Behörden-Tests Dämmung an Millionen Häusern kann Brände anfachen

Was Behörden lange bestritten, zeigen nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE und des NDR ihre eigenen Tests: Styroporplatten zur Wärmedämmung verschlimmern Hausbrände. Millionen Gebäude können zur Feuerfalle werden.

Von Güven Purtul

DPA

Hamburg - Polystyrol ist Deutschlands meistverbauter Dämmstoff, er ist vergleichsweise billig und leicht zu verarbeiten. Er klebt zur Wärmedämmung inzwischen auf Millionen von Häusern - die verbaute Fläche entspricht ungefähr der von Hamburg.

Doch Styropor wird aus Erdöl hergestellt - und ist brennbar. Jetzt zeigen Brandtests, die eine Arbeitsgruppe im Auftrag der Bauministerkonferenz durchgeführt hat: Schutzmittel können offenbar nicht verhindern, dass ganze Fassaden in Flammen aufgehen. Demnach reicht ein einfacher Mülltonnenbrand aus, um eine styroporgedämmte Fassade in Vollbrand zu setzen.

Zwar sollen Brandriegel aus nicht brennbarer Steinwolle verhindern, dass sich ein Feuer an einer gedämmten Fassade unkontrolliert ausbreitet. Doch selbst wenn alle vorgeschriebenen Maßnahmen korrekt umgesetzt werden, kann der Brand einer Mülltonne oder eines an der Hausfassade parkenden Motorrads verheerende Folgen haben: Nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE und des NDR versagte das Wärmedämmverbundsystem im Test so schnell, dass der Feuerwehr im Ernstfall nicht genug Zeit geblieben wäre, um zu löschen.

Hochgiftige Dioxine

Eine brennende Styropordämmung führt zur Bildung giftiger Rauchgase und zu einer heftigen Brandausbreitung, sagt Albrecht Broemme. Der heutige Präsident des Technischen Hilfswerks leitete 2005 als Chef der Berliner Feuerwehr einen Einsatz, bei dem es eigentlich nur um einen Zimmerbrand ging: "Dann fing die Fassade an zu brennen und trieb von sich aus den Brand mit einer ganz starken Intensität weiter und zwar nach links, rechts, oben und in weitere Wohnungen", erzählt Broemme.

"Wir haben drei Dutzend Leute zum Teil in letzter Sekunde aus ihren Wohnungen gerettet", erinnert er sich. Trotz des beherzten Einsatzes der Feuerwehrleute starben zwei Bewohner. Da die Styroporplatten meist das giftige Flammschutzmittel HBCD enthalten, können bei einem solchen Feuer zudem hoch giftige Dioxine entstehen, wie Toxikologen bestätigen.

Rauchwolke über Frankfurt

Bereits 2011 hatten das NDR-Fernsehen und SPIEGEL ONLINE über die Brandgefahr von Polystyrol berichtet. Anlass waren Fassadenbrände, wie etwa im Juni 2011 in Delmenhorst, wo fünf gedämmte Mehrfamilienhäuser gleichzeitig brannten. NDR-Reporter hatten daraufhin vergeblich versucht, eine Drehgenehmigung bei einem Zulassungstest zu erhalten, die von den Herstellern der Systeme beauftragt und bezahlt werden.

Schließlich hatten sie einen eigenen Brandversuch bei der Materialprüfanstalt in Braunschweig in Auftrag gegeben. Nach acht Minuten geriet der Brand im Test außer Kontrolle. Giftige Rauchgase breiteten sich in der Halle aus. Die Feuerwehr musste löschen. Das Deutsche Institut für Bautechnik sprach dem Experiment die Aussagekraft ab: Es habe nicht dem für Zulassungsprüfungen geforderten Aufbau entsprochen. Wärmedämmverbundsysteme aus Polystyrol seien hinreichend sicher.

Doch einige Monate später, am 29. Mai 2012, brannte es mitten in Frankfurt am Main besonders heftig. Innerhalb von fünf Minuten stand eine über 20 Meter hohe, frisch gedämmte Gebäudefassade im Vollbrand. Alle Fenster platzten, eine Rauchwolke zog über die Stadt.

Glück im Unglück: Das Gebäude war noch unbewohnt. Nach dem Großbrand forderte der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries, "dass dieser Dämmstoff sofort überprüft werden muss". Ries initiierte auch eine Erfassung von Fassadenbränden unter Beteiligung von Polystyrol. Die unvollständige Liste umfasst rund 40 Brände seit 2012.

Das entlarvende Experiment

So kam das Thema auf die Tagesordnung der Bauministerkonferenz, die feststellte, dass Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) mit Polystyroldämmstoffen "ordnungsgemäß zertifiziert und bei der zulassungsentsprechenden Ausführung sicher sind". Dennoch setzten die Bauminister eine Arbeitsgruppe für weitere Brandversuche ein. Dieser gehören auch Experten der Feuerwehren und der Testleiter des NDR-Versuchs an.

Der erste Brandtest fand im Februar 2014 unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Anders als die bisher üblichen Zulassungsversuche für die Systeme, die von einem Zimmerbrand ausgehen, simulierte er einen Mülltonnenbrand im Sockelbereich einer gedämmten Fassade. Als Brandlast diente ein Stapel mit 200 Kilo Holz, entsprechend einem vollen Mischmüll-Container.

Der Versuch sollte zeigen, ob das System den Flammen mindestens 20 Minuten standhält. Dieses Schutzziel soll sicher stellen, dass der Feuerwehr ausreichend Zeit bleibt. Das Ergebnis war eindeutig: Das Wärmedämmverbundsystem samt Brandschutzmaßnahmen versagte und brannte rückstandslos ab. Nach elf Minuten gab es erste Anzeichen für ein Mitbrennen des Sockels. Zwei Minuten später öffnete sich das WDVS und ging in den Vollbrand über. Nach 22 Minuten war alles vollständig verbrannt.

Zusätzliche Schutzmaßnahmen

Für einen zweiten Versuch ließ die Arbeitsgruppe Sicherheitsmaßnahmen einbauen, die bisher nicht üblich sind, darunter zusätzliche Brandriegel im Sockelbereich. Außerdem wurden diese besser verklebt und zusätzlich verdübelt. Derart ertüchtigt überstand die Dämmung den Brandtest. Die Arbeitsgruppe empfiehlt, dass die zusätzlichen Schutzmaßnahmen bei Neubauten verpflichtend werden. Die Bauministerkonferenz will dazu am 14. November Stellung nehmen.

Offen bleibt, was mit den bereits gedämmten Gebäuden geschehen soll. "Bei Bestandsbauten muss man auch die Verhältnismäßigkeit sehen", sagt Gerhard Scheuermann, Leiter der Projektgruppe Brandversuche der Bauministerkonferenz. Es gebe auch konservative Maßnahmen: "Man kann zum Beispiel Mülltonnen von der Fassade wegstellen."

Doch auch wenn künftig neue Brandschutzmaßnahmen verpflichtend werden, bleiben brennbare Dämmstoffe ein Risiko. Weitere Versuche an der Bundesanstalt für Materialforschung haben gezeigt, dass auch dann Gefahr besteht, wenn die schützende Putzschicht beschädigt ist. Genau das ist bei vielen Gebäuden der Fall, deren Putz in die Jahre kommt. Das müssen nicht unbedingt sichtbare Schäden sein, auch Haarrisse infolge Alterung stellen ein Risiko dar.

Menschen wie Brigitte Seibold macht das Angst. Die Hamburgerin sah im November 2013, wie sich ein kleiner Mülltonnenbrand im Lichtschacht des gegenüberliegenden Altbaus "wie ein Feuer-Fahrstuhl" nach oben fraß. Das Treppenhaus füllte sich sofort mit giftigen Rauchgasen und fiel als Fluchtweg aus. Mehrere Bewohner retteten sich auf die hinteren Balkone. Der Baulücke neben dem Haus war es zu verdanken, dass die Feuerwehr sie mit einer Drehleiter retten konnte. "Wenn man das einmal erlebt hat, wie sich so ein Feuer rasant nach oben ausbreitet und dann das ganze Haus bedrohen kann", sagt Seibold, "dann guckt man anders in die Welt."



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TangoGolf 05.11.2014
1. weider ein Beispiel
dafür, wie sinnlose, aktionistische Klimapolitik in die völlig falsche Richtung läuft. Damit entwickelt sich die Wärmedämmung ähnlich wie die Energiesparlampen: während man in den Neunzigern Thermometer mit Quecksilber wegen möglicher Gesundheitsgefahren verboten hat, man man Quecksilber-Sparlampen zur Pflicht. Etwas weniger Aktionismus und dafür etwas mehr Nachaltigkeit (sonst doch eine Lieblinksvokabel aller Klimafreunde) in der Kimapolitik, diesmal aber ohne Ideologie, ist dringend empfohlen!
steso 05.11.2014
2. Willkommen ...
... in der links-grünen Vollkako Gesellschaft des Spiegel: Bald wird das wieder verboten und alle fragen sich warum alles immer teurer wird!
swandue 05.11.2014
3.
. . . und noch weitere Mängel aufgelistet, wie z.B. Mäuse und Vögel nisten sich darin ein, die Lebensdauer vom Wärmeschutz ist kürzer als die vom Gebäude (soweit es nicht abbrennt) und danach muss das Zeug als Sondermüll entsorgt werden. Und letztlich lohnt der Aufwand nicht einmal finanziell! "Man kann zum Beispiel Mülltonnen von der Fassade wegstellen." Und ein besoffener Knallkopf kann sie nachts um zwei wieder hinstellen und anzünden. Dankeschön!
wermoe 05.11.2014
4. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht,
sind in den USA Dämmstoffe auf Styropor - Basis verboten ! Wir lernen doch sonst in allem vom "großen Bruder", warum in diesem Fall nicht ?
chewbakka 05.11.2014
5. Ich kanns nicht fassen !
Styropor brennt doch tatsächlich ! Und sondert giftige Dämpfe dabei ab ! Das hat vorher niemand gewusst ! *Ironie aus* Mal im Ernst: soo neu ist diese Erkenntnis nun auch wieder nicht. Mal abgesehen davon, daß diese Form der Aussendämmung leider selten das hält, was der Lieferant verspricht.
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