann. Experten für digitale Konservierung erhalten bedrohte Meisterwerke für die Nachwelt: als virtuelle 3-D-Kopien.

Die erste Überraschung nach einer langen Fahrt von Ahmedabad über staubige Pisten im Nordwesten Indiens sind die schattenspendenden Bäume und der grüne Rasen eines üppigen Parks. Ein langer Steinpfad führt hindurch, bis sich an seinem Ende der Boden vor dem Besucher auftut. Der Blick fällt in einen Sandsteincanyon, der nicht durch Wind und Regen, sondern von Menschenhand geschaffen wurde. Dort unten liegt Rani ki Vav, der Stufenbrunnen der Königin.

Früher mussten die Bewohner der Region tief graben, um an Wasser zu gelangen, denn hier ist es fast das ganze Jahr über trocken. Der Sommermonsun bringt für kurze Zeit heftigen Regen, der aber rasch im sandigen Boden versickert. Also meißelten die Menschen Steinstufen hinunter bis zum Grundwasser. Die ersten Stufenbrunnen waren sehr einfach, doch spätere Anlagen wurden monumentale Kunstwerke.

"Ich kenne es von Fotos, doch dieses Kunstwerk nun mit eigenen Augen zu sehen, ist ein unvergleichliches Erlebnis", sagt Lyn Wilson, eine Archäologin aus Glasgow. Sie will dazu beitragen, dass auch die Nachwelt diese Pracht noch bewundern kann - falls nicht im Original, dann wenigstens in einer digitalen dreidimensionalen Nachbildung. Dazu wird der Brunnen in allen Details mit Laserstrahlen gescannt und vermessen.

An dem Projekt maßgeblich beteiligt sind das schottische Centre for Digital Documentation and Visualisation und eine private amerikanische Organisation namens CyArk. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, die 500 wichtigsten Kulturschätze der Welt in ein digitales Archiv (eine Art Cyber-Arche) aufzunehmen. Dazu gehören unter anderem die in Stein gemeißelten Köpfe der US-Präsidenten auf dem Mount Rushmore in den USA und die mutmaßlich fast 5000 Jahre alten Steinmonolithen auf den schottischen Orkney-Inseln.

Wie das aussehen könnte, hatte ich mir vor meinem Besuch in Indien am Digital Design Studio in Glasgow bei einer virtuellen Tour durch eines der jüngsten Projekte zeigen lassen: Stirling Castle. 1543 war dort die schottische Königin Maria Stuart gekrönt worden.

Originalgetreu restaurieren und für die Nachwelt bewahren

Ich saß mit einer 3-D-Brille auf der Nase im Vorführraum und schwebte wie ein Vogel durch die düstere Eingangshalle in den lichterfüllten Hof. Als ich am Hauptgebäude, der Great Hall, vorbeiflog, spiegelten sich Wolken naturgetreu in den Fenstern. Das Dach rollte zurück (die Wirklichkeit ist nicht so entgegenkommend), und ich schaute zwischen den Dachbalken hindurch in die Halle, in der einst das schottische Parlament zusammentrat und wo die Throne der Könige und Königinnen standen.

Derart realistische Simulationen sind jedoch nicht das eigentliche Ziel der Digitalisierung. Wozu sie dient, zeigt etwa die geheimnisumwitterte Rosslyn-Kapelle südlich von Edinburgh, erbaut im 15. Jahrhundert. Im 17. Jahrhundert wurde sie als Stall benutzt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchten Frauenrechtlerinnen, sie in die Luft zu sprengen. Die aufwendigen Schnitzereien der Kapelle ziehen seit langem Verschwörungstheoretiker an, die sie mit Freimaurern oder Tempelrittern in Verbindung bringen wollen. Vor einigen Jahren hieb ein Mann mit einer Spitzhacke auf eine Säule ein. Er glaubte, darin sei der Heilige Gral verborgen. Da die Steine jetzt gescannt sind, könnte die beschädigte Säule originalgetreu restauriert werden. Oder man lässt die alte Kirche komplett im Cyberspace wiederauferstehen.

Zurück nach Indien. In einem Zelt am Rand des Stufenbrunnens sitzt Justin Barton von CyArk. Hier fügt er die ersten Teile des digitalisierten Brunnens zusammen. Sonderbar gefärbte Säulen und Stürze erscheinen auf dem Monitor. Die Farben - grünlich an den hellsten Stellen, Abstufungen von Orange und Gelbtönen - zeigen, wie intensiv der Laserstrahl zurückgeworfen wurde. Barton dreht den Bildausschnitt mit ein paar Mausklicks herum und passt ihn in ein Modell ein. Er sucht auch nach "Schatten" - Stellen, die der Scanner nicht erfasst hat - und nach "Ghosting": Eine Erscheinung auf den Stufen stellt sich als meine Silhouette heraus. Ein paar Klicks, und ich bin aus dem Scan gelöscht.

In Glasgow wird die Simulation fertiggestellt und den mehr als hundert anderen hinzugefügt, die sich bereits im digitalen Archiv von CyArk befinden. Aber das ist erst der Anfang. "Alles, was ist, wird jeden Tag ein wenig älter", philosophiert Barton. "Es für die Nachwelt zu bewahren, ist eine Aufgabe ohne Ende."

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Dezember 2013, www.nationalgeographic.de


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/laser

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
wqa 16.12.2013
Zitat von sysopDavid CoventryMonumentale Denkmäler, alte Festungen, geheimnisvolle Kirchen: Jedes noch so prachtvolle Gebäude verfällt irgendwann. Experten für digitale Konservierung erhalten bedrohte Meisterwerke für die Nachwelt: als virtuelle 3-D-Kopien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/virtuelle-kopien-denkmaeler-und-kunstwerke-werden-digital-konserviert-a-938862.html
Die später hoffentlich noch gelesen werden können. Oder ist einer der Mitleser hier heute noch in der Lage eine 5 1/2 CPM Diskette zu lesen.
2. Langlebig?
ernstl1704 16.12.2013
Soche Scans sind sicher eine tolle Sache, auch um viel mehr Menschen diese Bauwerke zu zeigen, da dann nicht aufwendige Reisen dahin mache müssen. Ob diese digitlaen Kopien aber z.b. so alt werden wie die Pyramiden Heute schon sind, bleibt noch abzuwarten. Digitale Daten haben Heute noch sehr kurze Haltbarkeitsfristen.
3. Staun
yeruku 16.12.2013
"...spiegelten sich Wolken naturgetreu in den Fenstern". Die Wolken wurden selbstverständlich auch gescannt und stellen für Laien den wichtigsten Aspekt dar: Die digitale Konservierung des Nebensächlichen. Abgesehen davon kann man die Vorlagen nach dem Scannen wegschmeißen.
4.
hopenhauer 16.12.2013
Für die Ewigkeit also? Wenn es um das Überdauern von Jahrhunderten oder Jahrtausenden geht, ist ein Festungsgemäuer sicher vertrauenswürdiger als eine Datei auf Doktorands Laptop.
5. Ewigkeit?
rolarndt 16.12.2013
Die Ewigkeit ist ein langer Zeitraum. Es wäre schon schön, wenn man die ermittelten Daten in 50 Jahren noch lesen könnte. Versuchen sie mal einen funktionsfähigen Lochkartenleser oder ein Diskettenlaufwerk zu finden, um die Daten der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts auf den Bildschirm zu bringen.
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